Benutzer:Wilhelm Schmitz/Geschichte Amerikas

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Inhaltsverzeichnis

[bearbeiten] Entdeckung Amerikas

Zum ersten Mal besiedelt wurde Amerika vermutlich vor ungefähr 14.000 Jahren von den Vorfahren jener Ureinwohner, die man gemeinhin als Indianer bezeichnet. Vermutlich waren die ersten Europäer, die Amerika um ca. 1000 n. Chr. betraten, Wikinger unter der Führung von Leif Eriksson. Ihre Schiffrute verlief vermutlich von Grönland aus nach Neufundland. 1492 erreichte Christoph Columbus die westindischen Inseln und hielt diese bis zu seinem Tod für Indien. Auf ihn geht die Bezeichnung Indianer für die Ureinwohner zurück. Das amerikanische Festland hat Kolumbus erst auf seiner dritten Reise am 5. August 1498 betreten, als er im Golfo de Paria im heutigen Venezuela landete. Zuvor waren bereits der Hildesheimer Didrik Pining 1473 (umstritten) und Giovanni Caboto 1497 auf dem Festland gelandet.

[bearbeiten] Begegnung mit den Ureinwohnern und erste Siedlungen

Als Kolumbus (er war etwa der hundertste oder zweihundertste Europäer, der nach den Normannen amerikanischen Boden betrat) 1492 die Neue Welt entdeckte, kamen ihm und später den ersten Siedlern die Eingeborenen freundlich entgegen. Die Indianer waren unbesorgt. Sie waren freundlich und mehr neugierig als ängstlich. Daß sie die Fremden für weiße Götter gehalten haben, ist wenig wahrscheinlich, denn sie sahen sie hinter dem Busch ihre Notdurft verrichten, sie sahen sie von Zahnschmerzen geplagt, und sie sahen, dass sie Hunger hatten - lauter sehr menschliche Dinge, die sie gut kannten. Die frühesten Siedlungen bestanden aus wenigen Dutzend Spaniern. Ausgestattet waren sie mit Lebensmitteln, Decken, Zelten, Äxten, Sägen, Flinten, Pulverhörnern, Schnapskrügen und Rosenkränzen. Es war Sommer. Die Erde, auf der sie standen (das spätere Florida), brütete, die Luft war feucht, landeinwärts lagen weite Sümpfe. Sie bekamen Gesellschaft. Indianer tauchten auf. Es waren kräftige Gestalten im Lendenschurz, eine bunte Decke über die Schulter geschlagen, Federbüsche im schwarzen Haar, bartlose, knochige Gesichter, ihre lehmfarbene Haut rot angestrichen, sie sahen aus wie Rothäute. Sie besuchten das Lager ohne Scheu, brachten den Weißen Früchte und Maismehl, schenkten ihnen ein Kanu, rauchten ihnen ein Pfeifchen vor und zeigten ihnen die Kräuter gegen Sumpffieber. Es vergingen Monate. Bald trugen auch die Weißen nur noch wenig mehr als einen Lendenschurz. Abgefahren waren sie in »spanischer Mode«, mit Barett, Glockenmantel, hochgeschlossenem Wams, gepolsterten Schultern, kürbisförmigen Hosen mit herausgearbeitetem Latzbeutel, langen gestrickten Strümpfen und Halbstiefeln. Angekommen waren sie schon weniger schön, und jetzt war von der so berühmten spanischen Mode nichts mehr übrig. Sie sahen aus, wie man aussieht, wenn man tagaus, tagein rodet, gräbt, hackt, sägt. Es waren recht abgerissene Gestalten, die alle Augenblicke an den Strand liefen, um den Horizont nach einem Segel abzusuchen. Sie brauchten neue Kleidung, Geräte, Pulver, Kugeln, Nahrungsmittel. Die nächsten Schiffe brachten es. Aber zugleich brachten sie neue Siedler; die Misere verdoppelte sich. Zwar verdoppelte sich auch die Zahl der Hände, aber die Jahreszeiten, Ernte und Saat, beeilten sich um keinen Deut. Jedes Schiff schüttete neue Menschen ans Ufer. Sie hatten zu Hause keine größere Not gelitten, der König brauchte kein Land, es gab nichts zu holen, Nordamerika war hart. Es begann ein regelrechter Pendelverkehr. Die Schiffe waren unförmige Kästen, hilflos in jedem Sturm, Zweimaster mit weit ausladenden Rahen und ungeschlachten Segeln, das Heck wie ein vierstöckiges Wohnhaus mit Fenstern und Gardinen hoch aufgetürmt, Karavellen von hundert oder hundertfünfzig Tonnen, Monstren, wie sie kein seefahrendes Volk im Altertum sich hätte einfallen lassen.

[bearbeiten] Namensgebung

Der Name Amerika wurde vom Vornamen des Italieners Amerigo Vespucci (1451–1512) abgeleitet, der die Amazonasmündung entdeckte und als erster davon schrieb, dass der im Zuge der transatlantischen Fahrten von Christoph Kolumbus wiederentdeckte Erdteil nicht Indien oder Asien ist, sondern vielmehr ein eigenständiger Erdteil sein könnte. Verspucci hat aber weder die Neue Welt entdeckt, noch Nordamerika jemals gesehen. Im Jahre 1507 brachte der Geograph Waldseemüller die erste Karte von der »Neuen Welt« heraus und erkühnte sich, dem Kontinent auch gleich einen Namen zu geben; vom Norden sprach man wenig, der Süden war weit besser bekannt, und die Weisheit hatte man aus den Schriften des Herrn Vespucci. So kam Waldseemüller zu der Idee nach dem Florentiner einen ganzen Erdteil zu benennen. Die Karte verbreitete sich schnell in Raubdrucken. Waldseemüller wollte den Irrtum noch korrigieren, in seinem größten Kartenwerk von 1513 tauchte „America“ nicht mehr auf, stattdessen wies er darauf hin, dass der Kontinent „von Christoph Columbus im Auftrag des Königs von Castilien entdeckt“ worden war. Bis zu seinem Tod wollte er „den neuentdeckten Kontinent ‚Brasilien‘ oder ‚Papageienland‘“ nennen. Weitere Vorschläge zu der Bezeichnung dieses Erdteils waren: Doppelkontinent, Westliche Hemisphäre, Neue Welt, Übersee (ungenau), Westfeste (veraltet), Vierter Kontinent (veraltet; gezählt aus europäischer Sichtweise), Westindien (veraltet, heute noch für den karibischen Raum). Bereits wenige Jahre nach dem Erscheinen dieser Karte sprach die Fachwelt ausschließlich von America. Spätere Versuche anderer Kartographen, den Kontinent nach Kolumbus zu benennen, führten lediglich zur Benennung von Kolumbien. Die Erben von Kolumbus erreichten erst im 16. Jahrhundert durch ein Gerichtsverfahren, dass Kolumbus als Entdecker Amerikas festgeschrieben wurde.

Die Bezeichnung „Indianer“ für die Ureinwohner Amerikas entstand durch den Irrtum, es handle sich bei der erreichten Küste um einen Teil Asiens. In der iberischen Welt und im kolonialen Amerika wurde der Kontinent bis weit ins 18. Jahrhundert weiterhin Indias, Die Indien, genannt.

[bearbeiten] Die Eroberung Amerikas

Vor der Ankunft Kolumbus 1492 besaß Nordamerika womöglich mehr Einwohner als das damalige Europa. Die Bevölkerungszahl wird von Anthropologen und Archäologen auf bis 112 Millionen Menschen geschätzt. Auch vermutet man eine ähnlich alte und reichhaltige Kultur wie in Europa. Bei der europäischen Eroberung Nordamerikas taten sich vor allem Briten hervor. Hätten sie nicht die Idee gehabt, die Indianer auszurotten, so würde Nordamerika ein ganz anderes Schicksal erfahren haben. Die Briten und Franzosen, auch ein wenig die Spanier und ein paar Niederländer eroberten diesen Kontinent.

[bearbeiten] 16. Jahrhundert

Man kann sie auf vielen Bildern des 16. Jahrhunderts studieren. Als 1539 die Spanier ein ganzes Regiment landen wollten und dafür zum ersten Mal eine Flotte geschlossen in Marsch setzten, muss sie ausgesehen haben wie eine Elefantenherde, die über das Wasser kam. Während dies im Süden geschah, knabberten zwei andere Nationen den Kontinent im Norden an. Im höchsten Norden, in Labrador und um den St. Lorenzstrom die Franzosen, und an der mittleren Küste die Engländer. Jeder hätte es dem anderen gern vermasselt, aber es ging nicht, die Entfernungen waren zu groß. England verschob dieses Vorhaben auf später. Die Verhältnisse im Norden glichen denen im Süden überhaupt nicht. Die warme Jahreszeit war kurz, der Winter lang und streng. Der Schnee lag dann meterhoch, und die Stürme waren eisig. Es gab keinen Ackerbau; die Indianer im Norden waren Jäger, unruhige Geister, Waldläufer; sie schienen auch kriegerischer. Sie lebten in zahllosen Sippenverbänden und Stämmen, die mit merkwürdig komplizierten Verwandtschaftskontrakten und Familienverträgen zusammenhingen und ebenso oft verfeindet waren. Sie hatten hohe, mitunter etwas unverständliche Ehrbegriffe; es war nicht ganz einfach, sich durchzumanövrieren. Allen gemeinsam war ihre Entschlossenheit, nicht zu arbeiten. An Lebensmittelunterstützung war nicht zu denken; diese Indianer lebten von der Jagd in riesigen Wäldern, und die Weißen also auch. Sie hatten es einfacher als die Wilden, sie knallten mit ihren Musketen in der Gegend herum, während die Rothäute sich nach einem Hirschen die Lunge aus dem Leibe rennen mussten. Ursprünglich hatten diese Weißen einmal eine »Aufgabe« gestellt bekommen, sie sollten die Nordwestpassage zum Stillen Ozean finden. Die Passage gab es nicht, und nun blieb als ihre einzige Aufgabe, dort zu leben und zu sterben. Letzteres erfüllten sie in reichem Maße. Indes - nach Art des perpetuum mobile - karrten die Schiffe immer neue Menschen heran. In einem Sommer allein (1578) überquerten hundertfünfzig französische Karavellen den Ozean.

In dieser Zeit, im 16. Jahrhundert, trat eine verhängnisvolle Wende ein: Die Indianer, denen man Schritt für Schritt in der Umgebung der Siedlungen die Jagdgründe zu leeren begann, lernten die Weißen zu hassen. Das besiegelte später ihren Untergang; anstatt die verloren gegangenen Gebiete liberal sausen zu lassen, anstatt realistisch zu denken und zu entspannen, taten sie das, was den Mächtigen der Welt gegenüber tödlich ist: Sie glaubten an ihr Recht! Dass der Weiße Mann nicht nur zu einem kurzen Besuch gekommen war, sollten sie alsbald merken. Denn in den Jahren 1539/40 unternahmen im Süden die Spanier zwei Expeditionen ins Innere des Landes; die eine hatte überhaupt kein Ziel, die andere ein kindisches. Die eine dauerte vier Jahre und endete an einem Hindernis, das man aus völliger Erschöpfung nicht mehr überwinden konnte, es war der Mississippi. Man hätte auch nicht gewusst, wozu man ihn überwinden sollte. Die Truppe war dezimiert, war am Verhungern und dauernd bedroht von den Indianern, nachdem sie ihnen die Ernten geraubt und die Dörfer niedergebrannt hatten. Es wurde eine Anabasis. Mit einem Indianer-Reich, mit einem empfindlichen Machtzentrum wie in Peru oder Mexiko wäre man spielend fertig geworden. Hier aber stieß man ins Leere. Die andere Expedition brach von Mexiko auf und drang, jenseits des Mississippi, nach Norden vor. Dem Zug voran ritt Herr Coronado in Goldblitzender Rüstung (das Gold war den Azteken gestohlen). Er wollte die »Sieben goldenen Städte der Indianer« entdecken. Die Städte gab es nur in der Phantasie, aber die Spanier, beraten vom frommen Padres, waren gläubig, und Gott hatte ihnen in Mexiko und Peru schon zweimal geholfen. Auch Herrn Coronados Weg war von verwüsteten Feldern, toten Indianern, Frauen und Kindern gesäumt. Nicht alle Toten hatten Widerstand geleistet, Coronado war oft ganz einfach zornig gewesen. Die Don Quixoterie endete in Kansas. Irgendwo musste er ja umkehren. Die Indianer des Südens waren geheilt. Weiter nördlich liefen die Dinge anders. Delikater, denn hier handelte es sich um ein so versiertes Volk wie die Briten. Ein Gentleman tötet nur, wenn es nicht anders geht, und hier ging es anders. Die Interessensphären Frankreichs und Englands stießen hart aneinander. Im englischen Küstenstrich (etwa bis hinauf nach Boston) lebten die Irokesen, im Territorium der Franzosen (um den Lorenzstrom) die Huronen, verwandte Indianerstämme, traditionell in Eifersüchteleien und Streitigkeiten verwickelt. Es bedurfte nun nur einer geringfügigen Ermunterung der Irokesen (die sehr gefürchtet waren), um sich über die Huronen herzumachen. Sie machten sich her. Die »Wuschelköpfe« (französisch: les hures) baten die Franzosen um Hilfe. Der Gouverneur, bereit, den Engländern einen Warnschuß vor den Bug zu setzen, sagte zu und zog blank. Die Irokesen wurden böse geschlagen. Das freute England, es argumentierte genauso richtig, wie im Berlin der zwanziger Jahre einmal ein Gewerkschaftsführer bekannte: »Jeder verlorene Streik ist ein Sieg, denn er heizt den Haß an.« Die Briten brauchten jetzt nur noch den Irokesen den Rücken im eigenen Gebiet freizumachen, indem sie die feindlichen Nachbarn Delawaren und Mohikaner ausrotteten. Das taten sie. Damit war der permanente Krieg zwischen den (notgedrungen) englandfreundlichen Irokesen und den (notgedrungen) Frankreichfreundlichen Huronen geboren, eine diplomatische Glanzleistung, die alle Erwartungen erfüllte. Die Verluste der Weißen waren zum Glück minimal. Britisches Blut ist tapfer, wir wissen es, aber es ist auch sehr wertvoll. Was nun das damalige französische betrifft, so war es weniger wertvoll. Die Mehrzahl der Männer waren nämlich Verbrecher. Graf Roberval hatte sie zu Hunderten in den Pariser Gefängnissen und Kerkern zusammengekehrt, nach Amerika verfrachtet und dort losgelassen. Immerhin, als Weiße standen sie denn doch noch hoch über den Wilden. Der blutige Urwaldkrieg wurde nun ein Dauerzustand. Er entfachte bei den Rothäuten Mordinstinkte, die sie vorher nicht gekannt hatten. Pioniere, die später ins Innere des Landes vordrangen, bestätigten, dass die Indianer, die noch nicht mit Weißen in Berührung gekommen waren, sich weder tückisch noch grausam zeigten. Sie kannten auch das Skalpieren nicht. Gelernt haben sie es von den Holländern und den englischen Calvinisten, die den Irokesen eine Prämie für jeden getöteten »Feind« aussetzten, wofür der Skalp als Beweis dienen sollte, etwa so, wie manche Dorfschulzen früher einen Groschen für jede erschlagene Kreuzotter zahlten. Es waren nicht alles »Kreuzottern«-Skalpe, die die Irokesen brachten. Die Briten machten keinen Unterschied, ob Mann oder Frau oder Kind. Dadurch erreichten die frommen Puritaner auch eine Art Buchführung über die Verluste des Feindes, das war das Neuartige daran. Denn das Skalpieren selbst hatten sie nicht erfunden; es wird uns schon aus dem 2. Jahrhundert v. Chr. berichtet. Im Alten Testament (2. Makkabäer-Buch 7/7) heißt es nämlich:

