Quelle / Carl Peters: Deutschthum

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Carl Peters: Die kulturhistorische Bedeutung des Deutschthums

Rede, gehalten auf dem Allgemeinen Deutschen Congreß zur Förderung überseeischer Interessen am 15ten September 1886

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Dr. Carl Peters (1856–1918)

Meine Herren! Wenn man die Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts überblickt, so erkennt man, daß in allen zivilisirten Völkern der Erde sich der Drang nach nationaler Einheit regt. Der nationale Gedanke war es, welcher der sogenannten deutschen und italienischen Frage in diesem Jahrhundert zu Grunde lag. Er ist es, welcher der Balkanfrage einen brennenden Charakter giebt. Die nationale Lohe treibt die slavischen Stämme des Ostens zu jener eigenartigen Bewegung des Panslavismus, und sie erregt in der angelsächsischen Welt die föderalistische Bewegung, welche gerade heute zu einer den Erdball umspannenden Organisation strebt, stark genug, das Engländerthum im Kampfe der Racen zum Herrscher auf der Erde für Jahrtausende zu machen.

Deutschland ist später als alle anderen Völker in diesen Kampf der Nationen eingetreten. Die Westmächte waren bereits zu starken Militärstaaten auf nationaler Grundlage gefestigt, als man in Deutschland noch den Traum hatte, eine kosmopolitische Republik der Geister zu schaffen, deren natürlicher Mittelpunkt die deutsche Welt zu sein haben würde. Als die Kanonen vor Austerlitz und Jena den Zusammenbruch des weiland Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation verkündeten, da glaubte Goethe, unser Volk für die Ideen der geistigen Verbrüderung der gesammten Menschheit gewinnen zu können.

Dieser Zug in unserm deutschen Wesen hat uns politisch beinahe den Untergang eingetragen, und wir werden die letzten sein, die unser Volk dazu beglückwünschen. Auf der anderen Seite läßt sich nicht verkennen, daß diese lockere Entwicklung des politischen Lebens unserer Nation den Spielraum gegeben hat zur Entfaltung jener ihr eigenthümlich innewohnenden Eigenschaften, welche ihr den Titel der Nation der Denker eingetragen haben und welche sie mehr als jedes andere Volk der Erde geeignet machen, die leitende Stellung in der Fortbewegung der Weltkultur einzunehmen.

Meine Herren! Wenn ich den Charakter des Deutschthums als solchen bezeichnen soll, so glaube ich ihn am besten dahin bestimmen zu können, daß er in der Mischung der Individualität ein Vorwiegen der intellektuellen über die Willensseite darstelle. Der Deutsche ist seiner Natur nach intellektuell, während der Angelsachse z.B. in erster Linie ein wollendes Mitglied seiner Nation ist, der Charakterzug hat auf der einen Seite jene schlaffere Bethätigung zur Folge, wie sie den Deutschen in dem realen Kampf um die Herrschaft auf der Erde durch die zwei Jahrtausende deutscher Geschichte nachweislich eigen gewesen ist; auf der anderen Seite läßt sich nicht verkennen, daß dieser Charakterzug unsere Nation in hervorragendem Maße zu denjenigen Aufgaben befähigt, welche durch abstraktes Denken zu lösen sind. Wo der Wille den Intellekt in seinen Klammern hält und ihn zwingt, ausschließlich seinen Bestrebungen zu gehorchen, da entstehen die Männer der That; wo der Intellekt sich emanzipirt von dieser Herrschaft des Willens, da sehen wir jene Nationen vor uns, welche Großes leisten auf den Gebieten der uninteressirten Betrachtung und der objektiven Erfassung der Außendinge. Eine Nation demnach, welcher dieser Charakter eigenthümlich inne wohnt, wird Großes leisten in der abstrakten Wissenschaft.

Meine Herren! Nach dieser Seite hin gravitirt die Kulturbedeutung unseres Deutschthums; wohin Sie auch blicken, überall in den verschiedenen Zweigen der Wissenschaft sind es deutsche Namen, welche allen anderen Völkern die Bahn gewiesen haben. Wir sind sehr weit entfernt davon, in die Rodomontaden der Franzosen zu zerfallen, welche sich durch ihren Anspruch, an der Spitze der Zivilisation zu marschiren, so lächerlich gemacht haben. Wir erkennen sehr gen an, daß auch andere Völker, in erster Linie das englische, sehr großes geleistet haben, in der Durchführung einiger Zweige der Wissenschaft, in mancher Beziehung vielleicht größeres als wir selbst; das müssen und wollen wir aber für uns in Anspruch nehmen, daß die Durchführung der einzelnen Wissenschaften zum System überall in Deutschland vollzogen worden ist.

Meine Herren! Ich persönlich bin ein großer Verehrer von Carlyle und Macaulay, aber das wird auch der glühendste Verehrer dieser Männer uns zugeben, daß die wissenschaftlichen Systeme, die den Arbeiten der genannten Gelehrten zu Grunde liegen, durch Männer, wie Niebuhr, Ranke und Waitz aufgebaut worden sind; anderer noch lebender Koryphäen auf diesem Gebiete ganz zu geschweigen.

