Sassen-Runde

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Die Sassen-Runde war eine 1957 in Buenos Aires stattfindende Gesprächsrunde zum Thema „Endlösung der Judenfrage“ zwischen Willem Sassen, Adolf Eichmann, Eberhard Fritsch, Ludolf-Hermann von Alvensleben, einem bisher unbekannten Dr. Langer und etlichen weiteren Teilnehmern oder Zuhörern. Sassen gelang es, den in Argentinien untergetauchten Adolf Eichmann zu überzeugen, seine Ansichten über den Holocaust darzulegen. Dahinter stand die Absicht, die Gespräche publizistisch im Rahmen eines revisionistischen Buchprojekts für den Dürer-Verlag zu verwerten. Zu diesem Zweck wurden die Gespräche auf Tonband aufgenommen und transkribiert. Zwar lagen Eichmanns Zahlenangaben deutlich unter den offiziellen Daten, aber er unterstützte die revisionistischen Ansichten von Fritsch und Sassen nicht.

Vorgeschichte

Eichmann in Argentinien

Der Aufenthaltsort von Eichmann und sein Deckname Ricardo Klement war vielen Geheimdiensten bereits seit den frühen 50er Jahren bekannt. Am 24. Juni 1952 meldete jemand an die Organisation Gehlen:

Standartenführer EICHMANN befindet sich nicht in Ägypten, sondern hält sich unter dem Decknamen CLEMENS (sic!) in Argentinien auf. Die Adresse von E. ist beim Chefredakteur der deutschen Zeitung in Argentinien „Der Weg“ bekannt.[1]

Gemeint war hier der Hauptschriftleiter Eberhard Fritsch, der die Zeitschrift „Der Weg – El Sendero“ in seinem Dürer-Verlag herausgab. Spätestens seit Juni 1952 mußten sie sich daher gekannt haben. Das Verlagshaus war ein Bezugspunkt für Neuankömmlinge in Buenos Aires und auch Willem Sassen, der zum Dürer-Kreis gehörte und für die Zeitschrift „Der Weg“ schrieb, ist wahrscheinlich schon während der Zeit in Tucumán mit Eichmann zusammengetroffen. Eichmann selber hat später in Israel behauptet, er sei Fritsch und Sassen das erste Mal bei einer größeren gesellschaftlichen Veranstaltung zu Ehren von Otto Skorzeny begegnet, aber mit Sassen wirklich befreundet habe er sich erst, nachdem Fritsch als Verleger auf Eichmann zugekommen sei, um ihn um Mitarbeit zu bitten. Im Juli 1953 zog Eichmann mit seiner Familie wieder nach Buenos Aires. Gegenüber Menschen, die er für vertrauenswürdig hielt, hatte Eichmann nie verschwiegen, wer er war. Er besuchte Lokale wie das „ABC-Café-Restaurant“ oder „Die Eiche“, wo er alte Kameraden und neue Freunde treffen konnte.

Der Weg

Das Holocaust-Thema, das in den 50er Jahren noch nicht unter diesem Namen behandelt wurde, beschäftigte die Weg-Redaktion immer wieder. Man veröffentlichte frühe revisionistische Artikel. Einer der bekanntesten Artikel aus dem Weg wird „Die Lüge von den sechs Millionen“ heißen.[2] Die Artikel zu diesem Thema waren v. a.:

  • Erwin F. Neubert: Bevölkerungs- und Wirtschaftsentwicklung Israels und der Diaspora, in: Der Weg, 1952, Nr. 11.
  • Ludwig Paulin: Die Lüge von den 238.000 – Was geschah im Lager Dachau?, in: Der Weg, 1954, Nr. 5/6.
  • Guido Heimann: Die Lüge von den sechs Millionen, in: Der Weg, 1954, Nr. 7.
  • Warwick Hester: Auf den Straßen der Wahrheit, in: Der Weg, 1954, Nr. 8.[3]
  • Eva Peron Basil: La mentira de los seis millones, in: Der Weg, 1954, Nr. 9.
  • Egon Kayser: Die Lüge vom Warschauer Ghetto-Pogrom, in: Der Weg, 1954, Nr. 9.
  • Paul Beneke: Die Rolle der „Gestapo“, in: Der Weg, 1956, Nr. 7/8 (Teil 1); Nr. 9 (Teil 2).
  • Olof Svendson: Nur eine von zehntausend Lügen!, in: Der Weg, 1956, Nr. 10.
  • Wolf Sievers: Die „Endlösung“ der Judenfrage, in: Der Weg, 1957, Nr. 3.