»Als der erste [der sieben jüdischen Brüder, die man zusammen mit ihrer Mutter zwingen wollte, Schweinefleisch zu essen] auf diese Art gestorben war, führten sie [die Folterknechte des Königs von Syrien] den zweiten zur Marter. Sie rissen ihm die Kopfhaut samt den Haaren ab und fragten ihn: Willst du essen, bevor dein Körper gliedweise gemartert wird?«

Elende Zeiten, elende Schinderei, im Norden wie im Süden. Jedoch, als es den Spaniern zum ersten Mal gelang, ein Pferd, eine Muttersau und einen Sack Weizen über den Ozean zu bringen, machte das Leben für die Siedler einen gewaltigen Sprung. Es war nicht einfach gewesen; jedenfalls schwieriger, als das Hündchen Laika in den Weltraum zu schießen. Viele Versuche scheiterten; Schiffe gingen unter, Stürme schüttelten sie wochenlang so durch, dass die Pferde getötet, die Schweine und Schafe notgeschlachtet werden mussten. Das Getreide wurde muffig und verdarb. Wann die erste Fracht glücklich landete, ist unbekannt, zumindest mir; aber aufregend genug muss es gewesen sein. Alles, was diese Arche Noah brachte, war in Amerika unbekannt. Die Indianer hatten noch nie ein Pferd gesehen,, noch nie einen Esel, nie ein Schwein oder Schaf. Sie kannten auch Weizen, Roggen und Hafer nicht. Für die Siedler bedeutete das alles einen so großen Umschwung, als wäre die Heimat zu ihnen gekommen. Briten und Franzosen machten es den Spaniern bald nach. Auch Frauen kamen an, jener Teil der Menschheit, der zur Komplettierung der Männer so unerlässlich und überdies auch vergnüglich ist. Man hatte sie begreiflicherweise schmerzlich entbehrt. Ein Indianermädchen zu ergattern, war schwierig. Vorgekommen ist es. Das berühmteste Beispiel ist die schöne Häuptlingstochter Pocahontas, die den abenteuerlichen Seehelden John Smith vom Marterpfahl rettete und heiratete. (Eine Urenkelin von Pocahontas wurde im zwanzigsten Jahrhundert die Frau von Woodrow Wilson und damit First Lady der USA.) Fast war nun alles wie zu Hause. Im spanischkatholischen Süden waren auch die frommen Priester in Scharen da, ja sogar hohe Herren der Inquisition. Auf Bildern einer Handschrift von Champlain und in einem Bericht de Brys aus dem Jahre 1599 sieht man sie in bunten Kürbishosen, in tailliertem Wambs, so genannten Erbsenschoten-Schnitt, und hohem Faltenhut neben einem Scheiterhaufen stehen, auf dem gerade unbelehrbare Indianer gebraten werden, ad majorem Dei gloriam. Die vielen Menschen im Süden warfen nun aber ein ernstes Problem auf. Ein einzelner Mann kann sich ganz gut durchbringen, auch zwei, auch zehn, denn man kann - nehmen wir einmal als Grundlage ein Feld oder einen Gemüsegarten - ein Stück bewirtschaftetes Land ohne große Schwierigkeiten auf das Zehnfache vergrößern. Wenn man aber, um tausend Menschen zu ernähren, das Feld auf das Tausendfache ausweiten soll, so muss man in den Urwald oder in den Sumpf oder in die Prärie vorstoßen. Das ist der wunde Punkt. Die Multiplikation hat ihre Grenzen. Irgendwo an einer Ecke steht dann auch ein Indianer, der Halt sagt. Auch bleiben jetzt zu viele Hände müßig: die Kinder, die Frauen, die Soldaten, die Priester. So ist das eben leider bei einer feudalistischen Gesellschaftsordnung (jedermann arbeitet, mit Ausnahme der Privilegierten). Damals kannte man das kommunistische Prinzip noch nicht (jedermann arbeitet, mit Ausnahme der Privilegierten). In diesem Dilemma fand ein Spanier um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts einen genialen Ausweg, der sich vierhundert Jahre später allerdings als ein fürchterliches Trojanisches Pferd erwies. An »später« dachte in jenen alten Jahrhunderten natürlich niemand. Das tun Völker erst, wenn sie alt geworden sind und schon keuchend auf dem Rücken liegen. Der Mann, der jenen Ausweg fand, hieß Las Casas und ist in die Geschichte als ein wahrer Nothelfer eingegangen, würdig, unter die heiligen vierzehn Nothelfer der Kirche eingereiht zu werden, umso mehr, als auch er ein Gottesmann war. Zunächst war er Jurist, was ihn qualifizierte, Recht und Unrecht zu erkennen, ganz so wie unsere heutigen Richter. Dann trat er, seine hohe Berufung ahnend, in den Dominikaner-Orden ein, dem bekanntlich die Tötung der irrgläubigen und verhexten Menschen oblag. Er brachte es bis zum Bischof, was ihn qualifizierte, nun auch genau zu wissen, was gottgefällig war und was nicht; wiederum ganz genau wie unsere heutigen Oberhirten. Dass es ihn in die Neue Welt zog, lag ihm im Blut: schon sein Vater, seines Zeichens Händler, hatte Columbus begleitet, ohne umzukommen. Dieser vielseitige Las Casas ging zunächst nach Cuba, was damals noch identisch mit »Amerika« war. Dort sah er das gleiche Dilemma, das auf dem Festland herrschte, nicht ganz so schlimm, denn auf Cuba war es schon gelungen, die Eingeborenen zur Zwangsarbeit zu pressen. Das tat Las Casas in der Seele weh. Lasst, rief (und schrieb) er, die Indianer in Ruhe; sie haben eine rote Haut, aber eine weiße Weste und dieselbe Menschenwürde wie alle Ebenbilder Gottes. Und hier nun kam ihm jener rettende Gedanke, der ihn unsterblich machte: Er erinnerte sich, auf welche Weise er schon zehn Jahre zuvor auf seiner heimatlichen Farm das Arbeiterproblem gelöst hatte, nämlich mit Negersklaven, und er beschloss, auch das amerikanische Dilemma so zu lösen. Und zwar in großem Stil. Der Papst gab seinen Segen und freute sich herzlich über die befreiten Indianer. Auch die spanische Regierung war sehr einverstanden, denn ihrem gesunden Instinkt entging nicht, welche Möglichkeiten für das Aufblühen von Handel und Wandel darin steckten. Es klappte auch anfangs vorzüglich. An der Elfenbeinküste hatte man bereits Erfahrung: Man überfiel die Negerdörfer, brannte sie nieder, tötete das unnütze Gerumpel an Kindern, alten Weibern und Greisen, nahm den gesunden Rest, stopfte ihn in den Bauch der wartenden Schiffe zwischen Tonnen, Kisten und Vieh und segelte ab nach Amerika. Es brachte ganz schöne Preise. Was dem Scharfsinn Spaniens allerdings entging, war, dass es über kurz oder lang mit England zusammenrumpeln musste, das in puncto christlicher Seefahrt noch nie Spaß verstanden hat. England, von Grund aus eine friedliche Nation, die nicht zufällig das fair play erfunden hat, erwartete, im Handel und Wandel nicht brutal beiseite gestoßen zu werden. Die Königin der Meere war Spanien schon lange nicht mehr, seit Howard und Drake in der berühmten Seeschlacht von Gravelines die spanische Armada vernichtet hatten. Törichterweise beteiligte sich Spanien dann auch noch an dem dreißigjährigen Krieg um Deutschland, kurzum, es blutete sich auf dem Kontinent aus, während England schon weit über Europa hinausdachte. Die Dinge standen für die Briten also bestens, das Ende des Zweikampfs um die christliche Seefahrt war abzusehen. Der Friede wurde unvermeidbar. Er nannte sich Friede von Utrecht. Spanien gestand England das absolute Primat im Sklavenhandel zu. James Thomson, Theologe und Dichter, verfasste, Gott dankend, Englands seitdem berühmtes Nationallied »Rule, Britannia, rule the waves«, »Beherrsche die Meere, Britannien!«

