Reich-Ranicki, Marcel

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Marcel Reich-Ranicki (Lebensrune.png 2. Juni 1920 als Marceli Reich in Leslau an der Weichsel; Todesrune.png 18. September 2013 in Frankfurt am Main) war ein jüdischer kommunistischer Geheimagent in Polen. Er setzte sich 1958 in die OMF-BRD ab und lebte hier als Publizist. 1973 konnte er durch Beziehungen zu dem FAZ-Herausgeber Joachim Fest Leiter der Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung werden. Tonangebende Vertreter des weithin antideutschen und judäozentristischen Literaturbetriebs und der Systemmedien der BRD verehrten ihn als „Literaturpapst“ und verhalfen ihm zu öffentlicher Präsenz und Prominenz. Reich-Ranicki präsentierte die Fernsehrunde „Das literarische Quartett“, die eine so breite Zuschauergunst erwerben konnte, daß die bizarre Situation entstand, daß ein jüdischer Literaturkritiker weitaus bekannter und weitaus gefragter mit seinen Meinungen wurde, als ausnahmslos jeder lebende deutsche Schriftsteller.

Der polnische Jude Marcel Reich-Ranicki.jpg

Inhaltsverzeichnis

Werdegang

Herkunft

Marcel Reich-Ranicki mit einer Bekannten in Berlin 1946. Dort gehörte er der kriminellen polnischen Militärkommission an und war von 1944 bis 1950 Agent und Hauptmann im polnischen Geheimdienst UB (gleichzusetzen mit GPU bzw. NKWD). Als Leiter der Operationsabteilung Kattowitz war er mit der Einrichtung von Lagern und Gefängnissen für willkürlich aufgegriffene Deutsche befaßt. An die 80.000 Deutsche – zu 99,2 % Frauen, Kinder und Greise – kamen in diesen Lagern um.

Marceli Reich wurde am 2. Juni 1920 in Leslau an der Weichsel geboren.[1] Er war das dritte Kind des polnischen Juden David Reich und dessen Frau Helene. Die Mutter war eine in Deutschland geborene Jüdin.[2] Der Vater besaß eine kleine Fabrik für Baumaterialien. Reich besuchte als einziger seiner Geschwister die deutsche Schule von Leslau. Er hatte zwei ältere Geschwister, Gerda und Alexander Herbert.

Nach dem Konkurs der väterlichen Fabrik übersiedelte Reich – wie damals Abertausende Ostjuden – 1929 mit der Familie ins Deutsche Reich.[1]

Die Namenswandlung

Geboren wurde er 1920 als Marceli Reich. 1948 ging er als konsularischer Mitarbeiter Polens mit Geheimdienstauftrag nach London. Dafür übersetzte er den deutschen Namen Reich ins Polnische und trat dort als Marceli Ranicki auf. Im August 1958 nahm er das Pseudonym Marcel Reich-Ranicki an.

Ausbildung

Um ihm seine berufliche Zukunft nach dem geschäftlichen Ruin seines Vaters offenhalten zu können, schickten ihn die Eltern zu wohlhabenden Verwandten nach Berlin. Ab 1929 lebte Reich-Ranicki zunächst in Berlin-Charlottenburg, dann im Bayerischen Viertel in Berlin-Schöneberg. Dort besuchte er zunächst das Werner-von-Siemens-Gymnasium und nach dessen Auflösung ab 1935 ohne besondere Beeinträchtigung das renommierte Fichte-Gymnasium. In seiner Freizeit konnte er sich in die Lektüre der deutschen Klassiker vertiefen und Theater, Konzerte und Opern besuchen. Besonders die Aufführungen Wilhelm Furtwänglers und Gustaf Gründgens’ waren ihm ans Herz gewachsen. Thomas Mann wurde in jener Zeit nicht nur in literarischer, sondern auch in moralischer Hinsicht sein Vorbild. 1938 machte Reich-Ranicki am Fichte-Gymnasium sein Abitur. Sein Antrag auf Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin wurde am 23. April 1938 wegen seiner Herkunft abgelehnt. Er arbeitete zunächst als Lehrling in einer Exportfirma. Am 29. Oktober und am 7. November 1938 folgte die Rückführung von ca. 17.000 als staatenlos geltenden Polen und Juden, darunter auch Reich-Ranicki.[1]

Wirken

Reich-Ranicki lebte zunächst arbeitslos in Warschau. Im November 1940 wurde er in das dortige Ghetto umgesiedelt. Er arbeitete bei dem Ältestenrat („Judenrat”) als Übersetzer und schrieb unter dem Autoren-Pseudonym Wiktor Hart Konzertrezensionen in der zweimal wöchentlich erscheinenden Ghettozeitung „Gazeta Żydowska”. Gleichzeitig war er Mitarbeiter bei Emanuel Ringelblums Ghetto-Untergrundarchiv. Anfang 1943 nahm er zeitweise an Aktivitäten der jüdischen Partisanengruppe ZOB teil.[1] Im Februar 1943, kurz vor der Auflösung des Ghettos, gelang ihm mit seiner Frau Tosia, die er im Juli 1942 geheiratet hatte, die Flucht. Nach kurzen Zwischenverstecken fanden sie bis Kriegsende einen Unterschlupf bei einer polnischen Familie.

