Solschenizyn, Alexander

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Alexander Issajewitsch Solschenizyn (1918–2008)

Alexander Issajewitsch Solschenizyn (Lebensrune.png 11. Dezember 1918 in Kislowodsk, Gouvernement Stawropol; Todesrune.png 3. August 2008 in Moskau) war ein russischer Schriftsteller, Dramatiker und Träger des Nobelpreises für Literatur.

Leben

Herkunft

Alexander Issajewitsch Solschenizyn kam 1918 im Nordkaukasus zur Welt. Der Vater, ein ehemaliger Offizier der Artillerie, starb schon vor seiner Geburt. 1924 zog Solschenizyn mit der Mutter, einer Stenotypistin, nach Rostow am Don.

Ausbildung

1936 machte Solschenizyn Abitur und studierte dann an der Physikalischen und Mathematischen Fakultät der Universität Rostow. Während des Studiums nahm er ab 1939 an Fernkursen des Moskauer Instituts für Philosophie, Literatur und Geschichte (MIFLI) teil.

Wirken

Nach dem Examen 1941 war Solschenizyn als Physiklehrer an der 1. Mittelschule in Morosowsk/Gebiet Rostow tätig. Am 18. Oktober 1941 wurde er zur Roten Armee eingezogen. 1942 besuchte er eine Artillerieschule und führte dann als Hauptmann im ununterbrochenen Fronteinsatz eine Flakbatterie.

Verbannung und erste literarische Erfolge

Ein Wachturm im Projekt 503 der Stalineisenbahn von Workuta nach Igarka.
Alexander Solschenizyn

Im Februar 1945 fielen dem Abschirmdienst Feldpostbriefe Solschenizyns mit abfälligen Bemerkungen über den sowjetischen Staats- und Parteichef Josef Stalin in die Hände, die seine Verhaftung in Ostpreußen und eine Verurteilung zu acht Jahren Straflager nach sich zogen. 1946-1950 war Solschenizyn in einem Spezialgefängnis bei Moskau inhaftiert, und 1950-1953 war er in einem Sonderlager für politische Häftlinge in Ekibastus/Kasachstan in Haft. Im März 1953 entlassen, blieb er in Kok-Terek (Kasachstan) in Verbannung und war dort als Dorfschullehrer für Mathematik und Physik tätig. Solschenizyns Krebsleiden wurde 1954 in Taschkent durch eine Strahlentherapie geheilt. 1956 erfolgte Solschenizyns Rehabilitierung. 1957 bis Ende 1962 unterrichtete er an der Oberschule der Stadt Rjasan, wo auch seine Frau an der Landwirtschaftlichen Hochschule lehrte. 1962 machte Solschenizyn das Schreiben zu seinem Beruf.[1]

Ende 1962 sorgte Solschenizyn in der literarischen Welt der Sowjetunion mit seiner bereits 1958 vollendeten Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, die in der Literaturzeitschrift „Nowyj Mir“ erschien, für Aufsehen. Chefredakteur Alexander Twardowskij erreichte, daß der damalige Staatschef Nikita S. Chruschtschow das Anti-Stalin-Werk tolerierte. Die Erzählung beschrieb einen ganz gewöhnlichen Tag im Leben eines Lagerhäftlings und beeindruckte vor allem durch die offene, detaillierte Schilderung des Lagerlebens. Der Bann der offiziellen Kritik traf den Autor Solschenizyn bald danach: 1964 verhinderte die Partei Solschenizyns Auszeichnung mit dem Leninpreis. Inzwischen hatte er die Erzählungen „Zwischenfall auf der Station Kretschetowka“ und „Matrjonas Hof“ veröffentlicht. Über „Matrjonas Hof“ fiel die offizielle sowjetische Kritik einmütig her, ebenso 1963 über die Erzählung „Im Interesse der Sache“, die den aussichtslosen Kampf eines Wissenschaftlers gegen allmächtige Parteigewaltige zum Inhalt hatte. 1966 erschien die letzte offizielle Solschenizyn-Publikation in der UdSSR.

Im Mai 1967 forderte Solschenizyn in einem Brief an den IV. Sowjetischen Schriftstellerkongreß die Aufhebung der offenen und versteckten Zensur und die Freigabe seiner Romane „Der erste Kreis der Hölle“ (1973 von Aleksander Ford verfilmt), ein autobiographisch geprägter Bericht über den Aufenthalt in einem sowjetischen Sondergefängnis, sowie „Krebsstation“, die westeuropäische und amerikanische Verlage im Herbst 1968 als Übersetzungen verlegten. Der Konflikt mit dem Schriftstellerverband endete im November 1969 mit Solschenizyns Ausschluß.

