Wilkomirski, Binjamin

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Bruno Dössekker, alias Binjamin Wilkomirski

Binjamin Wilkomirski, eigentlich Bruno Grosjean, später Dössekker (Lebensrune.png 12. Februar 1941 in Biel), ist ein Schweizer Autor, der in der Deutschschweiz lebt. Er ist ein ausgebildeter Klarinettist, autodidaktischer Instrumentenbauer und literarischer Betrüger. Sein Buch „Bruchstücke – Aus einer Kindheit 1939–1948“ wurde im August 1998 von dem jüdischen Journalisten Daniel Ganzfried als freierfunden entlarvt. Ganzfried erhielt 1999 hierfür einen Zürcher Journalistenpreis erhielt, 2002 erschien dazu die Erzählung „… alias Wilkomirski – Die Holocaust Travestie“.

Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948

Daniel Ganzfried über Wilkomirski

Wilkomirski veröffentlichte 1995 im zur Suhrkamp-Gruppe gehörenden Jüdischen Verlag das Büchlein „Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948“. Die Publikation, die im Stil einer Autobiographie verfaßt war, beschrieb in fragmentarischer Form und hauptsächlich aus der Perspektive eines Kindes Erlebnisse aus dem Leben des Ich-Erzählers aus der Zeit des Nationalsozialismus in Lettland und anderen Ländern.

Als früheste Erinnerung schilderte der Autor, wie er als kleines jüdisches Kind in Riga der Ermordung eines Mannes durch „Uniformierte“ habe zusehen müssen. Dieser Mann sei möglicherweise sein Vater gewesen – der Ich-Erzähler nennt nirgends sein Geburtsdatum, aber anscheinend war er damals zu klein, um sich genauer erinnern zu können. Nachdem er sich dann zusammen mit seinen Brüdern auf einem Bauernhof in Polen habe verstecken können, sei er verhaftet worden und in zwei Konzentrationslager gekommen. Im ersten Lager sei er seiner sterbenden Mutter, an die er vorher keine Erinnerung gehabt habe, ein letztes Mal begegnet. Nach der Befreiung aus dem „Vernichtungslager“ sei er zunächst in ein Waisenhaus nach Krakau und dann in die Schweiz verbracht worden. Dort habe er erst durch jahrzehntelange Nachforschung seine nur bruchstückhaft erinnerte (und von seinen Schweizern Adoptiveltern tabuisierte) Vergangenheit rekonstruieren können.

„Bruchstücke“ wurde in neun Sprachen übersetzt und erhielt von der Kritik viel Lob, wobei sich die angelsächsischen und schweizerischen Rezensenten besonders begeistert zeigten. Gelegentlich verglich man den Autor mit Elie Wiesel, Anne Frank oder Primo Levi. Entgegen einer häufig kolportierten Behauptung war sein Büchlein jedoch nirgends ein Verkaufsschlager.[1] Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismusforschung lobte 1998 den Text für seine „Authentizität“ und seinen „literarischen Rang“.[2]

Als das Buch im Juni 1995 im renommierten Jüdischen Verlag bei Suhrkamp erscheint, ist es eine Sensation. Es wird in zwölf Sprachen übersetzt, mit Preisen überhäuft, berührt selbst Holocaust-Überlebende zutiefst und begeistert Experten wie den Bestsellerautor Daniel Goldhagen genauso wie die Presse im In- und Ausland. Die New York Times schwärmt vom „Zauber kindlicher Unschuld“, die „Zeit“ sogar von der „Authentizität“ des Werks, auch die NZZ hält ergriffen fest, daß hier ein „schmales Buch„ entstanden sei, das aber „das Gewicht dieses Jahrhunderts„ trage.