Nachkriegszeit

Nach dem Einmarsch der Roten Armee im September 1944 trat Reich Ende 1944 freiwillig der polnischen kommunistischen Geheimpolizei UB (Urząd Bezpieczeństwa) bei, einer Organisation vergleichbar der sowjetischen GPU bzw. dem NKWD.

1946 trat Reich der Kommunistischen Partei Polens bei. Der März 1946 war die Zeit, als die Kommunisten in Osteuropa ihre Machtpositionen erweiterten und Churchill vom „Eisernen Vorhang“ sprach.

Reich gehörte 1946 der Polnischen Militärmission in Berlin an und arbeitete 1947 im Geheimdienst (Auslandsnachrichtendienst) und im polnischen Außenministerium. Reich-Ranicki war für den kommunistischen Geheimdienst in Schlesien tätig und danach als Einsatzleiter – im Range eines Hauptmanns – für den polnischen Auslandsgeheimdienst, der gegen Großbritannien gerichtete Spionage durchführte.[3][4] In dieser Eigenschaft wurde er 1948, unter der Tarnung (Deckname „Platon“) eines Vize-Konsuls namens „Marceli Ranicki” – der Name „Reich” klang zu deutsch – als Resident an die Polnische Botschaft in London entsandt, wo er zuständig für die Bespitzelung[5] und Rückführung polnischer Emigranten war.[1] Den Namen Ranicki behielt er später einfach bei. Er galt bei seinen Kollegen als Intellektueller, aber auch als arrogant und stieß auf entsprechend viele Vorbehalte. London war zu der Zeit Sitz der polnischen Exilregierung. Einige dieser Emigranten wurden später von den Kommunisten zum Tode verurteilt und hingerichtet.[6] In dieser Zeit verriet er viele kommunistische Gesinnungsgenossen. Schließlich stellte Reich-Ranicki in London eigenmächtig einem Verwandten ein Visum aus, ohne seine Vorgesetzten um Erlaubnis zu fragen.

Ausweis von Marceli Ranicki, 1952

Als das Agentennetz zusammenbrach, wurde Ranicki abberufen. Im Herbst 1949 bat er aus „politischen Gründen“ um seine Abberufung aus London und kehrte nach Warschau zurück. Anfang 1950 wurde er aus dem Geheimdienst sowie aus dem Dienst im Außenministerium entlassen. Wegen „ideologischer Entfremdung” schloß man ihn auch aus der Kommunistischen Partei aus und inhaftierte ihn zwei Wochen lang in einer Einzelzelle.[2] Seine späteren Anträge auf Wiedereintritt und Rehabilitation wurden abgelehnt.[7]

Mit der Haftzeit endete Reich-Ranickis politische Karriere. Aus dem Gefängnis entlassen, wendete er sich der Literatur zu. Er schrieb für Zeitung und Rundfunk und betreute in einem großen Warschauer Verlag das Lektorat für deutsche Literatur. Ende 1951 ließ er sich als freier Schriftsteller nieder. Anfang 1953 belegten die polnischen Behörden ihn mit einem Publikationsverbot, das bis Ende 1954 in Kraft blieb.

In polnischer Sprache veröffentlichte er u. a. „Aus der Geschichte der deutschen Literatur“ (1955), „Die Epik der Anna Seghers“ (1957) sowie kritische Einleitungen zu Werken von Goethe, Theodor Fontane, Theodor Storm, Wilhelm Raabe, Hermann Hesse, Heinrich Mann und anderen. Er verfaßte ferner zahlreiche Beiträge in Zeitungen und Zeitschriften.

Unter schwierigen Umständen konnte der jüdische Judenkritiker John Sack Reich-Ranicki dazu bewegen, für sein Buch „Auge um Auge“, welches 1995 erschien, Aussagen über seine Zeit als Geheimdienstmitarbeiter für Polen zu tätigen. Das Buch behandelt Verbrechen von Juden an Deutschen ab 1945. Die Originalaussagen von Reich-Ranicki sind auf Tonband in der John Sack Collection der Universität Boston zu finden. Der Originaltitel des Buches heißt „An Eye for an Eye“.

