Deutsche Zivilisten in sowjetischen Lagern

Aus Metapedia

Wechseln zu: Navigation, Suche

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden nicht nur deutsche Kriegsgefangene, sondern auch deutsche Zivilisten, Männer, Frauen und Kinder von den Bolschewisten zur Zwangsarbeit in der Sowjetunion verschleppt. Andere wurden jahrelang in sogenannte Speziallager in der sowjetisch besetzten Zone interniert. Während des Krieges wurden in Russland bereits die Wolgadeutschen gefangen gehalten.

Inhaltsverzeichnis

[bearbeiten] Deportierte Zivilisten

Im Vergleich zur Geschichte von Flucht, Vertreibung und Kriegsgefangenschaft ist das Schicksal von Zivilisten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in sowjetische Lager kamen, kaum erforscht. Die Soziologin und Politikwissenschaftlerin Ute Schmidt, Projektleiterin des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin, versucht eine zeithistorische Lücke zu schließen. Gemeinsam mit russischen Wissenschaftlern arbeitet sie am Forschungsprojekt “Deportierte deutsche Zivilisten in der Sowjetunion, 1945 bis 1955”. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und soll die erste große Gesamtdokumentation zu diesem Thema werden. Viele Fragen sind noch offen. Unklar ist noch, wie viele Menschen tatsächlich betroffen waren, gegenwärtig gibt es noch widersprüchliche Zahlen. Die Wahrheit liegt zwischen 270.000 und 750.000 Verschleppten – darunter viele Kinder, Frauen und alte Menschen.

Nach dem Bericht des Bundesarchivs vom 28. Mai 1974 „Vertreibung und Vertreibungsverbrechen 1945 – 1948”, herausgegeben von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, 1989, dürfte die „Anzahl der in die Sowjetunion als ,Reparationsverschleppte’ sowie ,Vertragsumsiedler’ verbrachten Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße . . . mehr als 400.000 Menschen betragen haben.” Nach Erhebungen des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes dürfte die Anzahl der in die Sowjetunion als „Reparationsverschleppte“ sowie „Vertragsumsiedler“ verbrachten Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße dürfte mehr als 500.000 Menschen betragen haben, wovon nur ca. 55% überlebten. Demnach wären in den Lagern der Sowjetunion und auf den Transporten fast 250.000 verstorben. Die Schätzung des Deutschen Roten Kreuzes findes im Berichtsmaterial dadurch eine Bestätigung, daß es in Berichten einzelner Gemeinden heißt, die gesamte arbeitsfähige Bevölkerung im Alter von 18 bis 50 oder sogar bis 60 Jahren sei nach Rußland verschleppt worden. Auch ist in einzelnen Berichten überliefert, daß sogar weniger als 50% der gemeinsam mit den Berichtenden Verschleppten die Deportationen überlebt haben.

Über ihr Projekt sagt Ute Schmidt:

"Wenn man diese Fragen behandelt, mit der Deportation und Zwangsarbeit von Deutschen in der UdSSR, geht es nicht darum, Schuld gegen Schuld oder Verbrechen gegen Verbrechen aufzurechnen – sondern, es geht einfach darum, festzustellen, was überhaupt passiert ist, welche Menschen betroffen waren. Und es ist dann Sache der Deutschen festzustellen, dass diejenigen, die die Rache am meisten zu spüren bekamen, nicht die Hauptschuldigen am Nazitum waren. Die wirklich Schuldigen wurden von diesen Deportationen nicht erfasst, das kann man ganz klar sagen."

Ute Schmidt will so genau wie möglich rekonstruieren, wie groß die Lager waren, wie sie organisiert wurden und wie viele von ihnen es tatsächlich gab. Sie seien sehr unterschiedlich gewesen, manchmal mit ein paar hundert Leuten belegt, manchmal mit Tausenden.

Die Verschleppungsaktionen begannen Ende 1944 in Südosteuropa in den Gebieten der deutschen Minderheiten im späteren Jugoslawien, in der Tschechoslowakei, in Ungarn und Rumänien.

"Dort hatte man schon im Herbst begonnen, Listen fertig zu stellen, auf denen die deutsche Bevölkerung registriert war, und auch die Altersgruppen, so dass man die arbeitsfähige Bevölkerung schon im Visier hatte. Die dritte Gruppe waren Flüchtlinge, die auf der Flucht von der Roten Armee überrollt worden sind." - Ute Schmidt

Lager bestanden in Tscheljabinsk, Karabasch, Kopejsk, Korkino, Platino, Potanino, Krivoy Rog, Yenakievo, Makeyevka, Gorki, Konstantinowka, Petrovka, Almasnjia, Kadijewka, Antrazit, Proletarsk, Kraznodon.

