Speziallager Nr. 1 Mühlberg

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Das Speziallager Nr. 1 Mühlberg war eines der zehn Speziallager des NKWD/MWD in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) Deutschlands. Es befand sich ungefähr 4 km nordöstlich der Stadt Mühlberg/Elbe auf der Gemarkung des Bad Liebenwerdaer Ortsteils Neuburxdorf. Vorher waren hier mehrere Tausend Kriegsgefangene im Kriegsgefangenenlager Stalag IV B interniert gewesen. Heute befindet sich auf dem Gelände eine Gedenkstätte für die Opfer beider Lager.

Vorgeschichte

Während des Zweiten Weltkrieges war das Lager, benannt nach der vier Kilometer westlich gelegenen Stadt Mühlberg/Elbe, als Stalag IV B Mühlberg/Sachsen, ein Kriegsgefangenenlager, in dem Kriegsgefangene aller Nationen, die gegen Deutschland Krieg führten, inhaftiert waren. Während des Krieges kamen hier ca. 3.000 Kriegsgefangene, darunter allein 2.350 Sowjetbürger, ums Leben.

Ende April 1945 wurde das Lager aufgelöst. Unmittelbar danach begann die Rote Armee mit der Inhaftierung ehemaliger Ostarbeiter, kriegsgefangener Rotarmisten und Angehöriger der Wlassowarmee auf dem Gelände, ehe diese nach Sibirien abtransportiert wurden.

Ende August / Anfang September 1945 wurde auf dem Gelände dann das Speziallager Nr. 1 eingerichtet.

Inhaftierte des Speziallagers

Das Lager wurde zur Internierung von ehemaligen Angehörigen der NSDAP (einschließlich HJ und BDM), vermeintlichen Kriegsverbrechern, sogenannten Junkern, Jugendlichen, denen man Werwolfverdacht vorgeworfen hatte, Angehörigen des Volkssturms, Fabrikanten sowie willkürlich denunzierten Personen und ehemaligen Offizieren der Wehrmacht verwendet. Die Verhaftung und Inhaftierung erfolgte willkürlich und ohne Gerichtsurteil.

Die von NKWD/MWD-Offizieren durchgeführten Verhöre fanden generell unter Anwendung von Folter statt. Die Verhafteten hatten keine Möglichkeit der Verteidigung, sie waren der Willkür der Vernehmungsoffiziere ausgeliefert.

Zweck der Verhaftung war die Isolierung vermeintlicher „Klassenfeinde“, um die radikale Umgestaltung in der Sowjetischen Besatzungszone durchzusetzen.

Im Lager waren insgesamt mehr als 21.800 Menschen inhaftiert, darunter auch Frauen. Mit 12.000 Menschen war das Lager durchschnittlich belegt.

Ca. 150 Inhaftierte wurden zur Verurteilung durch die sowjetischen Militärtribunale abtransportiert. Die Verurteilungen fanden nicht unter rechtsstaatlichen Bedingungen statt.

Haftbedingungen

Es herrschten katastrophale Haftbedingungen.

Bedrückend war die mangelhafte Hygiene, denn die Kleidung der Häftlinge hatte sich im Laufe der Haftzeit in ihre Bestandteile aufgelöst. Es gab keine Seife zur Körperpflege, an Zahnhygiene war nicht zu denken. Da es keine Strohsäcke oder Decken, keine Eßlöffel, Eßschüsseln oder Trinkgefäße gab, wurden Ofenrohrkapseln oder Ofenkacheln als Eß- und Trinkgefäße benutzt.

Die Ernährung der Häftlinge war einseitig und völlig unzureichend. Durch die ständigen Hungerrationen und die mangelnde Hygiene entstanden Dystrophie, Ruhr, Tuberkulose und Typhus. Dazu kam noch, daß alle Gefangenen den ständigen Attacken von Läusen und Flöhen schutzlos ausgesetzt waren, die als Typhusüberträger die vorhandenen Mangelkrankheiten noch erweiterten.

Das Lager Mühlberg war kein Arbeitslager. Die Gefangenen waren, bis auf einige Lagerkommandos, sich selbst überlassen. Es gab keine Bücher oder Schreibmöglichkeiten. Die Baracken waren überbelegt. Die drangvolle Enge ließ den Gefangenen noch nicht einmal beim Schlafen Platz für ein Alleinsein. Jeder wurde mit seiner Verhaftung aus der ihm vertrauten Umgebung gerissen, in eine fremde Umwelt gestellt und war mit Menschen zusammen, die ihm fremd waren und deren Wesen und Eigenarten er nicht verstand. Zwar bildeten sich Schicksalsgemeinschaften, die jedoch nur solange hielten, bis wieder einmal eine Verlegung in eine andere Baracke oder in ein anderes Lager erfolgte und diese Gemeinschaften wieder auseinandergerissen wurden.

Die deutschen Lagerärzte standen auf verlorenem Posten, denn Medikamente waren kaum verfügbar, und medizinische Geräte gab es nicht. So starben in Mühlberg viele an körperlichem und seelischem Verfall und an nicht behandelten Krankheiten.