Bundesrepublik Deutschland

Im Juli 1958 hielt sich Reich-Ranicki zu Studienzwecken in der Bundesrepublik Deutschland auf und kehrte von dieser Reise nicht mehr nach Polen zurück. Seine Frau war zuvor mit dem Sohn Andrzej in Urlaub nach London gefahren, um eine Ausreise der gesamten Familie in bürokratischer Hinsicht zu erleichtern.[8] Ab August 1958 arbeitete er als Literaturkritiker im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Der Feuilletonchef der FAZ, Hans Schwab-Felisch, schlug ihm vor, seinen heutigen Doppelnamen zu verwenden, was dieser ohne zu zögern übernahm.[9] Er fand Unterstützung durch seine Schriftstellerkollegen Heinrich Böll und Siegfried Lenz und verwendete von nun an den Doppelnamen „Reich-Ranicki“. Innerhalb kurzer Zeit gelang Reich-Ranicki, der über keinerlei Diplome oder Zertifikate verfügte, ein erstaunlicher Aufstieg. Nach der Übersiedlung von Frankfurt am Main nach Hamburg (1959) arbeitete er von 1960 bis 1973 ständig für die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ und erwarb sich als scharfzüngiger Literaturkritiker einen international geachteten Namen. Allerdings machte er sich durch sein „überaus leicht entzündliches Temperament“ (so sein Biograph Wittstock), seine Art und Weise im Umgang mit Schriftstellern sowie durch häufige Polemik in der Beurteilung auch viele Gegner, darunter Günter Grass, Martin Walser und Peter Handke. Seine Kritiken schrieb Reich-Ranicki in einem klaren Stil, verständlich, weitestgehend ohne Fremdwörter, ohne Verschnörkelungen und doch reich an Metaphern. 1973 ging er mit Joachim Fest zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung, wo er bis zu seinem Ruhestand 1988 die Redaktion für Literatur und literarisches Leben leitete. Daneben schrieb er für die FAZ, die er zur buch- und literaturfreundlichsten Zeitung Deutschlands machte, weiterhin Kritiken und redigierte die „Frankfurter Anthologie“.

Teofila und Marcel Reich-Ranicki

Als Literaturkritiker verriß Reich-Ranicki den Walser-Roman „Jenseits der Liebe“ 1976 als „belanglosen Roman“.[10] Die beiden Männer waren seitdem zerstritten. Der Schriftsteller Martin Walser wiederum veröffentlichte 2002 den Roman „Tod eines Kritikers“, dessen Hauptfigur – ein zu Tode kommender jüdischer Literaturkenner – deutliche Parallelen zu Reich-Ranicki aufweist.

Reich-Ranickis profunde Literaturkenntnisse wurden auch im Ausland geschätzt. 1968 war er Gastprofessor an der Washington University in St. Louis (VSA) und 1969 am Middlebury College (VSA). Von 1971 bis 1975 lehrte er als ständiger Gastprofessor für „Neue Deutsche Literatur“ an den Universitäten von Stockholm und Uppsala (Schweden). 1974 wurde er Honorarprofessor an der Universität Tübingen und hatte 1991/92 die Heinrich-Heine-Gastprofessur an der Universität Düsseldorf inne. Reich-Ranicki war ferner einer der Initiatoren des Klagenfurter Wettbewerbs um den Ingeborg-Bachmann-Preis und von 1977 bis 1986 Sprecher der Jury dieses Wettbewerbs. Vortragsreisen führten ihn in die VSA, nach Kanada, Israel, China, Australien und Neuseeland sowie in zahlreiche europäische Länder.

Seit den 1980er Jahren war er Dauergast im deutschen Fernsehen.[1] Seine Popularität konnte Reich-Ranicki durch die Leitung der ZDF-Büchersendung „Das Literarische Quartett“ (1988–2001), die sich durch eine lebhafte – mit unnachahmlicher charakteristisch-nuschelnder Stimme im „ex cathedra”-Stil – und kontroverse Diskussionskultur auszeichnete, noch steigern. In gewissen „Fachkreisen” war er auch vor dieser Sendung längst als „Literaturpapst” bekannt. Nach einem Eklat um persönliche Attacken gegen seine Kritikerkollegin Sigrid Löffler wurde die Reihe zunächst mit Iris Radisch fortgesetzt und dann zum Jahresende 2001, nach 77 Sendungen mit 400 diskutierten Büchern, abgesetzt. Allerdings gab es bis Sommer 2006 weiterhin einzelne Sondersendungen. Nach dem Ende der Erfolgssendung startete der „Literaturpapst“ im Februar 2002 im ZDF seine „polemischen Anmerkungen“ zu Büchern und anderen Ereignissen des Kulturlebens, die bis Dezember 2002 unter dem Titel „Reich-Ranicki solo“ ausgestrahlt wurden.