Meine Herren! Darwin ist in Deuschland mehr als in England anerkannt, aber eine Naturwissenschaft als System wird doch repräsentirt durch Namen wie Humboldt, Ritter, Liebig u. s. w. Was Deutschland in seiner eigensten Domäne, in der Philosophie geleistet hat, so brauche ich nur zu erinnern an Männer wie Leibnitz, Kant, Fichte, Schelling, Hegel, Schopenhauer: solche Geistesfrüchte konnten eben nur auf deutschem Boden hervorwachsen. Auf dem Gebiete der Kunst ist Deutschland bekannt als die Nation der klassischen Kunst. Wo man auf der Erde dem Troste der Töne lauscht, da sind es deutsche Namen, die gleich Sternen vom Himmel der Musik herableuchten. Ich brauche die Namen Händel, Haydn, Bach, Beethoven, Mozart, Wagner kaum auszusprechen. Auch auf dem Gebiete der plastischen Kunst äußert sich dies. Mehr als anderswo giebt es in Deutschland eine denkende Kunst; ich erinnere Sie an Männer wie Cornelius, Alfred Rethel, Kaulbach, Schwind. Und soll ich von der deutschen Dichtung auch nur sprechen? Die eine Thatsache, daß der „Faust“ in Deutschland entstanden, ist typisch für die universelle Richtung und Systemstiefe des frischen Bornes deutscher Phantasie.

Meine Herren! In dieser Richtung, glaube ich, ist die deutsche Kultur allen anderen Völkern überlegen. Jene slavische Bewegung im Osten und die Romanen im Westen, die ihre Tatzen an unsere deutsche Kultur legen möchten, die wissen ja gar nicht was sie thun, welch’ einen Frevel an der Entwicklung der Menschheit sie begehen möchten: man nehme das Deutschthum fort aus der geistigen Bewegung der Menschheit, und man sehe, was übrig bleibt! Der Kampf der Individuen, wie er mit Naturnothwendigkeit aufs Aeußerste getrieben wird, würde, wenn das angelsächsische Volk oder auch das naturalistische Chinesenthum ausschließlich auf der Bühne der Weltgeschichte agirten, sehr bald die Menschheit zu einer geistigen Verflachung und Versandung führen, wie sie in dem Plane der Weltvorsehung augenscheinlich nicht beabsichtigt ist. In diesem egoistischen Kampf des Einzelnen gegen Alle scheint das Deutschtum die große weltpolitische Aufgabe zugewiesen bekommen zu haben, der Menschheit die Leuchte des Ideals entgegenzuhalten und somit die Einheitstendenz, aus der individualistischen Zersplitterung heraus in der Weiterentwicklung unseres Geschlechtes zu behaupten.

Meine Herren! Uns hat man den Vorwurf gemacht, wir beabsichtigten, das Deutschthum diesen seinen idealen Zielen zu entziehen und es nach angelsächsischem Vorbild ebenfalls hinzuzerren nach jenem anderen Pol, dem der individualistischen Auflösung des Gesammtprocesses.

Meine Herren! Ich weise diesen Vorwurf zurück, wir sind uns voll und ganz bewußt, daß die kulturhistorische Bedeutung des Deutschthums gerade in seiner idealen Richtung besteht; aber auf der anderen Seite wissen wir auch, daß dieses Gut der Menschheit nur zu erhalten ist, wenn wir uns selbst auf der ganzen Erde zu nationaler Entschlossenheit zusammenraffen und den Kampf mit den anderen Richtungen aufnehmen und durchführen. Der Idealismus ist der Kern, dessen Erhaltung es gilt; der Nationalismus ist die starke und schützende Schale, welche wir um diesen Kern schließen wollen. Die Ueberzeugung, damit nicht nur uns selbst, sondern der Weltkultur im Allgemeinen zu dienen, die durchdringt uns mit unzerstörbarem Bewußtsein, daß wir in diesem Kampf um die Behauptung und Vorherrschaft unserer deutschen nationalen Eigenthümlichkeit siegen werden. Denn die Weltgeschichte arbeitet nach großen und einheitlichen Gesetzen, und wir wissen, daß der von uns Deutschen getragene Idealismus einer der Hauptfaktoren in dem großartigen Proceß ist.

Meine Herren! Eine Nationalität wie die deutsche, groß und stark nach außen, tief bedeutungsvoll nach innen, die ist nicht berufen unterzugehen; sie braucht nur den nationalen Verfall oder auch den Rückschritt nicht zu wollen, um ihres Triumphes sicher zu sein. Wir brauchen demnach in unserer Art nur den Willen zu diesem dauernden nationalen Bestand erregt, um damit die Frage nach unserer Weltstellung definitiv entschieden zu haben.

Meine Herren! Das Deutschthum ist groß und stark, und wenn es national zusammensteht, so ist es unbesiegbar.

Quelle: Carl Peters, Deutsch-national. Kolonialpolitische Aufsätze. Berlin, Verlag von Walther & Apolant, 1887, S. 117–121


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