Archipel GULag und Ausweisung

Im Oktober 1970 erhielt Solschenizyn den Nobelpreis für Literatur zuerkannt. Der Feier mußte er jedoch fernbleiben, da er fürchtete, nicht in die Heimat zurückkehren zu können. Im frühen Herbst 1973 verschärfte sich die Kampagne gegen Solschenizyn, nachdem der KGB über eine Solschenizyn-Vertraute (sie beging nach dem Verrat Selbstmord) das Manuskript des „Archipel Gulag“ ausfindig gemacht hatte. Dieses dokumentarisch-literarische Werk behandelt die systematischen Unterdrückungen in der Sowjetunion ab 1918, denen nach Solschenizyns Darstellung etwa 60 Millionen Menschen zum Opfer gefallen waren. Solschenizyn beschloß die rasche Veröffentlichung in Paris. Mit den drei Bänden des „Archipel Gulag“ (1973-1976) hatte Solschenizyn eine Darstellung des Systems sowjetischer Gefangenenlager seit Lenin und des Mechanismus des Terrors unter Stalin vorgelegt, die auch die Einstellung vieler westlicher Intellektueller zur Sowjetunion grundlegend veränderte und Massenaustritte aus westlichen kommunistischen Parteien zur Folge hatte. Solschenizyn wurde am 12. Februar 1974 verhaftet, ausgebürgert und in die Bundesrepublik Deutschland abgeschoben. Aufnahme fand er hier zunächst bei Heinrich Böll, später zog er in die Schweiz. Im Dezember 1974 nahm Solschenizyn in Stockholm den bereits 1970 verliehenen Literatur-Nobelpreis in Empfang. Die Feier wurde von der Sowjetunion und anderen kommunistischen Staaten boykottiert. Im September 1976 verließ Solschenizyn die Schweiz und übersiedelte mit seiner Familie auf eine Farm nahe der Kleinstadt Cavendish im amerikanischen Bundesstaat Vermont.

Solschenizyn litt im Ausland unter unermüdlichen Nachstellungen von KGB-Agenten, sowie jüdischen Kreisen, die ihn diffamierten und beleidigten. Das nationale Rußland blieb stets seine geistige Heimat. Sein Werk „Zwischen den Mühlsteinen“ beschreibt die Zeit seines Exils akribisch, auch den unglaublichen Einfluß, den jüdische Kreise in den VSA auf alle Aspekte von Politik, Kultur und Alltag ausüben.

Solschenizyn trat im Exil dennoch als reger politischer Publizist und Redner hervor, der mitunter harsche Kritik an den seiner Meinung nach dekadenten und materialistischen westlichen Demokratien übte. Mit seiner Betonung von Moral und Geistigkeit des Russentums verärgerte er viele jüdische und linke Intellektuelle.

In der Zurückgezogenheit seines amerikanischen Exils schrieb Solschenizyn u. a. an seinem historischen Romanzyklus „Das rote Rad“, den er mit „August vierzehn“ (erste Fassung 1971) begonnen hatte und mit „November sechzehn“ (dt. 1986) und „März siebzehn“ (dt. 1989-1991) fortsetzte. Sein ursprünglich auf 20 Folgen angelegtes Mammutwerk sollte den russischen Lesern nach den Jahrzehnten parteilich entstellter Geschichtsschreibung die Wahrheit über die russische Revolution erzählen, so die Schreibabsicht Solschenizyns. Nach Erscheinen der erweiterten Neuausgabe von „August vierzehn“ (1983 in Frankreich und 1987 in der Bundesrepublik) sah er sich allerdings in den Vereinigten Staaten einer heftigen und lang anhaltenden Diskussion über seine (vermeintliche) antisemitische Haltung (in der Beschreibung des Stolypin-Mörders) ausgesetzt. Über „November sechzehn“ urteilten westliche Kritiken in der Mehrzahl ablehnend. Nach Helen von Ssachno [2] war dieses Buch als Beispiel dafür zu zitieren, wie eine geschlossene „historiosophische“ Konzeption ein literarisch anspruchsvolles Werk einfrieren lassen kann. Im Sommer 1991 beschloß Solschenizyn aus Altersgründen, die Arbeit am „Roten Rad“ nicht mehr fortzusetzen.

Im Westen war Solschenizyn die Rolle des Mahners, Moralisten und Propheten zugewachsen, der in Vorträgen und Interviews immer wieder eindringlich vor übertriebener politischer Konzessionsbereitschaft gegenüber der Sowjetunion warnte. Solschenizyns extremer moralischer Rigorismus, mit dem er auch die westlichen Demokratien kritisch bewertete, fand Anklang und Ablehnung gleichermaßen. Berühmt wurde seine 1978 in Harvard gehaltene Rede, in der er den westlich-amerikanischen Konsum-Materialismus, aber auch die angeblich defätistische und kompromißlerische Politik Washingtons gegenüber dem Kommunismus geißelte. Auch im Lager sowjetischer Regimekritiker wurde verschiedentlich Kritik an den christlich-paternalistischen Wertvorstellungen Solschenizyns laut; seinen Feinden galt er gar als Fundamentalist.

