Thiel, Walter

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Dr.-Ing. (chem.) Walter Thiel

Walter Erich Oskar Thiel (Lebensrune.png 3. März 1910 in Breslau; Todesrune.png gefallen 18. August 1943 in Karlshagen auf Usedom) war ein deutscher Chemiker und Raketeningenieur. Er war als Stellvertreter von Wernher von Braun wesentlich für die Entwicklung der A4-Raketentriebwerke verantwortlich.

Leben

Thiel am Institut für organische Chemie in Breslau
Dr. Walter Thiel (2. v. r.) mit seinem Stab auf dem Prüfstand VII in Peenemünde vor dem A-4 Versuchsmuster 3, das am 16. August 1942 um 12.15 MEZ gestartet wurde. Personen v. l. n. r.: Ing. Hueter, Ing. Hainisch, Prüfstandleiter Ing. Schwarz, Ing. Münz, Dr. Hackh, Ing. Zoike, Dr. Thiel und Dr. Schilling. Die harte und intensive Arbeit der Wissenschaftler an dem A4-Projekt wurde am 3. Oktober 1942 mit dem ersten erfolgreichen Start vom Peenemünder Prüfstand VII gekrönt. Die Rakete flog 190 km Richtung Zielort und erreichte eine Gipfelhöhe von 85 km. Die Höchstgeschwindigkeit betrug 1.322 m/sec.

Walter Thiel wurde am 3. März 1910 in Breslau als zweiter Sohn der Eheleute Oskar und Elsa, geb. Prinz geboren. Schon früh zeigte sich seine Begabung. Er gab seinen Mitschülern bereits in der Grundschule Nachhilfe. Später vertrat er sogar seine Lehrer im Unterricht. 1920 wurden 100 Breslauer Schüler zu einer Intelligenzprüfung eingeladen, 20 davon erhielten einen Freiplatz in einer Oberrealschule. Thiel war einer davon, er ging zur Bender Oberrealschule am Lehmdamm in Breslau. Bereits nach drei Monaten in der Sexta durfte er die Klasse in die Quinta überspringen und blieb bis zur Oberprima immer Primus. Das Abitur bestand er Ostern 1929 in allen Fächern mit „sehr gut“.

Studium

Thiel studierte an der Universität Breslau (Fakultät für Stoffwirtschaft, Fachrichtung Chemie) anorganische Chemie bei Prof. Otto Ruff (1871–1939) und organische Chemie bei Prof. Fritz Straus (1877-1942). Im Wintersemester 1933 schloß er sein Chemiestudium mit der Diplom-Hauptprüfung in allen sieben Fächern mit „sehr gut“ ab und schrieb am Institut für organische Chemie bei Prof. Straus seine Diplomarbeit. Im Anschluß begann er seine Dissertation mit dem Titel „Über die Addition von Verbindungen mit stark polarer Kohlenstoff-Halogenbindung an ungesättigte Kohlen-Wasserstoffe“, die eine Fortsetzung seiner Diplomarbeit war. Dazu war er vom 15. April bis 15. Mai 1934 planmäßiger Assistent im Organisch-Chemischen Institut der TH Breslau. Er folgte Prof. Straus an das I. Chemische Institut der Universität Berlin, wo er vom 15. Mai bis 31. August 1934 außerplanmäßiger Assistent war. Am 8. November 1934 verteidigte Thiel seine Promotion mit „summa cum laude“ (Rigorosum), ihm wurde der Titel Dr.-Ing. chem. verliehen.

Heereswaffenamt

Prof. Ruff empfahl Thiel an das Forschungsinstitut des Heereswaffenamtes (WaF/OKH)[1] von Ministerialrat Prof. Dr. phil. Dr. rer. nat. Karl Erich Schumann[2] (1898–1985; Ordinarius für Theoretische und Experimentelle Physik am II. Physikalischen Institut der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin) an der Universität Berlin als Nachfolger des tödlich verunglückten Dr. Kurt Wahmke,[3] einem jungen, aufstrebenden Wissenschaftler.[4]