Jahrzehntelang schwang „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki seinen Krummstab über dem neudeutschen Bildungsbürgertum. Er tat sich auch als gestrenger Mahner zur ewigen deutschen Vergangenheitsbewältigung wegen Hitler hervor. Seinen Begriff von Pressefreiheit brachte er schon 1965 zum Ausdruck, als er durch Eingabe an den Präsidenten des Bundestages, den später über seinen Wiedergutmachungsskandal gestrauchelten Eugen Gerstenmaier, das Verbot der „Deutschen National-Zeitung“ verlangte. Als es aber 1994 um die Bewältigung in seiner eigenen Sache ging, reagierte Reich-Ranicki aggressiv: „Warum sollte ich als Jude der deutschen Öffentlichkeit Rechenschaft schuldig sein?“[1] Im Sommer 1994 geriet Reich-Ranickis Tätigkeit und „dunkle Epoche“ im kommunistischen Polen auf den öffentlichen Prüfstand. Seine Zusammenarbeit mit dem polnischen Geheimdienst verneinte er zunächst, bevor er sie doch zugeben mußte; er bestritt jedoch, „Chefagent“ gewesen zu sein. Er habe in London zu 80 bis 90 % normale konsularische Aufgaben erfüllt, aber auch über die Aktivitäten der exilpolnischen politischen Organisationen berichtet, teilte er mit. Aus seiner bekanntgewordenen rotpolnischen Geheimdienstakte geht hervor, daß er drei Orden als Offizier von Warschaus Gestapo erhalten hatte und 1945 auch Führer einer „Operationsgruppe“ in Kattowitz/Oberschlesien gewesen war. Im kommunistischen Polen hatte Reich-Ranicki nicht nur über „Stalins geniale Worte“ geschrieben und, ganz im Sinne der Ostpropaganda, das meiste an der bundesdeutschen Literatur als hitleristisch verdammt hatte, sondern auch Geheimdiensthauptmann war und als Vizechef eines Dezernats im Warschauer Sicherheitsministerium dem stalinistischen Regime gedient hatte. Kritische Fragen über seine Verstrickung in den rotpolnischen Terror wurden abgeblockt. Nicht zuletzt solidarisierte sich das „Auschwitz-Komitee“ mit ihm, das seine Kritiker in Antisemitismus-Nähe rückte, die daraufhin eingeschüchtert schwiegen. Der „Literaturpapst“ konnte sein Pontifikat bald darauf ungestört fortsetzen.[1] Für seine schwierige politische Biographie fand er überwiegend Verständnis.[11]

Mitgliedschaft

Reich-Ranicki gehörte der Franz-Kafka-Literaturpreis-Jury an und war Gast bei Tagungen der Umerziehungs-„Gruppe 47“.

Ehrungen und Auszeichnungen

Auf Antrag der „Freunde der Universität Tel Aviv” in Deutschland aus dem Jahre 2006 entstand an der Universität Tel Aviv der Marcel Reich-Ranicki-Lehrstuhl für Deutsche Literatur: „... in historischer Last ein markantes Zeichen für die wissenschaftlichen Beziehungen. Marcel Reich-Ranicki, der unter der Brutalität und Menschenverachtung der Nazis so unendlich viel erleiden mußte, symbolisiert den geistigen Austausch von Wissenschaftlern”.[12]

Im Jahr 2006 entschied die Humboldt-Universität zu Berlin, Reich-Ranicki die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Die Humboldt-Universität wolle sich damit als Rechtsnachfolgerin der Friedrich-Wilhelms-Universität, welche Reich-Ranicki das Studium aufgrund seiner jüdischen Religionszugehörigkeit verwehrt hatte, im Vorfeld ihres zweihundertsten Jubiläums zu ihrer historischen Verantwortung und Schuld bekennen, erklärte der Universitätspräsident. Die Verleihung fand am 16. Februar 2007 statt.[13]

Für sein Lebenswerk und seine Sendung „Das Literarische Quartett“ sollte Reich-Ranicki am 11. Oktober 2008 der Deutsche Fernsehpreis verliehen werden. Der Literaturkritiker lehnte es aber ab, die Auszeichnung entgegenzunehmen, und kritisierte im Rahmen der geplanten Verleihung den „Blödsinn, was ich die letzten Stunden hier gesehen habe, war großer Mist. Ich gehöre hier nicht hin. Ich werfe euch den Preis vor die Füße. Es ist schlimm, daß ich das erleben mußte”,[14] nahm den Preis letztendlich aber doch mit. Thomas Gottschalk hat ihn schließlich dazu überredet”, sagte ein Sprecher in Mainz.[15] Kurz darauf gab es eine weitere selbstdarstellerische Sendung, in der Gottschalk mit Reich-Ranicki über die Qualität des Fernsehprogrammes in Deutschland diskutierte.