Wende und Rückkehr nach Rußland

Solschenizyn in Wladiwostok, 1994.

Solschenizyns Rehabilitierung in der Sowjetunion erfolgte schrittweise: Im Juli 1989 wieder in den Sowjetischen Schriftstellerverband aufgenommen, erhielt Solschenizyn im August 1990 durch ein Dekret des Präsidenten Michail S. Gorbatschow die Bürgerrechte zurück. Im September 1991 entschuldigte sich UdSSR-Generalstaatsanwalt Trubin bei Solschenizyn „für das unrechtmäßige Vorgehen ehemaliger Mitarbeiter der Staatsanwaltschaft der UdSSR“ und gab die Aufhebung der 1974 gegen Solschenizyn erhobenen Anklage wegen „Vaterlandsverrates“ bekannt. Die Reformpolitik Rußlands unter Präsident Boris N. Jelzin kritisierte Solschenizyn in der Folgezeit heftig und plädierte für die Erhaltung einer starken Zentralmacht in Rußland (2/1993). Mehrmals stellte Solschenizyn in dieser Zeit seine Rückkehr nach Rußland in Aussicht, bis er dann am 27. Mai 1994 endgültig in Wladiwostok eintraf. Um sich nach 20 Jahren Exil wieder mit seiner Heimat vertraut zu machen, reiste Solschenizyn 55 Tage lang mit dem Zug quer durch Rußland, ehe er im Juli 1994 in Moskau eintraf.

Solschenizyns Rückkehr in die Heimat wurde zunächst mit großem (Medien-)Interesse verfolgt, er erhielt die Gelegenheit, in Fernsehen und Zeitungen seine Vorschläge zur Lösung der russischen Krise zu äußern. Im Oktober 1995 wurde er sogar eingeladen, eine Rede vor dem russischen Parlament zu halten und traf wenig später zu einem persönlichen Gespräch mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin zusammen. Dabei ließ er sich von keiner politischen Gruppe vereinnahmen und teilte in alle Richtungen Kritik aus: Vor der Duma kritisierte er die mangelnden demokratischen Strukturen („Die Ordnung, die wir heute haben, ist keineswegs eine Demokratie. ... wir haben heute eine Oligarchie“, zit. nach FAZ, 31. Oktober 1994) und machte sich zum Sprecher des einfachen Volkes, das auch von den neuen Machthabern wieder betrogen und ausgenutzt werde. Mit seiner Propagierung des alten Systems der „Semstwo“ – eine aus dem 19. Jahrhundert stammende Form der Selbstverwaltung auf Kreis- und Gouvernementebene – stieß er allerdings auf wenig Zustimmung. Anfang 1995 erhielt Solschenizyn ein eigenes Fernsehmagazin („Begegnungen mit Solschenizyn“), das allerdings im September 1995 wieder eingestellt wurde.

Im November 1996 faßte Solschenizyn seine politischen Vorstellungen in einem Essay zusammen, das zunächst in einer Moskauer Zeitung („Obschestnaja Gaseta“) und in der französischen „Le Monde“ erschien, und wiederholte seine negative Bilanz erneut in dem im Juni 1998 veröffentlichten Werk „Rossija w obwale“ (Russland im Zusammenbruch), das er als seinen letzten Beitrag zur politischen Diskussion um Rußlands Zukunft bezeichnete. Der düstere Grundtenor war in beiden Werken ähnlich: Die russische Regierung habe kein durchdachtes Programm, die Bürokratie habe sich unter Präsident Jelzin noch vergrößert und ernähre sich auf Kosten eines Volkes, das im Elend lebe, kriminelle Monopolisten beherrschten die russische Wirtschaft und würden in ihrem Tun von den gewinnsüchtigen Machthabern unterstützt. Solschenizyn kritisierte darüber hinaus die unberechtigte Einmischung des Internationalen Währungsfonds (IWF) in das russische Wirtschaftssystem. Er wies auf die Notwendigkeit lokaler Selbstverwaltung als bester Demokratieform für Rußland hin und äußerte scharfe Kritik an den Parteien. Außerdem schlug Solschenizyn, der selbst für sein Schweigen im Tschetschenienkonflikt kritisiert wurde, nationalistische Töne an, beklagte die Verwestlichung Rußlands und forderte einen engeren Bund der ostslawischen Volksgemeinschaft, zu der er neben Rußland die Ukraine, Weißrußland und auch die mehrheitlich von Russen besiedelte Gebiete Kasachstans rechnet. Heftige Kritik äußerte Solschenizyn aber auch an der Passivität des Volkes, das sich nicht gegen die sozialen Ungerechtigkeiten wehren und vieles klaglos hinnehmen würde.[3]

Wladimir Putin bei Solschenizyn, 2000.
Solschizyn traf sich mit Wladimir Putin zu einem Gespräch, bei dem sich beide über das Schicksal und die Aufgaben Rußlands unterhielten, 2007.

