Deutschland AG

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Die Deutschland AG war bis weit in die 1990er Jahre die Bezeichnung für deutsche Großunternehmen, die mittels gegenseitiger Unternehmensbeteiligungen eine feindliche Übernahme durch ausländische Investoren verhindern wollten. Besonders im anglo-amerikanischen Raum wurde die Deutschland AG durch Pressehetze stets negativ bewertet, da sie neben dem Gewinnmaximierungsprinzip der Unternehmen eine hohe soziale Verantwortung für ihre Arbeiter und Angestellten verkörperte. Im Zuge der Globalisierung wurde die Deutschland AG weitgehend aufgelöst. Sie war Ausdruck einer koordinierten Wirtschaft, wobei deutsche Großbanken die Unternehmenspolitik der Wirtschaftsunternehmen sicherten.

Geschichte

Die Geschichte der Deutschland AG geht in das 19. Jahrhundert zurück. Deutsche Großunternehmen, die sich als Netzwerk innerhalb der deutschen Wirtschaft verstanden und oft noch von den Gründervätern selbst geführt wurden, waren durch enge Kapital- und Personalverflechtungen verbunden. Die Aufsichtsratsposten innerhalb der Aktiengesellschaften wurden häufig von Vorstandsmitgliedern anderer Netzwerker besetzt, um ausländische Einflüsse auszuschließen. Dies verschloß Spekulanten (Heuschrecken) den Zugang zum Unternehmen und verstärkte die Bindungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmern.

Bereits nach der Niederlage des Deutschen Reiches im Zweiten Weltkrieg ordneten die Westmächte in der West-BRD eine Entflechtung der Konzerne und eine Annäherung an anglo-amerikanische Standards an (Raub von Volksvermögen). Dennoch blieb das Netzwerk weitgehend erhalten, solange deutsche Manager die Unternehmensführung innehatten. Mit der Globalisierung befinden sich die deutschen Unternehmen zunehmend in ausländischer Hand, einst verbündete deutsche Unternehmen bekämpfen sich.

Bekannte Netzwerker


Quelle
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Aufstieg und Auflösung der Deutschland AG (1896–2010)
Prof. Dr. Paul Windolf

Carl Klönne war von 1900 bis 1914 Mitglied des Vorstands der Deutschen Bank. Zugleich war er in den Aufsichtsräten von Siemens, der Allianz, der Gelsenkirchener Bergwerks-AG, der Rütgerswerke und anderer Unternehmen vertreten. Insgesamt hatte er 21 Aufsichtsratsmandate und gehörte damit zu den big linkers, also zu jenen Direktoren, die ein dichtes Beziehungsnetz zwischen den deutschen Großunternehmen geschaffen haben.

Die Deutschland AG 1914, Abbildung 1

Das Netzwerk hatte viele Funktionen: Es diente der Koordination und Kontrolle der Märkte und regulierte die Konkurrenz zwischen den Unternehmen. Die Banken hatten eine zentrale Position im Netz und waren mit fast allen Wirtschaftssektoren verbunden. Bankdirektoren saßen vor allem in den Aufsichtsräten jener Unternehmen, an die die Bank Kredite vergeben hatte. Die Banken haben die Unternehmen nicht „beherrscht“. Sie haben die Unternehmen auch nicht zur Profitmaximierung angetrieben. Für sie war wichtig, dass die Rückzahlungsfähigkeit des Schuldnerunternehmens erhalten blieb. Daher haben sie Manager vor allzu riskanten Investitionen eher abgehalten als ermutigt.

Das Netzwerk als Schutzschirm und Kontrollinstrument

Das Netzwerk war ein Schutzschirm, der Spekulanten auf Distanz hielt und Manager vor feindlichen Übernahmen bewahrte. Die Manager versuchten, die befreundeten Vorstandsmitglieder anderer Unternehmen in den Aufsichtsrat wählen zu lassen. Das stärkte ihre eigene Position und sicherte sie gegen fremde Einflussnahme ab. In den USA wird das Beziehungsgeflecht zwischen den Managern der Großunternehmen daher häufig als old boys network bezeichnet.