Kritik

Titelbild Der Spiegel 40/1993

Die hochschäumende öffentliche Aufmerksamkeit, die dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki jahrzehntelang zuteil wurde, stand in eigenartigem Kontrast zur politischen Ermattung selbst berühmter deutscher Schriftsteller und zu ihrer sehr verspäteten, geradewegs kleinlauten und ohnmächtigen Abwehr der sogenannten „Rechtschreibreform“. Auch genuin ästhetische Debatten werden mittlerweile nur noch ungern und gelangweilt geführt, so als wenn die modernistische Verhäßlichung, der Primat der Zersetzung, alle längst übermannt hätte.

Als Martin Walser seinen Roman „Tod eines Kritikers“ veröffentlichte, las dieselbe vermeintlich „kritische“ Öffentlichkeit darin eine private Abrechnung mit diesem einen Kritiker Reich-Ranicki ohne jede weitergehende Bedeutung. Tatsächlich aber hat der dem Romanstoff zugrundeliegende Mentalitätskonflikt (Künstler/Nicht-Künstler; Deutscher/Jude) sogar große geschichtliche Folgen. Es war Martin Walser, der 1961 auf einer Tagung der Gruppe 47 Literaturkritiker als „Lumpenhunde“ bezeichnet hatte (und es gibt Hinweise, daß er dabei wohl nicht gerade an Joachim Kaiser gedacht hat).[16] Marcel Reich-Ranicki nahm diesen Vorfall zum Anlaß für eine generelle Klarstellung. Er sagte: „Die Autoren, die auf den Tagungen [der Gruppe 47] ihre Arbeiten lesen, wissen, daß sie nur improvisierte Soforturteile hören werden, die oft schonungslos und unbarmherzig sind. [...] Warum kommen sie trotzdem? Warum setzen sich angesehene und preisgekrönte Schriftsteller, deren Bücher hohe Auflagen erzielen und in viele Sprachen übersetzt werden, einer scheinbar so unernsten Kritik aus? Sind sie etwa Masochisten?“ Eine solche Herablassung jedoch, geradewegs die Karikatur des höhnischen Pressejuden, bestimmte seither das Verhältnis zwischen Künstlern und ihrem stets aufs äußerste beleidigten Kritiker. Diese Mißgunst aus Prinzip – das obligatorische Beleidigtsein, das explizit oder auch implizit zu fragen scheint: „Wer wagt es, mir so etwas minderwertiges vorzusetzen?“ – blieb durch Jahrzehnte hindurch die unveränderte Einstellung Reich-Ranickis zu ausnahmslos allen deutschen Schriftstellern. (Die einzige bemerkbare Ausnahme, Siegfried Lenz, zählt nicht, weil er diesem gegenüber nicht etwa anders auftrat, sondern zu dessen Werken überhaupt keine Kritiken veröffentlichte.)

Reich-Ranicki verstand nie, warum Künstler mit Künstlern im Rahmen einer festen Vereinbarung (nämlich mittels Lesungen ohne Autoren-Widerwort) sprechen möchten. Reich-Ranicki verstand nie, daß er dort lediglich Gast war und seine beleidigten Mienen so unpassend wie nur irgend etwas sind gegenüber der verletzlichen künstlerischen Arbeit. Reich-Ranicki verstand ebenfalls nie, daß seine dickfingerige Aburteilung weder erwünscht noch jemals sinnvoll war. So wird einer „Literaturpapst“, und keine Einrede kann seinen Mißmut aufhalten.

