Friedrich, Jörg

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Der Historiker und Autor Jörg Friedrich
Autor Friedrich bei einer Lesung in einer Pforzheimer Kettenbuchhandlung
Das Presse-Echo der Pforzheimer Zeitung nach der Autorenlesung

Jörg Friedrich (Lebensrune.png 17. August 1944 in Kitzbühel, Tirol, damals Reichsgau Vorarlberg-Tirol) ist ein deutscher Historiker und Autor.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Herkunft

Jörg Friedrich wurde am 17. August 1944 in Kitzbühel (Tirol) geboren. Dorthin war seine Mutter im Rahmen der Mutter-und-Kind-Landverschickung gebracht worden. Der Vater war Lehrer. Jörg Friedrich wuchs in Essen auf.

Wirken

Nach dem Abitur wandte sich Jörg Friedrich dem Theater und Film zu, sammelte Erfahrungen als Drehbuchautor und Schauspieler, war Regieassistent bei Helmut Käutner und führte auch selbst Regie. Um 1968 schloß er sich zeitweise den Protestbewegungen und den Gruppen der „Außerparlamentarischen Opposition“ (APO) an und führte die West-Berliner „Gruppe Internationale Marxisten“ (GIM), eine Sektion der Trotzkistischen IV. Internationale. Der Kontakt zum Rundfunk hielt aber, und ab 1974 stand die Arbeit für den „Sender Freies Berlin“ (SFB) wieder im Vordergrund, darunter als Produzent zahlreicher Rundfunksendungen sowie als Mitautor von Fernsehbeiträgen mit dem Publizisten Alexander Kluge. Daneben wirkte er auch als Reporter und Schauspieler in Fernsehfilmen.[1]

Seit Ende der 1970er Jahre beteiligte sich Jörg Friedrich zunächst über die Rundfunktätigkeit, dann als Autor und Mitarbeiter, an der fortschreitenden Umerziehung im Sinne der alliierten Sieger. Sein Themenschwerpunkt war hierbei der Zweite Weltkrieg, das Kriegsrecht und die — natürlich deutschen — „Kriegsverbrechen“.

Seine Arbeitsschwerpunkte betrafen den Zeitraum des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkrieges und der sogenannten „Aufarbeitung“ — also dem einseitigen Darstellen angeblicher deutscher Verbrechen — in der Nachkriegszeit. Neben seinen Buchpublikationen ist Friedrich auf vielfältige Weise publizistisch tätig und meldete sich auch immer wieder zu aktuellen Problemen des Kriegsrechts zu Wort, unter anderem zu den Balkankriegen der 1990er Jahre, zur Anti-Wehrmachtsausstellung und zum alliierten Bombenterror gegen Deutschland.

So bereitete er die 1982 erschienene deutsche Erstausgabe von Raul Hilbergs antideutschem Propagandabuch „Die Vernichtung der europäischen Juden“ mit vor. Bis 1983 erarbeitete er mit dem VS-Ankläger bei den Nürnberger Tribunalen, Robert M. W. Kempner, dessen Autobiographie „Ankläger einer Epoche“. Nach Friedrich waren noch viel zu wenige nationalsozialistische oder anderswie unopportunistisch gesonnene Deutsche von den alliierten Besatzern „abgeurteilt“, also gehenkt oder wenigstens eingesperrt worden. Er beklagte sich auch darüber, daß viele Nationalsozialisten das von den alliierten Verbrechern verwüstete Deutschland wieder mit aufbauen konnten, statt eliminiert worden zu sein und veröffentlichte daher die Buchbände „Freispruch für die Nazi-Justiz“ (1983) und „Die kalte Amnestie“ (1984). Nach seiner „Auswertung“ der Akten über den Prozeß gegen das Oberkommando der Wehrmacht veröffentlichte Friedrich 1993 im Auftrag der Stadt Nürnberg das — selbstverständlich mit BRD-Auszeichnungen aller Art bedachte — Buch „Das Gesetz des Krieges“ über das Verhalten der Wehrmachtsführung und angeblicher „Kriegsverbrechen“ im Rußlandkrieg ab 1941.

