Bismarck, Otto von

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Otto von Bismarck
Otto von Bismarck

Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen (* 1. April 1815 in Schönhausen, heute Sachsen-Anhalt; † 30. Juli 1898 in Friedrichsruh bei Hamburg), auch der Eiserne Kanzler genannt war ein deutscher Politiker. Bismarck gilt allgemein als der Gründervater des 1871 wiedererrichteten deutschen Nationalstaates Deutsches Reich. Bismarck war zugleich auch bis 1890 dessen erster Reichskanzler. Zuvor war Bismarck Bundeskanzler des Norddeutschen Bundes sowie Ministerpräsident und Außenminister von Preußen.

Inhaltsverzeichnis

[bearbeiten] Leben

[bearbeiten] Vorwort

Am 30. Juli 1898 verstarb Otto von Bismarck. Er war einer der wichtigsten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts, welches man auch als das "europäische Jahrhundert" bezeichnet. Mit Deutschland hat Bismarck, die Gewichte in Europa grundsätzlich verändert. Nach der Gründung des Reiches 1871 hat das Gleichgewicht der Völker auf dem Kontinent sich verschoben und nichts mehr war so, wie es zuvor gewesen ist. In unseren Tagen versuchen manche Historiker und Politiker, aus Bismarck eine Art von "frühem Ahnherren" der Bundesrepublik zu machen. Sie ziehen eine Linie zwischen dem Deutschen Reich und der Ausweitung der BRD durch die Angliederung der DDR 1990 und "übersehen" dabei die Entwicklung zwischen der Reichsgründung und der Wiedervereinigung in unseren Tagen. Vor allem aber sind sie nicht bereit, Otto von Bismarck so zu sehen wie er wirklich war. Als BRD- Ahnherr ist der einzige Reichskanzler nämlich denkbar ungeeignet. Bismarck war Zeit seines Lebens ein erbitterter Gegner des Parlamentarismus. Die Farben Schwarz-Rot-Gold, heute Staatsfahne der Bundesrepublik, hat er gehaßt und verachtet. Bürgerliche Demokratievorstellung waren Bismarck fremd. Für Juden hatte der "eiserne Kanzler" wenig Sympathie, die Polen hat er pauschal abgelehnt und sich immer wieder negativ über sie geäußert. Alle Bürokratie waren für Bismarck ein rotes Tuch und zu keinem Zeitpunkt war er bereit, der sozialdemokratischen Opposition seiner Tage ein reale Chance zu geben, die Geschicke des Landes mitzubestimen. Die gewählten Abgeordneten seiner Zeit hat er bisweilen heftigst beschimpft und von Gewaltlosigkeit hat er schon als junger Mann nichts gehalten. Kurz und knapp gesagt: Würde Bismarck in der BRD des Jahres 2008 leben und sich so verhalten, wie er sich im letzten Jahrhundert verhalten hat, die Staatsschutzorgane wären mit diesem Mann und seiner Vorstellung sicher nicht einverstanden.

[bearbeiten] Vom Studenten zum Gutsherren

Bismarck wurde am 1. April 1815 auf dem väterlichen Gut Schönhausen in der Altmark geboren. Seinen ruhigen und naturverbundenen Vater Karl Wilhelm Friedrich hat er bis zu dessen Tod abgöttisch geliebt, derweil er seine ehrgeizige und strenge, aber auch hochgebildete und kluge Mutter nach eigenem Bekunden abgelehnt hat. Im Januar kommt der junge Bismarck in ein Berliner Internat, von 1827 bis 1832 besucht er das Gymnasium der Hauptstadt Preußens. In seinem Abiturzeugnis (es gehört nicht zu den besten) wünschen ihm seine Lehrer "erneuten Eifer" fürs anschließende Studium. Der Wunsch sollte sich nicht erfüllen. Ab dem Sommersemester 1832 studierte Bismarck zunächst in Göttingen, dann in Berlin Rechtswissenschaft. Ein vorbildlicher Student ist er ganz bestimmt nicht gewesen. In Göttingen war er eher auf dem Fechtboden oder in der Kneipe anzutreffen, als im Studierzimmer. In der geruhsamen Universitätsstadt hatte der breitschultrige und großgewachsene junge Mann, der wenig Wert auf seine Kleidung legte und von argen Schulden geplagt wurde, einen Ruf wie Donnerhall. In Berlin wieder hat man ihn kaum je in einer Vorlesung in der Universität gesehen. Sein Examenswissen hat er sich schließlich vom Repetitor einpauken lassen. 1835 legte Bismarck sein erstes juristisches Examen ab, dem ab 1836 eine Referendarzeit folgte. Sie war wenig erfolgreich. 1839 übernimmt Bismarck nach dem Tod seiner Mutter die Verwaltung einiger Güter der Eltern und ist nun endlich, mit 24 Jahren, sein eigener Herr.