Hier arbeitete auch sein späterer Kollege, Freund und Pate seiner Tochter Sigrid Dr. phil. Heinz-Otto Glimm (Lebensrune.png 4. Januar 1911; zuletzt bei WaF Leiter des Referates Ic „Ballistik, Raketen, Leichtgeschütz, Düsengeschütz, Weitreichengeschoß“; gefallen am 21. April 1945 bei der Verteidigung der Versuchsstellen der Heeresversuchsanstalt Kummersdorf gegen die Invasoren der Roten Armee) an seiner Geheimdissertation „Über die Rückstoßkraft von Gasstrahlen, die durch explosive Verbrennung moderner kolloidaler Pulver in einer Bombe mit Ausströmöffnung erzeugt werden“.[5]

Thiels bisherige Forschungsarbeiten hatten wehrtechnische Verwertbarkeit und so führte er seine Grundlagenforschung in leitender Position weiter. Thiel wurde Ende 1934 oder Anfang 1935 Referent im Reichswehrministerium. Vom 4. August 1936 bis 2. Oktober 1936 erfolgte seine Einberufung als Funker zur 3./Wachabteilung 13 in Magdeburg, wo er eine obligatorische militärische Grundausbildung erhielt. 0Im Oktober 1936 erfolgte dann die Berufung als leitender Prüffeld-Ingenieur und Triebwerksreferent in die Heeresversuchsstelle für die Entwicklung von Flüssigkeitsraketen in Kummersdorf bei Berlin, hier fand er Anschluß an die Gruppe um Wernher von Braun bei der „Erprobungs- bzw. Versuchsstelle West“ (RLM) in Peenemünde, wo er als Spezialist für Brennkammern maßgeblich an der Grundlagenforschung bei der Entwicklung der Fernraketen,insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung der 25-Tonnen-Brennkammer der A4, beteiligt war. Im Sommer 1940 verlegte Thiel mit seinem kleinen Stab vom Artillerieschießplatz des HWA in Kummersdorf nach Peenemünde als nunmehriger Leiter des Versuchsfeldes in der HVP (Heerestechnische Versuchsanstalt Peenemünde), die Familie erhält in Karlshage ein Haus.

Wirken

Diplom-Biologin Karen Thiel, die Großnichte von Walter Thiel, schrieb 2012:

„2012 jährte sich der 70ste Jahrestag des ersten erfolgreichen Starts einer Rakete Richtung Weltraum, die eine Gipfelhöhe von 85 km und eine Höchstgeschwindigkeit von 1.322 m/sec erreichte. Die Rakete flog 190 km Richtung Zielort. Einer der Väter dieses Starts war Walter Thiel, ein deutscher Wissenschaftler und Raketenpionier. Thiel besaß eine herausragende wissenschaftliche Begabung. Bis zu seinem Diplom hatte er nur die Bestnote ‚1‘. Im Studium wurde er „der Student mit den 7 Einsern“ genannt. 1934 promovierte Thiel zum Dr.-Ing. chem. mit der höchsten Auszeichnung (summa cum laude). Er war damals gerade 24 Jahre alt. Nach seiner Dissertation begann er im Reichswehrministerium an der Erforschung von Treibstoffen für Raketen zu arbeiten. Walter Dornberger warb ihn für das Heereswaffenamt (HWA) ab und bot ihm die Position als Leiter der Triebwerksentwicklung in Kummersdorf bei Berlin an. Thiels bahnbrechende Ideen für das Triebwerk führten zu einer signifikanten Reduktion in Material, Gewicht sowie zu einer Verkürzung des Triebwerkes an sich. Thiel und sein Team suchten ebenfalls nach der optimalen Zusammensetzung des Raketentreibstoffs. Einer von Thiels Teammitgliedern war Konrad Dannenberg, der später durch das Saturn-V-Programm unter von Braun bekannt wurde. Als der Prüfstand I in Peenemünde 1940 fertig gestellt war, zog auch das Triebwerksteam von Kummersdorf nach Peenemünde. Thiel wurde der Vertreter Wernher von Brauns im Entwicklungswerk. In der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 wurden Thiel und seine Familie (Frau und zwei Kinder) während des Luftangriffs durch die Royal Air Force (Operation Hydra) getötet. Der Mondkrater ‚Thiel‘ auf der dunklen Seite des Mondes wurde nach Walter Thiel benannt. Die Forschungsergebnisse von Walter Thiel hatten einen starken Einfluss auf die Raketenprogramme der USA und der ehemaligen Sowjetunion.“