Keine Einrede? – Doch, es gab sie. Vielfach und kontinuierlich. Aber bloß Fachleute kennen diese Einrede. Um ein Beispiel zu geben: Der langjährig tätige Literaturkritiker Reinhard Baumgart schrieb 1964 einen kalten Verriß des Buches „Deutsche Literatur in Ost und West“ von Marcel Reich-Ranicki. Er nennt ihn dort einen Kritiker „von Beckmessers Gnaden, versessen auf Einzelfehler, kurzsichtig für Zusammenhänge“.[17] Er nennt ihn einen Don Quijote der Literaturkritik, sammelt Argumente gegen die Aburteilungsmaschine: „Gegen die Versuchungen der Brillanz ist dieser Kritiker unendlich gefeit. Seine Sprache läßt es einfach so weit nicht kommen. Sie reizt, im Gegenteil, einen ganz anderen Verdacht: ob nämlich so grobes Instrument andere als grobe Urteile liefern kann?“

Auszeichnungen

Filmbeiträge

Der Eichmann von Kattowitz[21]
Marcel Reich-Ranicki bei Friedman, 2010 (Teil 1)
Marcel R. Ranicki lehnt ZDF-Fernsehpreis ab (2008)

Zitate

  • Marcel Reich-Ranicki ist angetan von der Verfilmung seiner Autobiographie „Mein Leben“. „Dieser Film beschönigt alles. Und das ist gut und richtig so.“ Wenn das Leben im Warschauer Ghetto so gezeigt worden wäre, wie es wirklich gewesen sei, würden die Menschen es nicht aushalten.[22]
  • Wir haben uns regelrecht nach dem Krieg gesehnt! [...] Denn wir haben geglaubt, daß die Deutschen den Krieg schnell verlieren würden.[23]
  • „Wenn ich in der Goethepreis-Jury gewesen wäre, hätte ich, glaube ich, verhindert, daß Jünger diesen Preis erhält.“[24]

Familie

Marcel Reich-Ranicki war seit Juli 1942 mit der Jüdin Tosia (eigtl. Teofila), geb. Langnas (geb. 12. März 1920 in Lodz; gest. 29. April 2011 in Frankfurt am Main), der Tochter eines Geschäftsmanns aus Lodz, verheiratet. Das Paar lebte seit 1973 in Frankfurt-Dornbusch. Andrew Ranicki ist der Sohn von Marcel Reich-Ranicki.

Werke

Als Herausgeber

  • Auch dort erzählt Deutschland: Prosa von "Drüben", Paul List Verlag, München 1960
  • 16 polnische Erzähler, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1962
  • Erfundene Wahrheit. Deutsche Geschichten seit 1945, Piper, München 1965
  • Gesichtete Zeit. Deutsche Geschichten 1918-1933, Piper, München 1969
  • Verteidigung der Zukunft. Deutsche Geschichten seit 1960, Piper, München 1972
  • Frankfurter Anthologie, Band 1–29. Insel Verlag, Frankfurt 1978–2004 (Einzelbände)
  • 1000 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Insel, Frankfurt a. M. 1995. 10 Bände (Anthologie mit Interpretationstexten)
  • 1400 Deutsche Gedichte und ihre Interpretationen. Chronologisch von Walther von der Vogelweide bis Durs Grünbein. Insel, Frankfurt 2002. 12 Bände (Anthologie mit Interpretationstexten)
  • Romane von gestern – heute gelesen. Drei Bände (1900–1918; 1918–1933; 1933–1945). Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1996.
  • Meine Geschichten. Von Johann Wolfgang von Goethe bis heute. Insel, Frankfurt a.M. 2003, ISBN 3-458-17166-5 (Anthologie)
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Romane. 20 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2002 (Schuber), ISBN 3-458-06678-0
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Erzählungen. 10 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2003 (Schuber), ISBN 3-458-06760-4
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Dramen. 8 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2004 (Schuber), ISBN 3-458-06780-9
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Gedichte. 7 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2005 (Schuber), ISBN 3-458-06785-X
  • Der Kanon. Die deutsche Literatur. Essays. 5 Bände und ein Begleitband. Insel, Frankfurt 2006 (Schuber), ISBN 3-458-06830-9

Fernsehreihen

  • Das literarische Kaffeehaus (1964–1967)
  • Das literarische Quartett (1988–2002 im ZDF)
  • Solo (Fernsehen)
  • Lauter schwierige Patienten (im Südwestfernsehen)

Filmographie

  • Mein Leben (2009). Fernsehspiel. Regie: Dror Zahavi, Autor: Michael Gutmann; Produktion: Katharina Trebitsch (Darsteller M. Reich-Ranicki: Matthias Schweighöfer
  • Ich, Reich-Ranicki. Dokumentation, 105 Min., Buch und Regie: Lutz Hachmeister und Gert Scobel, Erstsendung: ZDF, 13. Oktober 2006 (Inhaltsangabe des ZDF), (Besprechung in Spiegel Online, FAZ und Berliner Zeitung)
  • Marcel Reich-Ranicki. Mein Leben. Dokumentation, 43 Min., ein Film von Diana von Wrede, Produktion: arte, Erstsendung: 21. August 2004, Inhaltsangabe von Phoenix
  • Herrrlich! Grrrässlich! Die große Marcel Reich-Ranicki-Nacht, Dokumentation, 180 Min., zusammengestellt von Stephan Reichenberger und Alex Rühle, Produktion ZDF, Erstsendung: 2./3. Juni 2000
  • Der Literaturpapst. Auseinandersetzungen mit dem Kritiker Marcel Reich-Ranicki. Dokumentation, 100 Min., Buch und Regie: Martin Lüdke und Pawel Schnabel, Erstsendung: ARD, 28. April 1987