[bearbeiten] Der Beginn seines Kampfes

1847 beginnt Bismarck in der deutschen Geschichte eine fast beispiellose politische Karriere. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hatte den sogenannten "Vereinigten Landtag" einberufen. Der junge Gutsherr Otto von Bismarck-Schönhausen war für einen erkrankten Standesgenossen in den Landtag eingezogen und hielt am 17. Mai 1847 eine erste längere Rede. Sie rief bei vielen Abgeordneten einen Sturm der Entrüstung hervor. Bismarck wies die Forderungen, die die liberalen Parlammentarier an den König gestellt hatten, schroff zurück und hielt ihnen eine geschichtliche Lehrstunde. Ein solches Verhalten von einen noch so jungen Mann waren die Herren im Parlament nicht gewohnt. Fast schon über Nacht wurde der Name des Gutsherren im ganzen Land Preußens bekannt.


[bearbeiten] 1848 - die Revolution die keine war

Nur zehn Monate später brach in Preußen und diversen anderen deutschen Staaten der Revolution aus. Die Motive der Aufständischen sahen auf den ersten Blick durchaus ehrenhaft aus: Sie wollten die deutsche Kleinstaaterei durchbrechen und die deutschen Fürsten und Könige mit mehr oder oft auch weniger friedlichen Mitteln dazu zwingen,ein einheitliches Reich aller Deutschen zu errichten. Bei näherer Betrachtung erwiesen sich die Revolutionäre allerdings als demokratische Phantasten, die ernsthaft beabsichtigten, über ein gewähltes Parlament ohne hinreichende Machtmittel die bisherigen deutschen Strukturen durch neue zu ersetzen. Ihr Zeichen war die Fahne Schwarz-Rot-Gold. So wie kaum ein anderer Zeitgenosse war Bismarck entschlossen, sich diese Träumern auch gewaltsam entgegenzustellen. Als im März 1848 auch in Schönhausen Demokraten versuchten, eine Revolutionsfahne zu hissen und die Macht an sich zu reißen, stellte sich Bismarck mit seinen bewaffneten Bauern gegen diese Leute und drohte offen, von der Schußwaffe Gebrauch zu machen. Seine Position war klar: Ja zur Einheit der Deutschen, aber auch Nein zu einer schwächlichen demokratischen Republik. Die Zukunft sollte Bismarck recht geben. Die Revolution zerbrach schon wenig später an der inneren Zerrissenheit ihrer Triebkräfte, an der mangelnden Entschlußkraft ihrer Führer und nicht zuletzt an ihrer ungenügenden Akzeptanz im Volk. Bismarck sagte später, mit Mehrheitsbeschlüssen lasse sich eben kein Reich aufbauen. Das sei der Fehler von 1848 gewesen. Zwar hatte der preußische König Truppen nach Baden, Dresden und in die bayrische Pfalz geschickt, um dort mitzuhelfen, die lokalen Aufstände niederzuwerfen, doch zugleich setzt auch Friedrich Wilhelm IV. alles daran, eine Union der deutschen Staaten als Vorstufe zum einheitlichen Reich aller Deutschen zu schaffen. Zwar hielt der König Bismarck nach dessen Auftritten 1847 und 1848 für einen gefährlichen Hitzkopf, dessen Radikalität stets weit übers Ziel hinausschoß. Doch trotzdem setzt er Vertrauen in den jungen Mann und förderte seine Karriere nach Kräften. Er schickte ihn als Gesandten zum Frankfurter Bundestag, wo Bismarck Zeit und Gelegenheit erhielt, die Kräftverhältnisse im zersplitterten Deutschland eingehend zu studieren.

