Neuss, Wolfgang

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Wolfgang Neuss (1923–1989)

Hans Wolfgang Otto Neuß (Lebensrune.png 3. Dezember 1923 in Breslau; Todesrune.png 5. Mai 1989 in West-Berlin) war ein linksliberaler deutscher Kabarettist und Schauspieler.

Leben

Jugend und Krieg

Nach der Volksschule begann Wolfgang Neuss eine Lehre als Schlachter, ging dann aber mit 15 Jahren nach Berlin, um Clown zu werden. Dieser Ausflug endete in der Jugendverwahranstalt des Berliner Polizeipräsidiums am Alexanderplatz.

Während des Zweiten Weltkrieges war er zunächst beim Straßenbau im Arbeitsdienst, dann ab 1941 Soldat an der Ostfront. Er wurde mehrmals verwundet und umging schließlich den Einsatz als MG-Schütze, indem er sich selbst verstümmelte.

„Als ich siebzehn war, hab ich mir in Rußland vor lauter Angst mal den Finger abgeschossen. War Krieg, und der Russe lag nur’n paar Meter entfernt von mir. Und ich wußte: Ich bin so kurzsichtig, daß ich sowieso nicht treffe. Eine Verletzung war die letzte Chance, aus dem Kessel rauszukommen. Ich nahm also den Karabiner 98K, ließ mich in einen Wassergraben fallen, hielt auf den Zeigefinger der linken Hand und drückte ab. Die Angst trieb mich zum Fortschritt.“[1]

Nach anderer Darstellung handelt es sich bei der Geschichte von dem abgeschossenen Finger um eine Legende.[2]

Kurz vor Kriegsende floh er nach Dänemark. Die letzte Zeit des Krieges erlebte er im Internierungslager in Flensburg.

Bereits während seiner Lazarettzeiten und im Lager organisierte er bunte Abende, erzählte Witze und trat als Komiker auf. Aus diesem Talent machte er einen Beruf und war fortan in Deutschland als Kabarettist unterwegs. Erste Engagements folgten und Ende der 1940er Jahre kam er als Conférencier im Hamburger Hansa-Theater groß heraus.

Die zwei Wolfgangs

1949 lernte er Wolfgang Müller kennen, mit dem er sich auf Anhieb verstand. Fortan waren die beiden als Duo („Die zwei Wolfgangs“) unterwegs. 1950 gingen sie nach West-Berlin und wurden am Kabarett Die Bonbonniere engagiert. Im selben Jahr erhielt Neuss seine erste Filmrolle.

Neben Dieter Hildebrandt bekam Neuss engen Kontakt zu Wolfgang Gruner und arbeitete zwei Jahre später an zwei Programmen des Kabaretts Die Stachelschweine mit. Neuss schrieb Stücke, spielte Theater und führte Regie im Kabarett. Neuss/Müller fielen 1955 nach einer Theateraufführung von „Kiss me Kate“ auf und erhielten fortan ein Filmangebot nach dem anderen. Auch als Schlagersänger wurden sie bekannt (unter anderem: „Schlag nach bei Shakespeare“ oder: „Ach, das könnte schön sein…“).

Ein Schicksalsschlag zerstörte die Erfolgsgeschichte: Wolfgang Müller starb 1960 während der Dreharbeiten zu „Das Spukschloß im Spessart“ bei einem Flugzeugabsturz in der Schweiz. Wolfgang Neuss wurde mit den Worten: „Jetzt brauchen wir Sie auch nicht mehr!“ von den Dreharbeiten zu diesem Film entlassen.

Soloprogramme

Wolfgang Neuss machte allein weiter und ging mit Soloprogrammen auf Tournee durch Westdeutschland. 1962 sorgte er für einen Eklat, als er den Mörder mittels einer Zeitungs-Werbeannonce am Vortag der Ausstrahlung des letzten Teils des sechteiligen Durbridge-KrimisDas Halstuch“ dem Fernsehpublikum verriet – um so mehr Zuschauer in seinen eigenen Film „Genosse Münchhausen“ ins Kino zu locken. Dies brachte ihm sogar Morddrohungen ein. Er gab später zu, den Mörder allerdings auch nur erraten zu haben.