Fast alle Artikel sind unter Pseudonym erschienen. Eichmann selbst wird in der Zeitschrift insgesamt nur 3 Mal erwähnt. Im Hester-Artikel wird u. a. ein Gespräch mit einem SS-Offizier geschildert, der angab, Eichmann habe sich angeblich 1945 nach der Kapitulation mit seiner Frau vergiftet.

Der letzte Artikel zum Thema, der noch vor den Tonbandaufzeichnungen der Sassen-Runde unter dem Pseudonym Wolf Sievers erschien, stellte eine Verschwörungstheorie auf, wonach eine Verschwörergruppe innerhalb der Polizei hinter dem Rücken von Hitler gehandelt habe. Ziel sei die Gründung des Staates Israel gewesen und man habe dann dieses Verbrechen „mit raffinierten Mitteln Hitler in die Schuhe geschoben“. In diesem Artikel wird Eichmann als Teilnehmer der Wannsee-Konferenz genannt. Sassen äußerte die Grundzüge der Argumentation später ebenfalls in einem Interview, das er 1960 gab. Er teilte mit, daß auch Eichmann „zweifellos nur ein Instrument in den Händen der Initiatoren eines diabolischen Planes war“. Und diesen Plan habe nicht Hitler erdacht. Auch während der Sassen-Runde selbst probiert Sassen Eichmann zu dem „Eingeständnis“ zu verführen, daß er „undeutsch“ gehandelt habe.

In der Juli-Ausgabe 1957 erschien schließlich ein „Leserbrief“ von einem gewissen Dr. Ernst Rauhart aus São Paulo, der ausführte:

[...] Es ist in diesem Zusammenhang besonders bedauernswert, daß es nicht gelang, diejenige Person aufzufinden, die gemäß allen jüdischen Veröffentlichungen und den Zeugenaussagen im Nürnberger IMT-Prozess als einzig kompetent für diesen ganzen Komplex anzusehen ist: den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann. Nach dem Tode Adolf Hitlers, des Reichsführers Himmler, Heydrichs und Kaltenbrunners dürfte er der einzige glaubwürdige und eingeweihte Zeuge zu dem sein, was sich wirklich zugetragen hat. Soviel ich weiß, haben sich die Alliierten nach 1945 ernstlich bemüht, seiner habhaft zu werden, doch soviel mir bekannt ist, blieb er bislang unauffindbar. Oder stimmt die Version, die damals bei uns in Linz umging, daß er von jüdisch-amerikanischen CIC-Offizieren erschlagen worden sei?

Sassen-Interviews

Erläuterung

Sassen und Fritsch planten, sich eingehend mit den historischen Büchern und den Diskussionen der Zeit zu beschäftigen. Sie wollten Eichmann systematisch über seine Vergangenheit befragen und ihn einem regelrechten Verhör unterziehen, da sie keineswegs die offizielle Geschichtsschreibung akzeptieren wollten. Es sollte sich nicht um Stammtischgespräche handeln, da die Treffen die Grundlage für ein revisionistisches Buchprojekt bilden sollten, mit dem man entweder das offizielle Geschichtsbild widerlegen oder zumindest relativieren wollte. In Weg-Artikeln wurde der Holocaust in den wesentlichen Punkten bestritten. Ebenfalls entwickelte Sassen auch eine „Canaris-Theorie“, nach der eine unterwanderte Gestapo und eine Polizeiverschwörung verantwortlich sei.

Eichmann begann spätestens Ende 1956 mit dem Entwurf eines Buches, das er selber gern unter dem Titel „Die anderen sprachen, jetzt will ich sprechen!“ im Dürer-Verlag veröffentlichen wollte. Außerdem verfaßte er einen „Offenen Brief an den Herrn Bundeskanzler“ (von Obersturmbannführer a. D. Adolf Eichmann), der den Bundestagswahlkampf 1957 aufwirbeln sollte. Es fanden daher wahrscheinlich auch schon Vorgespräche statt. Sassen, Fritsch und Eichmann gaben später unabhängig voneinander an, daß sie zu diesem Zeitpunkt einen Vertrag miteinander geschlossen hatten, wonach alle Erlöse aus den gemeinsamen Arbeiten gleichmäßig zwischen ihnen aufgeteilt werden sollten.