1857 übernahm Wilhelm I. die Regierungsgeschäfte von seinem Bruder Friedrich Wilhelm IV. . Ein Jahr später wurde er Regent und schließlich 1861 König von Preußen. Der neue König sollte für Bismarck zur Schicksalsfigur werden. Fleiß, gesunden Menschenverstand, Härte gegen sich selbst, völlige Anspruchlosigkeit und Liebe zur Heimat zeichneten den Monarchen aus. Zunächst schickte er Bismarck nach St. Petersburg, um dort am Zarenhof die Interessen Preußens zu vertreten. Von Bismarck folgte dem Befehl klaglos und hatte nun die Möglichkeit, seine diplomatischen Fähigkeiten auch auf internationalem Gebiet auszubauen. Die Zeit in Rußland hat der preußische Diplomat intensiv genutzt und sie hat ihn wohl auch geprägt. Ein festes Bündnis zwischen Deutschen und Russen galt für Bismarck fortan als lebenswichtig für die Zukunft des deutschen Landes. Dabei war es wohl nicht nur die Liebe zu den Menschen Rußlands, die ihn beeinflußt hat. Vor allem lernte er in seiner Zeit in St. Petersburg, die riesigen Kräfte dieses Landes zu respektieren. 1862 spitzte sich in Berlin eine Krise zwischen dem Parlament und dem König stetig weiter zu. Bismarck wurde aus Rußland abberufen und in die Hauptstadt Preußens zurückbeordert. Man deutete ihm an, seine Ernennung zum Ministerpräsidenten stehe womöglich bevor, er sollte den Streit zu Gunsten des Königs Wilhelm I. entscheiden. Aber dann wurde er "nur" zum Gesandten in Paris ernannt und dorthin entlassen. Der König zögerte noch, den Hitzkopf aus der preußischen Provinz mit dem zweitwichtigsten Amt im Staat zu betrauen.

[bearbeiten] Mit Bismarck aus der Staatskrise

Am 23. September 1862 ernennt Wilhelm I., König von Preußen, Otto von Bismarck zum Ministerpräsident. Erst in höchster Not hat sich der Monarch entschließen können, Bismarck ins höchste Staatsamt zu berufen. Der Streit mit dem Parlament war zu diesem Zeitpunkt bereits so eskaliert, daß Wilhelm I. daran dachte, abzudanken. Weder er noch die öffentliche Meinung haben ernsthaft gehofft, der neue Ministerpräsident könnte sich gegen das Parlament durchsetzen. Die Zeitgenossen prognostizierten Bismarck ein rasches und schmähliches Scheitern. Sie sollten sich täuschen. In der Auseinandersetzen mit den Parlamentariern setzte der frischgebackene Ministerpräsident Preußens von Anfang an auf eine harte Konfrontationspolitik. Er zeigte nicht die geringste Neigung, sich mit den Herrn Abgeordneten um einen Kompromiß zu bemühen, sondern regierte fortan mit Vertragsbeschlüssen, Auflösungsbescheiden und sogar Drohungen mehr gegen als mit dem Parlament. Damit hat er sich zwar den Haß der Parteien zugezogen, aber auch den Staat Preußen aus einer tiefen Krise befreit. Die Härte des preußischen Ministerpräsidenten sollte wenige Jahre später ihre erste große außenpolitische Prüfung erfahren. Die Dänen machten sich daran, Schleswig und Holstein durch Geistliche, Lehrer und Beamte für ihren Staat zu gewinnen. 1863 hatten sie in einem beispiellosen Gewaltakt sich Schleswig einverleibt und ließen nun nichts unversucht, diese Teile Deutschland ganz und gar zu "dänisieren". Preußen und Österreich gingen 1864 gemeinsam militärisch gegen die Dänen vor und siegten. Im Frieden von Wien mußte Dänemark "auf ewig" auf die Herzogtümer Schleswig- Holstein und Lauenburg verzichten. Die gemeinsame Führung der zurückgewonnenen Gebiete führte zu Spannung zwischen Preußen und Österreich. Es kündigte sich eine Auseinandersetzung an. Daß Österreich ein Bestandteil Deutschland wie etwa Bayern, Sachsen oder Preußen war, stand damals für jeden Zeitgenossen außer Frage. Auch Bismarck sah Österreich zu keinem Zeitpunkt als "Ausland", wie dies Frankreich oder Russland waren. Es unterlag für ihn jedoch auch keinen Zweifel, daß die staatliche Einheit Deutschlands im 19. Jahrhundert nicht mit dem, sondern nur ohne Einschluß Österreich zu erreichen war. Er verachtete die Politik des österreichischen Fürstenhauses Habsburg und sah keinen Weg, den Vielvölkerstaat im kommenden Deutschland zu integrieren. Für seine Zeit waren diese Überlegungen sicher richtig.