[bearbeiten] 18. Jahrhundert

Inzwischen war man ins 18. Jahrhundert umgestiegen. Die Zahl achtzehn erweckt optisch leicht einen falschen Eindruck. Sie wirkt so nahe dem Neunzehnhundert und sagen wir also besser: Inzwischen war man in das Säkulum umgestiegen, dessen Jahre sich zum ersten Mal mit einer Siebzehn schrieben. Man war wohlgemut wie selten umgestiegen. Die Luft roch, meinten viele, nach Neuzeit. Nun ist zwar immer »Neuzeit«, eigentlich jeden Morgen, auf alle Fälle aber, wenn die nächste Generation es sich einbildet. Aber diesmal kam: tatsächlich aus Europa ein Signal, und ein einzelner Mann hatte es gegeben: Der Engländer John Locke. Er verkündete die »Aufklärung«. Ein herrliches Wort! Es wurde alsbald von jedermann verstanden, nachdem man es auf die gefällige Formel vereinfacht hatte, dass der »gesunde Menschenverstand« jedes Menschen das Beste und Vertrauenswürdigste sei, was Gott fabriziert hat, Locke hatte gemeint, man müsse mit den alten Vorstellungen von »ewigen sittlichen Wahrheiten« brechen, man müsse auf die kritische Erkenntnis jedes Menschen bauen und den Staat der Volkssouveränität unterstellen. Man müsse die Naturwissenschaften auf den Thron erheben; vor allem aber müsse die Freiheit des Individuums verkündet und verwirklicht werden. (Wir heute, die wir seit einiger Zeit in der Verwirklichung dieser Thesen leben und uns zu bekreuzigen beginnen, können uns schwer vorstellen, wie - unter Gebildeten - diese Fanfare wirkte! leb sagte: unter Gebildeten. Damit hat es sich auch. Die Staatsmänner des alten Europa kümmerten sich um diesen »Pinscher«, wie ein deutscher Bundeskanzler einmal die Dichter und Denker so treffend bezeichnet hat, nicht, sondern wurstelten politisch weiter wie bisher. Hingegen konnte man ausgerechnet dort, wo man es am wenigsten erwartet hätte, tatsächlich Ansätze einer stark veränderten Geisteshaltung erkennen: bei den englischen Kolonisten in Amerika. Das Pionierleben war dafür günstig; es öffnete die Augen für Persönlichkeiten (die in Old England verkümmerten) und für Individualisten (die in England eingeebnet wurden), für die Schärfung der Sinne auf der untersten Ebene des Überlebens, und es öffnete die Augen dafür, wie wenig »ewige sittliche Wahrheiten« hier in der Wildnis galten. Der geistige Nährboden für dieses Selbstvertrauen war schon vorbereitet durch die berühmten »Pilgrimsväter«. Die Pilgrimsväter waren jene Schiffsladung Menschen, die vor Generationen aus England gekommen waren, das drei Kreuze hinter ihnen machte. Sie hatten sich in der alten Heimat nicht mehr wohlgefühlt, was verständlich ist, denn ihr arrogantes Auserwählten- Bewusstsein und ihr puritanischer Glaubenseifer müssen unerträglich gewesen sein. Kaum in Amerika gelandet und mit »Halleluja« in die Knie gesunken, infizierten sie die ganze Luft mit ihrer verheuchelten Rechtschaffenheit und der Überzeugung, Gott zahle mit Erfolg und klingender Münze aus. Sie wirkten wie die Hefe in einem Teig: er gärt. Es war der Fanatismus der Pilgrimsväter, der später den Kampf gegen die französischen Siedler erst richtig in Schwung brachte, denn bei ihnen gesellte sich zu allem anderen noch der Religionshass gegen die Katholiken hinzu. Rätselhaft, wie die Pilgrimsväter es fertig gebracht haben, für sich und ihre Abkömmlinge einen nicht totzukriegenden Ruhm zu schaffen. Damals müssen sie eine wahre Pest gewesen sein. Zählen Sie alle diese Dinge zusammen, so haben Sie als Summe das, worüber man sich heute so oft den Kopf zerbricht: die Wurzeln des Amerikanismus. Man fing auch schon an, sich »Amerikaner« zu nennen. Nicht, weil England weit, weit weg war. Die Franzosen waren genauso weit von ihrem Vaterland entfernt und fühlten sich dennoch nie anders als Franzosen. Auch nicht etwa deshalb, weil man in reichem Maße in Verwaltung und Rechtsprechung Selbständigkeit vom Mutterland erhalten hatte, - nein, sondern weil man sehr instinktsicher fühlte, dass man ein anderer Menschenschlag zu werden begann. Äußerlich hatten sich in der ganzen Welt die Menschen sehr verändert. Keine Kürbishosen, keine Erbsenschotenwambse mehr, nicht einmal mehr eine Allonge-Perücke, man hätte sich zu Tode geschämt. Nein, man ging jetzt in Halbschuhen, hellen Strümpfen, enger Kniehose, Weste, langem farbigem Jackett, man trug einen Zopf im Rücken und darauf einen Dreispitz - ein Bild, das uns zeitlich schon vertraut anmutet und das man sich leicht vorstellen kann. So ging der junge »Alte Fritz«, in dessen Zeit wir nun stehen. So sahen nun auch die Siedler in Amerika aus, von der Hudson-Bai bis Florida. Sofern man Militär war, ging man in Schaftstiefeln statt Halbschuhen, den Frack in vorgeschriebener Farbe: die Briten in Rot, die Franzosen in Blau. Wie die Menschen hatten sich auch die einst bescheidenen »Siedlungen« gewandelt. Ein ganzes Jahrhundert war vergangen, auch wenn die Jahre dort drüben zäher zu verstreichen schienen als im vulkanischen Europa. Boston zum Beispiel, der kräftigste britische Säugling, war nun schon so eine Art Husum oder winziges Danzig. Die Häuser um den großen Rathausplatz waren zwei- und dreistöckig, schmale Handtücher, wie man sie heute noch im alten London der Squares findet; die hohen Fenster in viele kleine Scheiben geteilt, denn Glas war rar und teuer. Vor den Haustüren standen Säulen, das Rathaus (richtiger eigentlich: Regierungsgebäude) hatte einen steinernen Balkon und eine kleine Freitreppe. Auf einem Gemälde aus jener Zeit kann man nicht erkennen, ob der Platz gepflastert war, aussehen tut er nicht so. Aber es tummelt sich allerhand darauf. Eine dreispännige Diligence (mit Herren und Damen besetzt), Wagen, Karren und Reiter; ein Straßenhändler sitzt vor einem Haus, ein Stubenmädchen geht einkaufen, eine Dame macht mit ihrem Kind einen Spaziergang, und ein Hausknecht führt einen Hund aus. Alle sehen aus wie im gleichen Augenblick die Leute in Brighton oder Lübeck oder Potsdam. An Columbus denkt niemand mehr; die ganz Alten erzählen vielleicht noch abends am Kamin: »Früher, mein Junge, standen hier nur niedrige Holzhäuser und oft konnte man, wenn der Wind von Norden kam, das Gewehrfeuer der Franzosen hören, mitunter sogar das Kriegsgeschrei der Indianer. Es war nicht, wie ihr wohl glaubt, >schon immer so wie heute<, es waren schwere Zeiten, my boy, damned schwer.« Sie sind immer noch sehr schwer, draußen. Hier in Boston ist Etappe. Man stolziert, wie auf dem Gemälde, im pastellfarbenen Frack herum, treibt Handel, arbeitet in Kontoren, schmiedet, zimmert, schneidert, kutschiert, gießt Kugeln, macht Flinten, gräbt Gärten um, pflügt Felder in der Peripherie; die Hauptarbeit verrichten »weiße Sklaven« , Männer, die sich in den Londoner Elendsvierteln für ein Handgeld von zehn englischen Pfund als Leibeigene auf Zeit verkauften. Vielleicht ist der Hausknecht auf unserem Bild ein weißer Sklave, oder der Kutscher der Dillgence. In fünf Jahren wird er frei sein, frei und ohne Sorgen, ohne Slums und ohne den Makel des Paria. Gods own country! Es lässt sich nicht beweisen, aber ich bin sicher, dass die Engländer drüben alle schon die Ahnung hatten, die Neue Welt werde einmal eine Macht werden. Es kann gar nicht anders gewesen sein. (Und das alles mit dem Zopf im Rücken, wir wollen den Anblick nicht vergessen.) Dabei hatten die »Amerikaner« noch nicht den blassesten Schimmer, auf welchem Riesenkontinent sie saßen. Wenn man damals mit einem Hubschrauber die Küste von Norden bis Süden hätte abfliegen können, so würde man gesehen haben, wie schmal die Borte war, die den unendlichen grünen Teppich säumte. Um den Lorenzstrom gab es das bescheidene Quebec und das ebenso bescheidene Montreal, hier und da einige französische Forts und Pelzjäger-Stationen, wenig Leben, wenig Bewegung, wenige blaue Röcke, sogar die Indianer waren wenige. Stunden weiter Südlich endlich Boston mit allem, was zu einem richtigen Städtchen gehört, mit richtigem Hafen, mit richtigem kleinen Menschengewimmel, mit richtigem Lärm, rauchenden Schornsteinen und mit Ausfallstraßen, die sich nach Westen hin bald in der Wildnis verloren. Dort lagen als kleine Fleckchen die vorgeschobenen Forts und noch weiter im Innern als kaum erkennbare Punkte die Gehöfte der Farmer, der »Hinterwäldler«. Nach langem Flug hätte man dann die ganz akzeptable Handelsstation Neu-Amsterdam oder, wie sie jetzt ja hieß, New York gesichtet, bald darauf Philadelphia und Baltimore (ein Dorf, wo man noch in Schaftstiefeln mit Reusen im Hafenbecken fischte), Jamestown (neben dessen Ruinen später Richmond entstand) und schließlich, nach einer Pause von endlosem Nichts, tief im Süden Gharleston. Was waren sie alle? Nicht mehr und nicht deutlicher als kleine »Webfehler« in dem großen grünen Teppich. Die Zweihundert- oder Dreihunderttausend, die in diesem britischen Gebiet lebten - Sandkörner über Zweitausend Kilometer gestreut. Und immer das typische Bild: Kleckse an der Küste entlang, dazwischen Hunderte von Meilen ohne eine Menschenseele: das Bild änderte sich über Florida mit einem Schlage. Man War in Spanien. Alles erinnerte daran. Weite Kulturen, legende Felder, blühende Gärten, Herden. Unterstützt vom reichen spanischen Mexiko stießen die Plantagen, Hazienden und Vieh-Ranches schon tief in das Innere vor. Man musste bereits tagelang reiten, um an ihre Grenzen zu kommen. Und von dort war es dann nicht einmal sehr weit bis zum Mississippi, wo wieder Spanier und Franzosen säßen. Und von da konnte man schon fast den Brüdern, di von Mexiko aus in Südkalifornien gelandet waren, di Hand reichen. Na ja, eine ziemlich lange Hand müßte es sein; die Enkel würden sie haben. Die Enkel würden auch die letzten Indianer bändigen, so oder so. Das Leben war schön. Es war auch einfach zu leben; die Winter waren so milde wie in Boston der Frühling. Jeder Spanier ein Caballero, zumindest ein kleiner. Die Arbeit verrichteten die schwarzen, lebenslänglichen Sklaven. Die Schiffe karrten jährlich mehr als vier-, fünftausend Neger heran. Die Burschen waren ganz gut zu haben. Ein bisschen traurig vielleicht und still, aber sonst brav. Vor allem gehorsam. Sie wohnten in Reihenhütten, ganz ungestört unter sich. Sie heirateten sogar und bekamen Kinder, wie ja auch Vögel im Käfig heiraten und Kinder kriegen. Sie singen sogar. Was sangen die Neger, wenn sie in der Dämmerung vor den Hütten saßen und in den Himmel blickten? Keine Ahnung. Unverständliche, seltsame Lieder, monoton und klagend. Die Missionare hörten das nicht gern und lehrten sie die schönen christlichen Gesänge. Es ist vorgekommen, dass manche Sklaven sich weigerten, an den guten katholischen Gott zu glauben. Aus Dummheit natürlich oder aus Bockbeinigkeit. Wenn dann einer nach dem anderen sich in seiner Gorillagröße aufreckte und vor Wut und Hass die Zähne fletschte, dann musste man durchgreifen. Solche Leute mussten, allein schon um der Ehre Gottes Willen, schwer, schwer bestraft werden, auch mit dem Tode, obwohl das einen erheblichen Geldverlust bedeutete. Aber, wie gesagt, dazu war man selten gezwungen. Gewöhnlich wurden die Sklaven sogar besonders eifrige Beter. So richtig christlich fröhlich allerdings nie. Es waren für alle, wie man sieht, schöne Zeiten, im Norden härter, im Süden leicht. Aber leider, es blieb nicht so. Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Wir wollen nicht kleinlich sein und einen Sprung von zwei Generationen machen. Natürlich haben wir vieles unterschlagen, Übergriffe, zerstörte Siedlungen, Brandschatzungen und zu jeder Stunde des Tages und der Nacht den Todesschrei eines Indianers; langweilig, zwar nicht für die Betroffenen, wohl aber für die, die es des Morgens am Frühstückstisch bei Cornflakes und Spiegeleiern hörten. Leid tut mir nur, dass ich einen Mann wie Robert de la Salle verschwiegen habe, der als Pelzhändler in Canada begann, dann mit einer winzigen Schar (zwei Dutzend) Franzosen bei Schnee und Eis loszog, den halben Kontinent bis zum Mississippi durchquerte und in Louisiana die Fahne Frankreichs hisste. Wissen Sie, warum der Mann so einzigartig war? Weil er nicht töten konnte. Natürlich hatte er Glück, dass er im Innern des Landes auf keinen Weißen Stieß. Die Indianer, denen er auf dem langen Marsch begegnete, wurden alle seine Brüder. Er hatte ein Zaubermittel: Seine kleine Schar war immer nahe am Sterben. Da sind solche wilden Völker ja komisch, sie mögen das nicht. Freilich ist es nicht das schöne christliche Erbarmen, sondern wahrscheinlich einfach Trotz. Ach ja, das hätte ich beinahe vergessen zu erwähnen: Er wurde später von weißen Söldnern erschlagen.

Nun wollen wir aber mal diesen Kauz lassen und uns in das Jahr 1756 begeben. In diesem denkwürdigen Jahr begann Friedrich der Große, Amerika zu erobern. Er wußte es nur nicht. Es dauerte eine Weile, bis es ihm aufging, und das geht manchen Historikern heute noch so. Wir müssen einen Sprung nach Europa machen, jedoch nicht nach Potsdam, vielmehr in die Boudoirs von Kaiserin Maria Theresia in Wien (sie war damals vierzig Jahre alt), von Kaiserin Elisabeth von Russland (damals siebenundvierzig Jahre alt) und von Madame Pompadour in Versailles (damals fünfunddreißig Jahre alt). Dort herrschte ein eifriges Gehen und Kommen von Diplomaten, Liebhabern, Günstlingen und Unterröcken, Russen in Paris, Engländer in Paris, Österreicher in Petersburg, Franzosen in Wien. Behalten Sie vor allem die »Engländer in Paris« im Gedächtnis. Einziges Gesprächsthema, sogar im Bett, war der kleine spitznasige König in Sanssouci. (Ich möchte noch mal eine Komödie »Die Eroberung Amerikas« schreiben, die nur in Boudoirs spielt.) Friedrich der Große hatte, wie Sie sich erinnern werden, die beiden Schlesischen Kriege gewonnen und damit seinen legitimen Anspruch auf die einst österreichische Provinz durchgesetzt, ein Faktum, das Maria Theresia um keinen Preis hinzunehmen gedachte. Sie rüstete fieberhaft, und als der preußische König die Versicherung verlangte, dass die Kriegsvorbereitungen nicht gegen ihn gerichtet seien (vollkommen albernes Verlangen natürlich), da machte die Kaiserin etwas, wofür wir ihr an dieser Stelle ein paar Sekunden staunenden Gedenkens widmen wollen: Sie log nicht. Stellen Sie sich das vor! Eine Regierung, die nicht lügt! Begreifen Sie's, wenn Sie können. Friedrich der Große las die Antwort und beschloss, Österreich zuvorzukommen. Er wusste, dass die Pompadour und Elisabeth ihn aus dem Bauch und noch tieferen Regionen hassten, ihn ganz persönlich, weil sein Mundwerk einmal böse mit ihm durchgegangen war: das alte Leiden der Hohenzollern. Aber dass Ludwig XV., traditionell Erzfeind Österreichs und Friedrichs Verbündeter in den Schlesischen Kriegen, losschlagen würde, konnte er nicht glauben. Jedoch: Er schlug. (»Engländer in Versailles«! Sie rieten dazu.) Und damit war der Dreifrontenkrieg da. Schöne Bescherung, wir kennen es. Doch siehe da, wenn die Not am größten, ist England, so es ihm passt, am nächsten. Kaum hatte es Frankreich in den Krieg getrieben, warf es jetzt das Steuer um hundertachtzig Grad herum. William Pitt, zur Zeit mächtigster Mann in London, bot Friedrich eine fast unbegrenzte Hilfe an. Verstehen Sie mich recht: Geld, nicht etwa Soldaten. Er hatte, zwar auch Soldaten, aber während die Franzosen in Europa bluteten, schickte England seine Regimenter nach - - - an diesem Punkte durchschaute auch Friedrich endlich das Spiel und begriff, dass es gar nicht um Preußen oder Habsburg oder Schlesien ging, sondern um etwas viel Gigantischeres, um die Verteilung ganzer Kontinente. In sechstausend und in zwanzigtausend Kilometern Entfernung, in Nordamerika und in Indien, bereitete England einen Weltkrieg vor, den ersten wahren weltweiten Eroberungskrieg der modernen Geschichte. Es ging um Besitz, der hundertmal so reich war wie Europa, um Land, das Zehntausendmahl so groß war wie Schlesien, es ging um ein ganz großes Spiel. Weder Wien noch Potsdam noch Petersburg waren drin in diesem Spiel. Es war ein Waffengang, den nur die beiden Stärksten unter sich ausmachen konnten, und die Stärksten waren Frankreich und England. Eine Sternstunde. Sie müssen nicht an die Toten, an Leid und Elend denken; das ist laienhaft, habe ich mir sagen lassen. Denken Sie größer! Stellen Sie sich vor, Sie seien Staatsmann, Sie stünden am Grünen Tisch und schauten auf die Weltkarte. Sie dürfen natürlich nicht durch die Landkarte hindurchschauen, weil Sie da schreckliche Dinge erblicken könnten. Nein, einfach daran denken, dass Ihr Land die halbe Welt besitzen könnte und Ihr Volk damit für lange Zeit gesichert und sorglos und reich und glücklich werden würde. So dachte Pitt. Dazu war nötig, dass Friedrich der Große siegte; aber nicht zu viel und nicht zu schnell. Im Mai 1758, gerade als in Paris die Hiobsbotschaft eintraf, dass der Herzog von Braunschweig, Friedrichs General im Westen die Franzosen zurückgeworfen hatte und schon jenseits des Rheins stand, landeten neununddreißig englische Linienschiffe und Fregatten mit zehntausend frischen Soldaten an der französischen Küste Canadas in Halifax. Die Zehntausend setzten sich sofort nach Norden in Marsch, in Richtung der Schlüsselfeste Louisbourg, stürmten sie, nahmen die gesamte Besatzung von über fünftausend Franzosen gefangen und schickten sie sozusagen postwendend mit den Schiffen nach England. Gleichzeitig mobilisierte Virginia, tausend Kilometer südlicher, seine Miliz; sie überquerte die Allegheny- Berge und stieß gegen Fort Duquesne vor, Frankreichs wichtigsten Stützpunkt im Rücken von New York und Philadelphia. Das hatte eine reguläre Truppe unter einem General vor einigen Jahren schon einmal versucht und schlimm büßen müssen. Diesmal aber lief alles wunderbar. Nach schweren Kämpfen musste sich das Fort ergeben. Es ist die heutige Zweimillionenstadt Pittsburg.