Der Autor selbst trat bei vielen Gelegenheiten vor einem beeindruckten Publikum als Zeitzeuge und Experte auf, sei es vor Schulklassen, in den Medien oder an wissenschaftlichen Veranstaltungen zur Shoah und zu deren Folgeproblemen (etwa zur fehlenden Identität von Überlebenden, die während der Shoah noch im Kindesalter gewesen waren). Er gab angesehenen Archiven Videointerviews und ließ sich in Fernsehdokumentationen portraitieren. Zudem erhielt er für sein Werk drei bedeutende Preise.[3] Bei seinen öffentlichen Auftritten präzisierte er überdies vieles, was im publizierten Text ungesagt oder im vagen geblieben war. So nannte er mündlich die Namen der Konzentrationslager, in denen er sich aufgehalten habe (Majdanek und Auschwitz), oder erwähnte, daß er selbst Opfer bestialischer Menschenversuche gewesen sei.[4]

In den reichlich gegebenen Interviews spricht er manchmal mit einem jiddischen Akzent, den er sich angeblich im „babylonischen Sprachenwirrwar„ der KL-Kinderbaracken angeeignet haben will; bei Lesungen sitzt er oft nur schweigend in einer religiös anmutenden Kluft da, während Schauspieler seinen Text vortragen oder das extra für ihn komponierte Stück „Shalom Binjamin„ erklingt. Einige Fotographien zeigen ihn, wie er mit Kippa und einem Taschentuch vor dem Mund über das Gelände des KL Majdanek hastet. Er sucht „seine“ Kinderbaracke. Andere zeigen wie er, selbstverständlich von Kameras begleitet, einem Holocaust-Überlebenden in Israel in die Arme fällt. Dieser glaubt tatsächlich, in Binji seinen verschollenen Sohn wiederzuerkennen. Unter anderem beschreibt er sich als eines jener Kinder, „die noch immer die Hitze der Krematorien im Rücken spüren“. Beim Anblick einer ausgestellten Uniform soll ihm auch noch der Lagerkommandant von Majdanek erschienen sein. An dessen „Grußadresse“ an die neuankommenden Häftlinge kann er sich exakt noch Wort für Wort erinnern: „Die Nahrung ist so bemessen, daß ihr vier Wochen überleben und arbeiten könnt. Dann will ich keinen von euch mehr hier sehen. Wer dann noch am Leben ist, hat Essen gestohlen und wird erschoßen.“ Eine fabelhafte Erinnerungsgabe, wenn man bedenkt, daß Wilkomirski bei seiner Ankunft im KL gemäß Bruchstücke-Drehbuch gerade einmal zwei oder drei Jahre alt war.

Wilkomirski wohnt heute (2019) in einem alten Fachwerkhaus, mit blinden Fenstern und er legt anscheinend immer noch großen Wert darauf, als Jude wahrgenommen zu werden. In seinem Haus in Amlikon steht hinter einem Fenster steht ein Chanukka-Leuchter, die schwere Holztüre zum Innenhof ist mit hebräischen Inschriften geschmückt, über dem Haupteingang hängt ein Davidstern.

Enthüllung

Im Spätsommer 1998 wurde Wilkomirskis öffentliches Ansehen jedoch jäh erschüttert. In einem Artikel vom 27. August in der Wochenzeitung Weltwoche enthüllte der in der Schweiz lebende jüdische Autor Daniel Ganzfried, daß Wilkomirski in Wahrheit Bruno Grosjean heiße und der uneheliche Sohn der Schweizerin Yvonne Grosjean sei. Nach einem Aufenthalt in einem Waisenhaus in Adelboden (Schweiz) sei er von dem wohlhabenden und kinderlosen Ehepaar Dössekker[5] aus Zürich adoptiert worden. Die Konzentrationlager kenne er nur als Tourist.

Die Enthüllungen warfen insbesondere im deutschen und englischen Sprachraum hohe Wellen. Wilkomirski und seine Anhänger wiesen Ganzfrieds Angriffe entschieden zurück. Dieser aber legte neue und überzeugende Fakten nach, während Wilkomirski seine Darstellung nicht belegen konnte.

