Blutiger Sommer 1945 – Nachkriegsgewalt in den böhmischen Ländern

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Blutiger Sommer 1945

Blutiger Sommer 1945 – Nachkriegsgewalt in den böhmischen Ländern ist ein im Verlag Tschirner & Kosova[1] (Leipzig) erschienenes Buch von Jiri Padevet (Jiří Padevět) aus dem Jahre 2020, welches von Jana Heumos ins Deutsche übersetzt wurde. Der Prager Historiker hat akribisch die brutale Nachkriegsgewalt an Sudetendeutschen an 570 Orten dokumentiert. Er benennt Täter und gibt den Opfern ihren Namen zurück.

Inhalt

Nach der Folter und dem Morden kam die Vertreibung
Ein noch lebender Soldat der Wehrmacht wird in ein Massengrab geworfen.
Deutsche mußten oft vor ihrer Ermordung das Massengrab selbst schaufeln.

Verlagsbeschreibung

„In diesem Buch findet der Leser Informationen über die Gewaltakte, die zwischen Mai und August 1945 auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik an Deutschen verübt wurden. Es geht um Ereignisse, die mit der wilden Vertreibung der Deutschen in Böhmen und Mähren verbunden sind. Thematisiert werden auch Vorgänge, bei denen sowohl Soldaten der Roten Armee als auch anderer auf dem Territorium der ehemaligen Tschechoslowakei operierenden Armeen zu den Tätern gehörten. Alle Ereignisse sind in Form von topographischen Stichworten dargestellt und werden vom Autor nicht bewertet oder kommentiert. Hier wird lediglich beschrieben, was an dem angegeben Ort passiert ist. Bei der Lektüre wird klar, dass die vom nationalsozialistischen Deutschen Reich in Gang gesetzte Gewaltmaschinerie am 8. Mai 1945 nicht endete, sondern sich weiter fortsetzte – wenn auch mit anderen Akteuren in der Täter- beziehungsweise Opferrolle. Der Text in diesem Buch wird durch umfangreiches Bildmaterial bereichert.“

Ein Buch für Versöhnung und wider das Vergessen

Die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen und Mähren ist oft ein Tabuthema. Millionen verloren ihre Heimat, als die Rote Armee samt ihrer Helfershelfer in tausenden Racheakten wütete. Das mutige Buch „Blutiger Sommer 1945“ des Tschechen Jiří Padevět macht die verdrängte Gewalt sichtbar. Es ist die bisher umfangreichste Dokumentation der sogenannten „wilden Vertreibung“ im Sommer 1945. Das von den Kommunisten gepflegte Narrativ einer „gerechten Strafe“ für die deutschsprachige Zivilbevölkerung verhinderte jahrzehntelang eine Aufarbeitung und Versöhnung der Nachbarländer. Das bereits 2016 im tschechischen Original publizierte Buch ist mittlerweile in einer liebevoll gestalteten deutschen Übersetzung vom Leipziger Kleinverlag Tschirner & Kosová lieferbar. Das über 700-Seiten-starke Buch besticht aber nicht nur durch seinen Umfang, auch durch die klare Struktur. Nach Regionen und darin nach Orten – beziehungsweise in Prag nach Straßenzügen – sortiert, arbeitet es die Gräueltaten minutiös auf, zählt die jeweiligen Daten auf und gibt Opfern ihren oftmals vergessenen Namen zurück. An Kartenausschnitten erkennt der Laie, wo man gerade umgeht.
Reichhaltiges Bildmaterial hilft bei der Einordnung der Geschehnisse. Dabei besticht der Autor gerade durch nüchterne, sachliche, lexikalische Aufarbeitung. Er kommentiert die Geschehnisse nicht, lässt Fakten und Bilder für sich sprechen: gerade in Zeiten wertender Historien-Dokus und romanartiger Sachbücher eine seltene Wohltat. Padevět gelingt hiermit ein großer Wurf. Die Liebe zum Detail und zur gewissenhaften Arbeit setzt sich bis in die Belege fort: In 1.689 Fußnoten findet der Leser interessante Zusatzinfos, weiterführende Literatur und Querverweise auf die oft unübersichtlichen Archive. Der Autor scheute keine Mühen, um ein möglichst klares Bild des Grauens zu zeichnen – trotz der Belastung, eigene Landsleute immer wieder unter den Tätern zu finden. Das umfangreiche Werk stellt die brutale Vertreibung eindrucksvoll dar und kann dabei alle Zielgruppen abholen – vom Historiker über den belesenen Bürger bis hin zum Laien mit Vertriebenen-Hintergrund, der vielleicht nur etwas über jene Dinge wissen möchte, die der eigene Großvater aus traumatischer Erfahrung nicht schildern wollte oder konnte. Das Buch ist mit stolzen 50 Euro zwar nicht billig – aber eindeutig jeden Cent wert![2]