Der Mann, dem der Gouverneur die Bürgerregimenter anvertraut hatte, der Mann, der siegte, war ein sechsundzwanzigjähriger ehemaliger Landmesser und Bodenspekulant mit Namen George Washington. Er hatte die Devise mitbekommen: »kill and destroy«, und er hielt sich daran. Damit, meine Damen und Herren, betritt Amerikas Legendär-Gestalt, der Vater des Vaterlandes, die Bühne.

George Washington (1732-1799)
George Washington (1732-1799)

Betrachten Sie ihn: Er ist noch sehr jung, in seinem Gesicht fällt hier noch nichts weiter auf als eine lange hängende fleischige Nase, eine kurze Oberlippe und ein vorgeschobenes Kinn. Auch über den Augen deuten sich schon die hängenden Lider an. Er trägt das Haar in einem kleinen Zopf gedreht, der Hals ist mit der modischen Binde umwickelt, die in ein kleines Jabot ausläuft. Der Waffenrock zeigt auf den Schultern die Kommandeurs- Epauletten mit Raupen. So hat ihn Peale gezeichnet. Der Gesichtsausdruck ist unbeschwert und etwas zynisch. Zwanzig Jahre später malte ihn C. Stuart. George Washington hat dann den Waffenrock abgelegt, er trägt einen hochseriösen, altväterlichen schwarzen Rock und auf dem Kopf die zopflose lockige Perücke in Weiß. Der Mund ist der, den die amerikanischen Bankiers heute haben, die Lider sind noch hängender; die Augen blicken kalt, das Gesicht ist immer noch rosig. Wenn Sie ihn deutlich vor sich sehen, kann er von der Bühne wieder abtreten. In der Tat, da das Finale des (ebenfalls siebenjährigen) amerikanischen Krieges sich im Norden abspielte, konnte General Washington nach Hause gehen, was er auch tat. Er wusch sich die Hände, hängte den Sinnspruch »kill and destroy« ab und den alten wieder auf: »Eine feste Burg ist unser Gott«, denn er war ein frommer Mann. Die Entscheidung konnte nur in Canada fallen, das noch fest in französischer Hand war. Das Land wehrte sich verzweifelt. Nach dem Verlust der fünftausend Mann in Louisbourg besaß es noch dreitausendzweihundert Soldaten. Montcalm, übrigens einer der bedeutendsten französischen Generäle, rief den Landsturm auf. Siebentausend kamen. Also zehntausend Mann für die ganze Länge der Front. Fünfzigtausend hatten die Engländer. Es wurde ernst. Zuerst fiel Fön Niagara (fünfhundert Soldaten verloren), dann ergab sich die Festung Ticonderoga (tausend Soldaten verloren). Der Lorenzstrom, im Vergleich zu den Waldwegen die reinste Autobahn, war nun frei bis Quebec. Die Engländer segelten mit fünftausend Mann heran. Montcalm hätte kapitulieren können, dann wäre er im heutigen Sinne ein vernünftiger Mann gewesen. Aber er war im heutigen Sinne ein Idiot, er nahm den Kampf an. Ebensolche Idioten waren die Bürger Quebecs; Tausende griffen zu den Waffen und waren bereit zu sterben. Wofür? Es bestand die geringe Chance, die ganz geringe Chance, durch einen Sieg den ganzen Krieg zu gewinnen. Na ja, so kann man sagen. Es verschiebt aber nur die Frage nach dem Sinn. »Den Krieg gewinnen« - für wen, warum? Was spielte sich in den Köpfen dieser altmodischen Menschen ab? Das Leben, hat Schiller geschrieben, ist der Güter höchstes nicht. Na, na! Sondern? Man hat uns vor nicht langer Zeit einmal gesagt: Wenn wir den Krieg verlieren, lohnt es sich nicht mehr zu leben. Wir Überlebenden müssen es doch nun wissen: lohnt es sich? Ich frage Sie: Lohnt es sich? Wie viel Koteletts mit Bratkartoffeln haben wir seitdem gegessen, wieviele Weinchen getrunken, wie viele Filme gesehen, wie oft geliebt? Lohnt es sich, ich frage Sie? Dieser Schiller mit seinen Sentenzen! Die Franzosen verloren die Schlacht um Quebec; die meisten fielen, auch Montcalm. Wieviel hätte er noch erleben können, wieviel Entrecotes verputzen! Wie viel Borscht und Sonnenblumenkerne hätten die Verteidiger von Leningrad noch essen können. Aber auch sie sagten:' »Das Leben ist der Güter höchstes nicht, der Übel größtes aber ist die Schuld.« Inzwischen waren die Engländer nicht in Quebec stehen geblieben. Das nächste Ziel, Stadt und Festung Montreal, lag nur dreihundert Kilometer stromaufwärts, ein Katzensprung. Auch Montreal fiel. Der Krieg war nicht beendet, aber entschieden. Die überlebenden französischen Soldaten (es gab noch einige) kehrten nach Europa zurück. Canada war englisch. Wir stehen im Jahre 1760. Friedrich der Große hat die Schlacht von Kunersdorf verloren, die Russen besetzen Berlin. Wären Englands Pläne in diesem Moment erfüllt gewesen, so würde der Alte Fritz den Siebenjährigen Krieg verloren haben. Es wäre kein Bismarck und kein Reich gekommen, die Geschichte Europas hätte einen anderen Weg genommen, welchen, das weiß der liebe Gott. Pitts Ziele jedoch waren mit der Eroberung Canadas noch nicht erreicht. Es schien ihm ein Aufwaschen, gleich im Süden weiterzumachen. England erklärte Spanien den Krieg. Die Briten segelten jetzt einfach (»rule the waves«) in Richtung Florida, ließen es jedoch überraschend liegen und wandten sich den Antillen-Inseln zu. Sie eroberten Martinique und Cubas Hauptstadt Havanna. Sie liegt bekanntlich Florida direkt gegenüber. Spanien bekam es mit der Angst. Es wollte wenigstens eines von beiden retten und bot zum Tausch gegen Cuba Florida an. Sehen Sie, so einfach geht das. Jetzt sind wir im Jahre 1762. Englands Ziele waren erreicht, es stellte mit gleichem Datum die Hilfszahlungen an Preußen ein. Der Preußenkönig war ihm wurscht. Da der Alte Fritz Gehirn hatte, wusste er das frühzeitig und brachte es fertig, den Wettlauf mit dem Termin zu gewinnen. Zarin Elisabeth war gestorben, Russland schloss kriegsmüde Frieden, Friedrich gewann die letzte Schlacht, Maria Theresia schloss Frieden, Madame Pompadour schloss Frieden, alle Welt schloss Frieden, denn England genehmigte ihn jetzt. Im »Frieden von Paris« 1763 verlor Spanien an England Florida, Frankreich an England Canada, Louisiana und alle indischen Besitzungen. Das britische Imperium war da! Es stand auf festen Säulen, und die festeste, so glaubte London, die treueste, die hilfreichste war Amerika. Es gab ein böses Erwachen.

In den Jahren des siebenjährigen amerikanischen Krieges Englands gegen Frankreich spielt Coopers berühmtes Buch »Lederstrumpf«. Kinder lesen es heute, geschrieben ist es für Erwachsene. »Indianer« war damals kein romantisches Thema, es war das Wort für »Kriegsbericht«. Auch in England las man auf der ersten Seite der Zeitungen fast täglich das Wort »Indianer«. Man verschlang die Nachrichten aus Amerika, aber es streikte die Phantasie. Coopers Idee, einen romanhaften Erlebnisbericht nachzuliefern, war also reines Mannah. Endlich konnte man sich den Urwald vorstellen; sah man das Leben in den einsamen Forts, hörte man das Kriegsgeschrei der Wilden, sah ihre grässlich bemalten Gesichter, die sausenden Tomahawks, die blutigen Skalpe an ihrem Gürtel. Man sah die katzenhaften Gestalten anschleichen, Kühnheit oder Mord (je nachdem, ob es Irokesen oder Huronen waren), und man fühlte das Grauen der dunklen Nächte am glimmenden Lagerfeuer. Tatsächlich enthält der »Lederstrumpf« viele wirklich schöne Beschreibungen. Es gibt einige, die auch ich nicht vergessen habe, Schilderungen von Flußfahrten, von Waldseen und Schlittenpartien an einem Wintermorgen. Durch den »Lederstrumpf« war nun auch die letzte Miss im schottischen Hochland im Bilde, und alle Droschkenkutscher in Limerick wussten, dass eine Bärentatze noch besser schmeckte als eine Rehkeule. Was sie so ganz nebenbei auch noch erfuhren, war, dass die Franzosen einen dubiosen Charakter hatten; dass sie Verrat an allen Ecken und Enden übten; dass sie - mit einem Wort - keine Gentlemen waren wie die Engländer. Und ihre Verbündeten, die Huronen, waren überhaupt das Allerletzte, feige, hinterhältig, wortbrüchig, blutdürstig und grausam. Wie Giftschlangen pflegten sie von den Bäumen der Flussufer auf harmlose englische Boote zu fallen, sie steckten Blockhütten in Brand, in die sich englische Ladies geflüchtet hatten, sie raubten die beiden süßen Mädchen Cora und Corinne, die weiter nichts gewollt hatten, als in einem Fort ihren Pappi zu besuchen, lauter Dinge, die zum Himmel schrien. Aber England hatte die Welt davon befreit. Das Buch erschien erst lange nach den Ereignissen, aber die ältesten Kriegsveteranen bekamen es noch zu lesen und waren ziemlich erstaunt: Sie hatten die Franzosen ganz anders in Erinnerung. Auch die Erfahrungen mit den Indianern waren sehr verschieden von denen des Konsuls Dr. Fennimore Cooper. Sie erinnerten sich der Huronen (es gab nur noch wenige) als tapfer und aufrichtig, wenn auch oft grausam, der Irokesen dagegen als hinterhältig und verräterisch. Wenn man ehrlich war, musste man gestehen, dass Cooper log, was ja eigentlich ganz unenglisch ist.