Anfang April 1999 engagierte die Literaturagentur Liepman in Zürich, die Wilkomirskis Manuskript an die Verlage vermittelt hatte, den Zürcher Historiker Stefan Mächler für eine umfassende Abklärung. Sein Rapport, den er im Herbst 1999 den Verlagen vorlegte (und später unter dem Titel „Der Fall Wilkomirski“ publizierte), machte definitiv klar, daß die angebliche Autobiographie tatsächlich in allen wesentlichen Punkten den historischen Fakten widersprach. Darüber hinaus konnte Mächler ausführlich darlegen, wie Wilkomirski bzw. Bruno Grosjean seine fiktive Lebensgeschichte über Jahrzehnte allmählich entwickelt hatte. Dabei beschrieb Mächler, daß Wilkomirskis angebliche Erfahrungen in Polen vielfach mit realen Begebenheiten aus seiner Schweizer Kindheit korrespondierten. Der Autor hatte offensichtlich eigene konkrete Erfahrungen in einem komplexen Prozeß der Verschiebung und Umarbeitung in eine Shoah-Kinderbiographie verwandelt – wie bewußt und geplant er dabei vorging, bleibt dahingestellt. Mächler zeigte sich skeptisch gegenüber Ganzfrieds Behauptung, daß Wilkomirski bzw. Grosjean ein „kalt planender, systematisch vorgehender Fälscher“ sei; er neigte zu der Ansicht, daß dieser auch selbst an seine fiktive Geschichte glaubte, also einer Erinnerungsfälschung aufgesessen sei.[6]

2002 schob Ganzfried unter dem Titel „Die Holocaust-Travestie“ eine „dokumentarische Erzählung“ seiner Rechercheerfahrungen nach. Dabei polemisierte er heftig gegen den seiner Ansicht nach konvulsivisch „in Häufchen holocaustiges absondernden“ Kulturbetrieb (S. 22).[7]. Nur Wochen später legte auch Mächler weitere Resultate aus seinen Recherchen sowie Reflexionen zur Bedeutung des Falles vor[8]

Diese Publikationen wurden ergänzt durch Untersuchungsergebnisse der Bezirksanwaltschaft des Kantons Zürich, die indirekt bestätigten, daß „Bruchstücke“ erfunden war. Die Behörden hatten einen DNS-Test bei Wilkomirski und dem noch lebenden biologischen Vater Bruno Grosjeans veranlaßt, der positiv ausfiel. Anlaß für diese Abklärung war eine private Strafanzeige gegen Dössekker und Konsorten wegen Betrugs und unlauteren Wettbewerbs gewesen, die die Behörden im Dezember 2002 mangels strafrechtlich relevanter Tatbestände einstellten.[9]

Reaktionen

Die Entlarvung Wilkomirskis löste zwischen 1998 und 2000 in den Medien große und emotionale Debatten aus. Besonders heftig fielen die Reaktionen in der BRD aus, wo der Fall von allen Seiten dafür gebraucht wurde, um den Umgang mit der belastenden NS-Vergangenheit zu thematisieren oder zu kritisieren. Sehr erregt debattierte man auch in der Schweiz, deren Banken und Behörden damals gerade in massive internationale Auseinandersetzungen über ihre frühere Haltung gegenüber dem Dritten Reich verwickelt waren.

Die seither stattfindenden Fachdiskussionen[10] machen deutlich, daß der Fall in vielen Wissensgebieten einen exemplarischen Stoff zur Diskussion grundlegender Fragen abgibt, etwa zum literarischen Genre der Autobiographik, zur Historiographie der Shoah, zum vergangenheitspolitischen Status der Shoah als universale Opfererzählung, zur Oral History, zur Gedächtnistheorie, zur Traumatheorie, zum therapeutischen Umgang mit Erinnerungen usw.

Sein Fall ist bis heute ein Lehrstück über Täuschung, kollektive Ergriffenheit und den problematischen Umgang mit Holokaust-Zeitzeugen.

Wilkomirski-Syndrom

Fest steht, daß der Bruchstücke-Schreiber kein Einzelfall ist;so trifft Wilkomirski beispielsweise im Jahr 1998 in den VSA Frau Laura Grabowski, die wie er im KL-Auschwitz gewesen sein will. Vor laufender Kamera gibt es dann tatsächlich ein tränenreiches Wiedersehen. Nur kurze Zeit später wird Grabowski ebenfalls als eine notorische Betrügerin entlarvt. Sie hat bereits eine „Karriere“ als angebliches Sadisten-Opfer hinter sich hat.