Literatur

  • Frank Schirrmacher: Marcel Reich-Ranicki. Sein Leben in Bildern. Eine Bildbiographie, München, DVA 2001, 288 S., 286 s/w Abb., Leinen, ISBN 3-421-05320-0
  • Thomas Anz: Marcel Reich-Ranicki. München, dtv 2004, 192 S., zahlr. meist farbige Abb., ISBN 3-423-31072-3
  • Sabine Gebhardt-Herzberg: Das Lied ist geschrieben mit Blut und nicht mit Blei: Mordechaj Anielewicz und der Aufstand im Warschauer Ghetto. ISBN 3-00-013643-6; 250 S., Selbstverlag; enthält ein Kapitel über Reich-Ranickis Flucht aus dem Warschauer Ghetto und die Rolle des sogenannten „Judenrates”, für den er tätig war.
  • Uwe Wittstock: Marcel Reich-Ranicki. Geschichte eines Lebens, München, Blessing 2005, 288 S., 70 Abb., ISBN 3-89667-274-6

Siehe auch

Verweise

Fußnoten

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 1,5 1,6 1,7 David Korn: Wer ist wer im Judentum?, FZ-Verlag, ISBN 3-924309-63-9
  2. 2,0 2,1 Munzinger-Archiv GmbH, 2009
  3. Marceli Reich, der sich später Marcel Reich-Ranicki nannte, war von 1944 bis 1950 als Hauptmann für den polnischen Geheimdienst UB (wie sowjetische GPU/ NKWD) tätig. Als Leiter der Operationsabteilung Kattowitz war er mit der Einrichtung von Lagern und Gefängnissen für willkürlich aufgegriffene Deutsche befaßt. An die 80.000 Deutsche – zu 99,2 % Frauen, Kinder und Greise – kamen in diesen Lagern ums Leben. Nach erfolgreicher Erfüllung seiner Aufgaben ist Marcel Reich ungewöhnlich schnell in der Geheimdiensthierarchie aufgestiegen.
  4. Weitere jüdische Mitarbeiter des sowjetpolnischen Sicherheitsdienstes in Kattowitz waren Yurik Cholomski, Barek Eisenstein, Major Frydman, Jacobowitz, Mordechai Kac, Leon Kaliski, Mosche Kalmewicki, Hermann Klausner, Schmuel Kleinhaut, Josef Kluger, Heniek Kowalski, Adam „Krawecki“, Laudon, Leutnant Malkowski, Nachum „Salowicz“, Hauptmann Stilberg, Mosche Szajnwald, Vogel, Hela Wilder und Leo Zolkewicz. Eisenstein schätzte, daß 90 Prozent der jüdischen Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes sich polnische Namen zulegten. Einer von ihnen wurde sogar auf einem katholischen Friedhof beerdigt. Jözef Musial, 1990 stellvertretender Justizminister in Polen, sagte: „Ich rede nicht gern darüber“, aber in ganz Polen seien die meisten Offiziere des Staatssicherheitsdienstes Juden gewesen. Im Staatliche Sicherheitsdienst in Schlesien waren zwei- bis dreihundert Offiziere beschäftigt; drei Viertel davon wären Juden. Unter den jüdischen Kommandanten in Schlesien waren Major Frydman (Lager Beuthen), Jacobowitz in einem nicht identifizierten Lager, Schmuel Kleinhaut (Myslowitz), Efraim Lewin (Neisse), Schlomo Morel in Schwientochlowitz, Oppeln und Kattowitz und Lola Potok Ackerfeld (Gleiwitz). Czeslaw Geborski, der Kommandant von Lamsdorf, war vermutlich ein Katholik: er war der einzige nichtjüdische Kommandant.
  5. Die Weltwoche, 15. April 2009, Ausgabe 16/09: Von Gerhard Gnauck: Pakt mit dem Teufel – Wie tief war Reich-Ranicki in die Geheimdienst-Machenschaften der polnischen Kommunisten verstrickt?