Solschenizyn meldete sich in den Jahren nach seiner Rückkehr aber nicht nur politisch, sondern auch literarisch zu Wort. Er veröffentlichte in der Literaturzeitschrift „Nowyj Mir“ zahlreiche Prosaminiaturen und Erzählungen, von denen zwei unter dem Titel „Heldenleben“ 1996 ins Deutsche übersetzt wurden. Die neuen Werke, die zumeist aus dem Genre der fiktionalisierten Historie stammten und belehrenden Charakter hatten, wurden von einigen Kritikern als erzählerisch glanzlose Werke bewertet. Häufig wurde ein blasser, sehr essayistischer Stil kritisiert oder sogar eine „knochentrockene, sperrige Prosa“[4] festgestellt. Inhaltlich wurde Solschenizyns Abrechnung mit den Schrecken des Sowjetsystems in einer Zeit, in der viele seiner russischen Mitbürger dazu übergingen, die früheren Umstände zu verherrlichen, als wichtig und verdienstvoll eingeschätzt.[5]

Weniger erfolgreich als seine Romane, Erzählungen und Essays waren Solschenizyns Versuche, für die Bühne zu schreiben. Die beiden Schauspiele „Republik der Arbeit“ (geschrieben 1953/1954; europ. Uraufführung Dezember 1974, Essen) und „Kerze im Wind“ (geschrieben 1960; dt. UA im Oktober 1975, Bochum), beides Szenenfolgen aus dem Arbeitslager, trugen nicht zu seinem Weltruhm bei. 1995 wurde sein Stück „Gelage der Sieger“ im Moskauer Malyj-Theater uraufgeführt. Das in Versform verfaßte Drama, das Solschenizyn bereits 1951 als Sträfling erdacht hatte, aber erst Jahre später aufschreiben konnte, befaßte sich mit der Stimmung in der russischen Armee und den Zukunftsvorstellungen und Sorgen der Soldaten kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

1997 stiftete Solschenizyn einen mit 25.000 VS-Dollar dotierten Literaturpreis für russische Schriftsteller, deren Werke einen Beitrag zum Erhalt und zur Entwicklung der Traditionen der russischen Literatur leisten. Dieser wurde im Mai 1998 erstmals an den Kultur- und Sprachhistoriker Wladimir Toporow verliehen.

Solschenizyn fuhr auch weiterhin damit fort, politische Entwicklungen im In- und Ausland zu kommentieren. Während er die Luftangriffe der NATO auf Serbien im Frühjahr 1999 scharf verurteilte: „Unter den Augen der Menschheit ist man dabei, ein großartiges europäisches Land zu zerstören, und die zivilisierten Regierungen applaudieren. … Nachdem sie die Vereinten Nationen auf den Müll geschmissen hat, proklamiert die NATO der Welt für das kommende Jahrhundert ein altes Gesetz – das des Dschungels: Der Stärkere hat immer recht.[6]

Solschenizyn stellte sich hinter die Tschetschenienpolitik der russischen Regierung. Rußland müsse sich gegen den Terrorismus verteidigen und aufhören, vor dem Westen zu kapitulieren, betonte er. Zu Staatspräsident Wladimir Putin äußerte sich Solschenizyn positiv und lobte vor allem dessen Bemühen, Rußland wieder zu stärken.