Die Durbridge-Krimis waren in dieser Frühzeit des deutschen Fernsehens ein großer „Straßenfeger“, von weiten Teilen der Bevölkerung bei einer Einschaltquote von knapp 90 % verfolgt (vgl. →Auswirkungen). Die Bild-Zeitung bezeichnete Neuss wegen des Spoilers gar als „Vaterlandsverräter“.

Trotz des Verlustes seines Kabarettpartners schaffte es Neuss an die Spitze der deutschen Kabarettisten. Er brachte den DDR-Barden Wolf Biermann nach Frankfurt und veranstaltete mit ihm ein gemeinsames Programm.

Schauspielkarriere

Neuss war ein „Vieldreher“. Er drehte mehrere Filme in einem Jahr, zehn Filme allein 1955. Insgesamt war er in 53 Filmen zwischen 1950 und 1967 und in einem 54. und letzten 1974 zu sehen. Auch im Fernsehen trat er oft auf, zuletzt 1983/84 in der Produktion: „Is' was, Kanzler?“ nach einem Drehbuch von Gerhard Schmidt und Jochen Busse.

Ausstieg

Mitte der 1960er Jahre ging seine Erfolgssträhne langsam zu Ende. Neuss' Auftritte waren zwar noch ausverkauft, wurden aber von der Kritik verrissen. Er fiel durch Drogenkonsum auf. Politisch machte er sich zunächst für die SPD, dann für die APO stark und nahm an Demonstrationen, Sit-ins und anderen politischen Aktionen teil. Seine Kabarettauftritte waren zunehmend schlechter besucht.

1969 verabschiedete er sich von der Bühne und vom Fernsehen und ging eine Zeitlang nach Chile. Abgesehen von seinem letzten Kinofilm „Chapeau Claque“ (1974) und einem Auftritt als „Mann mit der Pauke“ im laufenden Programm der Stachelschweine (November 1973) sah und hörte man während der 1970er Jahre fast nichts mehr von Neuss. 1979 machte er Schlagzeilen, als er in West-Berlin wegen Besitzes von Haschisch und LSD zu acht Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde.

Rückkehr

Initiiert durch ein langes Interview mit Werner Pieper im „Humus“-Magazin (Ausgabe 3, 1979) Anfang der 1980er Jahre feierte er sein Comeback auf der Bühne und im Fernsehen, schrieb für Zeitungen (vor allem die TAZ) und nahm Schallplatten auf. Die Talk-Show „Leute“ am 5. Dezember 1983 mit Richard von Weizsäcker – Zitat: „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen, Richie!“ – ist laut Stern, in dem er in den 80er Jahren wöchentlich eine Kolumne hatte, „die Show des Jahres“. Für sein Kabarettprogramm „Neuss vom Tage“ im WDR erhielt er den deutschen Kleinkunstpreis.

1987 wurde er erneut wegen Drogenbesitzes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Als „zahnloser Späthippie“ („Indianerfrau“) wurde er zur lebenden Legende in West-Berlin. Im Jahr darauf, an seinem 65. Geburtstag, verabschiedete er sich endgültig von seinem Publikum.

Am 5. Mai 1989 – nur ein halbes Jahr vor dem Fall der Berliner Mauer – verstarb Wolfgang Neuss, nachdem noch bis wenige Tage vor seinem Tod ein Dokumentarfilm über ihn gedreht worden war. Auf seinen Wunsch hin wurde er neben seinem Partner Wolfgang Müller auf dem Waldfriedhof Zehlendorf, Feld UII Grab 112, beerdigt. Er hinterließ eine Ehefrau und eine Tochter. Franz Josef Degenhardt, einer von Neuss' Partnern beim „67-er Quartett“, widmete ihm mit „Der Trommler“[3] ein Requiem.

Biographien schrieben 1974 Gaston Salvatore unter dem Titel „Der Mann mit der Pauke“ und 1981 sein Freund und literarischer Nachlaßverwalter Volker Kühn unter dem Titel „Wolfgang Neuss Buch“.