Erst im Frühjahr 1957 entschied man sich, die Gespräche über die NS-Judenpolitik aufzuzeichnen. Diese Methode hatte sich schon bei anderen Buch-Projekten des Dürer-Verlages bewährt. So hatte z. B. Hans-Ulrich Rudel schon 1953 seine Erinnerungen für das Buch „Zwischen Deutschland und Argentinien“ auf Band gesprochen, damit Dieter Vollmer sie anschließend in druckreifes Deutsch übertragen konnte. Pedro Pobierzym, ein ehemaliger polnischer Soldat der Wehrmacht, der mit Dieter Menge in Geschäftsbeziehungen stand, erinnerte sich, daß Sassen extra eines der neuen Tonbandgeräte bei ihm kaufte, die er zuvor aus den USA nach Argentinien geschmuggelt hatte.

Man traf sich ab April 1957 regelmäßig samstags und sonntags im Haus der Familie Sassen, um miteinander die „Endlösung“ zu besprechen. Es ist möglich, daß ähnliche Gespräche auch bei anderen Gastgebern stattfanden, da auch von Gesprächsrunden bei Dieter Menge oder im Verlagshaus Dürer berichtet wurde. Die erhaltenen Tonbänder schließen jedoch eindeutig auf Sassens Haus, da man Sassens Töchter, Sassens Frau oder Geräusche von immer gleichen Türen und Fenstern hört.

Saskia Sassen, die Tochter von Willem Sassen und damals um die zehn Jahre alt, erzählte später, daß sie beobachtete, wie Männer Löcher in die Decke vom Wohnzimmer bohrten und Mikrophone versteckten. Es sei eine spürbare Anspannung und nervöse Geschäftigkeit im Haus gewesen, erinnerte sie sich 2005. Als Eichmann dann kam, sei die ganze Zeit ein fremder Mann über den beiden auf dem Dachboden gewesen, um mitzuhören. Bis heute ist unklar, wer der fremde Mann war, von dem Eichmann möglicherweise nichts wissen sollte. Offenbar war es aber auch eine einmalige Abhöraktion. Saskia Sassen vermutete, daß es eventuell mit der Bekanntschaft ihres Vaters mit dem Journalisten Phil Payne von Time/Life zusammenhing. Auch ist denkbar, daß Sassen die Abhörvorrichtung mit Eichmann testete, weil man vorbereitet sein wollte, falls jemand mit einer offenen Aufzeichnung nicht einverstanden war, da Sassen später etliche Gäste einlud, die nicht zum engeren Dürer-Kreis gehörten.

Die Tonbänder wurden relativ kurzfristig von unterschiedlichen Helfern abgetippt und danach wieder bespielt. Dabei griff Sassen wahrscheinlich auf die Sekretärinnen des Dürer-Verlages zurück. Einen großen Teil soll aber ein Sassen-Kamerad mit NS-Erfahrung transkribiert haben, der auch eigene witziggemeinte Stellungnahmen in die Abschriften notierte. Neue Tonbänder waren zu dieser Zeit teuer und schwer zu beschaffen. Die Abschriften haben allerdings den Nachteil, daß auf Sprecherkennungen wie Namen oder Kürzel verzichtet wurde, wodurch die Dialogstruktur aufgehoben wurde. Ebenfalls sind Zitate aus Büchern, die oft besprochen wurden, nicht gekennzeichnet. Die Abschriften sind eine teilweise gekürzte Transkription der Bänder. Trotzdem sind einige originale Tonbänder erhalten geblieben. Die Aufnahmereihenfolge entspricht fast durchgängig der Nummerierung der Bänder. Nur an einem Wochenende (Band 58–61) scheint Sassen aus Versehen zu dem falschen Stapel Bänder gegriffen zu haben, so daß sich folgende tatsächliche Reihenfolge rekonstruieren läßt: 1 bis 54 Mitte, 58 bis 61, 54 Mitte bis 57 und dann direkt anschließend 62–69 und 72–73.

Alkohol soll bei den Gesprächen keine entscheidende Rolle gespielt haben, anders als es Eichmann später in Israel behauptete, als er probierte, die Gespräche als „Wirtshausgespräche“ abzutun. Man trank zwar durchaus Alkohol, aber im Rahmen des üblichen Konsums von alkoholischen Getränken in jeder Tischgesellschaft der 50er Jahre.