[bearbeiten] Der Weg zum Reich

1866 beginnt der deutschen Bruderkrieg zwischen Preußen und Österreich. Die Preußen schlagen die Österreich vernichtend in der Schlacht bei Königgrätz in Böhmen und besiegen auch ihre Verbündeten in Nord- und Süddeutschland. Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt am Main werden Preußen einverleibt, derweil die süddeutschen Staaten geschont werden. Geschont wurde vor allem Österreich und der folgende Friedensschluß zwischen den beiden großen deutschen Mächten kann nur als maßvoll bezeichnet werden. Bismarck verzichtete auch auf jede Demütigung und Kränkung der Österreicher und stellte sich damit einmal mehr in krassen Gegensatz zur öffentlichen Meinung in Preußen. Der Ministerpräsident, der über diese Frage sogar eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seinem König nicht scheute und seinen Rücktritt androhte, hat nichts unversucht gelassen, um Österreich die Niederlage so erträglich wie möglich zu machen. Damit erhielt er Österreich als möglichen Partner für künftige Kriege mit fremden Mächten und legte den Grundstein für einen zukünftigen Weg des Landes zurück in den Verbund der deutschen Länder. Diese Episode zeigt beispielhaft, daß Otto von Bismarck auch im Triumph stets klaren Kopf behielt und politisch immer in langen Zeitabläufen dachte. Selbst wenn seine Umgebung um der kurzwilligen Erfolge bereit war, dauerhafte Ziele in Frage zu stellen. Die Jahre von 1862 bis 1870 stellten sich aus heutiger Sicht als Vorspiel zur Einheit der Deutschen in einem gemeinsamen Staatsverband dar. Bismarck ist es gelungen, den norddeutschen Raum zu einigen und einen großen Teil der süddeutschen Staaten fest an Preußen zu binden. Damit war der Weg zur Schaffung des Reiches frei. Der Preis aber war hoch: Österreich war, jedenfalls fürs erste, von der Entwicklung ausgeschlossen. Seine Angliederung ans neue Deutschland konnte vorerst niemand erwarten. 1870 spitzten sich die Konflikte zwischen Preußen und Frankreich immer weiter zu. Der französische Kaiser Napoleon III. hatte schon 1866 versucht, sich massiv in innerdeutsche Angelegenheiten (den Friedensschluß zwischen Preußen und Österreich) einzumischen und unverschämte Forderungen an die deutschen Staaten gestellt. Jetzt richtet er erneut Forderungen an Preußen. Diesmal wurden Napoleons "Wünsche" jedoch öffentlich und in harter Form zurückgewiesen. Darauf erklärt Frankreich am 19. Juli 1870 Preußen den Krieg! In den Kämpfen der Jahre 1870/ /71 mit Frankreich stellten sich alle deutschen Staaten (mit Ausnahmen Österreichs) auf die Seiten Preußens. Mecklenburger schlugen sich tapfer in den blutigen Kämpfen an der Loire und die Badener hielten drei Tage lang an der Lisaine mutig mehrfacher Übermacht stand. Nicht weniger ruhmvoll war die Tapferkeit der Bayern bei Wörth und Sedan, der Württemberger vor Paris, der preußischen Garde und der Sachsen bei St. Privat. Auch viele österreichische Freiwillige unterstützten die Truppen aus den deutschen Ländern, auch wenn sich ihr Staat nicht offen am Krieg beteiligte. Anfang 1871 stand Frankreich am Rand der Niederlage. Napoleon III. war von den Deutschen gefangen genommen und im eigenen Land für abgesetzt erklärt worden. Als Republik setzte Frankreich der schon aussichtslos gewordenen Krieg mit den deutschen Ländern fort. Noch während also die Kampfhandlungen nicht beendet waren, nutzen die Deutschen die Gunst der Stunde zu einer Handlung, die die Geschichte der Welt nachhaltigst beeinflussen sollte: Sie gründeten ihr Reich! Am 18. Januar 1871 fand im Spiegelsaal von Schloß Versailles die Kaiserproklamation statt. Es hatte sich eine glänzende Versammlung von Offizieren, Fürsten und Diplomaten zusammengefunden. König Wilhelm I. von Preußen trat vor und erklärte sich bereit, die Kaiserkrone anzunehmen. Nun verlas Bismarck die Botschaft ans Volk von der Erneuerung des deutschen Reiches. Damit war Deutschland staatliche Einheit hergestellt. Und nachdem Frankreich am 28. Januar sich hatte ergeben müssen, kamen auch noch Lothringen und das Elsaß zurück zu Deutschland. Das Reich war neu errichtet und die deutschen Parlamente hatten an dieser Entwicklung nicht den geringsten Anteil.