"Wenn man die Schätzzahlen nimmt, aus der frühen Nachkriegszeit, vom Deutschen Roten Kreuz und von der Bundesregierung, dann waren damals 130.000 in diesen Lagern nur in der Ukraine." -Ute Schmidt

In der Regel wurden die verschleppten Zwangsarbeiter in Arbeitsbataillone von 750 bis 1200 Menschen eingeteilt. Einsatzort waren Bergwerke, die Schwerindustrie, Baustellen, Kolchosen und die Forstwirtschaft. Viele Transporte gingen in die Ukraine, ins Donezkgebiet, mit großen Lagerbezirken wie Dnjepropetrowsk oder Stalino. Allein dort hat es über 150 Lager gegeben. Die Gefangenen aus den deutschen Ostprovinzen fuhren meist über Moskau in den Ural, in große Lagerbezirke wie Tscheljabinsk oder Swerdlowsk. Nach einer ersten Schätzung befanden sich in diesen Gebieten rund 160.000 Deutsche.

Aus heute zugänglichen Statistiken des russischen Geheimdienstes NKWD vom März 1946 geht hervor, dass ein Drittel der Gefangenen Frauen waren. Das Arbeitspapier des Forschungsverbundes SED-Staat an der FU Berlin um Ute Schmidt resümiert die Erfahrungsberichte von 134 betroffenen Frauen:

"Da gibt es auch russische Zahlen, die belegen, dass in manchen Lagern die Hälfte weggestorben ist. Das hat sich dann später etwas gebessert, so dass der spätere Mittelwert 30 Prozent rauskommt. Wir hoffen auf Statistiken aus russischen Archiven, so dass wir auf präzisere Angaben kommen können."

Seit Anfang der 90er Jahre sind russische Quellen – zumindest in Teilen – auch für westliche Forscher zugänglich. Zum Beispiel das Staatsarchiv der Russischen Föderation in Moskau, das dortige Staatliche Militär- und sozialpolitische Archiv, sowie Archive aus den Regionen, in denen sich die Lager befanden. Ute Schmidt schätzt besonders die Zusammenarbeit mit dem Historiker Pawel Poljan vom Geographischen Institut der Akademie der Wissenschaften in Moskau und mit der russischen Menschenrechtsorganisation “Memorial”, die die Erforschung der innersowjetischen Deportationen der Stalinzeit vorantreibt und dabei auf die Tatsache gestoßen ist, daß deportierte Sowjetbürger und verschleppte Deutsche – etwa in Kasachstan – im selben Lager saßen. Wertvolle Quellen in Deutschland sind nach wie vor die Suchdienst-Archive des Roten Kreuzes und das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes. Aus vielen Bausteinen setzt sich nach und nach ein klareres Bild zusammen. Zeitzeugen werden erst heute systematisch von Wissenschaftlern befragt.

Die letzten gefangenen Zivilisten kamen 1956 frei – kurz nach dem ersten Moskaubesuch des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer. Viele hatten zehn oder 15 Jahre Zwangsarbeit hinter sich.

"Diese gesamte Deportation war eine lange geplante und zentral gesteuerte Aktion der sowjetischen Führung. Es ging nicht um Bestrafung von Schuldigen, es ging in erster Linie von um die Rekrutierung von billigen, disponiblen und rechtlosen Arbeitskräften." - Ute Schmidt

Nach Auffassung von Ute Schmidt sind die deutschen Zivilisten als “lebende Reparationen” abkommandiert worden. Die ausgeblutete Sowjetunion brauchte schlicht Arbeitskräfte. Die Deutschen sollten die Verwüstungen beseitigen, die sie angerichtet hatten. Mit dem zwangsweisen Einsatz deutscher Zivilisten verhielten sich die Sowjets ebenso völkerrechtswidrig. Gemäß der Haager Landkriegsordnung von 1907 sind Kollektivstrafen verboten.

  • Artikel 50: "Keine Strafe in Geld oder anderer Art darf über eine ganze Bevölkerung wegen der Handlung einzelner verhängt werden."
  • Artikel 46: "Die Ehre und Rechte der Familie, das Leben der Bürger und das Privateigentum ... sollen geachtet werden."

