Schliephack, Horst
Horst Schliephack ( vermutlich in Tilsit;[1]
?) war ein baltendeutscher Forschungsreisender, Entdecker, Abenteurer, international anerkannter Fotograf, Künstler, wissenschaftliche Hilfskraft am Königlichen Museum für Völkerkunde in Berlin, Offizier des Deutschen Heeres, Ritter des Ordens des Eisernen Kreuzes II. Klasse, Kommandeur der Georgischen Legion an der Kaukasusfront im Ersten Weltkrieg.
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Leben und Wirken
Von 1906 bis 1907 nahm Schliephack als Fotograf, zeitweise gemeinsam mit Friedrich Koch (von 1905 bis 1906), an der großen ägyptischen Expedition des Prof. Dr. phil. James Henry Breasted,[2] Professor für Ägyptologie und Geschichte des Orients an der University of Chicago, teil. Als er sich jedoch 1906 mit Hammer und Meißel an der Tempelanlage Al-Musawwarat as-sufra und an der Wand des Kiosks des Apedemak-Tempels in den Ruinen von Naqa verewigte, wurde er von Breasted Februar/März 1907 (nach Entdeckung und Beschwerde durch eine sudanesische Regierungsbehörde) entlassen, da er vom Wohlwollen der Regierung abhängig war. Dennoch blieben sie freundschaftlich verbunden, auch als Professor Breasted noch im selben Jahr korrespondierendes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften wurde. Zahlreiche „Jahrhundert“-Ausstellungen der Universität mit dem Titel „Lost Nubia“ (Verlorenes Nubien) mit 200 Fotographien aus 1200 ausgewählten wurden von der Fachwelt mit Staunen aufgenommen und die deutschen Schliephack und Koch wurden bekannt und geachtet. Koch blieb bis zum Ersten Weltkrieg ein begehrter Fotograf für Expeditionen, u. a. für Heinrich Schäfer.[3]
1909 bis 1910 wurde Horst Schliephack, inzwischen als Kollegiums- bzw. Direktorialassistent an dem „Institute of Archaeology of Liverpool“ (University of Liverpool) fest angestellt,[4] dann von dem ägyptischen Archäologen Professor John Garstang, M.A., D.Sc.[5] angeheuert, dessen Grabungen (im Auftrag der Liverpooler Universität gemeinsam mit den „Royal Museums of Brussels“, dem „Glyptothek of Copenhagen“ und dem Royal „Scottish museum at Edinburgh“) in Meroe im Sudan und in Sakje-Geuzi im nördlichen Syrien bildlich zu dokumentieren. Zeitweise wurde er an den reichen Pharmazie-Unternehmer und Archäologen Henry Wellcome ausgeliehen, der mit 4.000 Arbeitern mehrere Jahre lang an Grabungen am Berg Muya im Sudan unternahm. In den Annalen der Universität wird Schliephack als Garstangs Chefassitetnt (Chief Assistant) geführt.[6] Schliephacks Bilder, Zeichnungen und Nachbildung mythologischer Figuren, die Schliephack aus Papierformen angefertigt und mitgebracht hatte, wurden in der Hethiter-Galerie des „Victoria Gallery & Museum“ der Universität Liverpool ausgestellt, wo sie sich heute noch befinden.
Schliephack war seit 1912, wohnhaft in der Königgrätzer Straße 120 (1930 in Stresemannstraße umbenannt), wissenschaftlicher Mitarbeiter (wissenschaftlicher Hilfsarbeiter) des Rassenforschers und Archäologens Prof. Dr. med. et phil. Felix Ritter von Luschan am „Königlichen Museum für Völkerkunde“ (heute Ethnologisches Museum) in Berlin. Er war ebenfalls ab 1912 ordentliches Mitglied der „Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“ (Vorsitz: Hans Virchow), wie das Mitgliedsverzeichnis von 1915 aufweist. Geheimer Regierungs-Rat Dr. von Luschan war bei der Gesellschaft Leiter der Anthropologische Kommission.[7]
- „Herr v. Luschan demonstriert ein steinzeitliches Skelett aus Salesin, Provinz Posen, das von Frl. Luise Marie Kiehn gehoben und durch gütige Vermittlung von Herrn General Liebmann in den Besitz der anthropologischen Abteilung des Kgl. Museums für Völkerkunde gelangt ist. Die in den Händen von Herrn Schliephack ruhende Restauration ist noch nicht ganz vollendet, so daß die vollständige Beschreibung des wichtigen Fundes einer späteren Zeit vorbehalten bleiben muß. Das Skelett gehörte einem sehr kräftigen Manne von etwa 185 cm Körperhöhe an; der Schädel ist etwas posthum verdrückt; seine ursprüngliche Breite ist mit einiger Sicherheit auf 135 zu bestimmen, die Länge ist 195, so daß sich ein L.-B. -Index von 69 ergibt.“
Charakter
Schliephack war, nach schriftlichen Berichten von James Henry Breasted, ein sehr großer, bärtiger Mann mit aschblonden Haaren und robuster Physis. Er galt als fröhlich und gutmütig, aber auch als verwegen, stolz bis selbstgefällig und eigensinnig.[8] Breasted mußte Schliephack regelrecht einen einheimischen Diener aufzwingen, da der Deutsche seinen Status als „unverheirateter Selbstversorger militant verteidigte“. Breasted konnte sich durchsetzen, da er ihm erklärte, daß Weiße ohne Diener im Expeditionslager, die selbst niedrige Dienste ausführten, von den Stämmen nicht geachtet werden. Auch sollten die ausländischen Expeditionen nicht als geizig erscheinen, da Einheimische von den Anstellungen finanziell abhängig waren.