Judentum

Für Aufmerksamkeit und Diskussionen in in- und ausländischen Feuilletons sorgte 2001 das Erscheinen von Solschenizyns erstem Teil einer zweibändigen Geschichte der Juden in Russland unter dem Titel „Dwesti let wmestje. 1795-1995“ (dt. 2002, Zweihundert Jahre zusammen). Anhand historischer Dokumente versuchte Solschenizyn, in einem nach Kritikermeinung „betont versöhnlichen“ Ton ein „objektives“ Bild zu präsentieren sowie eine Versachlichung der Geschichte der in Rußland lebenden Juden zu erreichen und meinte gleichzeitig, widerlegen zu müssen, daß er „antisemitische Sentiments“ hege. Die in der bundesdeutschen Veröffentlichten Meinung publizierten Kritiker bezichtigten seine Quellenbasis als äußerst dürftig, da angeblich nur auf älteren Sekundärquellen beruhend, forderten die fehlende Einbeziehung von neueren, d. h. judenfreundlicheren, Forschungen und behaupteten, daß das Werk wissenschaftlichen Anforderungen nicht entspräche.[7] In Rußland, wo das Werk auf großes Leserinteresse stieß, wurde dagegen positiv vermerkt, daß Solschenizyn dieses eher verdrängte Thema überhaupt in Angriff genommen habe. Der zweite, Ende 2002 veröffentlichte Band, der die (ganz überproportionale) jüdische Beteiligung an der bolschewistischen Revolution thematisierte, stieß unter judäophilen Historikern auf noch größere Ablehnung.

Für sein monumentales zweibändiges Werk „Zweihundert Jahre zusammen“, das die Geschichte der in Rußland lebenden Juden von 1795 bis 1916 (Band 1) bzw. von 1917 bis 1972 (Band 2) darstellt, wurde Solschnizyn von jüdisch-liberalistischer Seite teils heftig angegriffen und beschimpft, und dies obwohl er lediglich verhaltene Kritik am Judentum übte.

2004 erschienen in Deutschland in dem Band „Schwenkitten 45“ zwei Kriegserzählungen von Solschenizyn (1999 bereits in Rußland veröffentlicht), in denen er nach Kritikermeinung sein „Lebensthema von der selbstherrlichen Obrigkeit, welche die besten Kräfte des Volkes verrät und verschleudert“ ausführte (FAZ, 2. Oktober 2004) und eine „radikal individualisierte Sicht auf den Krieg“ präsentierte (NZZ, 6./7. November 2004). In seiner 2005 auf Deutsch erschienenen Autobiographie über die ersten Exiljahre — „Zwischen zwei Mühlsteinen“ — beschrieb Solschenizyn sein Leben zwischen KGB-Verfolgung und Zumutungen der westlichen Welt. In Bezug auf den Westen kritisierte er vor allem die Medien, die Profitgier des Marktes, den Kommerz, eine übertriebene Gesetzesgläubigkeit, den Materialismus und eine innere Verweichlichung. Ein weiterer autobiographischer Band, „Meine amerikanischen Jahre“, erschien 2007 auf Deutsch und erntete gemischte Kritik. „Der suggestive, rechthaberische Stil dieses Moralisten ist nicht auf eine Debatte, sondern auf einen Wahrheitsanspruch ausgerichtet“, äußerte sich die Jüdin Sonja Margolina in der WELT (3. November 2007), stellte aber gleichzeitig fest, daß das Buch die „widersprüchliche und beeindruckende Persönlichkeit“ Solschenizyns, die Schwächen und die wahren Stärken seines Charakters sichtbar mache. Die Jüdin Susanne Klingenstein kam in der Süddeutschen Zeitung (11. Januar 2008) zu dem Schluß, daß Solschenizyns Memoiren Einblick geben „in seine Kompromisslosigkeit und in die Schwierigkeiten, im Westen als öffentlicher Intellektueller mit Weltanschauungen zu leben, die nicht liberal, rational und säkular sind“.

Auch andere Projekte Solschenizyns sorgten für Interesse, so die Stiftung „Russisches Ausland“, die im September 2005 ihr neues Gebäude in Moskau eröffnete, in dem u. a. eine etwa 50.000 Bände umfassende Bibliothek, vor allem mit russischen Werken aus der Emigration nach 1917, untergebracht war. Im Februar 2006 strahlte der staatliche russische Fernsehsender RTR die zehnteilige Verfilmung von Solschenizyns Roman „Im ersten Kreis der Hölle“ aus, zu der der Autor auch das Drehbuch geschrieben hatte. Die Serie stieß beim Publikum auf Interesse (Einschaltquoten 28-38 %). Kritiker bemängelten u. a. die Unschärfe des Films, die viele Interpretationen zulasse; auch sei die Figur Stalins zu positiv geraten.[8]