[bearbeiten] Washington

Nach dem Kriege, im Frühjahr 1763, lag wirklich eine sonntägliche friedliche Atmosphäre über Amerika, und alle Siedler, Soldaten, Städter, Waldläufer hätten gesagt, daß die Indianer ganz umgängliche Leute geworden seien. Und ausgerechnet jetzt irrten sie sich, denn inzwischen hatten die Indianer ein bisschen nachgedacht. Sie verstanden vieles nicht beim weißen Mann; was sie aber vor allem anderen nicht verstanden, das war seine Habsucht, seine Unersättlichkeit. Sie sahen, daß die Engländer mit Mühe die Küste besiedeln konnten, dass ihnen »hands« fehlten, Material fehlte, Lebensmittel fehlten, und dass sie dennoch immer tiefer ins Land vorstießen, rodend, brennend, holzend, jagend, ausrottend, wie von einem bösen Dämon getrieben. Den Trappern folgten die Ranchers, den Ranchers die Tramps (Gesindel, das man in die Wildnis statt in Gefängnisse schickte), den Tramps die Soldaten. Wo sollte das hinführen? Wo würde das enden? Von Osten kamen sie, von Norden, von Süden, sie kamen stets mit Feuerwaffen, stets drohten sie, stets logen sie; wenn es nicht eilte, kamen sie mit Schnaps. Es waren die Häuptlinge, die an die Zukunft dachten; die, obwohl sie von den Möglichkeiten der Weißen wenig wussten, klar sahen; Häuptlinge, die zu erkennen imstande waren, was zu verkraften und was nicht mehr zu verkraften war. Sie konnten sehr wohl unterscheiden, was die Substanz anfraß und das Wesen des roten Volkes zerstörte. Sie ahnten, dass dies tödlicher sein würde als hundert verlorene Kämpfe. Wir dürfen diese roten Männer getrost bewundern. Der erste in der Geschichte des Verzweiflungskampfes der Indianer war Pontiac, Häuptling der Ottawa-Indianer. Er war damals dreiundvierzig oder vierundvierzig Jahre alt; wie er aussah, wissen wir nicht. Wahrscheinlich war er auch äußerlich eine imponierende Gestalt. Alte Bilder zeigen die Prärie-Indianer, seit langem schon zu Pferde, in Lederkleidung, mit Fransen oder Skalpen besetzt, mit Federn im Haarknoten, während die gezähmten Waldindianer in der Nähe der britischen Siedlungen sehr viel Ähnlichkeit mit den heutigen »Hippies« hatten. Pontiac mochte die Engländer nicht. Im soeben beendeten britisch-französischen Kriege hatte er gegen sie gekämpft. Sie erinnerten sich noch mit Schrecken an seinen Vormarsch gegen New York. Die Reden, die er jetzt schwang, waren beunruhigend. Sie kamen sehr bald zu den langen Ohren der Briten, die daraufhin beschlossen, sich mit ihm »ins Benehmen« zu setzen. Zu diesem Zweck schickten sie einen Mann zu ihm, den ungeeignetsten, der sich denken ließ; er hatte unter den Rothäuten einen großen Ruf, allerdings keinen sehr feinen. Es war ein gewisser Major Rogers, der sich rühmen konnte, schon einen ganzen Indianerstamm ausgerottet zu haben. Die beiden trafen sich in Detroit, das zu dieser Zeit schon ein kleines Städtchen war, befestigt und von Fort Pontchartrain geschützt. Rogers machte dem Häuptling einiges klar, er nannte ihm die Zahl der englischen Truppen, die Zahl der Gewehre, die Zahl der Kanönchen, die Zahl der Forts und die Zahl der Schiffe, die England schicken konnte. Pontiac fragte, ob es wahr sei, dass die Franzosen fort gegangen seien. Rogers nickte. Pontiac hätte ihm liebend gern das Messer in die Brust gerannt, und Rogers hätte den Roten gern abgeknallt. Beide taten es nicht: der eine, weil seine Mission lautete, Frieden zu stiften, der andere, weil er hoffte, den Herrn Major später zu erwischen. (Er irrte sich.) Sie trennten sich mit Pontiacs Versprechen, sich bei den Stämmen für Frieden einzusetzen, und mit Rogers Versicherung, dass die Briten nur die allerbesten Gefühle für die Rothäute hätten. Selbstverständlich logen beide. Als der große Aufstand der Rothäute begann, war Pontiac erwiesenermaßen der Organisator und Stratege. Er wollte die Weißen nicht ins Meer zurückwerfen, er war kein Phantast. Er wollte sie über die Alleghenies treiben; das Gebirge sollte für alle Zeiten die Grenze bleiben; Pontiac vollbrachte eine enorme Leistung. Alle Stämme des riesigen Hinterlandes standen auf - furchterregende Scharen. Es sah böse aus. In wenigen Sommermonaten des Jahres 1763 fielen von der Seenplatte im Norden bis Carolina im Süden neun Forts in die Hände der Roten, Hunderte von Lagern, Siedlungen und befestigten Plätzen. Alles floh. Als der Herbst kam, gab es westlich der Alleghenies nur noch zwei Punkte auf der Landkarte, die englisch waren: Fort Pitt (Pittsburg) und Detroit. Und an diesen beiden Punkten entschied sich das Schicksal des ersten großen Indianeraufstandes. Fort Pitt wurde von einem in Eilmärschen herangeführten Regiment entsetzt, und der Handstreich auf Detroit misslang - eine Indianerin hatte ihn verraten! Pontiac erkannte das Menetekel und bat um Frieden. Die Engländer, die immer den Hut vor einem großen Gegner ziehen, gewährten ihn. Anschließend ließen sie Pontiac durch einen gedungenen Mörder umbringen.

Machen wir Kassensturz. England hatte gesiegt und hundertvierzig Millionen Pfund Staatsschulden. An Steuern brachten alle Bürger der britischen Insel drei Millionen Pfund auf. In siebenundvierzig Jahren würde der Staat den Schuldenramsch hinter sich haben. Sie kennen doch den Begriff »Staatsschulden«? Es ist doch hoffentlich in Ihrem Sinne, wenn ich es aus der Sicht der Engländer und nicht der Wilden sehe. General Amherst schlug vor, Wolldecken mit Pocken-Erregern zu verseuchen und an die Indianer zu verschenken. Natürlich kennen Sie ihn, Sie leben ja mittendrin. Der Staat nimmt in finanzieller Bedrängnis bei seinen Bürgern Kredite auf. »Kredite« klingt vornehm und seriös; von Mann zu Mann würde man es »anpumpen« nennen. Solche Pump- Versuche des Staates, oft mit vagem Rückzahlungstermin, gelingen natürlich nur, wenn, wie der Brockhaus es ausdrückt, das Volk »die Objektbezogenen Gesichtspunkte einsieht, d.h. in Hinblick auf bestimmte Eigenschaften der zu finanzierenden Vorhaben, zum Beispiel ihrer Rentabilität.« Dies ist der Punkt, den ich herausarbeiten wollte, oder, wie unsere wortgewandten Volkstribunen sagen würden: Mit der Transparentmachung dieses Problems, das im Raum steht, habe ich Prioritäten gesetzt, um das Folgende voll und ganz in den Griff zu bekommen. »Das Folgende« war für die britische Regierung eine höchst heikle Geschichte: Amerika sollte sich nun rentieren! Indien bot da keine Schwierigkeiten; in Indien wohnten Inder, man plünderte sie einfach aus. Wer aber, den man ausplündern konnte, wohnte in Amerika? London, das die Siedlungen in Amerika offiziell als Militärkolonien betrachtete, beschloss, dort Steuern einzuführen; nichts Aufregendes, zunächst nur eine Stempelsteuer, wie sie sie auch in England gab.

Der Effekt war der einer Bombe. England fiel aus allen Wolken. Es waren doch Penny- Beträge, um die es ging, Groschenbeträge für den einzelnen! Aber es ging eben nicht um die Groschen, es ging den Kolonisten um das Prinzip. Sie waren empört. Sie waren der Meinung, das Londoner Parlament habe nicht das geringste Recht, in ihre vom König verbriefte Selbstverwaltung einzugreifen. Sie riefen London ins Gedächtnis, dass sie keine vom englischen Militär eroberte Kolonie seien wie Canada oder Florida. Die britischen Soldaten hätten sie lediglich beschützt. Statt ihrer hätte man sich auch ein Amulett umhängen können. Sie riefen London auch ins Gedächtnis, dass das Parlament nur über counties beschließen könne, die durch Abgeordnete vertreten seien. Amerika war nie vertreten. Sie riefen London in Erinnerung, dass die amerikanischen counties eigene Parlamente hätten, an die eigentlich sogar der englische König gebunden sei. (In England fiel man fast in Ohnmacht). Denn, so erinnerten sie London, seit der Revolution von 1688 stelle die britische Verfassung den König unter das Parlament, also auch unter ihres. Saftige Argumente, finden Sie nicht auch? Es ist klar, dass nicht der Mann auf der Straße sie gefunden hatte. Und wenn wir ein bisschen suchen, entdecken wir auch sofort einige merkwürdige Gestalten, die sich der Situation bemächtigten: Vertreter jenes Berufes, der heute zur höchsten Blüte gelangt ist, die Demagogen. Der führende Kopf hieß Samuel Adams. Er war, wie fast alle Demagogen, Sprössling aus reichem Hause und wandte sich, wie alle Demagogen, sofort mit sicherem Instinkt an das beste Sprungbrett, das Demagogen haben, an die Habenichtse, die nichts besaßen außer viel Zeit. Man kann sich an sie wenden, das darf man, wenn die Sache sie angeht. Doch diese Leute hatten noch nie einen Stempel gebraucht und wussten gar nicht, wie so was aussah. Adams hielt flammende Reden (reden können sie alle), streute auch etwas von dem Geld aus, das sein Vater mit seinen Schiffen verdient hatte, und schuf sich unter den Arbeitsscheuen, die die Städte nicht mehr wie früher loswerden konnten, und dem Hafenproletariat eine Truppe, die sich den tönenden Namen »Söhne der Freiheit« gab. Der Name verrät, dass Adams eine Morgenluft witterte, die gar nichts mehr mit der albernen Steuer zu tun hatte. Die »Freiheitssöhne« bedrohten und nötigten alle Bürger, die für Verständigung mit England waren. Sie drangen nachts in die Wohnungen, sie teerten und federten, sie schlugen die Steuereinnehmer und demolierten die Lager der Kaufleute. Selbstverständlich taten das die Freiheitssöhne vermummt. Auch Jugendliche, die mal zu Hause Indianer spielen wollten, machten begeistert mit. Adams siegte. Die Steuerbeamten schlössen ihre Büros und die Kaufleute kamen unter dem Druck der Straße überein, keine englischen Waren mehr einzuführen. Es war ein Schlag, der England hart traf, und es dauerte nicht lange, da hob es die Steuerverfügung auf. Adams war ein Held. War er nicht wirklich einer? Man kann ihn nämlich auch anders sehen, als ich es getan habe in meiner Abneigung gegen alle Demagogen und heimlichen Gewalttäter. Wahr ist, daß er ein anderes Instrument als die Habenichtse gar nicht gehabt hätte. Die Arbeiter waren uninteressiert, die Bürger satt, die Stadtväter ängstlich. Wahr ist auch, dass er selbst aus dem Aufruhr nichts erntete. Wahr ist, dass ihm als einem der ersten ein »Staat« Amerika vorschwebte. Zumindest behauptete er es später. War er ein Idealist? Ich kann es nicht glauben. Er hat genug geredet, um den wahren Samuel Adams erkennen zu lassen. Er hat jede Übertragung von Machtbefugnissen an irgendjemand (der nicht mit ihm identisch war) abgelehnt. Er war skrupellos und neurasthenisch. Das sind die Zutaten, aus denen Unholde gemacht werden. Es gibt aber auch eine andere Type von Unholden. Old England war damals voll von ihnen. Es war der unerträglich dünkelhafte, weltfremde, in manchen Exemplaren geradezu verblödete Adel. Bernard Shaw hat den jungen Napoleon über so einen vernagelten Aristokraten einmal sagen lassen: Es hat keinen Zweck, man kann ihn nur vor eine Kanone binden und in die Luft schießen. Wahr! Man kann durch sie ebenso wie durch ihre Antipoden zur Weißglut gebracht werden. Aber schließlich: durch welchen Vernagelten nicht. Zwei Jahre nach dem Versuch mit der Stempelsteuer unternahm ein neuer englischer Schatzkanzler, Lord natürlich, einen zweiten Vorstoß. Er belegte die amerikanischen Kolonien mit einer Importsteuer für Tee, Papier, Glas und Farben. Die Empörung über die Stempelsteuer war ein milder Wind gewesen im Vergleich zu dem Sturm, der sich nun erhob. In Boston legte Samuel Adams wieder los, in New York führte John Scott die Radikalen an, im Süden Christopher Gadsden. Man verprügelte die Konservativen, teerte, demolierte, legte Feuer, trug über Nacht ganze Lagerhäuser ab. Natürlich zahlte man nicht nur keine Steuer, man bezahlte englische Waren überhaupt nicht mehr. Noch vor wenigen Jahren hatte England anderthalb Millionen Pfund durch Exporte nach Amerika eingenommen. Jetzt schuldeten die Kaufleute von Virginia allein schon über zwei Millionen, die sie nicht zu bezahlen gedachten. Kein Zweifel, Amerika entglitt der Londoner Regierung. Auch der Sklavenimport stockte. Das waren noch Zeiten gewesen, als die Herren der Welt Amerika jährlich fünfzehn-tausend Neger verkaufen konnten! Den Lords zitterten die Knie. Auch den Besonneneren in Amerika zitterten sie. Wenn man sich in diese hochabsolutistische Zeit zurückversetzt, ahnt man, wie groß der Schrecken vor einer offenen Empörung gegen die Krone gewesen sein muss. Und eben deshalb glaube ich auch nicht an die bona fide der Aufpeitscher. Sich weigern oder Mordbrennen sind zwei sehr verschiedene Dinge. Importe boykottieren und Gläubiger verlachen sind zwei sehr verschiedene Dinge. Überzeugen und Terrorisieren sind zwei sehr verschiedene Dinge. Wenn Adams und Genossen die Wahl gehabt hätten, auch mit Überzeugen zum Ziel zu kommen, sie würden ganz sicher die Gewalt gewählt haben. Sie wollten die Menschen radikalisieren. Was waren sie? Beantworten Sie sich die Frage selbst.

