Kindszeche

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Unter Kindszeche, strichweise mundartlich abgewandelt als Kinn- oder Keanzech, wird die häusliche Feier im Anschluß an die kirchliche Taufe verstanden. In einigen Dörfern wird der fränkische Brauch daher auch als Tafet oder Taufschmaus bezeichnet. Verbreitet ist die Kindszeche im Rhöngebiet, weiter südwärts auf dem rechten Mainufer und verstreut im Spessart.

Ablauf

„Nach der kirchlichen Handlung versammelt man sich im Hause der jungen Mutter, und zwar kommen dabei nur Frauen, [...] also verheiratete Frauen zusammen unter völligem Ausschluß von männlichen Personen. Der Kindsvater, evtl. noch der im Hause lebende Großvater bilden die einzige zulässige Ausnahme. [...] Der Kreis der Feiernden wird vorher durch den Kindsvater eingeladen. [...] Vielerorts ist genau festgesetzt, was die einzelnen Teilnehmerinnen mitzubringen haben, etwa in Ober-Affebach-Johannesberg [Oberafferbach]: 1/2 Pfund Kaffee, ebensoviel Zucker und für 30 Pfg. Wecke [Brötchen], die in Muldau „Stolle“ genannt werden. Oder in Ruppertshütten außer dem vorgenannten noch Bier und Limburger Käse, vor allem aber Schnaps.“[1] - Dr. Hans v. d. Au

Zum Auftakt der Kindszeche ordnen sich die Frauen zu einem Zuge durch das Dorf nach dem Hause der Feier und vollführen dabei eine Begleitmusik mit Rührlöffeln, etc., die man als Altweibermussik bezeichnet. Die Feier selbst besteht vornehmlich im gemeinsamen Essen und Trinken. Einen großen Teil der Unterhaltung macht das Singen aus, wobei man auf regionales Liedgut zurückgreift. Die wesentliche Aufgabe des Brauches besteht aber vor allem darin, „Neulinge“ aufzunehmen: Im nördlichen Spessart wird hierbei diejenige Frau, die seit der letzten Kindszeche geheiratet hat und noch kinderlos ist, in aller Form aufgenommen. Dazu muss sie sich in eine „Krautschirne“, einen ewtas größeren Schanzkorb hineinsetzen. Um diesen Korb tanzen dann die Frauen im Kreise herum, wobei die Initiantin zu singen hat:

Trara, trara!
Jetz sin ich aach a Fraa.
Jetz dürf i uf die Tafet geh
Wie die annern Weiwer aa.

Das Verschen bringt zum Ausdruck, daß sie sich somit die „rechtliche“ Gleichstellung mit der Gesellschaft erwirbt und sie für eine vollgültige Frau erklärt. Im südlich von Aschaffenburg-Lohr gelegenem Gebiet kennt man noch eine andere Form der Aufnahme: Die jüngste Frau, die zum ersten Male an der Kindszeche teilnimmt, wird bekränzt. Dies geschieht durch die Hebamme, die hier die Leitung der Veranstaltung inne hat. Dem „Neuling“ wird ein Kranz überreicht, in dem Zwiebeln, Gelberüben (Karotten), Nüsse und auch Blumen eingebunden sind. Bei der Überreichung oder Bekrönung spricht die Hebamme ein Verschen, wie z.B. in Röttbach:

Soviel Blättli, soviel Mädli,
Soviel Rübli, soviel Bübli,
Soviel Nüssli, soviel Küssli.

Herkunft des Namens und Bedeutung

Laut dem Deutschen Wörterbuch von Karl Weigand bedeutet Zeche einmal

  • Ordnung der Glieder einer Gesellschaft zur Übernahme eines Geschäftes,
  • sodann die Geld zu gemeinsamem Trinken und Essen zusammenlegende Gesellschaft.