Die offiziellen Tonbandaufnahmen begannen ab frühestens April 1957 und dauerten bis mindestens Mitte Oktober 1957. Das läßt sich rekonstruieren, da es Bezüge zu tagespolitischen Themen gibt, wie z. B. die Verhaftung von Eichmanns Mitarbeiter Hermann Krumey in Deutschland (Krumey wird am 1. April 1957 verhaftet; Bänder 8–9). Ausdrücklich besprochen wird ein Zeitungsartikel mit dem Titel „Die Schwärmer von Zion“ aus dem Argentinischen Tageblatt vom 15. April 1957, der radikale Gruppen in Israel in der Reaktion auf die Diskussionen nach dem Attentat auf Rudolf Kasztner behandelt. Den Artikel hat Eichmann so genau gelesen, daß er wörtlich aus ihm zitieren kann. Auf Band 37 übersetzt Sassen dann einen englischen Artikel aus einer aktuellen Ausgabe von Time mit der Überschrift „Religion: Two Kinds of Jews“ (erschienen am 20. August 1957). Der Artikel bezieht sich auf eine Rede von Ben Gurion Anfang August zum Zionismus. Auf Band 39 erwähnt Eichmann selber die Feier zum 100. Geburtstag von Ballin, von der er kurz zuvor im Argentinischen Tageblatt gelesen hatte („Albert Ballins Lebenswerk“, 15. August 1957). Das datiert die Tonbandaufnahmen 37–39 auf das Wochenende 24./25. August 1957. Band 72 schließlich enthält einen direkten Bezug auf die Verurteilung von General Ferdinand Schörner in München (15. Oktober 1957).

Teilnehmer

Die Sassen-Runde bestand nicht immer aus derselben Besetzung. Neben Sassen, Eichmann und Fritsch gab es auch weitere Teilnehmer. Die Tonbänder geben Hinweise auf etliche weitere Zuhörer, die unterschiedliche Nebengeräusche produzierten. Zeitzeugen erwähnten später ebenfalls, daß die Gespräche mit Eichmann kein Geheimnis gewesen seien. Auch Frauen waren teilweise unter den Teilnehmern. Fritsch soll nicht immer anwesend gewesen sein. Eichmann behauptete später in Israel, daß Fritsch nur an den ersten Sitzungen teilgenommen habe, obwohl er noch auf Band 47 zu hören ist. Ferner war Dieter Menge, ein ehemaliger Pilot der Luftwaffe, Teilnehmer.

Dr. Langer

Ein fast immer anwesender, aber bisher nicht identifizierter Teilnehmer, wurde von allen Beteiligten Dr. Langer genannt. Er hielt u. a. einen langen Vortrag über die Persönlichkeit von Wilhelm Höttl, den er wohl dienstlich aus Wien sehr gut kannte. Außerdem hatte Dr. Langer ein paar Diskussionen bzw. Auseinandersetzungen mit Eichmann. Eichmann bemerkte oft, daß Langer beim Sicherheitsdienst (SD) in Wien war und keinen Militärdienst geleistet hatte. In einer erregten Diskussion stellte Eichmann die Frage, warum er sich in Angelegenheiten einmische, von denen er offensichtlich keine Ahnung habe („Sie lächerlicher Pimpel! Haben Sie an der Front gekämpft?“). Dr. Langer stellte Eichmann kritische juristische Fragen. Selber glaubte er an eine jüdische Weltverschwörung.

Als Eichmann von seiner Zeit nach dem Anschluß Österreichs erzählte, bemerkte Dr. Langer:

Ich arbeitete um diese Zeit in einem anderen SD-Abschnitt in Österreich und wir hatten im Rahmen dieses Gesetzes die Aufgabe Beamte zu beurteilen, d. h. also auf die Feststellung ob Jude oder nicht.

Außerdem konnte er persönliche Eindrücke von prominenten Nationalsozialisten geben wie Hans Rauter oder Arthur Seyß-Inquart. Einmal berichtete er:

Ich hatte auf meiner Dienststelle einen Ustf. [Untersturmführer], der kam dann darauf, daß er viertel Jude sei, er wollte sich umbringen, ich habe ihn davon abgehalten, er kam dann zur Luftwaffe, er hat sich dort fantastisch geschlagen […] und wie man mir erzählt, hat er in der neuen nationalen Bewegung in Österreich jetzt nach dem Kriege wieder in Österreich eine große Rolle gespielt.