  6. In den ersten Nachkriegsjahren 1948 bis 1950 war Reich-Ranicki offiziell Chef des Generalkonsulats der Republik Polen in London. In Wirklichkeit war er als stellvertretender Abteilungsleiter der polnischen Auslandsspionage mit der Observierung der polnischen Exilregierung befaßt. Laut Krysstof Starzynski, seinem ehemaligen Unteragenten, befaßte sich Marcel Reich damit, die polnischen Exilanten in London zu infiltrieren und schwarze Listen nach Warschau zu schicken. Jeder auch nur winzige Hinweis auf eine Zusammenarbeit mit dem anti-stalinistischen Widerstand war für die Betroffenen tödlich. Nach Warschau zurückgekehrt, schrieb er literarisch verbrämte Lobeshymnen auf den Stalinismus. 1958 erhielt das Mitglied der KP Marcel Reich-Ranicki offiziell die Erlaubnis, in die Bundesrepublik auszureisen. Dort kam er zu der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“.
  7. Einige Monate vergingen, und Ranicki begann in Polen eine neue Laufbahn: als Literaturkritiker.
  8. „Ich bitte höflich, mir die Genehmigung zu erteilen”, Die Welt, 21. Juli 2008
  9. „Marcel Reich-Ranickis Rückkehr vor 50 Jahren”, Die Welt, 21. Juli 2008
  10. n-tv, 14. März 2010: Verriss von "Jenseits der Liebe" - Walser wollte "R-R" ohrfeigen
  11. z. B. bei Henryk M. Broder (Die Woche, 23. Juni 1994), Rolf Hochhuth (FAZ, 17. Juni 1994) oder seinem Kollegen aus dem „Literarischen Quartett“, Hellmuth Karasek (SPIEGEL, Nr. 28/1994).
  12. Pressemitteilung der „Freunde der Universität Tel Aviv”, 1. Februar 2006, im Weltnetz in: Kapitel „Abroad”
  13. Pressemitteilung der Humboldt-Universität, 21. Dezember 2006, Weltnetz in: Ehrendoktor der Humboldt-Universität
  14. Martin U. Müller: Reich-Ranicki lehnt Deutschen Fernsehpreis ab (Spiegel Online 2008-10-11)
  15. derNewsticker.de: Marcel Reich-Ranicki nimmt Fernsehpreis jetzt doch an, vom 12.10.2008, Abgerufen am 12.10.2008
  16. Vgl. auch für das Folgende: Marcel Reich-Ranicki: Kritik auf den Tagungen der „Gruppe 47“; in: Ders.: Wer schreibt, provoziert. Kommentare und Pamphlete. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1966, S. 57-63
  17. Reinhard Baumgart: Deutsche Literatur der Gegenwart. Kritiken, Essays, Kommentare. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1995, ISBN 3-423-04674-0, S. 123
  18. Namenspatron des Lehrstuhls für deutsche Literatur der Universität Tel Aviv (Inauguration des Lehrstuhls: 2007)
  19. Lobung: Verdienste um die niederländische Literatur, Marcel Reich-Ranicki habe unter anderem im „Literarischen Quartett“ wiederholt Werke holländischer Schriftsteller besprochen.
  20. Die beste Rede des Jahres hat Marcel Reich-Ranicki gehalten. Dieser Meinung ist das Rethorik-Seminar der Universität Tübingen. Mit der „Rede des Jahres 2012“ zeichnen sie eine Ansprache des Literaturkritikers vom 27. Januar 2012 vor dem Deutschen Bundestag aus. Darin hatte Reich-Ranicki an die „Opfer der Nationalsozialisten“ erinnert. Er habe dabei auf die konventionelle Gedenk-Rhetorik verzichtet und geschildert, wie er selbst eine historisch bedeutsame Episode aus dem Warschauer Ghetto erlebt habe. Das sei kunstvoll ergreifend, aber nicht pathetisch gewesen. Mit der undotierten Auszeichnung „Rede des Jahres“ werden Reden gewürdigt, die die politische, soziale oder kulturelle Diskussion beeinflußt haben.
  21. Ob der Vergleich mit Adolf Eichmann wirklich passend ist, bleibt dahingestellt.
  22. Reich-Ranicki hält Verfilmung seiner Autobiographie für gelungen, Deutschlandradio Kultur, 29. März 2009
  23. Marcel Reich-Ranicki in einem Gespräch mit der Berliner „BZ“ (Ausgabe vom 12. August 2009)
  24. Wonnen des Gewöhnlichen – Anmerkungen zu Marcel Reich-Ranicki anläßlich seines 80. Geburtstages, Junge Freiheit, 2. Juni 2000
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