[bearbeiten] Zivilisten in den Speziallagern

Viele Todesopfer gab es auch unter den Gefangenen, die zur selben Zeit Tausende von Kilometern weiter westlich in den zehn sowjetischen “Speziallagern” der SBZ interniert waren:

In einer Sendung von RIAS-Berlin, Mitte 1949 hieß es:

"Die Ketten zu verlieren und wenigstens ein erträgliches Leben zu gewinnen, das hofften vor vier Jahren nicht nur die Arbeiter, sondern alle freiheitsliebenden Menschen in Deutschland. Sie waren bereit, auch die Rote Armee als Befreier zu begrüßen, als Befreier von der unerträglichen Last des Vernichtungskrieges und als Befreier vom Terror des Naziregimes. Was aber geschah? Nicht von dem wollen wir sprechen, was an Schrecklichem und Gemeinen im ersten Siegesrausch geschah, Krieg und Kampf weckten die dunkelsten Instinkte. Aber was dann geschah, als Kampf und Rausch vorüber waren – darüber dürfen wir nicht schweigen:
Die Moorsoldaten, dieses Lied sangen die Häftlinge der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Der Nationalsozialismus ist wie ein böser Spuk verschwunden. Seine Konzentrationslager sind geblieben: Sachsenhausen, Buchenwald, diese nie auszulöschenden Schandmale nazististen Terrors und Vernichtungswahns bestehen noch heute. In dieser Stunde, in der sie uns zuhören, sind allein in Sachsenhausen und Buchenwald 30.000 Menschen hinter Stacheldraht gefangen.. aber die Nazi-Lager Sachsenhausen und Buchenwald sind zu klein, um alle Opfer des heute kommunistischen Terrors zu fassen. In diesem Jahr sind drei weitere Lager neu belegt worden: Mühlberg in Thüringen, Neubrandenburg und ein KZ für Jugendliche in Michalken. Dazu kommt das immer noch benutzte Durchgangslager für Deportationen nach Russland in Bautzen. Das ist die grausige Statistik der sowjetischen Konzentrationslager in Deutschland."

Was im Duktus des Kalten Krieges daherkam, war durchaus antisowjetisch gemeint. Die Westberliner hatten gerade die Erfahrung der Blockade hinter sich, die Zweistaatlichkeit Deutschlands stand am Horizont. Nichtsdestrotz sind die Tatsachen mittlerweile sachlich erfasst: In der SBZ saßen zwischen 1945 und 1950 bis zu 200.000 Gefangene hinter Stacheldraht. Mindestens 40.000 davon starben, möglicherweise bis zu 70.000. Rund fünf Prozent der Inhaftierten waren Jugendliche, die manchmal schulklassenweise verhaftet wurden. Der Grund: Verdacht auf Mitgliedschaft in der Organisation “Werwolf”, Hitlers letztes Aufgebot.

Die NKWD-Keller waren in der Regel die erste Station für Gefangene, die nicht zur Zwangsarbeit nach Russland geschickt, sondern zu Hause der Willkür der Besatzungsmacht ausgesetzt wurden. Solche Berichte – in der DDR sowieso tabu - verschwanden auch im Westen nach und nach aus dem öffentlichen Bewußtsein: Was als Anklage gemeint war, spiegelte die Schattenseite einer Vergangenheit, von der man nichts mehr hören wollte. Vorwärts schauen, aufbauen hieß die Devise.

Aus den Todeslisten, die im Staatlichen Archiv der Russischen Föderation in Moskau liegen und die den Forschern heute zugänglich sind, lassen sich, so Peter Erler, Historiker an der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen und Experte für sowjetische Lager in der SBZ, ziemlich genau rekonstrieren, daß allein in Sachsenhausen 12.000 Menschen ums Leben kamen.

"Die sind nach dem berühmten Befehl von Lawrenti Berija - diesem Befehl 00315 vom 18. April - festgenommen worden und da sind verschiedene Kategorien von Personen aufgelistet, die pauschal zu inhaftieren sind, unabhängig davon, ob eine konkrete Schuld nachweisbar ist." - Peter Erler

Der Befehl 00315 diente Stalin und seinem Geheimdienstchef Berija als Grundlage für die Verhaftungen in der SBZ. Bereits vorher - im Januar 1945 - war der Befehl 0016 ausgegeben worden, der die deutschen Ostprovinzen betraf. NKWD-Operativ-Gruppen sollten das Hinterland für die vorrückende Rote Armee von „feindlichen Elementen“ freihalten und Sabotageakte verhindern. Berija baute dazu einen ausgeklügelten Sicherheitsapparat auf. Die Sowjets beriefen sich auch auf Beschlüsse der Allierten, die im Kontrollratsgesetz Nr. 10 und der Kontrollratsdirektive Nr. 38 die Bestrafung von Kriegsverbrechern und derjenigen Personen verankerten, die- Zitat „für die Besatzung...gefährlich sind”. Die Internierungslager in der SBZ waren ursprünglich als Entnazifizierungsstätten geplant, erklärt Peter Erler:

"Der Ansatz war, die Personen dort in den Lagern konkret zu überprüfen, welche konkrete Schuld sie hatten, wenn jetzt zum Beispiel ein Mitarbeiter von einem Werkschutz, der Aufsicht geführt hat über Zwangsarbeiter, dann sollte das in einer Vernehmung erst mal genau eruiert werden, was vorgefallen ist – und dadurch sollte – ähnlich wie im Westen -so etwas, wie ein Persilschein ausgestellt werden, also er sollte dann entnazifiziert und entlassen werden – und das ist aber leider in den sowjetischen Internierungslagern nicht geschehen."