Friedrich gehörte zu den Mitarbeitern der 1990 von der „israelischen Gedenkstätte „Yad Vashem“ herausgegebenen „Enzyklopädie des Holocaust“. Er trug zu dieser den Abschnitt „Nürnberger Folgeprozesse“ bei. 2002 erschien das Lexikon „Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert“, für das Friedrich die Artikel „Babij Jar“ sowie „SS-Einsatzgruppen“ verfaßte. Neben den Publikationen konnte sich Friedrich regelmäßig zu Fragen aktueller Kriege in den BRD-Medien äußern, darunter zu den Balkankriegen der 90er Jahre und später zum Irak-Krieg. Scharfe Kritik brachte er mehrfach gegen die sogenannte „Wehrmachtsausstellung“ über die Kriegsgreuel im Rußlandfeldzug vor und beklagte 1999 insbesondere die Überbetonung der Fotos und handwerkliche Fehler bei der Zuordnung (so Friedrich in der Berliner Zeitung, 30. Oktober 1999). Ihn störte hierbei allerdings weniger die ideologische- sowie propagandistische Intention dieser Veranstaltung, sondern vor allem deren zu plumpe- und unintelligente Machart der Propaganda.

Internationale Aufmerksamkeit gewann Friedrich Ende 2002 mit dem für ihn ungewöhnlichen Buch „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“, der ersten Gesamtschau der Flächenbombardements der anglo-amerikanischen Alliierten im Zweiten Weltkrieg. Bis dahin hat es lediglich lokale Forschungen gegeben, darunter Alexander Kluges Arbeit über Halberstadt. Indem Friedrich diesmal die Leiden der deutschen Zivilbevölkerung in den Vordergrund stellte, rückte ein Thema nun auch wissenschaftlich in die allgemeine Diskussion, das bis dahin meist nur in privaten Kreisen angesprochen wurde.

Friedrich verzichtete in „Der Brand“ auf effekthaschende Fotos, baute sein Werk systematisch auf und überschrieb die einzelnen Kapitel lakonisch mit Begriffen wie „Waffen“, „Land“ und „Strategie“. Er legte dar, daß sich die britische Kriegsführung (anders als die der VSA) auf Nachtangriffe und großteils zivile Ziele konzentrierte, und stellte fest, daß der Bombenkrieg zeitweise ein Drittel der britischen Kriegsaufwendungen verschlungen hatte. Allerdings zwangen die Alliierten den Deutschen durch den Bombenkrieg früh eine Heimatfront auf, die zum Zwecke der Luftabwehr ein Drittel der deutschen Artillerie band. Friedrich beschrieb, wie die Feuerstürme in den leicht entflammbaren und deshalb gezielt ausgewählten Altstädten durch Bombardierungen entstanden und sich dann ausbreiteten. Die Zahl der Todesopfer schätzte er den Quellen zufolge auf zwischen 420.000 und 570.000 — eine starke Untertreibung, wenn man bedenkt, daß diese Opferzahlen bereits ungefähr die Angriffe auf Hamburg und dem überfüllten Dresden einforderten; 161 Städte wurden nahezu völlig zerstört. Als die stärksten Teile des Buches befanden die Rezensenten Kapitel wie „Ich“ und „Wir“, in denen Friedrich Einzelschicksale untersuchte, sich aber auch mit Themen wie Panik, Angst und dem Rausch nach Überleben eines Angriffs auseinandersetzte. Friedrich zufolge hat das durch die Flächenbombardements ausgelöste Leid viele Menschen in eine angeblich „verzweifelte Loyalität zu Hitler“ getrieben, womit fälschlich impliziert wird, daß Hitler davor beim Volke ungeliebt gewesen sei und wenig Loyalität hätte erwarten können.

Friedrichs Buch sorgte für Debatten in den Feuilletons der BRD-Systemzeitungen. Martin Walser sprach von einem „geschriebenen Denkmal für den Bombenkrieg“[2] und sah Friedrich „keinen Satz lang in Gefahr, beim historisch-konkreten Erzählen ins allgemeine Bewerten zu verfallen“. Natürlich mangelte es auch hier nicht an der üblichen Kritik: So bemängelte der Bielefelder BRD-Historiker Hans-Ulrich Wehler, daß Friedrichs Wortwahl teilweise eine „unverhohlene Gleichstellung“ des Bombenkriegs mit dem sogenannten „Holocaust“ darstelle.[3] Wie Wehler störte sich auch Volker Ullrich (trotz insgesamt positiver Einschätzung) an der „Emotionalität der Darstellung“,[4] wohl, weil es sich hier ja fast ausschließlich um deutsche Opfer handelte, die für BRD-Historiker noch nie von vorrangigem Interesse gewesen sind. Wehler und andere vermißten auch eine Einordnung des Bombenkrieges in den „Gesamtkontext“, d. h. eine Einordnung in den Gesamtkontext der erfundenen und offiziell propagierten deutschen Kriegsschuld-Lüge und anderer historischer Lügen und Verzerrungen durch die westliche Geschichtsschreibung.