[bearbeiten] Die soziale Revolution des Reichskanzlers

Die Jahre von 1871 bis 1890 nutzte Bismarck als erster Kanzler des neuen Reiches, um dessen Einfluß zu sichern, seine Sicherheit zu gewährleisten, seine Macht zur mehren, den Wohlstand seiner Bürger zu heben und das Land im Inneren und Äußeren stark und stabil zu machen. Er hat in diesen Jahren Gewaltiges geleistet und sich in dicken Lettern ins Buch der Geschichte eingetragen. Es würde den Rahmen dieser Darstellung sprengen, wollte man auf all die Erlasse und Anordnungen eingehen, die dem ersten Reichskanzler zuzuschreiben sind. Im Bereich der Innenpolitik ist es aber besonders Bismarcks Sozialgesetzgebung, die unser Land dauerhaft geprägt hat und die nicht übergangen werden kann. 1882 bestand bereits ca. ein Viertel der deutschen Bevölkerung aus Arbeitern. Sie waren an Verträge mit ihren Arbeitgebern (den "Brotherren") gebunden, die sich nicht frei aushandeln konnten. Das deutsche Bürgertum kümmerte sich, von Ausnahmen abgesehen, nicht um die Lage der Arbeiter und unternahm keinerlei Anstalten, deren Los zu verbessern oder sie gar als gleichwertige deutsche Brüder zu betrachten. Bismarck hat mit seiner Sozialpolitik eine Entwicklung eingeleitet, die die Klassengegensätze milderte. Er setzte Fabrikinspektionen durch, erzwang die Sozialversicherung gegen den Entschiedenen Widerstand des Kapitals, erließ die Arbeitsschutzgesetze, die ihrer Zeit weit voraus waren. Die deutschen Sozialgesetze gingen erheblich über alles hinaus, was damals in anderen Staaten der Welt praktiziert wurde. Er selbst meinte im April 1881 dazu: "Warum sollte der Soldat der Arbeit nicht eine Pension haben wie der Soldat oder Beamte. Das ist Staatssozialismus." Bismarck setzte auch im Ökonomischen das Primat der Politik durch. Die Finanzmächtigen haben ihm dies niemals verziehen.