Wie sich später herausstellte, saßen dort hauptsächlich Mitläufer: Hitlerjungen, kleine Nazis, etwa im Rang von Blockwarten - funktionierende "Rädchen im Getriebe", aber nicht diejenigen, die an den wichtigen Schaltstellen die Hebel betätigt hatten. Für eine Internierung in der SBZ gab es nach Erkenntnis der Historiker auch ganz andere Gründe:

"Ab Mitte 1946/47 wurden verstärkt Personen inhaftiert, hauptsächlich mit Urteilen von Tribunalen, die sich gegen die sich vollziehende Sowjetisierung in der SBZ gewandt haben, die protestiert haben zum Beispiel gegen die Zwangsvereinigung der KPD und SPD oder die gegen die Allmacht der SED aufgetreten sind. ... Es gibt auch immer wieder Personen, die ganz einfach denunziert wurden, aus ganz kleinlichen Gründen, bis hin zu solchen Fällen, dass jemand angezeigt worden ist, der in der NSDAP war, um in die Wohnung desjenigen reinzukommen." - Peter Erler

Im Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen - wie in den anderen Lagern der SBZ auch - vegetierten die Menschen, zur Untätigkeit verdammt, dahin.

Aus der SBZ wurde dann die DDR. Dort sorgte eine Amnestie für die Freilassung der meisten Häftlinge.

"1950, da gabs noch drei Lager: Buchenwald, Bautzen und Sachsenhausen, da wurde dann im Neuen Deutschland zum Beispiel dargestellt, wie die Lager aufgelöst worden sind, das wurde dann dargestellt als großzügige Geste der Sowjetunion, die die ehemaligen faschistischen Funktionsträger, Mitläufer jetzt freigelassen hatten." - Peter Erler

In der DDR unterlag dieses Thema bis zur Wende einem Tabu. Neu aufgerollt wurde es erst, als 1991 Massengräber bei Sachsenhausen und in der Nähe des ehemaligen Lagers Fünfeichen entdeckt wurden. Die SED hatte die sowjetischen Militärtribunale und die stalinistischen Lager in Deutschland, in denen nicht nur ihre politischen Gegner zu Tausenden saßen, sondern auch kritische Kommunisten, bereitwillig unterstützt. Diejenigen, die zurückkamen, mußten schweigen, wenn sie nicht wieder verhaftet werden wollten. Und geschwiegen haben auch die Historiker.

"Man hat gewußt, es gab Themen in der DDR, die faßt man besser nicht an: Das Thema sowjetische Speziallager, sowjetische Militärtribunale. ... Unthema war auch Emigration von deutschen Politemigranten nach 1933 in die Sowjetunion, die dann Opfer der stalinistischen Massenrepressalien geworden sind. ... Wer seine Karriere und seine berufliche Existenz nicht aufs Spiel setzen wollte, hat dieses Thema nicht angerührt." - Peter Erler

Das Schicksal der gefangenen und zur Zwangsarbeit verschleppten Zivilisten blieb auch im Westen jahrzehntelang ein anrüchiges Thema. Erst störte es – wie auch die Erfahrungen der Flüchtlinge - die Wirtschaftswunderwelt. Und es bedrohte den von Willy Brandt begonnenen „Wandel durch Annäherung“ an die Sowjetunion und die "DDR".

Menschen, die das von Deutschen erlittene Leid zu thematisieren suchen, werden noch heute schnell in die Ecke der Verharmloser des Nationalsozialismus gestellt. Auch der Diktaturvergleich mißhagt insbesondere den linken Ideologen, die die Vergangenheitsbewältigung zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele instrumentalisieren wollen.

[bearbeiten] Quelle

  • Deutschlandfunk: „Für uns war der Krieg noch längst nicht vorbei.“ Deutsche Zivilisten in sowjetischen Lagern. Ein Feature von Agnes Steinbauer, Sendung: Freitag, d. 20. Juni 2008, 19.15 - 20.00 Uhr

[bearbeiten] Siehe auch

[bearbeiten] Verweise

Persönliche Werkzeuge