Bell, George Kennedy Allen

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George Kennedy Allen Bell (* 4. Februar 1883 in Hayling Island, Hampshire; † 3. Oktober 1958 in Canterbury) war ein britischer Theologe; Bischof von Chichester (1929-1958). Er ist in Deutschland und Großbritannien als enger Freund Dietrich Bonhoeffers, als Gegner des britischen Bombenterrors im Zweiten Weltkrieg und für seine ökumenische Friedens- und Versöhnungsarbeit bekannt.

Leben

George Kennedy Allen Bell wurde am 4. Februar 1883 auf der Insel Hayling vor Portsmouth geboren. Er erhielt von 1896-1901 seine Erziehung in Westminster und studierte anschließend bis 1906 am Christ Church College und am Wells Theological College in Oxford. 1907-1910 war er Vikar in Leeds. Von 1910-1914 lehrte er klassische Philologie und Englisch am Christ Church College in Oxford, wo er gleichzeitig von 1911-14 noch einmal weitere Studien trieb.

Von 1910-16 war er persönlicher Kaplan des Bischofs von Wakefield, von 1914-1924 persönlicher Dekan des Erzbischofs von Canterbury. In dieser Eigenschaft hat er die entscheidenden Anregungen für sein späteres Wirken bekommen. Das Interesse an kirchlicher Einheit und die intensive Anteilnahme an sozialen und internationalen Fragen. 1919 wurde er von Erzbischof Davidson nach Holland geschickt, um an der ersten internationalen Kirchenkonferenz nach dem Krieg teilzunehmen. Dort begann er, seine außergewöhnliche Kenntnis von den Kirchen Europas zu gewinnen und Freundschaft mit hervorragenden Persönlichkeiten des kontinentalen Christentums zu schließen.[1]

Gegner des Bombenterrors und Unterstützer der Opposition gegen den Nationalsozialismus

Schon 1939 schrieb Bell, die Kirche dürfe nicht zum spirituellen Gehilfen eines Staates werden, sondern solle sich für friedliche internationale Beziehungen einsetzen und Stellung gegen Vertreibung, Versklavung und die Zerstörung der Moral beziehen. Sie dürfe nicht aufgeben, ständig wiederholte Vergeltungsschläge oder das Bombardieren der Zivilbevölkerung zu verurteilen. Er drängte die Kirchen dazu, eine gegenüber der Kriegführung ihrer eigenen Länder kritische Haltung einzunehmen.

1940 traf er sich mit einigen ökumenischen Freunden in den Niederlanden, um die Kirchen auf eine gemeinsame Initiative für den Frieden nach dem Sieg über Deutschland zu orientieren. Am 17. April 1941 schrieb Bell an die „Times“: "Es ist barbarisch, unbewaffnete Frauen und Kinder bewusst zum Angriffsziel zu machen".[2] Damit widersprach er Winston Churchill direkt, der in dieser Zeit ein Flächenbombardement (area bombing) deutscher Städte plante.

Im Mai 1942 reiste Bell per Flugzeug nach Schweden; die britische Regierung hatte ihn auf eine zweiwöchige goodwill-Tour geschickt, um die kirchlichen und Kulturbeziehungen zu dem neutralen Land zu intensivieren. Hier traf er am 26. Mai in Stockholm Hans Schönfeld und am 1. Juni in Sigtuna für Bell völlig überraschend Dietrich Bonhoeffer, der ihm als Geheimkurier Informationen des deutschen Widerstands übergab. Darunter waren die Klarnamen der Beteiligten in der Wehrmacht und Abwehr an dem geplanten Hitlerattentat und Putsch zum Sturz des Nationalsozialismus. Um diesen Plan zum Erfolg führen und anschließend um Waffenstillstand verhandeln zu können, baten die Verschwörer die britische Regierung um ein öffentliches Signal, die Deutschen nicht mit den Nationalsozialisten gleichzusetzen.[3]

Bell übergab diese Informationen dem britischen Außenminister Anthony Eden, erhielt jedoch am 17. Juli die ablehnende Antwort, weitergehende Kontakte seien "nicht im nationalen Interesse".[4] In einem weiteren Schreiben vom 25. Juli gibt Bell seiner Enttäuschung darüber Ausdruck und hofft, es sei der Regierung wenigstens möglich,

nachdrücklich und öffentlich zu erklären, daß die britische Regierung (und die Alliierten) nicht den Wunsch haben, ein Deutschland zu versklaven, das Hitler, Himmler und ihre Mitschuldigen beseitigt haben wird. [5]

Doch diese Korrespondenz führte zu nichts. Die Alliierten beschlossen auf der Casablanca-Konferenz, den Krieg bis zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands zu führen, und begannen mit dem area bombing.