Tod

Dr.-Ing. (chem.) Walter Thiel fiel in der Nacht vom 17. auf den 18. August 1943 bei der Operation Hydra, als alliierte Terrorflieger auch die Wohnsiedlung der Familien der Wissenschaftler angriffen. Auch seine Familie – Gemahlin Martha, geb. Strohwald aus Breslau (42 J.), die er 1935 geheiratet hatte, Tochter Sigrid (7 J.) und Sohn Siegfried (2 J.) – verbrannten in dem Splittergraben vor dem Wohnhaus. Thiel trug seine noch in Arbeit befindlichen Patente und Schriften immer in einer verschließbaren Aktentasche mit sich. Diese Aktentasche wird er auch in der Bombennacht bei sich gehabt haben, in der sich außerdem seine anerkannte Habilitation befand.

Familie Thiel wurde gemeinschaftlich auf dem Ehrenfriedhof in Karlshagen beigesetzt. Wernher von Braun schrieb einen Brief an die traurigen Eltern, in dem er die Verdienste Thiels hervorhebt:

„Ich war selbst Zeuge einer Ansprache, die Herr Reichsminister Speer auf Ihren gefallenen Sohn und seine besonderen Verdienste anläßlich der Ordensverleihung gehalten hat. Aus seinen Ausführungen war zu entnehmen, daß er die ganze Tragweite von Walters Leistungen an dieser epochalen Technik und neuen Waffenentwicklung voll zu würdigen weiß und daß auch der Führer selber seine höchste Anerkennung hierüber geäußert hat. [...] Sie können trotzdem versichert sein, daß Walter sich in seinen Arbeiten ein Denkmal gesetzt hat, das für lange Zeit unvergänglich sein wird. Auch über die heutigen Kriegsereignisse hinaus ist das, was er geschaffen hat, als eine Grundlage für eine völlig neue Technik anzusehen, deren endgültige Möglichkeiten heute noch vielen Leuten phantastisch erscheinen und die heute noch in gar keiner Weise abzusehen sind. [...] Es ist eine alte Weisheit, daß die wirkliche Bedeutung eines Menschen erst nach seinem Tode erkannt wird. Seit dem 18.8.1943 ist auf dem entscheidend wichtigen Posten, den Walter inne hatte, eine Lücke geblieben, die noch nicht wieder geschlossen werden konnte. Ich erlebe es täglich, wie diejenigen Männer, die die von ihm hinterlassenen Arbeiten weiterzuführen haben, sich eng und streng an die von Walter vorgezeichneten Wege halten, ohne jedoch dabei seine Elastizität und seinen Ideenreichtum je erreicht zu haben.“

Nach Dr. Thiels Tod wurde die Organisationsstruktur geändert, Nachfolger Thiels wurde Dr.–Ing. Martin Schilling für den Bereich Prüfwesen und Walther Johannes Riedel („Riedel III“) Direktor für Entwicklung und Konstruktion. Beide Wissenschaftler wurden später bei der Operation Paperclip in die VSA verschleppt.

Unterstützung der Familie durch von Braun

Dr. Wernher von Braun hat nach dem Krieg die restliche Familie Thiel unterstützt, die er schon in den 1930er Jahre bei einer gemeinsamen Reise mit Walter in der Adalbertstraße 7 in Breslau besuchte, wobei Walter Thiels Mutter die Socken von Brauns stopfte. Der große Bruder Herbert Thiel schrieb an von Braun und erhielt Hilfspakete für die Eltern und seine Familie aus den VSA, erstmalig mit folgendem Schreiben:

„Ich habe aufgrund Ihrer erschütternden Schilderung des Zustandes, in dem Ihre Eltern sich befinden, hier sofort eine Sammlung für eine Lebensmittelunterstützung in die Wege geleitet. Obwohl mir das endgültige Sammelergebnis noch nicht vorliegt, kann ich Ihnen doch schon jetzt die erfreuliche Mitteilung machen, daß es sich in der Größenordnung von 60 Dollar bewegt. Dafür kann man eine ganze Masse Lebensmittel einkaufen und nach Deutschland schicken.“