Diese Deutungen machen also Sinn, denn: Jede eingeladene Frau hat mitzubringen, was zum gemeinsamen Trinken und Essen gehört. Außerdem kommt die Gesellschaft zur Übernahme eines „Geschäftes“ zusammen, das darin besteht, die Neuaufnahmen nach dem bestimmten Ritus zu vollziehen. In diesem Brauch tritt die Bestimmung zur Mutter deutlicher hervor, als in landesweiten anderen Bräuchen ähnlicher Art. Symbole zur Fruchtbarkeit könnten hier vor allem Kranz und Gelberübe sein, die man im phallischen Sinne zu verstehen hat.

Historische Quellen

„Eigentliche Kindstaufschmäuse, Kindszechen oder Kinderhochzeiten, wie sie im Schweinfurter und im Ochsenfurter Gau heißen, sind unmittelbar nach dem kirchlichen Acte selten. Häufiger tritt eine bescheidene Kafeparteie an ihre Stelle, bei welcher Gelegenheit der Pathe das „Einbindets“ gibt... Erst vierzehn Tage nach der Taufe folgt neuerliche Einladung zur s.g. Zeche, die mit Kafe, Wein, Käse und Butter vom Dödle (Taufpathen) ausgerichtet wird. Wer den Kirchbesuch versäumte, bleibt auch von der Zeche ausgeschlossen.“[2] - Bavaria. Landes- und Volkskunde des Königreichs Bayern (1860-1867)

Die Kinderzeche von Dinkelsbühl

In der mittelfränkischen, ehemaligen Reichsstadt Dinkelsbühl führt man alljährlich das historische Kinderfest der Kinderzeche auf. Die Kinderzeche stammt aus dem Dreißigjährigen Krieg, wobei sich der Ursprung wohl aus einem Schulfest entwickelte, das man zur Gründung der Lateinschule im Schwäbischen Reichskreis, zum dem Dinkelsbühl damals gehörte, um 1500 gab. Hauptbestandteil des heutigen Festes ist ein aufgeführtes Schauspiel aus Dinkelsbühls Notzeit im Dreißigjährigen Krieg:

„Im Frühjahr 1632 belagerte der schwedische Obrist Sperreuther über Wochen die Stadt, die sich tapfer verteidigte. Die überwiegend evangelische Bevölkerung litt unter ständig größer werdender Not. Der katholische Rat der Stadt, an seiner Spitze drei Bürgermeister, die sich in der Regierung abwechselten, sah bald die Sinnlosigkeit jeden weiteren Widerstandes ein. Aber er blieb gespalten. Während die Hälfte die Übergabe von Dinkelsbühl forderten, beharrte die andere Hälfte auf einer bedingungslosen Verteidigung und Treue gegenüber Kaiser und Kirche. Schließlich aber wurde die Übergabe vereinbart. In dieser Situation war es die „Kinderlore“, eine Tochter des Turmwächters der Stadt, die mit ihrer Schar kleiner Kinder den Schweden singend entgegenzog. Obrist Sperreuther, der selber in den Kriegswirren einen Sohn verloren hatte, ließ sich zur Milde bewegen und bewahrte die Stadt vor Plünderung und Brandschatzung.“[3] - Franz Kurowski

Die Dinkelsbühler Kinderzeche findet außerdem Erwähnung in Das Geheimnis von Dinkelsbühl von Rudolf John Gorsleben, welcher den Ursprung des Festes im germanischen Altertum zu erkennen glaubt.[4]

Literatur

  • Bayerischer Heimatbund: Bayerische Hefte für Volkskunde, München, April 1940
  • Franz Kurowski: Franken - Geschichte, Land, Leute, Grabert, Tübingen, 1999
  • Rudolf John Gorsleben: Das Geheimnis von Dinkelsbühl, Brückner-Verlag, Berlin-Zürich, 1928

Fußnoten

  1. Bayerische Hefte für Volkskunde, München, April 1940, Seite 3
  2. Klaus Reder, Taufbräuche in Franken, Universität Würzburg
  3. Franz Kurowski: Franken - Geschichte, Land, Leute, Seite 324/325
  4. Rudolf John Gorsleben: Das Geheimnis von Dinkelsbühl, Seite 33-40