[bearbeiten] Bismarcks Entlassung

Im März 1888 starb Kaiser Wilhelm I.. Sein Nachfolger verschied bereits drei Monate später. Nun kam Wilhelm II. zur deutschen Kaiserkrone. Von Anfang an kam es zu Streit zwischen dem ergrauten Reichskanzler und dem jungen Kaiser. Wilhelm II. wollte in der Innen- wie Außenpolitik völlig neue Wege gehen und Bismarck, damals bereits eine lebende Legende, störte ihn auf diesen Pfaden nur. Der Kaiser hatte kein Verlangen danach, dauerhaft im Schatten des großen Kanzlers zu stehen. Am 20. März 1890 erfolgte Bismarcks Entlassung. Der neue Kaiser tönte damals, er werde die Deutschen "goldenen Zeiten" entgegenführen. 24 Jahre später wurde der Kaiser mit den Deutschen an der Seite Österreich- Ungarn in den ersten Weltkrieg gestürzt. Es folgte die militärische Niederlage und das Ende der Monarchie in Deutschland.

[bearbeiten] Ein Mythos über den Tod hinaus

Dem scheidenden Bismarck bereitete das Volk Huldigungen, wie sie keinem deutschen Fürsten oder Abgeordneten jemals zuteil wurden. Das endete auch nicht, als sich der frühere Reichskanzler als "Einsamer in den Sachsenwald" zurückzog. Wenn er durch das Land fuhr, drängten sich Abertausende, um ihn zu sehen. Überall im Staat wurden Standbilder und Türme zu Ehren Bismarcks errichtet. Bis zu seinem Tod und darüber hinaus entwickelte sich ein regelrechter Kult um den greisen Bismarck, wie man ihn bis zu diesem Zeitpunkt in Deutschland nicht gesehen hatte. 1898 starb Otto von Bismarck in Friedrichsruh bei Hamburg. Damals war er für die meisten Zeitgenossen bereits eine ins Mythische entrückte Person, mehr Denkmal als Mensch aus Fleisch und Blut. Fünfundfünfzig Jahre nach der Entlassung Bismarcks zerbrach im Mai 1945 das von ihm geschaffene Reich unter dem Ansturm der siegreichen alliierten Armeen. Deren Militärregierung hat Preußen als deutsches Land mit einem Verwaltungsakt "dauerhaft" aufgelöst und seine Bücher ("Gedanken und Erinnerung") sofort verboten.In allen Teilen des zerbrochenen Reiches ließen die Sieger Denkmäler für den Reichskanzler zerstören. Es waren einmal mehr als dreitausend. Dieses Vernichtungswerk wurde vor allem in den deutschen Ostprovinzen und in der sowjetischen Zone konsequent und fast ausnahmslos durchgedrückt. Die Bundesrepublik unserer Tage und ihr Kanzler haben mit dem Bismarckreich und seinem Schöpfer nichts mehr gemein. Zwar ist die BRD territorial mit dem Reich teilidentisch. Doch darin erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten auch bereits im Wesentlichen. Die letzten Kanzler der BRD haben es gewagt, den Sozialstaat als eine der wichtigsten Stützen des alten Reiches zu zersetzen. Zwischen Bismarck und seinen Nachfolgern nach 1949 stehen Welten. Sie haben kein Recht, sich auf ihn zu berufen.

[bearbeiten] Zitate

  • Sein persönliches Motto war „patriae inserviendo consumor“ (dt. „Im Dienste des Vaterlandes verzehre ich mich“).
  • „Die Neigung, sich für fremde Nationalitäten und Nationalbestrebungen zu begeistern, auch dann, wenn dieselben nur auf Kosten des eigenen Vaterlandes verwirklicht werden können, ist eine politische Krankheitsform, deren geographische Verbreitung leider auf Deutschland beschränkt ist.“ (Otto von Bismarck 1863 im preußischen Landtag)

[bearbeiten] Verweise

Persönliche Werkzeuge