Das Gesetz des Wilden Westens

Wer das Buch „Blutiger Sommer 1945“ zur Hand nimmt, muss auf einen Ritt durch die Hölle gefasst sein. Nicht anders kann man die Ereignisse bezeichnen, die sich in Prag und in den Sudetengebieten unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zutrugen. […] Denn in diesen Monaten der wilden Vertreibungen von Mai bis August 1945 herrschte nur ein Gesetz: das Gesetz des Wilden Westens. Betroffen waren sowohl Wehrmachtssoldaten, SS-Männer und Nazi-Funktionäre als auch die ortsansässige Zivilbevölkerung, Deutsche so wie der Kollaboration verdächtige Tschechen. Beteiligt waren zuoberst die sowjetischen, tschechischen und US-amerikanischen Militärs. Hinzu kamen Revolutionsgarden und Partisanenbanden mit selbsternannten Kommandanten. Lokale Gruppen, durchsetzt mit kriminellen Elementen und ehemaligen Gestapo-Zuträgern, verbreiteten aus Rache und Habgier Terror und Tod. Auf mehr als 700 Seiten wird Entsetzliches dokumentiert.
Einem Gefangenen im Internierungslager von Kojetein (Kojetín/Kreis Prerau), den man irrtümlich für den Bürgermeister von Olmütz hielt, goss man Jauche in den Mund, bis er erstickte. Anderen Internierten führte man mit einem Schlauch Wasser in Bauch und Gedärme ein, bis sie platzten. Eine Frau musste nackt vor den Wachmännern des Internierungslagers im nordböhmischen Maria Ratschitz (Mariánské Radčice) tanzen, ehe man ihr die Brust aufschlitzte und eine Flasche in die Scheide schob. Ein Bus mit 37 Hitlerjungen wurde gestoppt, an der Mauer des Jüdischen Friedhofs in Frauenberg (Hluboká nad Vltavou) wurden sie alle erschossen. 30 deutsche Kriegsgefangene wurden bei Sobieslau (Soběslav) in Südböhmen vor den Augen von Kindern im Sumpf ersäuft. Fotos aus Prag zeigen junge Männer in Uniform, die mit den Füßen an Laternen aufgehängt, verbrannt, geschlagen und bespuckt worden waren. Einen Müller im Kreis Budweis (České Budějovice) fand man erstickt in einem Sack Kleie. In Komotau (Chomutov) wurden zehn Männer, angeblich SS-Angehörige, öffentlich ausgepeitscht, mit Bajonetten malträtiert. Mit Eisenstangen stach man ihnen die Augen aus, wickelte sie in Filmrollen, zündete sie an und übergoss sie danach mit Salzwasser.
Im südmährischen Datschitz (Dačice) wurde ein Tscheche erschossen, weil er zu viel wusste von den Spitzeldiensten derer, die ihn ermordeten. Eine große Zahl von Männern kam bei Geiselerschießungen ums Leben. Sie wurden in Gräbern verscharrt, die sie selber hatten zuvor ausheben müssen. Wer noch lebte, wurde mit Hacken und Äxten erschlagen. Tausende von Männern, Frauen und Kindern starben in den zahlreichen Internierungslagern an Hunger und Krankheiten, Folter und Mord. Ihre Bewacher betrieben Exekutionen und Vergewaltigungsorgien gleichsam zum Zeitvertreib. 570 Orte der Gewaltverbrechen an deutschen Zivilisten und Militärs hat Jiří Padevět in Böhmen und Mähren ausgemacht. Er beginnt mit Prag und teilt sie dann in weitere 13 Regionen ein, von Mittelböhmen bis Zlín. Die Ortsnamen in alphabetischer Reihe erscheinen in Tschechisch und Deutsch. Zu jedem Ort notiert er, was, wann, wo genau geschah. Er nennt die Täter bei Rang und Namen, erforscht akribisch, ob und wie sie von der tschechoslowakischen Justiz später behandelt wurden. In der Tat landeten einige der brutalsten „Kommandanten“ vor dem Kadi und im Gefängnis, kamen aber 1948 mit der kommunistischen Machtübernahme wieder frei.
Den Opfern hat Padevět ihren Namen zurückgegeben. Das ist aus deutscher Sicht sicher sein größtes Verdienst. Abgedruckt sind Totenlisten von Einzelmorden und Gruppenexzessen. Genau wird dokumentiert, wo und wie die Unglücklichen zu Tode gekommen sind. Mitunter sind Originalfotos beigefügt, die nur schwer erträglich sind. Grabstätten und Denkmale der Erinnerung werden lokalisiert, teils mit Bildern und Zeichnungen versehen. Padevět hat ein Buch von unschätzbarer Bedeutung vorgelegt, insbesondere vielleicht für die tschechische Seite. Im deutschen Erinnerungskanon, namentlich der Sudetendeutschen, waren und sind die 1945er Ereignisse nachhaltig aufbewahrt. In der kommunistischen ČSSR und auch danach war dieses Thema hingegen lange tabu. Padevět selbst bekennt, dass er dieses Buch nur mit großer Mühe zustande brachte. Einzugestehen, dass man nicht nur Opfer deutscher Gewaltherrschaft war, sondern für einen kurzen historischen Moment auch auf der Seite der Täter stand, muss für tschechische Leser eine durchaus bittere Erkenntnis sein. Wir Deutschen wissen schließlich nur zu gut um die Schwierigkeiten, mit einer verbrecherischen Vergangenheit ins Reine zu kommen. Deshalb ist dieses Werk des Prager Historikers gerade in seiner nüchternen Radikalität nicht hoch genug einzuschätzen. Dies in Deutschland zu würdigen, wäre dringend zu wünschen.[3]