Die sowjetischen Organe waren nicht um Abhilfe bemüht.

Deportation

1946 deportierte man ca. 3.000 Inhaftierte in die Sowjetunion; sie wurden dort als Kriegsgefangene behandelt.

Am 8. Februar 1947 verlud man auf dem Bahnhof Neuburxdorf ungefähr 1.000 noch arbeitsfähige, meist jugendliche Häftlinge. Aufgrund der großen Kälte hatte man sie mit Watteanzügen und Pelzmützen der Wehrmacht ausgestattet. Daher entstand die Bezeichnung Pelzmützentransport.

In den Waggons waren außer einem Kübel für die Notdurft und einem kleinen Ofen weder Strohsäcke noch sonstige sanitäre Gegenstände vorhanden. Da die Brennstoffversorgung nur sporadisch erfolgte, wurden im Laufe des Transportes die vorhandenen Holzpritschen verfeuert, um eine erträgliche Temperatur im Waggoninneren zu erzeugen.

Nach einem qualvollen Transport von 33 Tagen in den eiskalten Viehwaggons wurden die Inhaftierten am 14. März 1947 im sibirischen Anschero-Sudschensk ausgeladen und ins NKWD/MWD-Lager 7503/11 Anschero-Sudschensk gebracht.

Auflösung

Im Juli 1948 entließ man fast zwei Drittel der Lagerbelegschaft. Richtlinien, nach denen entlassen wurde, waren nicht zu erkennen. Willkürlich wurden Namen von Häftlingen aufgerufen, die man bereits am nächsten Tag entließ.

Die restlichen ungefähr 3.000 Häftlinge verlud man am 17. September 1948 auf dem Bahnhof Neuburxdorf in Waggons und transportierte sie ins NKWD/MWD-Lager Nr. 2 Buchenwald.

Diese Gefangenen wurden erst 1950 entlassen.

Die Auflösung des Lagers Mühlberg erfolgte noch 1948.

Opfer

Mehr als 6.700 Häftlinge des Speziallager Nr. 1 des NKWD/MWD Mühlberg/Elbe kamen ums Leben. Es gab keine Einzelgräber, alle Toten wurden außerhalb des Lagers in Massengräber geworfen und notdürftig zugeschüttet. Die Angehörigen wurden nie benachrichtigt.

Kränze, die nach der Auflösung des Lagers auf dem Gelände von Angehörigen niedergelegt wurden, wurden auf Weisung der zuständigen DDR-Behörden umgehend entfernt.

Nachdem bei landwirtschaftlichen Arbeiten immer wieder Knochen gefunden worden waren, wurde das Gelände aufgeforstet.

Nach der politischen Wende 1989 stellten Angehörige der Toten Kreuze und Gedenksteine auf.

Seit 1992 ist eine Gedenkstätte für alle Toten des Speziallagers entstanden, die zur Zeit mit Unterstützung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. umgestaltet wird.

Jährlich finden Gedenktreffen auf dem ehemaligen Lagergelände statt.

Bekannte Inhaftierte

Geplante Aufstellung von Gedenktafeln

Der Brandenburgische Innenminister Jörg Schönbohm kündigte an, daß im Jahr 2008 Namenstafeln für die Opfer des Internierungslagers Mühlberg aufgestellt werden sollen.

Literatur und Quellen

  • Achim Kilian:
    • Mühlberg 1938–1948. Ein Gefangenenlager mitten in Deutschland. Böhlau, Köln 2001. ISBN 3-412-10201-6
    • Einzuweisen zur völligen Isolierung. NKWD-Speziallager Mühlberg/Elbe 1945–1948, Leipzig, 2. Aufl. 1993
  • Sigrid Drechsler: Im Schatten von Mühlberg, Paris 1995
  • Ursula Fischer: Zum Schweigen verurteilt, Berlin 1992
  • Jan v.Flocken / Michael Klonovsky: Stalins Lager in Deutschland 1945–1950, Ullstein 1991
  • Siegfried Rulc: Unvollständige Chronik ..., Berlin 1996
  • Elisabeth Schuster: Reite Schritt, Schnitter Tod!, Kassel 2004
  • Erhard Krätzschmar: ... von Wurzen über Mühlberg nach Sibirien, Colditz 1995
  • Herbert Hecht: Sibirische Glocken, Gernrode 2006
  • Faltblatt der Initiativgruppe Mühlberg e. V.: Kriegsgefangenenlager Stalag IV B, Speziallager Nr.11 des sowj. NKWD
  • Paul Weisshuhn: Ich komme wieder! Erinnerungen eines Überlebenden. NKWD-Speziallager Mühlberg 1945–1948. Edition Noëma, Stuttgart 2003. ISBN 3-89821-312-9
  • Martina Hofmann: Eine Ausstellung über das NKWD-Speziallager Nr. 1 Mühlberg/Elbe von 1945 bis 1948: ein Beitrag zur Zeitgeschichte. 1994
  • Helmut Leppert: Odyssee einer Jugend, 5. Auflage 2008, Initiativgruppe Lager Mühlberg/Elbe e. V.

Siehe auch

Verweise

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