Die multiplen Direktoren trafen sich zu den Sitzungen der Aufsichtsräte mehrmals im Jahr, und dies in jeweils wechselnden Kombinationen. Carl Klönne und Robert Müser (der zur Gründerfamilie der Harpener Bergbau AG gehörte) trafen sich 1914 z. B. in den Aufsichtsräten der Harpener Bergbau AG und der Rombacher Hütte. Sie konnten während der Sitzungen beobachten, welche Interessen die anderen Aufsichtsräte vertraten, wie sie in Krisensituationen entschieden und ob sie gegen Betrug und Korruption immun waren. Das Netzwerk war ein kollektives Kontrollinstrument, das in der Regel dafür sorgte, dass zumindest minimale Standards des ehrbaren Kaufmanns eingehalten wurden. Die Mitglieder des Netzwerks wussten, wem sie vertrauen konnten. Da die multiplen Direktoren Positionen in vielen Unternehmen hatten, konnten sie nicht nur die Belange eines Unternehmens vertreten, sondern waren gezwungen, unternehmensübergreifende Interessen zu berücksichtigen. In gewisser Weise vertraten die multiplen Direktoren das generalisierte Interesse der Großunternehmen.

Das Netzwerk und die Deutschland AG

Die Deutschland AG entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts, parallel zur Entwicklung der großen Aktiengesellschaften und zum Managerkapitalismus. Abbildung 2 zeigt die Verflechtungsdichte in Prozent zwischen den jeweils 250 größten deutschen Unternehmen für die angegebenen Jahre. Die Dichte des Netzwerks war 1896 noch relativ gering (1,8 %). Das Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg war eine Blütezeit der deutschen Wirtschaft. Viele Unternehmen gingen an die Börse und wurden als Aktiengesellschaft neu gegründet. Die Dichte stieg bis 1914 auf 7,3 % und erreichte 1928 ihr höchstes Niveau (16,2 %), das danach nicht wieder erreicht wurde. Eine Ursache für die hohe Verflechtungsdichte während der 1920er Jahre waren die politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen der Weimarer Republik. Mit Ende des Ersten Weltkriegs verloren die deutschen Unternehmen alle Zweigwerke, die sie auf dem Territorium der ehemaligen Kriegsgegner gekauft oder gegründet hatten. Es folgte eine Hyperinflation (1923) und die Besetzung des Ruhrgebiets durch die französische Armee (1923/24). Die hohe Verflechtungsdichte kann als eine Abwehrreaktion gegen einen äußeren und einen inneren Feind interpretiert werden (Ruhrbesetzung, kommunistische Partei).

Dichte der Unternehmensverflechtung (1896–2010), Abb. 2

Nach dem Zweiten Weltkrieg verhängten die alliierten Besatzungsmächte ein Kartellverbot und erzwangen die Entflechtung der großen Konzerne. Die Jahrzehnte zwischen 1950 und 1970 markieren eine erste Phase der Liberalisierung der deutschen Wirtschaft und ihre Annäherung an westliche Wirtschaftsmodelle. Dies spiegelt sich in der abnehmenden Verflechtungsdichte wider, die bis 1976 auf 6,5 % absinkt. Sie ist damit aber immer noch deutlich höher als in Großbritannien, den USA und in Frankreich. Die hohe Netzwerkdichte und die Verflechtung innerhalb der Konzerne (die in vielen Sektoren die Funktion der früheren Kartelle übernommen hatten) sind einige Faktoren, die erklären, warum Deutschland zu den „koordinierten Marktökonomien“ gehörte.

Das Netzwerk und die Sozialpartnerschaft

Das Netzwerk war eine wichtige Stütze des Korporatismus in Deutschland. Manager, die gegen den Einfluss der Finanzmärkte weitgehend abgeschirmt sind, können eher eine Koalition mit der Belegschaft und den Arbeitnehmervertreter/innen eingehen als Manager, die unter dem Diktat des shareholder value operieren müssen. Das Netzwerk erleichterte ein klassenübergreifendes Bündnis zwischen Kapital und Arbeit.

Die Auflösung der Deutschland AG setzt Ende der 1990er Jahre ein. Bis 2010 sinkt die Verflechtungsdichte unter das Niveau, das im Jahre 1896 erreicht wurde (1,2 %). Der Auflösungsprozess lässt sich am Beispiel der Deutschen Bank illustrieren: 1993 hatten die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank zusammen noch 51 Aufsichtsratsmandate in deutschen Großunternehmen; in 10 Unternehmen stellten sie den Aufsichtsratsvorsitzenden. 2010 haben die Vorstandsmitglieder der Deutschen Bank insgesamt nur noch drei Aufsichtsratsmandate in deutschen Großunternehmen; in keinem Unternehmen stellen sie den Vorsitzenden des Aufsichtsrats. Die Banken haben sich aus dem Netz vollständig zurückgezogen.