Symbolische Beispiele

Wölmsdorf

Aufgrund des Münchner Abkommens gehörte Wölmsdorf von 1938 bis 1945 zum Landkreis Schluckenau, Regierungsbezirk Aussig, im deutschen Reichsgau Sudetenland. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutschsprachige Bevölkerung großenteils enteignet und vertrieben. In der Nacht zum 12. August 1945 kam es in Wölmsdorf, Bezirk Tetschen zum Brand des Hauses Nr. 131. Darin lebten die Deutschen Franz Lode und mit seiner Ehefrau Marie Lode. Die Leichen wurden mit Schnittwunden am Handgelenk und Schußverletzungen am Kopf geborgen. Die tschechischen Ermittler sind zu dem Schluß gekommen, daß Franz Lode seine Frau und dann sich selbst erschoß, zuvor hätte er das Haus in Brand gesteckt. Da nach der Beisetzung immer mehr Menschen der Ortschaft mutmaßten, es handele sich um einen Mord, wurden die Leichen Ende August 1945 im Auftrag der russischen Besatzer exhumiert und von einem Facharzt untersucht. Er stellte fest, daß die Eheleute ermordet worden waren. Der Mörder konnte ebenfalls ermittelt werden: der tschechische örtliche Geschäftsmann Karel Plešinger, der die Bluttat aus Deutschenhaß beging, aber auch um an das begehrte Grundstück heranzukommen.