Zitate

  • „Auf deutschem Boden darf nie wieder ein Joint ausgehen.“[4]
  • „Der Faschismus ist eine Spielart der freien Marktwirtschaft.“[5]
  • „Wo wir hinspenden, wächst kein Gras mehr.“[6]
  • „Ich bin kein Beispiel, ich bin ein Vorspiel.“
  • „Meine Zeit ist gekommen, wenn die Welt wieder so zum Lachen ist, daß es sich lohnt, dritte Zähne anzuschaffen.“
  • „Ich rauche den Strick, an dem ich sonst hängen würde.“
  • „Das Beste wäre für Europa, wenn Frankreich bis an die Elbe reicht und Polen direkt an Frankreich grenzt.“ [7]

Filmographie (Auszug)

Filme mit Neuss

Filme über Neuss

  • „Wolfgang Neuss: Ekstase und Melancholie“ Ein Film von Jürgen Miermeister, Produktion: ZDF, 1993, 23 Min.
  • „Narrkose - Von und mit Wolfgang Neuss“, Ein Film von Rüdiger Daniel und Uschi Sixt-Roessler, Erstausstrahlung 4. Dezember 1993, 43 Min, Produktion: WDR
  • „Der Mann mit der Pauke: Wolfgang Neuss“ Dokumentation, Buch und Regie: Jürgen Miermeister, Produktion: ZDF, Erstsendung: 3. Dezember 1998, teilw. s/w und mono
  • „Neuss Deutschland – Querulant der Republik“ von Julia Oelkers & Peter Scholl, Dokumentation, 45 Min., Produktion: rbb, Erstsendung: 4. Dezember 2006  (Inhaltsangabe des rbb, Titel jedoch fehlerhaft mit: „Der Mann mit der Pauke“ angegeben)
  • „Das Neuss Testament" Ein Film von Rüdiger Daniel, Produktion dibsfilm und rbb, 2009, Kinofilm, 72 Min.

Kabarett-Programme

  • Lachkalorien, Ende der 1940er Jahre
  • Der Mann mit der Pauke, 1951
  • Wer nicht hören will, muß fernsehen, 1959
  • Das jüngste Gerücht, 1963
  • Neuss Testament, 1965
  • Asyl im Domizil, 1967
  • Neuss vom Tage, Mitte der 1980er Jahre im WDR

Satirische Zeitung Neuss Deutschland

1964 erschien die erste Nummer der Zeitschrift Neuss Deutschland – Organ des Zentralkomiker-Teams der Satirischen Einheitspartei Deutschlands – eine Parodie des SED-Zentralorgans Neues Deutschland.

Literatur

  • Jacques Hartz (Hrsg.): Sehnsucht nach Berlin. Ein Bildband mit einer Einführung von Marianne Eichholz sowie Beiträgen von Wolfgang Neuss und Wolf Biermann, Hamburg, von Schröder 1966, 120 Bl.
  • Neuss' Zeitalter „Der Grüne Zweig 87“, herausgegeben von Werner Pieper, Löhrbach 1982, ISBN 978-3-922708-87-2
  • Das Wolfgang Neuss Buch. Eine Satire-Sammlung, herausgegeben, dokumentiert und kommentiert von Volker Kühn. Satire Verlag, Köln, 1981
  • Wir Kellerkinder. Drei Satiren von Wolfgang Neuss. Syndikat Verlag, Frankfurt/M., 1983
  • Neuss Testament. Eine satirische Zeitbombe von Wolfgang Neuss. Syndikat-Verlag, Frankfurt/M., 1985
  • Tunix ist besser als arbeitslos. Sprüche eines Überlebenden von Wolfgang Neuss. Rowohlt Verlag, Reinbek, 1985
  • Mathias Bröckers (Hrsg.): Der gesunde Menschenverstand ist reines Gift. Paukenschläge von Wolfgang Neuss, München, Heyne, 1985, 159 S., Illustriert
  • Der totale Neuss. Gesammelte Werke. Rogner und Bernhard, Frankfurt 1997

Sekundärliteratur

  • Gaston Salvatore: Der Mann mit der Pauke, Frankfurt am Main, März bei Zweitausendeins 1981, 446 S.
  • Gaston Salvatore: Der Mann mit der Pauke, Rowohlt Taschenbuch (1983) - ISBN 978-3499151552
  • Gaston Salvatore: Wolfgang Neuss – ein faltenreiches Kind. Biographie. (Unveränderte Neuauflage der Erstausgabe, Frankfurt am Main, S. Fischer, 1974) Hamburg, Europäische Verlags-Anstalt 1995, 521 S., Illustriert

Veröffentlichungen auf Tonträger (Auszug)