Bildergalerie

Auszeichnungen und Ehrungen (Auszug)

  • Mitglied des 1927 in Breslau gegründeten „Vereins für Raumschiffahrt“ (VfR)
  • 1932 in die „Studienstiftung des Deutschen Volkes“[6] aufgenommen
  • 1933 Diplom-Hauptprüfung zum Dipl.-Ing. (chem.)
  • 1934 Promotion zum Dr.-Ing. (chem.)
  • Kriegsverdienstkreuz (1939), II. und I. Klasse mit Schwertern
  • Deutsches Kreuz in Silber am 29. Oktober 1943 (posthum)
  • Ritterkreuz des Kriegsverdienstkreuzes mit Schwertern am 29. Oktober 1944 (posthum) als Leitender Ingenieur Heerestechnische Versuchsanstalt Peenemünde (HVP)
  • Mondkrater nach Thiel benannt (1970)
    • Der Krater befindet sich auf der Rückseite des Mondes und ist von der Erde aus nicht sichtbar; Koordinaten: 40° 42' N / 134° 30' W, Mittlerer Durchmesser: 32,0 km
  • Thiel ist als einer der ersten Raumfahrtpioniere in die „International Space Hall of Fame“ in Alamogordo, New Mexico, VSA aufgenommen worden (1976)[7]

Schriften (Auswahl)

  • Über die Addition von Verbindungen mit stark polarer Kohlenstoff- Halogenbindung an ungesättigte Kohlen-Wasserstoffe, Dissertationsdruckerei und Verlag Konrad Triltsch, Würzburg 1935
  • Anlagerung von Alkylhalogeniden an die Äthylenbindung, 1936 (gemeinsam mit Fritz Straus)
  • Empirische und theoretische Grundlagen zur Neuberechnung von Öfen und Versuchsdaten, Schießplatz Kummersdorf Versuchsstelle West, 21. April 1937

Literatur

Verweise

Fußnoten

  1. Die Forschungsabteilung (WaF) des Heereswaffenamtes (HWA) war hervorgegangen aus der „Zentralstelle für Heeresphysik und Heereschemie“, fungierte ab 1933 unter der Bezeichnung „Wa Prüf 11“ und wurde 1938 umbenannt in „WaF“, direkt unterstellt dem Chef des HWA.
  2. Schumann leitete von 1932 bis 1944 die Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes (HWA). 1933 erhielt er ein persönliches Ordinariat für Physik und Systematische Musikwissenschaft an der Universität Berlin. Dort wurde für ihn zugleich das II. Physikalische Institut eingerichtet, das sich mit Sprengstoffphysik beschäftigte. Ab 1934 leitete er die Forschungsabteilung „W II“ im Reichserziehungsministerium. Zugleich war er Leiter der Abteilung Wissenschaft im Reichskriegsministerium, ab 1939 dann derselben Abteilung im Oberkommando der Wehrmacht (OKW).
  3. Ab 1932 betrieb eine Forschungsgruppe der Wehrmacht unter der Leitung von Walter Dornberger die Entwicklung der Flüssigtreibstoffraketen der Typen A1, A2 und A3. Anfang 1933 kam Dr. Wahmke zu der Mannschaft um Wernher von Braun, Walter Julius Hermann Riedel („Riedel I“), Heinrich Grünow und Walter Dornberger nach Kummersdorf-Gut. Dort war eine Versuchsstelle für Flüssigkeitsraketen vom Heereswaffenamt der Reichswehr eingerichtet worden. Am 16. Juli 1934 kamen Wahmke und zwei Techniker bei der Explosion eines mit 90%igem Wasserstoffperoxid-Alkohol-Gemisch betriebenen Raketentriebwerkes ums Leben.
  4. Erinnerung an einen Raketenpionier, Märkische Allgemeine, 19. Oktober 2014
  5. Geheimdissertationen in Kummersdorf von Dr. Günter Nagel
  6. Deutsches Begabtenförderwerk, gegründet 1925, aufgelöst 1936, Neugründung 1948.
  7. Walter Thiel, International Space Hall of Fame