Als erste Attentate auf Hitler scheiterten und einige der Verschwörer bereits inhaftiert waren, versuchte Bell erneut vergeblich eine Kursänderung der britischen Politik zu erwirken. Nach dem 20. Juli 1944 warf er Eden vor, er habe trotz Wissens um die Beteiligten nichts unternommen, um ihnen rechtzeitig zu helfen.

Am 14. Februar 1943 verurteilte Bell im Oberhaus das area bombing: Es stelle alle humanen und demokratischen Werte in Frage, für die Großbritannien Krieg führe. Dies rief vehemente Proteste hervor. Am 9. Februar 1944 beschrieb er die Bombardierung deutscher Städte wie Hamburg und Berlin erneut als unverhältnismäßig und damit völkerrechtswidrig:[6]

Ich möchte die Regierung herausfordern wegen ihrer Politik der Bombardierung feindlicher Städte im gegenwärtigen Umfang, besonders hinsichtlich von Zivilisten, Non-Kombattanten, sowie von nichtmilitärischen und nichtindustriellen Zielen. ... Ich bin mir bewusst, dass bei den Angriffen auf Zentren der Kriegsindustrie und auf Militärtransporte der Tod von Zivilisten unvermeidbar ist, soweit er aus einer im guten Glauben durchgeführten Militäraktion rührt. Aber es muss eine Verhältnismäßigkeit zwischen den eingesetzten Mitteln und dem erreichten Zweck bestehen. Eine ganze Stadt auszulöschen, nur weil sich in einigen ihrer Bereiche militärische und industrielle Einrichtungen befinden, heißt die Verhältnismäßigkeit abzulehnen. ... Ich glaube nicht, dass die Regierung Seiner Majestät die Vernichtung Deutschlands anstrebt. Sie hat die Unterscheidung zwischen Deutschland und dem Hitler-Staat akzeptiert. ... Die Alliierten stehen für etwas Größeres als Macht. Die Hauptinschrift auf unserem Banner ist 'Recht'. Es ist von höchster Wichtigkeit, dass wir, die wir mit unseren Verbündeten die Befreier Europas sind, die Macht so nutzen, dass sie unter der Kontrolle des Rechtes steht. Doch die Bombardierung der Feindstädte, diese Flächenbombardierung, bringt das Thema einer solch grenzenlosen und exklusiven Macht auf, und daher ist es von immenser Bedeutung, wie sie die Politik und die Aktionen der Regierung beeinflusst.

Die Rede machte die Unterscheidung von Nichtkämpfern (Zivilisten) und Kämpfern (Soldaten) nach Artikel 22 der Haager Landkriegsordnung für die britische Luftkriegsstrategie geltend. Damit löste Bell heftige Tumulte im Oberhaus aus. Dort war der erklärte Gegner des Nationalsozialismus mit seiner Haltung völlig isoliert und auch im Unterhaus teilten damals nur zwei Labourabgeordnete seine Kritik am area bombing.

Auch in seiner Kirche war Bell deswegen stark umstritten. William Temple, der als damaliger Erzbischof von Canterbury das höchste, politisch einflussreiche Amt der Anglikanischen Kirche innehatte, weigerte sich, das Bombardieren feindlicher Innenstädte zu kritisieren. Dabei hatte er vor Kriegsbeginn genau diesen konkreten Punkt genannt, an dem die Kirche aufgrund ihrer Lehre vom Gerechten Krieg zum Widerspruch gegen die Politik genötigt sei und zur Kriegsdienstverweigerung aufrufen müsse. Seit dem Blitzkrieg aber rechtfertigte er den britischen Luftkrieg als schicksalhafte Notwendigkeit.

Bell dagegen wurde vorgeworfen, mit seinem Protest nur der NS-Propaganda zu helfen. Seine Opposition gegen die britische Kriegführung kostete ihn seine weitere Karriere: Obwohl er als geeigneter Kandidat für das höchste Amt seiner Kirche galt, wurde er wahrscheinlich auf Betreiben Churchills bei der Nachfolgeregelung zweimal übergangen und blieb bis zu seinem Rücktritt aus Altersgründen Anfang 1958 Bischof von Chichester.