Seit Wilkomirski und weitere als Hochstapler aufgeflogen sind, taucht der Begriff „Wilkomirski-Syndrom“ immer wieder auf, wenn sich jemand mit einer erlogenen (Opfer-)Biografie in Szene setzen will.

Ähnliche Fälle

Siehe auch

Literatur

  • Binjamin Wilkomirski: Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939–1948. Jüdischer Verlag, Frankfurt a. M. 1995, ISBN 3-633-54100-4
  • Daniela Janser und Esther Kilchmann: Der Fall Wilkomirski und die condition postmoderne. In: traverse. Zeitschrift für Geschichte. 2000, Nr. 3. S. 108–122
  • Irene Diekmann und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Das Wilkomirski-Syndrom. Eingebildete Erinnerungen oder Von der Sehnsucht, Opfer zu sein. Pendo Verlag, Zürich und München 2002, ISBN 3-85842-472-2
  • Daniel Ganzfried: Die Holocaust-Travestie. Erzählung. In: Sebastian Hefti (Hrsg.): ... alias Wilkomirski. Die Holocaust-Travestie. Jüdische Verlagsanstalt, Berlin 2002, S. 17–154, ISBN 3-934658-29-6
  • Stefan Mächler: Der Fall Wilkomirski. Über die Wahrheit einer Biographie. Pendo Verlag, Zürich und München 2000, ISBN 3-85842-383-1
  • Stefan Mächler: Aufregung um Wilkomirski. Genese eines Skandals und seine Bedeutung. In: Irene Diekmann und Julius H. Schoeps (Hrsg.): Das Wilkomirski-Syndrom. Eingebildete Erinnerungen oder Von der Sehnsucht, Opfer zu sein. Pendo Verlag, Zürich und München 2002, ISBN 3-85842-472-2, S. 86–131
  • Marius Neukom: Die Rhetorik des Traumas in Erzählungen. Mit der exemplarischen Analyse einer literarischen Eröffnungssituation. In: Psychotherapie & Sozialwissenschaft. Zeitschrift für qualitative Forschung und klinische Praxis. Band 7, 2005, Heft 1, ISSN 1436-4638, S. 75–109
  • David Oels: “A real-life Grimm’s fairy tale”. Korrekturen, Nachträge, Ergänzungen zum Fall Wilkomirski. In: Zeitschrift für Germanistik, N.F. Band 14, 2004, Heft 2, S. 373–390
  • Avraham S. Weinberg: Wilkomirski & Co. – im Land der Täter, im Namen des Volkes. Kronen Verlagsgesellschaft, Berlin 2003, ISBN 978-3-934140-04-2

Verweise

Fußnoten

  1. Mächler, 2002; S. 87–90, 101–106; Oels, 2004, S. 376–379
  2. Jörg Lau: Ein fast perfekter Schmerz. In: Die Zeit, Ausgabe 39, 17. September 1998 (im Weltnetz)
  3. Mächler, 2000, S. 125–142
  4. Mächler, 2000, S. 32–98
  5. Ganzfried schrieb den Namen fälschlicherweise immer mit oe: Doessekker – was in der Folge von vielen Druckmedien übernommen wurde, vgl. Mächler, 2000
  6. Mächler, 2000, S. 287f.
  7. vgl. Neue Zürcher Zeitung, 5. April 2002; Mächler, 2002, S. 99–101, 126f., Süddeutsche Zeitung, 5. Mai 2002
  8. In: Diekmann/Schoeps, 2002, S. 28–131
  9. Neue Zürcher Zeitung, 13. Dezember 2002
  10. vgl. Eva Lezzi und Mächler in: Diekmann/Schoeps (Hrsg.), 2002; Oels, 2004; Neukom, 2005; Bauer, 2006