Nach seinem Tod im August 2008 meldeten sich viele Stimmen des öffentlichen Rußlands zu Wort. Ministerpräsident Putin, der persönlich vom aufgebahrten Leichnam Abschied nahm, lobte Alexander Issajewitsch Solschenizyn als „starken, mutigen Mann mit großer innerer Würde“, Präsident Dimitrij Medwedew nannte ihn „einen der größten Denker, Schriftsteller und Humanisten des 20. Jahrhunderts“.[9] Medwedew veranlasste zudem die Gründung eines Solschenizyn-Stipendiums und gab Anweisung, eine Straße in Moskau nach ihm zu benennen. Auch Michail Gorbatschow würdigte Solschenizyns Leistung: „Er hat bis zum Ende seines Lebens dafür gekämpft, daß Russland seine totalitäre Vergangenheit hinter sich lässt, eine würdige Zukunft hat und zu einem freien und demokratischen Land wird“.[10] In deutschsprachigen Nachrufen wurde wiederholt das Widersprüchliche an Solschenizyn hervorgehoben. Seine große Leistung als Anti-Kommunist, der weltweite — politische — Effekt seines „Archipel Gulag“ und sein Beitrag zum Zerfall des Sowjetkommunismus standen dabei im Mittelpunkt. „Der künstlerische Aspekt von Solschenizyns Werk ist allerdings in den Wirren der Tagesaktualität untergegangen“ hob die Neue Zürcher Zeitung (5. August 2008) hervor. Hinsichtlich seiner wiederholten Kritik am Westen und an anderen Dissidenten betonte die (nicht deutsche) Journalistin Sonja Zekr: Solschenizyn „war kein Menschenrechtler im modernen universalistischen Sinne, denn über den Rechten des Einzelnen standen für ihn Gott und das heilige Russland. Erst dann kam der Mensch“.[11]

Kritik

Von rechten politischen Dissidenten im Westen wird insbesondere Solschenizyns Umgang mit der Geschichte des Zweiten Weltkrieges kritisiert. So urteilte der US-amerikanische politische Dissident John de Nugent hierzu:

„Im Krieg mit Deutschland
Dieses Thema hat Solschenizyn zweifellos überfordert. Er hat es nicht als Wissenschaftler recherchiert, sondern alles ungeprüft von jüdischen Quellen, in Einzelfällen von der Prawda und Iswestija, 3 russischen Büchern sowie den Protokollen des Nürnberger Militärtribunals der Sieger 1945/46 abgeschrieben. Für dieses ganze Kapitel mit 179 Fußnoten hat er nicht eine einzige neutrale oder deutsche historische Untersuchung herangezogen!
Das ist außerordentlich beschämend für diesen von uns sonst hoch geschätzten Mann! Hier blieb er der Hauptmann der Roten Armee, als der er 1945 in Ostpreußen einmarschiert war. So serviert er uns alle ‚alten Bekannten‘ aus der Umerziehungsliteratur so, als seien sie ‚bewiesene historische Tatsachen‘. Daß sie längst wissenschaftlich widerlegt sind, daß ein weiteres Untersuchen und Anzweifeln bestimmter Geschehensabläufe in der Bundesrepublik längst bis zu 5 Jahren Gefängnis unter Strafe gestellt ist, davon erwähnt Solschenizyn kein Wort.“[12]

Familie

Solschenizyn war in erster Ehe ab 1940 mit der Chemikerin Natalja Reschetowskaja († 2003) verheiratet. In den Jahren von Solschenizyns erster Haft ließ sich das Paar zunächst scheiden, heiratete aber 1957 ein zweites Mal. Die Ehe hielt aber nur bis 1970. Natalja Reschetowskaja stand Solschenizyn lange Jahre als Sekretärin bei seiner literarischen Tätigkeit zur Seite. Sie publizierte 1975 unter dem Titel „Lieber Alexander“ Erinnerungen, die die Kritik damals als „raffinierten Diffamierungsversuch“ wertete. 1973 heiratete Solschenizyn dann Natalja Swetlowa, die einen Sohn Dimitrij (†) aus einer früheren Verbindung hatte. Solschenizyn war Vater von drei Söhnen - Jermolai, Ignati, der Konzertpianist und Dirigent wurde, und Stepan, der lange als Consultant in den Vereinigten Staaten arbeitete. Das Honorar (rund 6 Mio. DM) seiner in der UdSSR erschienenen Bücher spendete Solschenizyn 1990 für die Wiedererrichtung des Solowetzky-Klosters am Weißen Meer. Am 3. August 2008 starb Solschenizyn im Alter von 89 Jahren in seinem Haus in der Nähe von Moskau an Herzversagen. Er wurde unter großer öffentlicher Anteilnahme auf dem Friedhof des Donskoj-Klosters in Moskau beigesetzt.

Solschenizyn bekannte sich nachdrücklich zum russisch-orthodoxen Christentum. Seit 2006 wird an einer Edition seines Gesamtwerks gearbeitet, die 2010 abgeschlossen sein soll.

