Kissinger, Henry

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Henry Kissinger (1976)

Henry Alfred Kissinger, (gebürtig Heinz Alfred Kissinger; * 27. Mai 1923 in Fürth) ist ein US-amerikanischer Politikwissenschaftler und Politiker jüdischer Herkunft. Von 1969 bis 1973 war er Nationaler Sicherheitsberater der Vereinigten Staaten, von 1973 bis 1977 US-Außenminister. 1973 erhielt er den Friedensnobelpreis für das Friedensabkommen in Vietnam, dessen Vergabe jedoch umstritten ist.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Werdegang

Henry Kissinger wurde als Heinz Alfred Kissinger im mittelfränkischen Fürth geboren. Sein Vater Louis Kissinger unterrichtete am Fürther Mädchenlyzeum als Studienrat Geschichte und Geografie, seine Mutter Paula Kissinger (geb. Stern) war die Tochter eines wohlhabenden jüdischen Viehhändlers aus Leutershausen nahe Ansbach. Henry Kissinger verbrachte mit seinem um ein Jahr jüngeren Bruder Walter seine Kindheit in Fürth.

1938 emigrierte die Familie nach Amerika. 1982 verschied Louis Kissinger im Alter von 95 Jahren in New York (die Weltlügenpresse hatte 1974 gemeldet, die gesamte Verwandtschaft Kissingers sei „von den Nazis zu Seife verarbeitet" worden [1] ).

Kissinger jr. besuchte mit seinem Bruder Walter in New York City und im damals deutsch-jüdisch geprägten Stadtbezirk Washington Heights im Stadtteil Manhattan, die George Washington High School.

Am 19. Juni 1943 erhielt Kissinger jr. die Staatsbürgerschaft der USA, diente ab 1943 als US-Soldat und kam so als Geheimdienstoffizier ins besetzte Deutschland.

Dort war er tätig der in amerikanischen Besatzungszone von Mitte 1945 bis April 1946 beim Counter Intelligence Corps (C.I.C.) in Bensheim.

Von 1954 bis 1971 lehrte er Staatswissenschaften in Harvard, ab 1962 als Professor. Er wurde enger Weggefährte Nelson Rockefellers, dessen Assistentin Nancy Maginnes er 1974 in zweiter Ehe heiratete. In den 1960er-Jahren hatte Kissinger dem Beraterstab der Präsidenten Kennedy und Johnson angehört. Von 1969 bis 1973 war er Sicherheitsberater des US-Präsidenten Nixon, von 1973 bis 1977 Außenminister unter Nixon und Ford. Seither ist er hauptsächlich publizistisch tätig. Kissinger, der Metternich als sein Vorbild bezeichnete, war in den 1970er-Jahren bestrebt, den machtpolitischen Status quo festzuschreiben. Als Publizist warnt er vor allem vor einer deutsch-russischen Allianz.

[Bearbeiten] Geschäftsinteressen

Kissinger gründete 1982 die Beratungsfirma Kissinger Associates, deren Präsident er ist. Die Liste der Geschäftskunden wird nicht offenbart, durchgesickert ist die Arbeit für American Express, American International Group, Atlantic Richfield Company, Chase Manhattan Bank, Coca-Cola, Fiat, Freeport-McMoRan, Heinz, Merck & Co. und Volvo. Er ist Mitglied im Aufsichtsrat des Flugzeugherstellers Gulfstream Aerospace und der Chicagoer Zeitungsgruppe Sun-Times Media Group.

Nachdem er 1994 für die Kupfer- und Gold-Bergbaufirma Freeport-McMoRan bei der Klage gegen die Overseas Private Investment Corporation wegen der aus Umweltschutzgründen zurückgenommenen Garantie von 100 Millionen US-Dollar engagiert war, wurde er von 1995 bis 2001 Mitglied im Freeport-Aufsichtsrat. 2000 ernannte ihn der damalige indonesische Präsident Abdurrahman Wahid zum politischen Berater.

Henry Kissinger, Davos 2008

[Bearbeiten] Sonstiges

1987 erhielt er den Karlspreis der Stadt Aachen. 2005 wurde ein von Aachener gesellschaftlichen und politischen Kräften unterstützter und bisher nicht beschiedener Bürgerantrag gestellt, Kissinger wegen seiner maßgeblichen Beteiligung an Kriegsverbrechen den Karlspreis abzuerkennen.