Überwiegend skeptische Rezensionen in der veröffentlichten Meinung erhielt Friedrichs Nachfolgeband „Brandstätten“ (2003), ein kommentierter Fotoband über den Anblick des Bombenkriegs. Auch dort folgte Friedrich einer systematischen Gliederung von der Organisation der Abwürfe bis zum Wegräumen der Trümmer und dem Bergen der Leichen. Bedenken entfachten die rund zwei Dutzend Fotos, auf denen geschundene Körper und Körperteile der Toten zu sehen sind. Diese „Schonungslosigkeit ohne Scham“ beurteilten viele Rezensenten wie etwa Wolfgang Benz (Welt, 27. Oktober 2003) als „Voyeurismus“, wobei diese Bedenken selten bei der Darstellung angeblich jüdischer Leichenberge geäußert wurden. Der in der BRD lebende Jude Ralph Giordano (Welt, 1. November 2003) verwies darauf, daß Friedrichs „Greuel-Bilder“ ziviler deutscher Opfer (für ein breites Lesepublikum ein Novum) dazu beitragen können, „die Deutschen einseitig als Opfer zu sehen“.

In seinem 2007 veröffentlichten Buch „Yalu. An den Ufern des Dritten Weltkrieges“ setzte sich Friedrich mit dem Ost-West-Konflikt nach 1945 und dem Koreakrieg (1950-1953) als Schwerpunkt auseinander. In der Neuen Zürcher Zeitung (16. Januar 2008) fand Lob, daß Friedrich nicht nur (wie andere Autoren) die internen Kontroversen in den VSA um die Kriegsführung beschrieb, sondern auch Rolle und Intentionen Stalins und Maos hinreichend berücksichtigte. Der Innsbrucker Ordinarius Rolf Steininger, der 2006 (nach Arbeit in VS-Archiven) zum Thema publiziert hatte, vermißte bei Friedrich weiterführende Erkenntnisse aus eigener Quellenarbeit.[5]

Friedrich lebt als freier Autor in Berlin.

Der Brand

Sein 2002 erschienenes Buch Der Brand – Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945 thematisierte den alliierten Bombenkrieg gegen Deutschland. Friedrichs legt dar, daß die Bombenangriffe auf deutsche Städte spätestens seit dem Jahr 1944 ohne militärischen Sinn waren. Sie waren in erster Linie das Ergebnis einer menschenverachtenden Militärdoktrin. Im Oktober 2003 erschien von ihm der Bildband Brandstätten - Der Anblick des Bombenkriegs.

Friedrich nannte die Bomberpiloten der Alliierten Einsatzgruppen - die Keller, die infolge von Bombardierungen brannten nannte er Krematorien (was als Anklang an Auschwitz u. ä. verstanden werden konnte) und die Tatsache, daß durch die Bombardierung Deutschlands auch Bibliotheken in Brand gerieten beschrieb er als Bücherverbrennung. Der bedeutende britische Luftkriegshistoriker Richard Overy betonte, daß „wenn man als Maßstab die Thesen zum Holocaust anlegt, die diesen Völkermord unter dem Gesichtspunkt der Moderne sehen, also die Abstraktion des Tötens betonen, die Bürokratisierung der Vernichtung, das verwaltungstechnische Planen und Durchführen der Morde, das Beamtenverhalten der Täter hinter ihren Büroschreibtischen, also die Distanz zwischen Täter und Opfer, so findet man all das auch als Charakteristikum des Bombenkrieges[6]

Einige von Jörg Friedrichs öffentlichen Auftritten nach Erscheinen dieses Buches, wurden von Protesten von Mitläufern des BRD-Systems und Chaoten aus dem linksradikalen Spektrum begleitet.

Werke (Auswahl)

Auszeichnungen

  • 1995: Ehrendoktor, Universität Amsterdam
  • 1995: Pioom Award der Gesellschaft zur Erforschung des Völkermords, Universität Leyden
  • 2010: Historiker-Preis der Erich und Erna-Kronauer-Stiftung

Verweise

Fußnoten

  1. Internationales Biographisches Archiv 26/2010
  2. FOCUS, 9. Dezember 2002
  3. Süddeutsche Zeitung, 14. Dezember 2002
  4. vgl. ZEIT, 28. November 2002
  5. vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Januar 2008
  6. Interview in der Jungen Freiheit vom 20. April 2007
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