Auszeichnungen

Ein Appell gegen die Gesinnungsjustiz.
  • 1969: Prix du Meilleur Livre Étranger
  • 1970: Nobelpreis für Literatur
  • 1975: Honorary Fellow der Hoover Institution
  • 1983: Templeton-Preis
  • 1984: Ehrendoktor für Literatur, Holy Cross College in Worcester
  • 1990: Staatspreis der UdSSR für „Archipel Gulag“ (im Dezember 1990 abgelehnt)
  • 1991 Ehrendoktor für Literatur, Dartmouth College
  • 1993: Ehrendoktorwürde der Int. Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein
  • 1997: Aufnahme in die Russische Akademie der Wissenschaften
  • 1998: russischer Orden des „Heiligen Apostels Andrej Perwoswanny“ (von Solschenizyn abgelehnt)
  • 1998: Lomonossow-Goldmedaille der Russischen Akademie der Wissenschaften
  • 2007: Russischer Staatspreis für humanitäre Verdienste

Bezüge auf Solschenizyn

  • Das Lied „Mother Russia“ (Mütterchen Rußland) der britischen Musikgruppe Renaissance bezieht sich auf die Ausbürgerung Solschenizyns 1974.
  • In seinem Roman „Der Gaukler“ bezieht sich Harry Thürk auf Solschenizyn, auch wenn der Name nicht genannt wird.
  • Andreas Schmidt erwähnt Solschenizyn in seinem Buch „Leerjahre. Leben und Überleben im DDR-Gulag“ an mehreren Stellen.
  • In dem Roman „Was für ein schöner Sonntag“ nimmt Jorge Semprun Bezug auf das Buch

Werke

  • Nobelpreis-Rede über die Literatur 1970. dtv (Deutscher Taschenbuch Verlag) [= dtv zweisprachig, Edition Langewiesche-Brandt], München 1973 [© Die Nobelstiftung, Stockholm], ISBN 3-423-09088-X
  • Das rote Rad
    • August Vierzehn
    • November sechzehn
    • März siebzehn
    • April siebzehn (nicht übersetzt)
  • Der Archipel Gulag (1974)
  • Der erste Kreis der Hölle
  • Die Eiche und das Kalb. Skizzen aus dem literarischen Leben
  • Die russische Frage
  • Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch (1962)
  • Kerze im Wind
  • Krebsstation
  • Heldenleben – Zwei Erzählungen
  • Matrjonas Hof
  • Nemow und das Flittchen
  • Ostpreußische Nächte
  • Republik der Arbeit
  • Zweihundert Jahre zusammen (über das Zusammenleben von Juden und Russen in Russland und die Rolle der Juden in der jüngeren russischen Geschichte), Englisch: (PDF-Datei)
    • Band 1 – Die russisch-jüdische Geschichte 1795–1917
    • Band 2 – Die Juden in der Sowjetunion
  • Zwischen zwei Mühlsteinen. Mein Leben im Exil
  • Was geschieht mit der Seele während der Nacht?
  • A World Split Apart (1978) Text of Adress at Harvard Class Day
  • Schwenkitten '45

Zitate

  • „Na und wenn mal was verboten ist, wird sich ein Deutscher schon nicht darüber hinwegsetzen.“ — Schilderung der Befragung gefangener deutscher Soldaten über technische Erfindungen durch das NKWD, Der Archipel GULag Band 2; Dritter Teil – Arbeit und Ausrottung; Kapitel 18 – Die Musen im GULag, ISBN 3-499-14197-3, S. 437
  • „Ich habe mich daran gewöhnt, daß öffentliche Reuebekundungen politischer Persönlichkeiten heute wohl das Allerletzte sind, was man von ihnen erwarten darf.“ — Spiegel Nr.30/2007 vom 23. Juli 2007, S. 97
  • „Schon als Schulkind war ich von der deutschen Literatur und der deutschen Sprache begeistert, ich habe zwei Sommer lang Goethe, Schiller, Heine, deutsche Volksmärchen auf Deutsch gelesen - was immer mir in die Hände kam. Es war ein Genuß für mich. Der Krieg gegen das faschistische Deutschland hat bei mir keine negativen Gefühle gegenüber dem deutschen Volk ausgelöst.“ — Spiegel-Gespräch, März 2000
  • „In letzter Zeit ist es Mode geworden, über die Nivellierung der Nationen zu reden, über das Verschwinden der Völker im Kochtopf der modernen Zivilisation. Ich bin ganz und gar nicht dieser Meinung. [...] Eine Nivellierung der Nationen wäre um nichts besser als die Gleichmacherei der Menschen: ein Charakter, ein Gesicht. Die Nationen bedeuten den Reichtum der Menschheit, die Gesamtheit verschiedener Persönlichkeiten; selbst die geringste Nation trägt eine besondere Farbe, birgt eine eigene Facette des göttlichen Entwurfs in sich.“[13]

Auszüge

  • Sammelband „Jüdische Welt“ von 1944: „Der Sowjetmacht war klar, daß die Juden der am meisten bedrohte Teil der Bevölkerung waren und ungeachtet der Tatsache, daß die Armee dringend Transportmittel benötigte, wurden Tausende von Eisenbahnwaggons für die Evakuierung der Juden zur Verfügung gestellt.“[14]

Literatur

In der kostenlosen Weltnetz-Datenbank RussGUS werden über 800 Literaturnachweise zu Solschenizyn / Solzenicyn angeboten.