Kissinger schaffte es wie kein US-Außenminister vor ihm oder nach ihm, Star-Status zu erlangen. Man sah ihn auf vielen gesellschaftlichen Ereignissen mit Showstars wie Frank Sinatra, außerdem wurde ihm ein Verhältnis mit der US-Schauspielerin Jill St. John nachgesagt, das er nie dementierte. Kissinger avancierte zum Medienstar, indem er geschickten Umgang mit Journalisten pflegte. Als Nixon durch die Watergate-Affäre unter Druck geriet und sich stärker aus der Öffentlichkeit zurückzog, besetzte Kissinger den freigewordenen Leerraum und avancierte zum „Ersatzpräsidenten“. Der für seine Bescheidenheit bekannte Ford wiederum gestattete es dem – nicht zuletzt durch den Nobelpreis – prominent gewordenen Kissinger, seine Starrolle weiterzuspielen, auch wenn er ihn schließlich vom Posten des Sicherheitsberaters entband.

Kissinger ist außerdem Mitglied im Council on Foreign Relations und regelmäßiger Teilnehmer der Bilderberg-Konferenzen.

Kritisiert wird seine undemokratische „Geheimdiplomatie“; ferner auch dass seine „détente“-Politik des Appeasement gegen den Kommunismus indirekt zu den kommunistischen Massakern in Indochina (Laos, Kambodscha-Genozid, Boat People) und später (unter Carter) zur sowjetischen Invasion in Afghanistan führte.

Von 1949 bis 1964 war Kissinger mit Ann Fleischer verheiratet. Aus dieser Ehe stammen die Kinder Elizabeth und David. Seit 1974 ist er in zweiter Ehe mit Nancy Maginnes verheiratet.

Seine große Leidenschaft gilt dem Fußballspiel, einer Passion, der er seit jeher die Treue hält, indem er sich bis heute die Ergebnisse der SpVgg Greuther Fürth übermitteln lässt.

[Bearbeiten] Verwicklung in Kriegsverbrechen/Prozesse

Am 11. September 2001, dem 28. Jahrestag des Pinochet-Putsches, reichten die Anwälte einer chilenischen Menschenrechtsorganisation Klagen gegen die am Putsch beteiligten Henry Kissinger, Augusto Pinochet, Hugo Banzer, Jorge Rafael Videla, Alfredo Stroessner ein.

Ebenfalls im September 2001 reichte die Familie des 1970 ermordeten chilenischen Generals René Schneider beim Bundesgerichtshof in der US-Hauptstadt Washington eine Zivilklage gegen Kissinger und Richard Helms ein.

Kissinger wird vorgeworfen, den Befehl zur Beseitigung von Schneider gegeben zu haben, da sich der General weigerte, den später von der US-Regierung lancierten Militärputsch zu unterstützen. Das Attentat auf Schneider war Teil von Project FUBELT, dessen Ziel die Beseitigung der demokratischen chilenischen Regierung unter Salvador Allende durch einen Militärputsch war.[2]

Das East Timor Action Network, International Campaign against Impunity und Instituto Cono Sur betreiben seit 2002 das Projekt Kissinger Watch, das Informationen über den Stand der Strafverfolgung im Fall Henry Kissinger veröffentlicht.[3]

[Bearbeiten] Zitate

  • Als damaligen US-Außenminister: “Wen soll ich anrufen, wenn ich mit Europa sprechen will?”[4]

[Bearbeiten] Auszeichnungen und Ehrungen

  • 1973 Friedensnobelpreis
  • 1977 Freiheitsmedaille („The Presidential Medal of Freedom“), die höchste zivile Auszeichnung in den USA
  • 1987 Karlspreis
  • 1988 Ehrendoktorwürde der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
  • 1996 Franz-Josef-Strauß-Preis
  • 1998 Ehrenbürger von Fürth
  • 2005 Bayerischer Verdienstorden
  • 2007 Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg

sowie

  • Ehrenmitglied der amerikanischen Fördergemeinschaft Friends of Dresden[5]

[Bearbeiten] Schriften

  • Kernwaffen und auswärtige Politik. Oldenbourg, München 1959.
  • Die Entscheidung drängt. Grundfragen westlicher Außenpolitik. Econ, Düsseldorf 1961.
  • Großmachtdiplomatie. Von der Staatskunst Castlereaghs und Metternichs. Econ, Düsseldorf 1962.
  • Amerikanische Außenpolitik. Econ, Düsseldorf 1962.
  • Was wird aus der westlichen Allianz? Econ, Düsseldorf 1965.
  • Memoiren 1968–1973. C. Bertelsmann, München 1979, ISBN 3-570-03138-1
  • Memoiren 1973–1974. C. Bertelsmann, München 1982, ISBN 3-570-00710-3
  • Die weltpolitische Lage. Reden und Aufsätze. C. Bertelsmann, München 1983, ISBN 3-570-06890-0
  • Weltpolitik für Morgen. Reden und Aufsätze 1982–1985. C. Bertelsmann, München 1985, ISBN 3-570-06694-0
  • Das Gleichgewicht der Großmächte. Manesse, Zürich 1986, ISBN 3-71758-062-0
  • Die sechs Säulen der Weltordnung. Siedler, Berlin 1992, ISBN 3-88680-358-9
  • Die Vernunft der Nationen. Über das Wesen der Außenpolitik. Siedler, Berlin 1994, ISBN 3-88680-486-0
  • Jahre der Erneuerung. Erinnerungen. C. Bertelsmann, München 1999, ISBN 3-570-00291-8
  • Die Herausforderung Amerikas. Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Propyläen, München 2002, ISBN 3-549-07152-3