Bonhoeffers letzte Botschaft unmittelbar vor dem Abtransport zu seiner Hinrichtung am 9. April 1945, so hat es der Überbringer Sigismund Payne Best 1950/53 berichtet, galt seinem engsten ökumenischen Freund Bell:[7]

"Sag ihm: Dies ist für mich das Ende; aber auch der Anfang - mit ihm glaube ich an das Prinzip unserer universellen christlichen Bruderschaft, die über alle nationalen Hassgefühle hinausragt, und dass unser Sieg sicher ist - sag ihm auch, dass ich nie seine Worte bei unserem letzten Treffen vergessen habe."

Bell hielt gemeinsam mit Franz Hildebrandt und Julius Rieger am 27. Juli 1945 in der (heute nicht mehr bestehenden) Holy Trinity Church am Kingsway in London einen Gedenkgottesdienst für Bonhoeffer vor Tausenden Zuhörern, darunter seiner Zwillingsschwester. Die BBC übertrug die Feier nach Deutschland, so dass viele seiner Verwandten, Freunde und Schüler dadurch die erste gewisse Nachricht von Bonhoeffers Tod erhielten.

Kritiker der Vertreibungen

Bell war auch einer der ersten britischen Bischöfe, der dem Unrecht widersprach, das viele besiegte Deutsche bei ihrer Vertreibung aus den damaligen deutschen Ostgebieten erfuhren. Er ergriff gegen ihre unmenschliche Behandlung das Wort und protestierte wiederholt und deutlich dagegen, rund 14 Millionen deutsche Schlesier, Pommern, Ostpreußen und Sudetendeutsche aus ihrer Heimat zu vertreiben. Um den 15. August 1945 schrieb er im Spectator dagegen einen Leserbrief, am 12. September 1945 unterschrieb er mit dem britisch-jüdischen Verleger Victor Gollancz, Lord Bertrand Russell und anderen einen Aufruf gegen diese Vertreibungen, den mehrere Londoner Tageszeitungen veröffentlichten.

Kurz zuvor, am 8. September, hatte er dem Berliner Propst Heinrich Grüber, dem Leiter des Fluchthilfebüros der Bekennenden Kirche für Juden, geschrieben:

Ich darf Ihnen sagen, dass die Erzbischöfe von Canterbury und York ihrerseits tiefstens berührt sind und zusammen mit den Leitern der evangelischen Freikirche und dem katholischen Erzbischof von Westminster eine gemeinsame Demarsche unternehmen wollen ... Ich fühle die Unmenschlichkeit der Vertreibung aufs Tiefste mit Ihnen und habe über diesen Punkt bereits im Oberhaus gesprochen, indem ich ausführte, dass die Entwurzelung von Millionen aus rassischen Gründen unvereinbar sei mit den Idealen, für die die Vereinten Nationen gekämpft haben.

Am 30. Januar 1946 verurteilte er erneut im britischen Oberhaus die Vertreibung der Deutschen:[8]

Es gibt nichts Vergleichbares zu den derzeitigen Bevölkerungstransfers ... Dieser Transfer ist nicht nur die Übertragung von Land, sondern ein Herausreißen bis auf die Wurzeln einer immensen Bevölkerung aus rassischen Gründen, um Grund zu bereiten für neue Besatzer. Er ist schlecht in sich selbst. Er beinhaltet eine Verweigerung von Menschenrechten, und es ist außerordentlich schwierig, ihn grundsätzlich von den Massendeportationen von Zivilbevölkerungen zu unterscheiden, für welche die NS-Führer jetzt als Kriegsverbrecher in Nürnberg vor Gericht stehen.

Dann wies er auf die Mitverantwortung der Alliierten für die besonders grausame Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei hin, warnte vor der Präzedenzwirkung für andere Staaten und nannte Beispiele, dass der „Transfer“ keineswegs, wie auf der Potsdamer Konferenz beschlossen, „ordnungsgemäß und human“ erfolge.

Fußnoten

  1. Internationales Biographisches Archiv 09/1967
  2. it is barbarous to make unarmed women and children the deliberate object of attack Jasper (Lit.), S. 262
  3. Siehe Bells Tagebuchnotizen und Memoranden, ediert in DBW 16, S. 280-303
  4. DBW 16,343
  5. Jasper (Lit.), S. 271, DBW 16, 345
  6. englischer Volltext aus dem Redeprotokoll (Hansard, deutsche Übersetzung in Kirche in der Welt (Lit.) S. 49-60
  7. DBW 16,S. 468
  8. Englischer Volltext nach dem Protokoll (Hansard)