  • David Burg und George Feifer: Solshenizyn. Biographie. Kindler, München 1973, ISBN 3-463-00498-4.
  • Pierre Daix: Was ich über Solschenizyn weiß. List, München 1974, ISBN 3-471-66547-1.
  • John F. Dunn: „Ein Tag“ vom Standpunkt eines Lebens. Ideelle Konsequenz als Gestaltungsfaktor im erzählerischen Werk von Aleksandr Isaevic Solzenicyn. Sagner, München 1988, (= Slavistische Beiträge; 232) ISBN 3-87690-415-3.
  • Rudi Dutschke, Manfred Wilke (Hrsg.): Die Sowjetunion, Solschenizyn und die westliche Linke. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1975 (= rororo; 1875; aktuell), ISBN 3-499-11875-0.
  • Henning Falkenstein: Alexander Solschenizyn. Colloquium, Berlin 1975 (= Köpfe des 20. Jahrhunderts; 79), ISBN 3-7678-0377-1.
  • Reinhold Neumann-Hoditz: Alexander Solschenizyn in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1974 (= Rowohlts Monographien; 210; rororo-Bildmonographien), ISBN 3-499-50210-0.
  • Andreas Korotkov (Hrsg.): Akte Solschenizyn. 1965–1977. Geheime Dokumente des Politbüros der KPdSU und des KGB. Mit einem Brief von Alexander Solschenizyn als Geleit. Ed. q., Berlin 1994, ISBN 3-86124-249-4.
  • Elisabeth Markstein (Hrsg.): Über Solschenizyn. Aufsätze, Berichte, Materialien. Luchterhand, Darmstadt u.a. 1973, ISBN 3-472-86275-0.
  • Werner Martin (Hrsg.): Alexander Solschenizyn. Eine Bibliographie seiner Werke. Olms, Hildesheim u.a. 1977, ISBN 3-487-06429-4.
  • Roy Medwedew: Solschenizyn und die sowjetische Linke. Eine Auseinandersetzung mit dem Archipel GULag und weitere Schriften. Olle u. Wolter, Berlin 1976, ISBN 3-921241-25-1.
  • Michael Martens: Ein Rufer in vielen Wüsten (Alexander Solschenizyn wird heute 80 Jahre alt). In: Extra (Wochenend-Beilage zur Wiener Zeitung), 11./12. Dezember 1998, Seite 9.
  • Mahesh Motiramani: Die Funktion der literarischen Zitate und Anspielungen in Aleksandr Solzenicyns Prosa (1962–1968). Peter Lang, Frankfurt am Main u.a. 1983 (= Europäische Hochschulschriften; Reihe 16, Slawische Sprachen und Literaturen; 25), ISBN 3-8204-7812-4.
  • Donald M. Thomas: Solschenizyn. Die Biographie. Propyläen, Berlin 1998, ISBN 3-549-05611-7.

Verweise

Fußnoten

  1. Internationales Biographisches Archiv 23/2009
  2. Süddeutsche Zeitung, 29. November 1986
  3. vgl. Süddeutsche Zeitung, 30. November /1. Dezember 1996 und NZZ, 7. Juli 1998
  4. Rheinischer Merkur, 5. April 1996
  5. vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30. November 1995
  6. taz: Gesetz des Dschungels. Erklärung von Alexander Solschenizyn, 12. April 1999
  7. Vgl. Süddeutsche Zeitung, 5. August 2001
  8. vgl. WELT, 10. Februar 2006
  9. vgl. Süddeutsche Zeitung, 5. August 2008
  10. Zit. nach Süddeutsche Zeitung, 5. August 2008
  11. Süddeutsche Zeitung, 5. Juni 2008
  12. Alexander Solschenizyn – Eine Wertung S. 31 (PDF-Datei)
  13. zit. nach: Preussische Allgemeine, 13. Juli 1991; zit nach: Alfred E. Zips: Kriegsursachen - Kriegsschuld - Kriegsverbrechen - Kriegsfolgen. Eine Zitatensammlung (PDF-Datei)
  14. deutschlandfunk.de, 12. Mai 2003: „Juden sei es in der Sowjetunion oft besser ergangen als den Russen, zum Beispiel während des zweiten Weltkriegs“