An einem Märztag 1770 passierte in Boston folgendes: Einige Rowdies griffen den englischen Wachtposten vor dem Zollhaus an. Der Soldat zog den Säbel und verletzte einen der Angreifer am Arm. Als habe man auf dieses Signal gewartet, rottete sich im Handumdrehen eine tobende Menge zusammen und schleuderte einen Hagel von Steinen auf den Posten. Der Mann schrie um Hilfe, Soldaten rannten herbei und bildeten eine Kette vor dem Zollhaus. Die Masse — inzwischen war es eine geworden — sah rot und griff einen Soldaten an, der fiel zu Boden, es löste sich ein Schuss aus seinem Gewehr (andere Version: er schoss absichtlich), die Masse geriet außer sich und ging auf die Soldaten los. Die legten die Gewehre an und feuerten. Fünf Angreifer wurden getötet (darunter auch ein Neger!). Die Soldaten wurden vom eigenen Kommandeur zur Rechenschaft gezogen. Kennen Sie die Musik? Vertraute Melodie, nicht wahr? Die Zeitungen - Boston besaß schon seit 1704 eine - heulten vor Freude über diesen Knüller auf, und die Druckereien schütteten Tausende von Flugblättern aus. Es existieren noch einige davon. Das verbreitetste brachte auch eine Zeichnung, die den großen Platz zeigt, auf dem aber nun nicht mehr Kutschen fahren, Stubenmädchen einkaufen und Gemüsehändler am Rinnstein sitzen, sondern vor einem Haus mit dem Schild »Butchers Hall« (Butcher heißt Fleischer, es kann aber auch Mörder bedeuten) steht eine Kette von Soldaten und schießt unter furchterregendem Pulverdampf in die sittsam und ruhig verharrende Menge. Ein Silberschmied war der Künstler. Das Blatt trägt die Überschrift »Das blutige Massaker von Boston«, ein Schlagwort, das bald in den entlegendsten Waldsiedlungen ankam und in die Geschichtsschreibung eingegangen ist. Ich weiß nicht, ob die Jugend in Amerika heute noch etwas bei dem Wort »Massacre of Boston« empfindet. Damals, und noch bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein genügte die Erwähnung, um die Volkswut gegen England zum Sieden zu bringen. Aber die Zeit heilt, nicht wahr? Die britische Garnison war mit einem Schlage in einer heiklen Lage. Sie wagte kaum noch, sich zu rühren. In dem heißen Topf rührte auch nicht sie, sondern abermals die Regierung in London. Wieder ein Anlass, so banal wie nur denkbar. Es ging noch einmal um Tee. »Tee« klingt nobel und für die Angelsachsen lebenswichtig, aber schließlich ist es nur ein Gesöff, ohne das man nicht gleich stirbt, auch wenn die Engländer das fürchten. Seit der Einführung der Teesteuer hatte sich ein blühender Schmuggel mit Tee entwickelt. König der Schmuggler war - wie könnte es anders sein - ein »Radikaler«, ein »Freiheitssohn«. Der Herr hieß John Hancock und war - wie könnte es ebenfalls anders sein - Sprößling eines Reeders und Erbe von rund vierhunderttausend Goldtalern. Diesem Mann wollte England das Handwerk legen. Dafür hatte es diesmal etwas ganz Listiges ausgeheckt. Es beschloss, den Tee unter Umgehung der Umschlagplätze direkt an den Einzelhandel zu liefern und so zu verbilligen, dass er unter den Schwarzhandelspreis sank. Man hat nie erfahren, ob er sank. Denn als die ersten Tee-Schiffe landeten, erlitten sie alle möglichen Schicksale, nur leider nicht das ihnen zugedachte. Die »Söhne der Freiheit« traten wieder auf den Plan! Zunächst wurden die Hafenarbeiter unter Druck gesetzt: Die Fracht blieb ungelöscht. In Charleston verrottete sie, ehe man das Schiff umkehren ließ. In New York und Philadelphia dagegen schickte man die Schiffe sofort nach Hause. Für Boston hatten sich Adams und Hancock etwas Originelles einfallen lassen. »Söhne der Freiheit«, als Indianer verkleidet und bemalt, enterten drei Schiffe und warfen dreihundert Kisten Tee ins Meer, London war nicht nur empört, es war zutiefst verletzt. Suchten die Kolonien denn wirklich die offene Auseinandersetzung? Man kann verstehen, daß eine Nation, die so sensibel in punkto Recht und Unrecht ist, enttäuscht, sehr enttäuscht war über die zurückgestoßene Hand. Das Londoner Parlament beschloss, jetzt nicht mehr mit der sanften Kunst des Jiu-Jitsu zu antworten, sondern mit einem Faustschlag. Am 1. Juni 1774 legten sich englische Kriegsschiffe vor den Hafen von Boston und sperrten ihn. Boston lebte vom Meer; die Stadtväter waren nun doch erschrocken und sahen schwarz. Arbeitslosigkeit drohte, Hunger drohte, Bankrotts drohten. Die Briten auf ihren Fregatten lehnten an der Reling, tranken Tee und sahen gelassen zu. Eigentlich müssten sie dort immer noch stehen und Tee trinken, denn Boston kapitulierte nie. Das gesamte Land sprang für die Stadt ein und ernährte sie! Zum ersten Mal trat eine Solidarität aller amerikanischen counties zutage! England war gezwungen, den nächsten Schritt zu tun. Es legte vier Regimenter in den Unruheherd Boston. Der Kommandierende General hatte Anweisung, Privathäuser als Quartiere zu beschlagnahmen und Lager zu errichten, wo es ihm passte. Das »Parlament« von Massachusetts wurde aufgelöst - es etablierte sich unter dem Namen »Provinzialkongreß« sofort neu und berief zu seinem Präsidenten das Rote Tuch für England, John Hancock, den Schmugglerkönig. Hancock, zunächst machtlos gegen die britische Einquartierung, verlegte die Arbeit in den Untergrund. Überall wurden »Sicherheitskomitees« ins Leben gerufen, Waffenverstecke angelegt, ein Minutenplan für die Stunde X ausgearbeitet. Die Männer nannten sich sogar Minute- Men. Das Gewehr lag griffbereit. Es gab noch eine andere Tretmine, die England gelegt hatte. Es hatte aufgrund des Pariser Friedens die Grenze zwischen »seinem« Canada und den Küstenkolonien weit nach Süden und Osten verlegt, so weit, dass die Allemhenies dicht im Rücken der Städte jetzt die Grenze bildeten. Das klingt harmlos, aber es bedeutete, dass die vielen Siedler, die schon jenseits des Gebirgszuges auf Farmen und kleinen Dörfern lebten, plötzlich unter englischer Verwaltung standen. Es bedeutete auch, dass ohne die Erlaubnis Londons kein »Amerikaner« mehr die Alleghenies überschreiten und sich häuslich niederlassen konnte. Die britische Regierung hatte sich dabei ausnahmsweise etwas sehr Ehrenwertes gedacht: Sie wollte die Indianer vor Überflutung schützen; die Kolonien sollten sich mit dem Küstenstreifen (immerhin etliche hundert Kilometer tief) begnügen. Aber das war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr möglich. Es gab bereits weiße Familien, denen Ländereien von der Größe Preußens gehörten. In North Carolina residierte ein Mann, der - für ein Butterbrot - von den Cherokesen das gesamte Stammesgebiet, das heutige Kentucky, aufgekauft hatte. Thomas Jefferson, Rechtsanwalt in Virginia und späterer dritter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, galt nur als »begütert«, er besaß siebeneinhalb Millionen Quadratmeter. Ich fürchte, es kommt bald der Augenblick, wo Sie mich fragen werden, warum ich in diesem schier endlosen Kleinkram wühle, während ich frühere Jahrhunderte im Zeitraffer durcheilt habe. Ach, der liebe Kleinkram in der Weltgeschichte, aus dem so oft der Großkram entsteht! Sie werden es sofort begreifen, wenn ich Ihnen sage, was nun geschah. Im September jenes Jahres (1774) trafen sich die Repräsentanten aller Kolonien (außer Georgia) auf einem Kongress in Philadelphia, dem ersten in der Geschichte Nordamerikas. Es kamen die vom hohen Norden, die aus dem Mittelosten, aus dem Süden, aus Florida, es kamen die Männer aus zwölf counties zusammen, Reeder aus Boston, Großgrundherren aus der Mitte, Sklaven-Haziendaeros aus dem Süden, Männer, die sich gegenseitig sonst nicht mit dem Hinterteil angesehen hätten, und dazwischen die führenden »Söhne der Freiheit«. Jener »schier endlose Kleinkram« war es, der im Begriff stand, sie zusammenzuschweißen. Seit Anbeginn der Welt, meine Freunde, sind noch niemals Nationen oder Reiche anders entstanden als durch Druck und Not. Noch niemals in der Geschichte haben etwa Verhandlungen, Geschwätz, »Bestrebungen« oder einfache Vernunft Gegensätze vergessen lassen, fremdes Blut vergessen lassen, fremde Art und fremde Ideologie. Es war immer der Krieg oder die Not oder die Angst, die die Menschen zwang, zusammenzuwachsen zu einer Einheit. Das Schicksal schmiedet nicht anders als wir: mit Feuer und gewaltigen Schlägen, und nicht mit frommen Wünschen.

Der Kongress von Philadelphia erließ zwar zunächst nur, wie es sich für einen Kongress gehört, eine Deklaration, er war aber mehr: er war ein Rütli-Schwur. Der Winter ging vorüber. Im Frühjahr 1775 mehrten sich die Anzeichen militärischer Vorbereitungen der »Amerikaner«. Der englische Kommandierende General in Boston entsandte ein Bataillon von achthundert Mann, um in Concord (sechzig oder siebzig Kilometer entfernt) das geheime Waffenlager auszuheben, über das so viel gemunkelt wurde. Die Operation war so geheim gehalten, dass die Stadt sie erst in der Nacht des Abmarsches bemerkte. Minute-Man Nr. 1 (es war der Silberschmied Paul Revere, der das Flugblatt vom »Massacre« gezeichnet und gedruckt hatte) warf sich aufs Pferd und jagte den Soldaten voraus, um Alarm zu schlagen. Auf halbem Wege schon stießen die Soldaten auf eine Schar bewaffneter Dörfler, die aber beim Anblick eines ganzen Bataillons sofort in den Hinterhalt zurückwichen. Und aus dem Hinterhalt fiel der erste Schuss. Der berühmte »erste Schuß«, der in der Geschichte so oft schon Kriege und Revolutionen ausgelöst hat. Ein Schuss ging am 18. März 1848 in Berlin los und gebar die Barrikadenkämpfe. Ein Schuss ging am 28. Juni 1914 in Sarajewo los und gebar den Weltkrieg. Der Schuss bei Concord gebar zunächst vor allem eine Heidenangst. Der englische Offizier, der das Bataillon befehligte, war jung und unerfahren und erlebte zum ersten Mal einen Kampf ä la Indianer: Seine Männer fielen um, ohne dass man den Feind zu sehen bekam. Auf dem Rückmarsch wurden sie pausenlos beschossen. Sie ballerten aufs Geratewohl zurück, sei es auch nur, um sich in der Dunkelheit Mut zu machen. Ohne eine Patrone kehrten die Soldaten nach Boston zurück. Es waren noch fünfhundert. War der Krieg ausgebrochen? Verwirrt versuchte man sich klarzumachen, was eigentlich geschehen war. War es Auflehnung, war es Bürgerkrieg, Inselbriten gegen Amerika-Briten? Sah so der Anfang eines Krieges aus? In Philadelphia trat eiligst ein neuer Kongress zusammen. Die Besonnenen hatten schlaflose Nächte verbracht, hundertmal alles durchdacht und gegeneinander abgewogen. Sie kamen nicht lange zu Wort, die Radikalen schrien sie nieder, titulierten sich jetzt »Patrioten«, was bedeutete, dass alle Andersdenkenden keine waren, und erzwangen drei Beschlüsse, von denen einer immer ein saftigerer Hochverrat war als der andere: Die bewaffneten Aufständischen wurden zur »American Continental Army« ernannt, also zur eigenen Armee; die dreizehn Kolonien wurden aufgefordert, autonome Regierungen zu bilden; und schließlich krönte man den Hochverrat, indem man mit Frankreich Verhandlungen über ein Bündnis aufnahm. König George III. gab den Befehl, die Rebellion mit Waffengewalt niederzuschlagen. Es war so weit.

[bearbeiten] Briten gegen Briten

Der König hielt es für unmöglich. Ganz England hielt es für unmöglich. Es ist merkwürdig, dass gerade Politiker, die doch sonst alles so leicht schlucken, sich das nicht vorstellen können. Briten gegen Briten, Deutsche gegen Deutsche, Söhne gegen Väter - glauben wir es immer noch nicht? Weil sie gemeinsamen Blutes sind? Gemeinsamen Staates, gemeinsamer Sprache, gemeinsamer Eltern? Es sind starke Bande, kein Zweifel, und umso stärker, je weniger im Gehirn ist. Ein Italiener in Amerika bleibt auch noch in seinem Enkelkind Italiener, und es weint, wenn es >O sole mio< hört. Aber Völker, die in Ideen leben, gerade starke Völker, die ihren Instinkten misstrauen, die mehr Furcht vor Lachen und Weinen als vor dem Denken haben, Völker, die einen Arminius und Hagen von Tronje, einen König Arthur und Archibald Douglas haben, sind gefährdeter, sie fühlen ihr Blut nicht so stark. In ihren Adern fließen Wille und Ideen. Ihnen sind sie treu wie niemandem sonst - bis sie sie wechseln. Im Bruderkrieg schießen sie nicht auf Blut, sie schießen auf die andere Idee. Als 1775 der amerikanische Unabhängigkeitskrieg ausbrach, standen sich bereits nicht mehr Briten und Briten gegenüber, sondern Briten und Amerikaner. Auf der einen Seite Menschen eines absolutistischen Zeitalters mit einem geheiligten König, mit einer gottgegebenen Ordnung, mit einer alttestamentarischen Hierarchie, mit einer Entpersönlichung ohnegleichen, mit einer stummen Masse von Untertanen. Auf der anderen Seite lauter Einzelgänger und Individualisten, einst nach Amerika verschlagen ohne Ordnung, ohne Oberhaupt, ohne Staat, ohne Schutz, hart geworden, selbstbewusst und gewohnt, alles persönlich und direkt zu erledigen. Sie waren in einer Lage, die der frühen Schweiz ähnelte. Sie konnten noch auf dem Marktplatz zusammenkommen und mit Handheben abstimmen oder der »Regierung« ihre Meinung zurufen. Sie wussten damals nicht, wie man das nennen könnte, aber wir wissen es: Es war die sagenumwobene Demokratie, die es heute auf der Welt nicht mehr gibt. Sie verachteten die Untertanen-Demut und konnten sich eine Rückkehr, eine Umkehr nicht vorstellen. Sie drohte ja auch in Wahrheit gar nicht, aber allein die Erinnerung an die Unfreiheit ließ die Zornesader schwellen. Es war ihr Land, ihr Leben, ihre Freiheit, die in Gefahr waren - zu den Waffen! Zu den Waffen! Erleichtert wurde ihr Gewissen, als sie sahen, dass die ersten Soldaten, die England herüberschickte, fast alle bloß dämliche Deutsche waren, jene armen Teufel, die von ihren skrupellosen Landesfürsten gegen »Subsidien«, gegen Judasgeld, vermietet worden waren.