[Bearbeiten] Literatur

  • Edith J. Fresco-Kautsky: Henry A. Kissinger. Historiker und Staatsmann. Böhlau, Köln u. a. 1983 (= Dissertationen zur neueren Geschichte; 13), ISBN 3-412-02183-0.
  • Larry Berman: No peace, no honor. Nixon, Kissinger, and Betrayal in Vietnam. Free Press, New York, NY u. a. 2001, ISBN 0-684-84968-2.
  • Stephan Fuchs: „Dreiecksverhältnisse sind immer kompliziert“. Kissinger, Bahr und die Ostpolitik. Europäische Verl.-Anst., Hamburg 1999, ISBN 3-434-52007-4.
  • Jussi Hanhimäki: The flawed architect. Henry Kissinger and American foreign policy. Oxford University Press, Oxford u. a. 2004, ISBN 0-19-517221-3.
  • Ralph Berger: Die Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zwischen den USA und der VR China, 1969–1979. Die geheimen Verhandlungen von Henry A. Kissinger mit Mao Zedong, Zhou Enlai und Deng Xiaoping. Lang, Frankfurt am Main u. a. 2003 (= Studien zur internationalen Politik; 4), ISBN 3-631-50283-4,
  • Seymour Hersh, The Price of Power: Kissinger in the Nixon White House. 1983 ,
  • Christopher Hitchens: Die Akte Kissinger. Dt. Verl.-Anst., Stuttgart u. a. 2001, ISBN 3-421-05177-1. Original: The Trial of Henry Kissinger. Verso, 2001, ISBN 1-859-84398-0,
  • Walter Isaacson: Kissinger. Eine Biographie. Ed. q, Berlin 1993, ISBN 3-86124-144-7.
  • Eugene Jarecki: The Trials of Henry Kissinger. DVD, 2002.
  • Holger Klitzing: The Nemesis of Stability. Henry A. Kissinger’s Ambivalent Relationship with Germany. WVT, Trier 2007 (= MOSAIC – Studien und Texte zur amerikanischen Kultur und Geschichte, Band 30), ISBN 978-3-88476-942-3.
  • Robert D. Schulzinger: Henry Kissinger. Doctor of diplomacy. Columbia Univ. Pr., New York 1989, ISBN 0-231-06952-9.
  • William Shawcross: Schattenkrieg. Kissinger, Nixon und die Zerstörung Kambodschas. Ullstein Berlin u. a., 1980, ISBN 3-550-07912-5.
  • Ismerök Az Igazságot: Kissinger – Person, Politik, Hintermänner. VZD Köln, 1974.
  • Evi Kurz: Die Kissinger-Saga. Edition TimeLineFilm, Fürth 2007, ISBN 978-3-940405-70-8.

[Bearbeiten] Film

  • Der Fall Kissinger. Reportage von Wilfried Huismann, 45 Min., 2001, Produktion: WDR, Erstsendung: 3. September 2001, Inhaltsangabe des WDR (archiviert), Weltnetz-Video
  • Angeklagt: Henry Kissinger. Dokumentation, Frankreich 2002, 80 Min., Buch und Regie: Alex Gibney, Eugene Jarecki, Produktion: BBC, arte u.a., Erstausstrahlung: 9. April 2003, Inhaltsangabe von arte, Weltnetz-Video
  • Die Kissinger-Saga. Henry und Walter: zwei Brüder aus Fürth. Dokumentation, 45 Min., Buch und Regie: Evi Kurz, Produktion: BR, Erstsendung: ARD, 18. Oktober 2006, Inhaltsangabe der ARD
    ungekürzte Version, 90 Min., Erstsendung: BR, 21. Januar 2007, Inhaltsangabe des BR

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. Buch von David Korn - Wer ist wer im Judentum? - Seite 238 - FZ-Verlag ISBN 3-924309-63-9
  2. „The murder of General Rene Schneider / Lawsuit against Kissinger in the US“, International Campaign against Impunity (ICAI)
  3. Kissinger Watch – International Campaign against Impunity (ICAI)
  4. Nun zwei Telefonnummern in Europa wichtig, euronews.net, 20. November 2009
  5. Friends of Dresden – Honory Directors
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