Die Auflösung der Deutschland AG hat verschiedene Ursachen
  • Seit Beginn der 1990er Jahre verändert sich die Eigentümerstruktur der deutschen Aktiengesellschaften und nähert sich dem angelsächsischen Modell an. An die Stelle der Konzernstruktur, in der Unternehmen die Eigentümer anderer Unternehmen waren, treten institutionelle Investoren, also Pensions-, Hedge- und Investment-Fonds. Die „neuen Eigentümer“ halten inzwischen die Mehrheit des Aktienkapitals an vielen Großunternehmen. Sie sind an einer maximalen Rendite ihrer Anlage interessiert, und sie verpflichten das Management auf das Prinzip des shareholder value. Aus ihrer Perspektive ist die Deutschland AG ein Netzwerk, das die Macht der Manager stärkt und gegen die Interessen der institutionellen Investoren gerichtet ist.
  • Der corporate governance codex, in dem die Prinzipien „guter Unternehmensführung“ zusammengefasst werden, fordert, dass Manager nicht mehr als drei externe Aufsichtsratsmandate wahrnehmen sollen. Die big linkers, zu denen vor dem Ersten Weltkrieg Carl Klönne gehörte und zu denen noch 1993 Wolfgang Röller (Dresdner Bank) und Edzard Reuter (Daimler) mit jeweils mehr als zehn Mandaten gehörten, gibt es nicht mehr. Diese multiplen Direktoren haben viele Unternehmen miteinander verbunden, und sie haben die Verflechtungsdichte auf einem hohen Niveau gehalten. Im Netzwerk von 2010 hat kein Manager mehr als drei externe Mandate. Die Begrenzung der Mandate ist eine der wichtigsten direkten Ursachen für die Auflösung der Deutschland AG.
  • Die Deutschland AG war ein nationales Netzwerk. Es hat die deutschen Großunternehmen in einer Interessengemeinschaft verbunden und gegen feindliche Übernahmen abgeschirmt. Mit der Globalisierung verschiebt sich die Interessenlage der Großunternehmen. Bei der Deutschen Bank arbeiten nur noch 47 % der Belegschaft im Inland, bei Siemens sind es nur noch 31 %. Unter diesen Bedingungen verliert die nationale Vernetzung der Unternehmen an Bedeutung.
  • Die Ideologie des Neoliberalismus und die Forderung nach „mehr Markt“ haben seit zwei Jahrzehnten zu einer permanenten Demontage der Institutionen des Kapitalismus geführt. Die Schwächung der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände, der Verlust der Tarifbindung in vielen Wirtschaftssektoren und die Auflösung der Deutschland AG sind parallele Erscheinungen. Der Neoliberalismus forciert die Auflösung intermediärer Organisationen, die zur Selbstregulierung und Selbstkontrolle fähig wären.

Die liberale Marktideologie verdeckt eine paradoxe Beziehung zwischen Markt und Regulierung. Mehr Markt bedeutet nicht weniger Regulierung, sondern im Gegenteil: mehr Regulierung. An die Stelle korporatistischer Selbstregulierung tritt jetzt die Regulierung durch den Staat. Nach dem Enron-Desaster, das die Finanzmarkt-Krise von 2001/02 auslöste, gab es einen massiven Regulierungsschub in den USA. Die Finanzmärkte wurden nach 2002 in einem Umfang reguliert wie zu keinem Zeitpunkt vorher. Das hat die Finanzmarkt-Krise von 2007/09 aber nicht verhindert. Die Antwort auf die Paradoxie ist die Forderung nach noch mehr Regulierung. Es bleibt abzuwarten, ob die Kombination von mehr Markt und gleichzeitig mehr Regulierung zukünftige Finanzmarkt-Krisen verhindern wird.

Quelle: Aufstieg und Auflösung der Deutschland AG (1896–2010), Gegenblende – Das gewerkschaftliche Debattenmagazin, November/Dezember 2013


Zitat

  • „Die Deutschland-AG wurde vom "Genossen der Bosse" zerschlagen, die deutschen Namen im DAX haben zumeist ausländische Aktienbesitzer. Solche Firmen achten nur auf Profit, nicht mehr auf die Mitarbeiter und schon gar nicht auf Deutschland. - Michael Winkler, Tageskommentar zum 3. Oktober 2015

Filmbeitrag

Björn Höcke über BRD-Gewerkschaften und die Zerschlagung der Deutschland AG - Rede vom 1. Mai 2018

Verweise