Wissen ist bekanntlich Macht, aber Nichtwissen erleichtert oft das Leben. Der zweite Teil des Satzes ist der berühmte »american way of life«. Das britische Korps landete im Juni 1776. Es landete nicht wie erwartet in Boston, um die aufsässige Stadt zu bestrafen und wieder zu besetzen. (Sie hatte eben nach einem blutigen Scharmützel die Engländer hinausgejagt und bis nach Canada getrieben). Auch Philadelphia, der Treffpunkt der Kongresse, wäre als erstes Ziel denkbar gewesen. Die Briten landeten jedoch überraschend in Long Island und marschierten sofort auf New York los. Die Kolonien hatten in Eile Freiwillige zusammengekratzt und nach New York geworfen. Befehlshaber: George Washington. Da ist er nun wieder, einst Oberst, jetzt General, der Mann mit der Sieger-Aureole. Man hatte ihn ungern gerufen, und ungern war er gekommen. Ungern gerufen, weil sich die Freiwilligen, vor allem die Squatters (Hinterwäldler) mit einem »Kommandierenden« absolut nicht abfinden wollten. Aber wie immer in der Welt sahen sich die Autorität zu beugen oder ein Sauhaufen zu bleiben. Es hatte im Kongress der ganzen Überredungskunst John Adams bedurft, um ihn zu berufen. Und ebenso ungern war George Washington dem Ruf gefolgt. Siegte England, so würde er als Hochverräter gehenkt werden, das ist kein angenehmer Aspekt, war jedoch nicht der Grund. Der Grund war, dass er Revolutionäre hasste. Er war ein altenglischer Tory. Er fühlte englisch (nämlich überhaupt nicht), dachte englisch (nämlich berechnend) und lebte englisch (nämlich innerlich und äußerlich wie ein Lord). Er war schon wohlhabend, als er mit siebenundzwanzig Jahren eine noch reichere Witwe heiratete; jetzt bewohnte er Mount Vernon, ein feudales Landschlößchen inmitten eines riesigen Besitzes, auf dem ein Heer von Arbeitern schuftete, darunter fünfzig Negersklaven, deren armseliges Dasein ihn, wie er sich einmal ausdrückte, durchaus bewegte. Wenn das der Fall war, hat man es ihm jedenfalls nicht angemerkt. Man hat ihm nie etwas angemerkt, er konnte sich beherrschen. Er war humorlos, total unmusisch, hochfahrend und verletzend. Die Fälle, in denen er jemand dankend die Hand gab, sind an fünf Fingern abzuzählen, und dass er später, als Präsident einem Volksvertreter je einen Stuhl angeboten hätte, ist nicht vorgekommen. Er muss, obwohl die Biographen ihn seit zweihundert Jahren reinzuwaschen versuchen, ein rechtes Ekel gewesen sein. Und wie so viel Öfter bei Ekeln als bei rumorigen Volksfreunden: integer. Nun fehlt noch die Antwort, warum er die Berufung annahm. Man vermutet drei Gründe, alle menschlich, aber ziemlich kleinkariert. Erstens nahm er hiermit etwas an, was seiner Überheblichkeit zustand. Sodann rächte er sich dafür, dass die britische Armee ihn einst als Offiziersanwärter abgelehnt hatte. Und schließlich war die amerikanische Unabhängigkeit, genauer gesagt, die Niederlage Englands, der einzige Weg, seine jenseits der Alleghenies im britischen Sektor liegenden gewaltigen Ländereien zurückzuerhalten. Sehr wohl war ihm nicht, als er den wilden Haufen sah, mit dem er siegen sollte. Die Amerikaner hatten zu dieser Zeit etwa dreihundert tausend Waffenfähige im Alter zwischen sechzehn und sechzig Jahren, alles Männer und Burschen, die mit dem Gewehr aufgewachsen waren, die Jungen zum Teil schon städtisches Proletariat und nicht mehr so gestählt wie die vorige Generation, aber dafür angeheizt von Umsturzideen und Partisanenträumen, Die Älteren alle energiegeladen und furchtlos, vor allem die Farmer und die Waldläufer, unter denen sich mancher als Scharfschütze einen Ruhm geschaffen hatte, der von Canada bis Florida reichte. Dreihunderttausend also - würden sie kommen? Wenigstens hunderttausend? Fünfzigtausend? Würden sie kommen? Von Norden, von Süden? Von weit her, zu Pferde, zu Wagen, zu Fuß? Aus den Städten, aus den Wäldern? Wir werden bald sehen, daß die ganze Berechnung falsch war. Die britische Operation ging zu schnell. Vor New York konnte Washington gerade achttausend Mann zusammenraffen, zu wenig, um sich auf ein Abenteuer einzulassen. Er gab die Stadt auf und zog sich zurück. Ein bißchen hohnlachte er noch, weil die Engländer die Zurückflutenden nicht verfolgten. Auch manche Historiker lächeln über den harmlosen General Lord Howe und seine Methoden »von anno dazumal«. Aber so sehr harmlos war Howe nicht. Er ließ Washingtonlaufen, ging auf das beherrschende Fort am Hudson los, nahm es und entschädigte sich mit zweitausendsechshundert Gefangenen. Blitzkrieg, Blitzsieg, Blitzirrtum. Lord Howe hätte sich nun gern an den Verhandlungstisch gesetzt. Der Tisch war da, Washington aber nicht. Der Lord wartete vergeblich. Wer weiß, wie lange er so dagesessen hätte, wenn es nach ihm gegangen wäre. Für ihn schien der Krieg beendet. Aber ein Krieg ist nie beendet, wenn nach einem Sieg unerklärliche Stille herrscht. Das sicherste Zeichen, dass ein Krieg zu Ende ist, besteht darin, dass der Plebs des besiegten Volkes auf die Straße rennt, mit Taschentüchern winkt und den verschwitzten Siegern die letzte, vom Munde abgesparte Flasche Bier darreicht. Dann dürfen auch getrost noch hunderttausend Soldaten in unversehrten Forts stehen. Lord Howe hatte, da sich nichts rührte, die Vorstellung, er müsse nun damit beginnen, das Land zu besetzen. Er teilte also seine Truppen und tröpfelte sie in die schon vorsorglichen Winterquartiere, die einen hierhin, die anderen dorthin. Er war zufrieden und London war es auch. Man konnte an den Urlaub denken, an Brighton oder das schottische Grampian und seine Forellen. In diesem Augenblick ging unerwartet eine Bombe hoch: Ein turbulenter Kongress in Philadelphia nahm mit den Stimmen von zwölf Kolonien die Erklärung der Loslösung von England an! Es war der 4. Juli 1776. Die Vereinigten Staaten von Amerika waren geboren! Der Donnerschlag dröhnte bis nach Europa hinüber, aber er schreckte nicht viele auf. Dem alten Fritzen war Amerika Wurst, Maria Theresia bereitete sich auf den Bayrischen Erbfolgekrieg vor, Zarin Katharina II. hatte gerade den Krieg mit der Türkei und den Kosakenaufstand hinter sich - nur in Paris und Madrid spitzte man die Ohren, Man wartete auf weitere Nachrichten. Vereinigte Staaten? Was war das?

Ja, was war das? Wenn schon das Wort »Staat« für diese »zwei Dutzend Städtchen« komisch in europäischen Ohren klang, so standen die Zeitgenossen damals vor dem Wort »Vereinigte« gänzlich ratlos. Die Kolonien hätten sich zu einem Staat vereinigen können, natürlich, doch das taten sie ja nicht, sie blieben ein Dutzend und bildeten - was, zum Teufel, bildeten sie? Es war ohne Beispiel. Vereinigte Königreiche kannte man. Das war leicht zu verstehen. Es war ein König, der sich andere Länder unter den Nagel gerissen oder erheiratet hatte. Hier aber hatte niemand gerissen und niemand geheiratet. Wenn man dieses Modell ins Europäische übersetzte, so hatte man sich vorzustellen, dass England, Frankreich, Preußen und wer weiß, wer sonst noch, sich »vereinigten«. Das war grotesk, das war Utopie. So lagen die Dinge in Amerika natürlich nicht. Ein Mensch, der noch alle fünf Sinne beieinander hat, begreift, dass in der Welt etwas zusammenfindet, was seiner Natur nach zusammengehört. Aber zu was? Das war immer noch ziemlich unklar. In der Tat, es war auch den Vätern der USA noch ein bisschen unklar. Sich für unabhängig zu erklären, ist einfach. Solche Erklärung aber zu einem Fundament, einer Art Verfassung zu machen, ist schwer. Die Formulierung ist lange Zeit im stillen Kämmerlein gebrütet worden. Es war wirklich ein Kämmerlein. Im Frühsommer 76 saßen fünf Männer in einem kleinen Zimmer in Philadelphia beisammen, schwitzten und grübelten vor sich hin oder stritten erbittert gegeneinander, mit Ausnahme von Thomas Jefferson, dem jedes Gekreisch zuwider war. Er hatte kaum die ersten zwei Sätze formuliert:

»Wenn es im Laufe der geschichtlichen Ereignisse für ein Volk notwenig wird, die politischen Bande zu lösen, die es mit einem anderen verknüpfen, und unter den Mächten der Erde die gesonderte und gleichwertige Stellung einzunehmen, zu der die Gesetze der Natur und des Schöpfers es berechtigen, so erfordert eine geziemende Achtung vor der Meinung der Welt, dass es die Gründe angibt, die notwendig zu der Trennung führten. Wir halten es für eine einleuchtende Wahrheit, dass alle Menschen gleich und unabhängig geboren sind . . .«

- da sprangen John Adams und Thomas Paine auf und verlangten die Streichung des Wortes »unabhängig«, der eine, weil er es für eine damned Lüge, der andere, weil er es für einen Widerspruch zur Unterordnung unter den Volkswillen hielt. Man kann, rief er, nicht ein staatliches Zusammenleben mit der Verneinung des Staatswillens beginnen. Alle redeten. In dem Zimmer herrschte der schönste Krach. Noch nie war diesen fünf Männern so klar geworden, wie viel sie voneinander trennte. Ein fortschrittsgläubiger Parsifal wollte in das Dokument die Verurteilung der Sklaverei aufgenommen sehen, worauf der Südstaatler explodierte. Der Passus wurde gestrichen. Statt dessen kam ein poetischer, janusköpfiger Satz hinein: »Zu den unveräußerlichen Rechten aller Menschen gehören das Recht auf Leben und Freiheit, sowie das Streben nach Glück.« Flott ging es bei der Anklage des englischen Königs:

»Die Geschichte dieses Königs ist eine Kette von Anmaßungen, die alle darauf abzielen, eine unbegrenzte Tyrannei über die Staaten aufzurichten. . . Er hat unsere Meere geplündert, unsere Küsten verheert, unsere Städte niedergebrannt, unsere Landsleute getötet. Er landet jetzt große Heere fremder Söldner, die das Werk der Zerstörung vollenden sollen.« Als die Stube endlich so verqualmt war (in Virginia wuchs der beste Tabak), dass es sogar den berühmten Stechfliegen des Delaware zu viel wurde, war das Werk vollendet. Stellen Sie sich vor: eine Staatengründung ohne Sekretärin und Schreibmaschine! Über das, was nun zu tun war, sagte es leider nichts aus, denn man wusste es selbst nicht. Man wusste nur eines: Man war frei von England und hatte sein Schicksal ganz in die eigene Hand genommen. Die Macht sollte niemals mehr »von Gottes Gnaden« sein, wie unter den Königen, sondern von Volkes Gnaden. Als die fünf Männer dem Kongress meldeten, sie seien bereit, schritt man zur feierlichen Ratifizierung. Das Kongressgebäude war ein simples lang gestrecktes Haus, zweistöckig, und lag an einem dörflich anmutenden, Kopfsteingepflasterten Platz. Auch die Linden fehlten nicht. Dorthin »strömten« also die fünfundachtzig Vertreter. Neben Benjamin Jefferson, John Adams, Livingston und Sherman auch die ehrwürdige Gestalt des siebzigjährigen Benjamin Franklin der Kolonien zusammen. Der Saal, in dem die Zeremonie stattfand, war ebenfalls bescheiden. Ein kahler Raum, in dem man heute höchstens Zivilprozesse bis zu eintausend Euro verhandeln würde, die Fenster mit Stoff gerahmt, zwei hohe Türen mit klassischer Steineinfassung, und dazwischen als Wandgemälde die Apotheose aller Kriegervereine: Trommel und gekreuzte Fahnen. Etwas erhöht an einem plüschgedeckten Tisch der Präsident des Kongresses, davor »die Fünf« stehend, dahinter sitzend die Abgeordneten, noch mit kleiner Perücke und in Kniehosen, aber nicht mehr fritzische wirkend; es liegt deutlich ein neuer Hauch von bürgerlicher Einfachheit und Demokratie darüber. John Trumbull hat die Szene zehn Jahre später gemalt (er wird also wohl schon ein bisschen in Richtung »Stille Einfalt, edle Größe« gemogelt haben). Es ging durchaus nicht ohne Auseinandersetzungen und Nörgeleien zu. Man kritzelte auch noch in dem Konzept herum. Endlich war es soweit; feierlich wurden die Unterschriften vollzogen (New York, noch besetzt und auch immer noch verdächtig englandfreundlich, enthielt sich für den Moment); feierlich gingen alle nach Hause.