Schluckenau

Am 18. Juni 1945 bekräftigte die Stadtverwaltung ihren Ausweisungsbefehl: Alle Flüchtlinge und Evakuierten haben das Stadtgebiet unverzüglich zu verlassen! „Schlechte Fortkommensmöglichkeiten können keinesfalls einen Aufschub begründen“. Der Bauer Anton Kumpf aus Kaiserswalde wurde am Spitzberg bei Neudörfel erschossen, Anna Dimmer aus Lobendau am Raupenberg ermordet, ebenso Marie Dittrich aus Lobendau am Raupenberg von den Zöllnern niedergestreckt. Sie wollten in ihren Heimatorten Lebensmittel holen, die ihnen in den sächsischen Orten verwehrt wurden. Am 25. Juni 1945 begann die erste große Vertreibungsaktion im Schluckenauer Zipfel. Ein riesiger Strom bewegte sich bis in den August hinein durch das Khaatal zur Grenze bei Hinterhermsdorf. Aus Rumburg über 2.000 Frauen, Kinder, Greise, 1.000 aus Nixdorf, 500 aus Lobendau, 800 aus Einsiedel, 700 aus Rosenhain, 320 aus Zeidler und Tausende aus Schluckenau, Wölmsdorf, Ehrenberg, Hainsbach, Groß Schönau und Daubitz. Die Warnsdorfer wurden über 30 Kilometer bis Hinterhermsdorf getrieben, mehr als 1.500, angetrieben von den barbarischen tschechischen Milizen. Auf den Wiesen und in den Wäldern am Steinberg und am Schäferräumicht bei Hinterhermsdorf lagerten die erschöpften, hungernden Menschen zu Tausenden. In der Obermühle campierten 140 Frauen und Kinder, am Weißbach, gleich hinter der Grenze, sanken die Verzweifelten nieder, ohne Trost, ohne Hilfe. Die letzten Habseligkeiten hatten ihnen die Milizionäre an der Böhmischen Mühle abgenommen. Viele wählten den Freitod, 47 in Rumburg, 10 in Nixdorf. Der Menschenstrom zur Grenze riß nicht ab: 700 aus Schönborn, Hunderte aus Königswalde und Schönlinde. In Lobendau gehen in diesen Tagen sieben Menschen in Lobendau in den Freitod. An einem sonnigen Junitag war es auch, als tschechische „Partisanen“ fünf Männer aus Obereinsiedel auf der Hube bei Rugiswalde erschossen. Indessen waren die gerade erst eingesetzten provisorischen Verwaltungen in Sebnitz, Neustadt und Pirna total überfordert. Für die fast 50.000 Vertriebenen aus dem Kreis Schluckenau konnten Unterkunft, Ernährung und Betreuung nicht gewährleistet werden. Am 19. Juli 1945 erließ die Sowjetische Militäradministration den Befehl „Zur zweckmäßigen Verteilung der Bevölkerung der russischen Besatzungszone.“ Die Masse der Flüchtlinge, die nun offiziell „Umsiedler“ genannt wurden, sollten in die nördlichen Gebiete abgeschoben werden. Da die Transportmöglichkeiten knapp waren, schlugen sich viele Flüchtlinge auf abenteuerlichen Wegen durch, bis sie eine Bleibe fanden. Am 12. August 1945 wurde Heinrich Henke aus Lobendau in Schluckenau zusammen mit dem örtlichen Apotheker Sagner und weiteren Deutschen erschossen. Ein weiterer Erschossener war Reimund Rämisch aus Lobendau, der offenbar in Schluckenau beerdigt wurde.

Ein trauriges Nachspiel soll nicht vergessen werden: Im Januar 1947 ließ die sowjetische Stadtkommandantur von Sebnitz 13 Sudetendeutsche verhaften, weil sie sich mit einer Bittschrift an den Alliierten Kontrollrat gewandt hatten. Ihre Spur verliert sich in einem Konzentrationslager. Nur wenige Tschechen waren damals nach dem Ende der Vertreibungen bereit, sich in der abgelegenen nordböhmischen Stadt niederzulassen. Heute bilden sowohl die Stadt Schluckenau wie auch das ganze Schluckenauer Ländchen ein Problemgebiet in Tschechien. Ein Fünftel der Bewohner sind Zigeuner (Roma), unter denen eine hohe Arbeitslosigkeit und Kriminalität verbreitet ist und deren Anteil an der Gesamtbevölkerung wächst. Es ist der Stadt kaum möglich, die vorhandene Bausubstanz zu erhalten. Leerstehende Gebäude sind Vandalismus ausgesetzt. Mit den Deutschen wurde auch deren Hochkultur vertrieben.

Literatur

Fußnoten

  1. Verlag von Jürgen Tschirner und Kateřina Kosová
  2. Alfons Kluibenschädl: Vertreibung 1945: Ein Buch für Versöhnung und wider das Vergessen, Wochenblick, 3. Mai 2021
  3. Bericht über das Buch „Blutiger Sommer 1945“, 26. Januar 2021