Erster Weltkrieg
Schliephack, der zu diesem Zeitpunkt schon Anfang 40 gewesen sein soll und vermutlich in jüngeren als Einjährig-Freiwilliger bei der Preußischen Armee gedient hatte, wurde zu Anfang des Krieges, nach einer infanteristischen Grundausbildung, dem Kommandierenden General des I. Armee-Korps General der Infanterie Hermann von François als Dolmetscher zugeteilt. Schliephacks berufliche Verpflichtungen wurde in dieser zeit an andere delegiert.
- „Herrn von Luschan, als dem Verwalter und Ordner der Rudolf Virchow-Skelettsammlung wurde der Betrag von 500 Mark überwiesen zur Remunerierung der Frau Dr. Bickel mit monatlich 100 Mark für die Zeit vom 1. November 1916 bis 31. März 1917. Diese Bewilligung ist um so mehr gerechtfertigt, als die Genannte seit dem Eintritt des Herrn Schliephack ins Heer im Anfange des Krieges die Arbeiten an der Sammlung unentgeltlich ausgeführt hat, wofür ihr an dieser Stelle der besondere Dank der Stiftung ausgesprochen sei.“ — Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, Sitzung vom 16. Dezember 1916
Schliephacks wissenschaftliche Spezialität war die Kenntnis der orientalischen Völker, aber auch Sprachen. Russisch sprach er fließend. Der unerschrockene Schliephack wurde für General von François an der Ostfront unersetzlich, auch hinter feindlichen Linien.
- „Bei einer sehr gewagten Patrouillenfahrt, an der der General selber mit teilnahm, gelang es Schliephacks forschem Auftreten und seiner Sprachhgewalt, die Patrouille durch mehrere russische Stellungen glücklich hindurchzuführen. Er erhielt dafür von General v. François das Eiserne Kreuz. Später nahm Schliephack mit Hilfe seiner Sprachbeherrschung, die er derb und sicher anzuwenden wußte, eine russische Munitionskolonne mit 30 Mann gefangen.“[9]
Er erhielt den Dienstgrad eines Vizefeldwebels. Es war nicht unüblich, daß Soldaten zur fachdienstlichen Verwendung auch ohne Laufbahn einen solchen Rang erhielten. Auch Oberlehrer Prof. Dr. Heinrich Bernhard Römheld aus Eschwege wurde als Vizefeldwebel zum Dienst verpflichtet.[10] Auch seine wissenschaftlichen Kollegen waren begeistert:
- „Was die Schicksale unserer Mitglieder, die im Felde stehen, betrifft, so kann ich zunächst von Herrn Schliephack melden, daß diesem seine russischen Sprachkenntnisse dort sehr zugute kommen. Er hat durch eine kühne Tat sich die Unteroffizierstressen und das Eiserne Kreuz erworben. In Begleitung nur eines Offiziers soll er, durch verblüffenden Anruf, eine russische Munitionskolonne zur Ergebung veranlaßt haben. Jetzt begleitet er als Dolmetsch den General von Francois auf seinen verschiedenen Fahrten.“
1915 wurde er, sicherlich wegen seiner anthropologischen Vorbildung, aber auch wegen seiner im Kampf gezeigten Tapferkeit und Führungstalente, zum Leutnant befördert und zum Kommandeur der Georgischen Legion ernannt, vermutlich im Range eines Oberleutnants der Osmanischen Armee. Vertragsgemäß erhielten deutsche Offiziere, die im Osmanischen Reich Dienst taten, zusätzlich zum deutschen Dienstgrad einen osmanischen, der mindestens einen Rang über den deutschen Dienstgrad liegen mußte.
Nachkriegszeit
Weitgehend verliert sich die Spur von Horst Schliephack nach dem Großen Krieg, allerdings wird er noch im Januar 1919 als lebendes Mitglied des „Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte“ aufgeführt (Zeitschrift für Ethnologie, Einundfünfzigster Jahrgang, 1919, Heft I), wohnhaft in Berlin-Lichterfelde West in der Gelienstraße 8.
Auszeichnungen (Auszug)
- Eisernes Kreuz (1914), II. Klasse als Vizefeldwebel an der Ostfront; von Hermann von François verliehen
- Abzeichen der Königin Thamar
Werke (als Illustrator)
- John Garstang: Meroë. The City of the Ethiopians; Being an Account of a First Season's Excavations on the Site, 1909–1910, Clarendon Press, Oxford 1911 (Englisch)
- John A. Larson: Lost Nubia – A Centennial Exhibit of Photographs from the 1905-1907 Egyptian Expedition of the University of Chicago, The Oriental Institute, 2006, ISBN 978-1-885923-74-5