  • Die Dreigroschenoper mit Lotte Lenya, Wolfgang Neuss (Moritatensänger), Willy Trenk-Trebitsch, Erich Schellow, Johanna von Koczian, Wolfgang Gruner / Orchester Freies Berlin (Wilhelm Brückner-Rüggeberg), Originalinstrumentierung, 1958, CBS
  • 2 × Neuss von Gestern (mit Wolfgang Gruner, Katrin Schaake, Heinz Holl und dem Johannes-Rediske-Quartett)
  • Wolf Biermann, Ost, zu Gast bei Wolfgang Neuss, West. Live im Gesellschaftshaus am Zoo, Frankfurt. 19. April 1965, Hamburg, Philips 1969, Schallplatte
  • Ich hab noch einen Kiffer in Berlin, (1995), Conträr Musik
  • Quartett '67, (1996), Conträr Musik
  • Neuss Testament, (1997), Conträr Musik
  • Live im Domizil, (1997) (beinhaltet die Programme: „Das jüngste Gerücht“, „Marxmenschen“, „Asyl im Domizil“) (Conträr, 2 CDs, 150 Min., ISBN 3-932219-07-4
  • Ach, das könnte schön sein…, (1998), Conträr Musik, 65 Min., ISBN 3-932219-08-2
  • Neuss Attacks – Ick sitze hier und denke, sind die blöde, (2001), Conträr Musik, ISBN 3-932219-31-7
  • Kabarettgeschichte(n) Wolfgang Neuss: ein Porträt, hrsg. von Karin Köbernick. Frankfurt am Main, hrMedia 2003, CD, 75 Min. mit Beiheft, 10 S., ISBN 3-89844-232-2
  • NEUSS TOTAL. Der Mann mit der Pauke, (2003), 2 CDs, Bear-Family – ISBN 978-3899160147
  • Die Mauer – Die größte Wandzeitung der Welt. Ein Hörbuch – Wolfgang Neuss liest Graffitisprüche von der Berliner Mauer, hrsg. von Ronald Steckel, Werner Pieper's Grüne Kraft, Löhrbach 2004, Serie: Der Grüne Zweig 244, CD mit Booklet, ISBN 978-3-922708-61-2
  • Neues von Neuss. Der letzte Auftritt…, (2004), live in der ufaFabrik Berlin, DVD, 115 Min.

Verweise

Fußnoten

  1. http://www.graswurzel.net/239/neuss.shtml
  2. Vgl. Siegward Lönnendonker, Nachwort zu Gaston Salvatore: Wolfgang Neuss – ein faltenreiches Kind. Biographie, Neuauflage 1995, S. 493:
    Schreibfeder.png

    Neuss hat kein Kabarett des linken erhobenen Zeigefingers gemacht, der war nicht mehr dran. Aus dem fehlenden Finger seiner linken Hand hat Wolfgang Neuss jedoch eine Legende geschmiedet, die Legende der Kriegsverletzung als Widerstandshandlung. ‚Rauskommen konnte ich nur als Verletzter,‘ sagt er. Und drei Seiten weiter: ‚Etwas richtig erfunden habe ich nie.‘ Doch, die Geschichte vom abgeschossenen Finger! Es war eine nicht behandelte Infektion, als er Ende der 1940er Jahre in Hamburg war. Die Krankenschwester und die Ärztin, die ihm in letzter Not den Finger abgenommen hatten (damals gab es noch kein Penicillin), kamen nach Berlin und wollten ihn einfach mal besuchen, ohne zu wissen, daß sich Neuss mit dieser Fingerlegende ein Leben aufgebaut hatte. Dirk Müller war zwar ein bißchen sauer über die Geschichte, weil ich sowas nicht leiden kann und war einen Moment am überlegen, ob ich die Damen zu ihm führe‘. Er hat es dann nicht getan. ‚Ach nein, dann ist doch alles kaputt, laß ihn, reicht, wenn einer das weiß.‘

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  3. Liedtext; auch auf Neuss: „Immer noch grob sinnlich“, Liedtext
  4. Quelle: Talksendung „Leute“ vom 5. Dezember 1983
  5. Quelle: Programm „Marxmenschen“
  6. Quelle: Stern, damals immer letzte Seite: „Das Neuss-Wort der Woche“
  7. Dr. Otto Scrinzi, Ich bin stolz Deutscher zu sein, S. 29