Rakowski, Mieczysław

Aus Metapedia
Wechseln zu: Navigation, Suche
Mieczysław Rakowski

Mieczysław Rakowski (* 1. Dezember 1926 in Kowalewko, Nakel bei Bromberg, Preußen; † 8. November 2008 in Warschau) war ein polnischer Journalist und Politiker; Ministerpräsident 1988-1989.[1]

Werdegang

Herkunft

Mieczyslaw Franciszek Rakowski wurde am 1. Dezember 1926 als Sohn eines Bauern in Kowalewko in der Nähe von Bromberg geboren. Rakowskis Vater, im Ersten Weltkrieg dekorierter Leutnant der preußischen Armee, wurde im September 1939 ein Opfer der Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen bei Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Ausbildung

Während des Krieges als Dreher ausgebildet, arbeitete Rakowski zunächst in einer Eisenbahnreparaturwerkstätte in Posen. Im Sommer 1945 meldete er sich zur Armee, besuchte die Schule für Politoffiziere in Lodz und diente bis 1949 als Politoffizier bei den Streitkräften und in der „Sluzba Polsce“ (Arbeitsdienst der Jugend). Nach Abschluß eines Journalistenstudiums in Krakau war er Mitarbeiter in der Abteilung Presse und Publikationen des ZK der PVAP in Warschau. 1952-1955 studierte er am Institut für Gesellschaftswissenschaften in Warschau noch Geschichte und politische Wissenschaften und promovierte als Abschluß 1955 mit einer Dissertation über „Die SPD in der Nachkriegszeit“ zum Dr. phil. Rakowski spracht gut deutsch.

Wirken

Seit 1946 Mitglied der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (PVAP), arbeitete Rakowski von 1955-1957 als Mitarbeiter in der Propaganda-Abteilung des ZK. Nach dem „polnischen Frühling im Oktober 1956“ und Zeichen erster Liberalisierung rückte er 1957 zum stellvertretenden Chef der Rundfunk-, Presse- und Publikationsabteilung der Partei auf und wurde wenig später auch Vorsitzender des Journalistenverbandes (1958-1961). Einen Namen machte sich Rakowski als politischer Publizist der Wochenzeitung „Polityka“, deren Chefredakteur er von 1958 bis September 1982 war. Die „Polityka“ war im Zeichen des „Gomulkismus“ gegründet worden und steuerte unter seiner Leitung einen „mittleren“, relativ liberalen Kurs und war auch lesbarer gemacht als die sonstige Parteipresse. Mieczyslaw Rakowski verstand es damals geschickt, zwischen dem Informationsbedürfnis der polnischen Intelligenz und der Parteizensur zu lavieren, was ihm später allerdings wiederholt den Vorwurf des Opportunismus einbrachte. Obwohl als Vertrauter Gomulkas eingeschätzt, ließ es sich Rakowski nicht nehmen, auf der Basis einer „realistischen“ Loyalität Kritik zu üben. U. a. verurteilte er die „antisemitische Hexenjagd“ des damaligen Innenministers General Mieczyslaw Moczar und 1968 die polnische Beteiligung an der Intervention in der Tschecho-Slowakei (ČSSR). Kritik übte er auch nach dem Dezemberaufstand 1970 und Sturz Wladislaw Gomulkas an der Wirtschaftspolitik und am Führungsstil des neuen Parteichefs Gierek, der - zunächst Pragmatiker wie Rakowski - den aufmüpfigen Journalisten jedoch auf seinem Posten beließ. 1975 rückte Rakowski vom Kandidatsmitglied (ab 1964) zum Vollmitglied des ZK auf. Während der spektakulären Streiks im Sommer 1980 meldete er sich auch mit einigen Interviews in Blättern der Bundesrepublik zu Wort (Die Zeit, Die Welt u. a.). Rakowski sprach sich damals für umfassende Reformen aus, mahnte aber auch zu Ruhe, Ordnung und Besonnenheit.

In dem Bestreben, die in Danzig und anderswo erkämpften Versprechungen auch wirklich durchzusetzen, hielt die unabhängige Gewerkschaft „Solidarität“ die innenpolitische Szene in Polen in Bewegung, während das Land außenpolitisch im Sozialistischen Lager zunehmend unter Beschuß geriet. In einer höchst krisenhaften Situation wurde schließlich am 11. Februar 1981 Verteidigungsminister General Wojciech Jaruzelski zusätzlich auch Ministerpräsident, was die Forderung nach Disziplin in allen Bereichen unterstrich. Rakowski wurde stellvertretender Ministerpräsident mit Zuständigkeit für Gewerkschaften, Erziehung und Kultur. Mit seinem Amtsantritt verbanden sich Hoffnungen auf einen offenen Dialog mit den gesellschaftlich relevanten Kräften. Für seine Forderung nach innerparteilicher Demokratie und grundlegenden Änderungen in der Wirtschaftspolitik erhielt Rakowski auf dem Außerordentlichen Parteitag der PVAP im Juli 1981 stürmischen Beifall, allerdings forderte Rakowski auch eine Bändigung radikaler Kräfte in der „Solidarität“. Die Ausrufung des Kriegszustandes und die Suspendierung der „Solidarität“ im Dezember 1981 dämpften solche Hoffnungen. Rakowski, der den Disziplinierungskurs von General Jaruzelski ohne Abstriche mittrug, verteidigte diesen Kurs auch bei seinem Besuch Anfang Januar 1982 in Bonn und verwies dabei auf die Gefahr eines Bürgerkrieges in Polen mit der Konsequenz einer sowjetischen Intervention.