Viele Männer waren ihm nicht geblieben. Das lag nicht etwa an den Verlusten, es lag daran, dass die wackeren Kämpen nach Hause zu gehen pflegten, sobald für ihr Gebiet die unmittelbare Gefahr beseitigt war. Sie fanden das in Ordnung; sie waren freiwillig gekommen und gedachten, auch wieder zu gehen, wenn es ihnen passte. Hierin hatte auch der Fehler in Benjamin Franklins Berechnung gelegen, als er dreihunderttausend Wehrfähige erwartete. Gewiss, die meisten von ihnen (außer den nicht so wenigen England-Loyalen) waren entschlossen, die Unabhängigkeit zu verteidigen. Aber sie hatten eine kuriose Vorstellung von Unabhängigkeit, sie meinten damit die ihrer Familie, ihrer Farm, ihres Dorfes, ihres Städtchens. Die englischen Truppen waren für sie so eine Art Indianer, die man von Haus und Hof abwehren musste. Wohin abwehren? Die Frage erinnert lebhaft an die schwäbische Anekdote, in der ein Gemeindediener durch das Dorf geht und die Bekanntmachung ausklingelt: »Auf oberamtlichen Befehl lauft a wütender Hund rum; wer ihn sieht, soll ihn nüberjagen ins Bad'sche, darmits kei Unheil gibt.« Sehr weit entfernt davon war die Einstellung der Freiwilligen nicht, und sie waren gerade dabei, den ganzen Krempel hinzuschmeißen, als der nächste Kongress Kriegsdienstverpflichtungen beschloss und die Befehlshaber von Truppen zu Strafen ermächtigte. Washingtonhatte keinen anderen Ausweg gewusst, er fand die Schrullen und den Eigensinn der alten Kämpen alles andere als komisch. Am gefährlichsten waren in seinen Augen die kleinen Siege, die die Bevölkerung beruhigten und den Krieg nicht entschieden. De facto klappte nichts. Die Eingezogenen mussten nun offiziell Löhnung erhalten, aber der Kongress hatte kein Geld. Steuern zu erheben, wagte er nicht, das Wort Steuern war ein rotes Tuch. Man konfiszierte Krongüter und Besitzungen von Rückgewanderten Royalisten, man konfiszierte sogar Häuser von Leuten, die kein anderes Verbrechen begangen hatten, als gegen die Unabhängigkeit zu sein, mit einem Wort, man benahm sich durchaus modern, so, wie sich neue Herren zu benehmen pflegen, die nicht mehr aus noch ein wissen. Man benahm sich im Namen des Volkes. Und als alles nicht ausreichte, begann man, Papiergeld zu drucken, im Ganzen so an die vierhundert Millionen Dollar. Der »Dollar« war die neue amerikanische Währung; auch auf sie waren ihre Väter sehr stolz. Leider war sie ungedeckt, und das freute sie weniger. Es kam der Tag, an dem (wörtlich) die Friseure damit ihre Barbierstuben tapezierten. Es musste was geschehen. Ach Gott, ja, es musste an allen Ecken und Enden etwas geschehen. Man sandte Benjamin Franklin, den bewährten Botschafter und »Blitzableiter«, nach Paris. Der brave alte Herr, immer freundlich, immer schlicht im kaffeebraunen langen Rock inmitten der s über glitzernden Hofgesellschaft schaffte es. Wir werden gleich sehen, was er schaffen sollte. Inzwischen ging drüben der Krieg weiter. Die sechstausend Soldaten unter Bourgoyne waren wirklich von Canada losgezogen und befanden sich auf dem Wege ins Hudsontal. Es war elend heiß, solange sie über Berge und Geröll zogen, und es war duster und unheimlich, wenn es durch die Wälder ging. Mit ein Paar Stiefeln und leerem Magen wird alles doppelt unerfreulich. Nach einigen hundert Kilometern riss die Nachschubverbindung ab. Bourgoyne schickte Trupps aus, um Lebensmittel zu besorgen - die Trupps kehrten nicht zurück. Am oberen Hudson angelangt, dezimiert und halb verhungert, machte das Regiment Halt. Von dort bis New York, wohin Bourgoyne eigentlich wollte, sind es auch für den besten Marschierer noch einige hundert Kilometer. Man horte läuten, Lord Howe habe sich in Bewegung gesetzt. Das hatte er. Aber nicht, wie es nahe gelegen hätte, Bourgoyne entgegen, sondern per Schiff in Richtung Delaware-Mündung. Er plante einen Entlastungsangriff auf Philadelphia. Nun - man kann entlasten. Unzweifelhaft ist das bisweilen eine gute Idee. Aber dazu ist Voraussetzung, dass den Amerikanern der Verlust von Philadelphia ein schwerer Schlag bedeutet hätte. Lord Howe schwebte so etwas Patriotisches vor wie England ist gleich London, Frankreich ist gleich Paris, Preußen ist gleich Potsdam, Amerika gleich Philadelphia. Doch den Amerikanern war der Kongressschuppen ziemlich schnuppe. Man zog einfach um. Howe schlug General Washington, der sich ihm entgegenstellte, und nahm die Stadt. Er hatte also »entlastet«. Ging es jetzt leichter mit Bourgoyne und seiner Truppe? Wie sollte es denn! Er stand immer noch Gewehr bei nacktem Fuß und leerem Magen. Natürlich ahnte er, dass mit jedem Tag, den er den Amerikanern Zeit ließ, die Zahl der Freiheitskämpfer wachsen würde. Aber dass die Amerikaner schon die vierfache Übermacht hatten, das wusste er leider nicht. Zu spät beschloss er, im offenen Gefecht die Wende herbeizuführen. Es gelang ihm zwar, doch leider negativ. Er verlor die Schlacht, kapitulierte und ging mit dem gesamten Regiment in Gefangenschaft. Bis Saratoga war er gekommen. General Gates, einst britischer Offizier, war der Sieger von Saratoga. In diesem Moment war George Washington fast vergessen; Gates war der neue Heros. Ein schöner Sieg. Nicht übel, wirklich. Von weitem sah er noch schöner aus als von nahem. Paris zum Beispiel war entzückt! Ja, diese Amerikaner, dieses urwüchsige Volk! Die französische dekadente Gesellschaft war gerade mitten im Jean-Jacques Rousseau-Fieber. Benjamin Franklin lenkte das Entzücken in die richtigen Bahnen, nämlich in die finanziellen. Es ging Frankreich selbst nicht gut, aber der Gedanke, das »schlichte Hirtenvölkchen in Amerika in seiner tugendhaften Armut (Armut ist laut Rousseau immer tugendhaft) zu unterstützen«, war ebenso schön wie der Gedanke, den Engländern eins auszuwischen. So also kamen zunächst einmal die Finanzen des Kongresses einigermaßen wieder in Ordnung. Amerika schrie aber nicht nur nach Geld, es schrie auch nach militärischer Hilfe. General Washington war nach der Niederlage bei Philadelphia in eine böse Lage geraten. Er hatte sich nicht ins Innere Pennsylvanias zurückgezogen, um nicht das ganze reiche, fruchtbare Land offen preiszugeben, sondern sich in Valley Forge, kurz hinter Philadelphia, verschanzt. Sein Lager befand sich einigermaßen sicher im Zusammenfluss- Delta zweier Flüsse. Lord Howe griff ihn nicht an, entweder aus Dummheit oder aus Klugheit, der Effekt war derselbe: Der Winter kam und Washingtonsaß in der Falle. Er war abgeschnitten. Seine dreitausend Mann froren jämmerlich und hungerten noch jämmerlicher. Der Kongress schickte keine Hilfe. Washingtonwar nicht mehr up to date. General Gates, der neue Heros, intrigierte heimlich, andere intrigierten offen. Im Februar gingen Wolkenbrüche nieder, die das ganze Tal in einen Sumpf verwandelten. Die Soldaten bekamen Fieber, Typhus, Vergiftungen und starben wie die Fliegen. Es gab die ersten Deserteure. Washingtonselbst gönnte sich nicht mehr als jedem einfachen Mann. Seine Leute verehrten ihn. Am 6. Februar 1778 schlössen Frankreich und Amerika offiziell ein Bündnis. Französische Truppen landeten, ohne dass England es verhindern konnte, und stießen auch bis Valley Forge vor. Der Durchhaltegeneral war gerettet und wieder ein Held. So ist das. Unter denen, die den Dreispitz ziehend, ihm die Hand reichten, war auch ein siebenundvierzig jähriger Mann aus Deutschland, der bald eine Schicksalsfigur der Vereinigten Staaten werden sollte. Amerika benannte vier Städte nach ihm und feiert bis heute seinen Gedenktag.

[bearbeiten] Preußentum

Der Mann hieß Friedrich Wilhelm von Steuben. Wenn man im Lexikon nachschlägt, findet man folgende knappen Zeilen:

»Steuben, Friedr. Wilh. von, geb. 1730 in Magdeburg, gest. 1794 in Steuben (Oneida County), trat 1747 ins preußische Heer, wurde 1764 unter undurchsichtigen Umständen als Hauptmann verabschiedet, ging als Hofmarschall des Fürsten von Hohenzollern nach Hechingen, wurde 1775 badischer Oberst und wanderte 1777 nach Nordamerika aus, wo er rasch das Vertrauen Washingtongewann. Er stieg zum Generalmajor und Generalinspekteur auf. Er übertrug seine preußische Generalstabserfahrung auf die amerikanische Revolutionsarmee für die taktische und operative Kriegsführung gegen die englischen Truppen - der Sieg der Amerikaner geht zum großen Teil auf ihn zurück.«

Ich kenne nur ein einziges Porträt von Steuben. Es zeigt ein schmales langes Gesicht, viel eher wienerisch als preußisch.

Friedrich Wilhelm von Steuben (1730-1794)
Friedrich Wilhelm von Steuben (1730-1794)

So ähnlich sah Joseph II., der Sohn Maria Theresias aus, und so ähnlich werden sich beide wohl auch im Geiste gewesen sein: Jünger der Aufklärung. Steuben ist auf dem Bilde auch nicht in Uniform, er trägt einen einfachen Rock mit Schillerkragen, und auf dem Kopf einen bäuerlichen Jägerhut (Kulturhistorisch interessant. Im 17. Jahrhundert galt er noch als feudaler Jagdhut. Auf Velasquez' Bildern tragen ihn König Philipp und sein Bruder Don Fernando. Hundertfünfzig Jahre lang war er dann Bauernmütze, bis ihn die deutschen Landjunker Ende des 18. Jahrhunderts wieder zum Ritterguts-Symbol machten. Hitlers Reichsarbeitsdienst griff erneut auf ihn zurück.) Wenn Sie mich fragen: Er hat mit dem Alten Fritzen Krach bekommen. Wenn der König etwas nicht vertragen konnte, dann waren es Phantastereien. Sie begleiteten Steuben (wie so oft hochbegabte Menschen) ein Leben lang. Als er durch Vermittlung Frankreichs nach Amerika ging, ließ er sich noch schnell zum General umdichten. Er hat die Geisteshaltung der Amerikaner richtig eingeschätzt. Steuben wurde ein wahres Geschenk des Himmels. Er machte aus dem Andreas Hofer ähnlichen Soldatenhaufen ein fast preußisches Heer. Die »Vereinigten Staaten« hatten es bitter nötig, ihren führenden Köpfen war klar, dass der Ernst des Krieges jetzt erst beginnen würde. Er begann. Frankreich erklärte England offiziell den Krieg. Spanien und Holland - Morgenluft, witternd - schlössen sich an. Mitteleuropa, Skandinavien und Russland verbündeten sich zu einer »neutralen Allianz« gegen England. Wenn es den Briten auch nicht an den Kragen gehen würde - eine ganz schöne Ansammlung von Feinden. London antwortete mit der Entsendung einer Elitetruppe unter General Clinton. Sie landete nicht an einem der Brennpunkte im Norden, sondern in Georgia. Die Front sollte von Süden aufgerollt werden. Clinton nahm Georgia und Carolina. In Charleston erwischte er einen amerikanischen »General« mit fünftausend Mann. Das sind eine Menge Leute; wohin mit ihnen? Fast zur gleichen Zeit überrumpelte der im Norden operierende Lord Cornwallis den Liebling der Amerikaner, Gates, mit seinen Truppen. Der Gefangenenklotz am Bein wuchs. Man war alles andere als glücklich. Sobald die Briten weiterzogen, ging hinter ihnen das Leben weiter, als wäre nichts geschehen; die amerikanische Selbstverwaltung setzte wieder ein, neue Partisanengruppen bildeten sich - alles schien umsonst. Im August 1780 stand Clinton schon nahe vor den Toren Richmonds. Er hoffte, sich mit Cornwallis vereinen zu können, aber Cornwallis fummelte so lange herum, bis er von inzwischen eingetroffenen französischen Truppen an die Küste abgedrängt wurde. Er verschanzte sich in Yorktown und wollte in Ruhe die Unterstützung der britischen Flotte abwarten. Um es kurz zu machen: Fünftausend Mann, die Frankreich schleunigst herübergeworfen hatte (unter Rochambeau und Lafayette) sowie einige tausend von Steuben gedrillte Nordstaatler unter George Washington schlössen Yorktown ein und zwangen Cornwallis mit siebentausend Mann zur Kapitulation. Das war ein sehr fetter Brocken! Nun gab es noch Clinton. Das stimmt, aber wie sah er aus, mit seiner angeschlagenen Truppe und fünftausend Gefangenen am Halse! Er tat das klügste, was er tun konnte: nichts. Es gab auch nichts mehr zu tun: mit der Kapitulation Cornwallis' war die Entscheidung eigentlich gefallen, der Krieg war praktisch aus. Verloren hatte ihn das Parlament in London. Man schickt nicht. Man schickt nicht eine Handvoll Regimenter los, ein Land von zweitausend Kilometer Länge, voller feindlicher Bevölkerung und mit französischen Gardetruppen zur Seite, zu erobern. Denn erobert hätte es werden müssen. König George III. wollte es immer noch nicht glauben. Notabene war er nicht ganz klar im Kopf. Über diesen konfusen Kopf hinweg rief London seine Generäle und Soldaten zurück. Einige Forts im Innern des Landes hielten weiter aus, aber die Küste war sauber. Es dauerte noch einmal ein Jahr, ehe George III. in einer feierlichen Thronrede die »Vereinigten Staaten von Amerika« als unabhängig und souverän anerkannte. Das geschah am 5. Dezember 1782. Eine lange Leidenszeit für die Amerikaner war vorüber. Sie müsste eigentlich ein paar Bücher statt ein paar Seiten füllen. Aber welche Leidenszeit müsste das nicht und wird mit noch weniger Zeilen abgetan?

Unschuldig wie ein neugeborenes Kind traten die USA ins Leben. Sie waren in so einzigartiger Lage wie nach dem Zweiten Weltkrieg die DDR. Die Deutschen der DDR haben bekanntlich nie das geringste mit Hitler zu tun gehabt, sie waren nicht in Stalingrad, von Coventry haben sie nie etwas gehört, sie waren nicht in Patras, nicht in Tobruk, die DDR war da noch gar nicht geboren; sie ist an nichts schuld und niemandes Rechtsnachfolger. In dieser Lage wa