In Moskau galt Rakowski offenbar lange als unsicherer Kantonist. Obwohl Stellvertreter Jaruzelskis, konnte er diesen nie in die Sowjethauptstadt begleiten. Erst unter Michail Gorbatschow, dessen Kurs Rakowski nachdrücklich begrüßte, änderte sich die Situation.

Nach den Sejm-Wahlen vom 13. Oktober 1985 wechselte Jaruzelski aus dem Ministerpräsidentenamt in das des Staatsratsvorsitzenden. Zahlreiche stellvertretender Premiers schieden aus der Regierung aus, so auch Rakowski, der zum Vizepräsidenten des Sejm gewählt wurde, was vielfach vorschnell als Ende seiner politischen Karriere gedeutet wurde, weil Rakowski - so nach Einschätzung des SPIEGEL - damals zwischen viele Stühle geraten schien. Arbeiter beschimpften ihn als Verräter, Liberale verachteten ihn als Karrieristen, und die „Betonköpfe“ in der Partei verdächtigten ihn als unbelehrbaren Liberalen. Rakowski blieb jedoch loyaler Vertrauter von Jaruzelski. Im Oktober 1987 übernahm er in der Regierung Zbigniew Messner den Vorsitz eines Sozio-Ökonomischen Rates, im Dezember 1987 stieg er bei einer Umbesetzung der Parteiorgane als Vollmitglied in das Politbüro auf. Ein halbes Jahr später, als - nicht zuletzt aufgrund der Streiks im April und Mai 1988 - weitere Umbesetzungen im Politbüro und ZK vorgenommen wurden, war im Juni 1988 Rakowskis Wiederkehr mit der Berufung zum ZK-Sekretär perfekt.

Nach dem Sturz der Regierung Messner wurde Rakowski als einziger Kandidat für die Nachfolge nominiert. Am 27. September 1988 wählte ihn der Sejm zum Ministerpräsidenten. Schon am 20. Oktober 1988 reiste er nach Moskau, um den politischen Kurs mit Gorbatschow abzuklären. Mit seiner (nicht realisierten) Ankündigung, die Danziger Lenin-Werft wegen Unrentabilität zum Jahresende schließen zu wollen, forderte er kritische Kommentare heraus. Als ernsthafter Schritt zu wirtschaftlichen Reformen wurde die Ernennung des Privatunternehmers Mieczyslaw Wilczek zum Industrieminister und die Beseitigung von Vorschriften und Gesetzen, die privater Initiative im Wege standen, gewertet.

Noch im Dezember 1988 war Rakowski für „Pluralismus ohne Solidarność“ eingetreten, mußte aber bald erkennen, daß dieser Kurs kein Vertrauen in der Bevölkerung fand. Mitte Januar 1989 plädierte Rakowski im ZK für den bereits im August 1988 zögernd begonnenen „gesellschaftlichen Dialog“ und setzte sich im Verein mit General Jaruzelski gegen den Widerstand der „Betonfraktion“ durch. Im gleichen Monat besuchte er auf Einladung des Bundespräsidenten Bonn und warb in zahlreichen Gesprächen für Zusammenarbeit und Wirtschaftshilfe.

Die auf Grund der Vereinbarungen am „Runden Tisch“ (April 1989) vorgenommenen Wahlen zu Sejm und Senat machten dann aber den mangelnden Rückhalt der Kommunisten in der Bevölkerung deutlich. Hohe Parteifunktionäre, darunter auch Rakowski, fielen im ersten Wahlgang durch und blieben ohne Mandat im Sejm. Das Bürgerkomitee der Solidarność gewann nahezu alle frei wählbaren Mandete in Sejm und Senat. Auch General Jaruzelski schaffte am 20. Juli nur mit hauchdünner Mehrheit die Wahl in das neu geschaffene Amt des Staatspräsidenten. Als „Präsident aller Polen“ gab er konsequenterweise das Amt des Parteichefs ab, worauf das ZK der PVAP den zunehmend umstrittenen Rakowski am 29. Juli mit 171 gegen 41 Stimmen zum Nachfolger wählte. Nach Konstituierung des Parlaments mußte sich Rakowski auch aus den eigenen Reihen harte Kritik an seiner Amtsführung als Regierungschef und insbesondere an der Wirtschaftspolitik gefallen lassen. Die Partei selbst geriet nach längerem Tauziehen bei der Regierungsbildung durch das Ausscheren ihrer bisherigen Partner in die Minderheit und erhielt in der Regierung Tadeusz Mazowiecki vom 12. September 1989 nur vier der 24 Ressorts, behielt allerdings mit dem Innen- und Verteidigungsministerium zwei wichtige Schlüsselressorts.

Ende September 1989 sprach sich Rakowski dafür aus, die Partei in der bestehenden Form aufzulösen und durch eine Formation mit neuem Namen zu ersetzen. Auf dem XI. Parteitag der PVAP im Januar 1990 kam es erwartungsgemäß zu einem entsprechenden Beschluß. Wichtigste Nachfolgeorganisation der PVAP wurde die „Sozialdemokratie der Republik Polen“ (SRP). Rakowski, der seinen Rückzug aus der Politik ankündigte, wurde als erster Parteichef in der Geschichte der PVAP mit Applaus verabschiedet - alle seine Vorgänger waren nach politischen Krisen abgesetzt worden.

Nach seinem Ausscheiden aus der Politik übernahm Rakowski wieder eine journalistische Aufgabe bei einer kleinen, von Jerzy Urban gegründeten sozialdemokratischen Theoriezeitschrift. Ende 1993 mußte er sich mit einer Anklage wegen illegaler Devisengeschäfte auseinandersetzen: Rakowski hatte im Januar 1990 einen hohen Kredit der KPdSU an die PVAP ohne Genehmigung der Nationalbank zurückbezahlt. Das Verfahren wurde dann allerdings mit Bezug auf Rakowskis schlechten Gesundheitszustand eingestellt. Anfang 1995 wurde Rakowski Verlagsleiter der Wochenzeitung „Przeglad Tygodniowy“, die in den Besitz der ehemals staatlichen, inzwischen privatisierten Außenhandelszentrale „Universal“ gelangt war. Die Universal AG, die vor der Privatisierung zu den „roten Elefanten“ im Umfeld von Partei und Geheimdienst gerechnet wurde, entwickelte sich im Zuge der Privatisierung unter Dariusz Titus Przywieczerski erstaunlich schnell zu einem dynamischen Medienkonzern.

Anschließend kehrte Rakowski wieder in seinen Beruf als Journalist zurück und versuchte sich 2003/2004 kurzzeitig als „Talkmaster“ im polnischen Fernsehen. Am 8. November 2008 verstarb Mieczyslaw Rakowski im Alter von 81 Jahren, in Warschau an Krebs.[2]

Werke

  • Die Bundesrepublik Deutschland aus naher Sicht (1959)
  • Neue Welt (1960)
  • Die SPD in der Nachkriegszeit (1960)
  • Welt im Wandel (1960)
  • Many-Storied-America
  • Stimmungen in der Bundesrepublik (1971)
  • Die Außenpolitik der Polnischen Volksrepublik (1974)
  • Des Kanzlers Entlassung (1975)
  • Spelnione i niespelnione (1978)
  • Res publica an der Schwelle der 80er Jahre (1981)
  • Ein schwieriger Dialog. Aufzeichnungen zu den Ereignissen in Polen 1981-84 (dt. 1985 bei ECON)
  • Es begann in Polen. Der Anfang vom Ende des Ostblocks (1995).

Familie

Mieczysław Rakowski war ab 1952 mit der jüdischen Violinistin Wanda Wiłkomirska (* 1929) verheiratet, die seit Anfang 1982 in der Bundesrepublik lebt. Die Ehe wurde geschieden. Auch seine beiden Söhne, Wlodzimierz und Artur, setzten sich in den Westen ab. Von seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Elżbieta Kępińska (* 1937), wird berichtet, daß sie mindestens zeitweise in der „Solidarität“ engagiert war. Sie Verbrachte immer Ferien in einem Dorf in Masuren mit vielen prominenten Schauspielern, Musikern und Schriftstellern. Mieczysław Rakowski war oft Gesprächspartner von Marion Gräfin Dönhoff.[3][4] Rakowski war Segler und Angler. Er sprach neben Deutsch auch fließend Russisch und Englisch.

Fußnoten

  1. Internationales Biographisches Archiv 32/1995 vom 31. Juli 1995 (st)
  2. [1] TVN24.pl
  3. Agnieszka Osiecka: Szpetni czterdziestoletni (Die hässlichen Vierziger), Iskry, Warszawa 1985
  4. Agnieszka Osiecka, Rozmowy w tańcu (Gespräche im Tanz), TenTen, Warszawa 1992