Bei dem Langer-Referat sprach er dann etwa 20 Minuten über Wilhelm Höttl, den „Kronzeugen“ in Nürnberg für die Angabe, daß Eichmann bei Kriegsende die Zahl von 6 Millionen genannt habe. Langer hatte eine schriftliche Vorlage und sprach auch über das Höttl-Buch „Die geheime Front – Organisation, Personen und Aktionen des deutschen Geheimdienstes“ (1950). Langer berichtete von einem schlechten Ruf Höttls und über seine intrigante Art. Dr. Langer hatte selber offenbar Zugang zum Konzentrationslager Mauthausen. Es seien „im Rahmen eines häufigen Aufenthalts dort mir gerade die holländischen Juden vorgeführt worden“. Er kannte laut seiner Aussage den Kommandanten Franz Ziereis und erzählte „ein persönliches Erlebnis, wo mir der KZ-Kommandant erklärt hat, diese Gruppe von Juden, die wurden dieser Arbeit zugeteilt, die praktisch eine Arbeit ist, die einer nur wenige Tage leisten kann.“

Sassen wollte offenbar mithilfe von Dr. Langer die Aussagen von Eichmann beurteilen. Während einer hochkonzentrierten Diskussion zwischen Eichmann und Langer hört man auf dem Tonband plötzlich Sassen zu Langer leise flüstern „Bohren Sie weiter!“.

Ludolf-Hermann von Alvensleben

Mit Ludolf-Hermann von Alvensleben war Sassen befreundet und sie sprachen zeitweise auch ohne die Anwesenheit von Eichmann im Rahmen des Projektes auf Tonband miteinander. Es waren aber auch andere Teilnehmer anwesend. Gemeinsam las man ebenfalls aus Wilhelm Höttls Buch „Die geheime Front“. Für die Unterhaltung hatte Sassen das Kapitel über Reinhard Heydrich ausgewählt. Ludolf-Hermann von Alvensleben verehrte im Gespräch Heinrich Himmler. Als Sassen später die Transkripte für den Verkauf heraussuchte, nahm er fast das gesamte Transkript des Tonbandes vor dem erhaltenen Alvensleben-Interview heraus. Daher ist es wahrscheinlich, daß nur der zweite Teil zugänglich ist, den Sassen vergaß herauszunehmen. Sassen hatte offenbar Ludolf-Hermann von Alvensleben und Dr. Langer Diskretion zugesichert und hielt sich auch daran, da er auch nach dem Tod von Alvensleben das Interview nie verkaufte.

Hans Werner Woltersdorf

Auf der elften IHR-Konferenz im Oktober 1992 berichtete David Irving über die „Eichmann Papers“.[4] Dabei erwähnte er, daß Hans Werner Woltersdorf als Augenzeuge „bei vielen dieser Aufnahmen mit Eichmann anwesend war“. Am 14. Januar 1992 schrieb Woltersdorf einen sehr langen Brief über die Sassen-Interviews an Irving.

Bücher

Das gemeinsame Lesen und Beurteilen von Holocaust-Literatur spielte in der Sassen-Runde eine entscheidende Rolle. Man verfügte im Jahr 1957 in Buenos Aires nahezu jedes deutschsprachige Buch zu diesem Themenkomplex. Für die Diskussionen wurden auch Abschriften aus den Büchern angefertigt und verteilt, die mit nach Hause genommen werden konnten. Die Literatur wurde oftmals als „gegnerische Propaganda“, „gegnerische Literatur“, „gegnerische Presse“ oder „gegnerische Beweisführung“ bezeichnet. Die Autoren seien „vom Feind“ oder „von der gegnerischen Seite“.

Eichmann zitierte direkt am Anfang aus dem Protokoll der Nürnberger Prozesse. Fast dreißig Tonbänder lang beschäftigt man sich mit dem Buch „Die Geschichte von Joel Brand“ (1956) von Alexander Weißberg-Cybulski. Eine besondere Rolle nahm das Buch „Die Endlösung“ (1956) von Gerald Reitlinger ein. Es folgten lange Gespräche über den Dokumentenband „Das Dritte Reich und die Juden“ (1955) von Léon Poliakov und Joseph Wulf. Ab Band 39 diskutierte man außerdem die nationalsozialistische Gesetzgebung mithilfe des Buches „Das Ausnahmerecht für Juden in Deutschland 1933–1945“ (1954) von Bruno Blau. Ebenfalls wurde das Buch „Die geheime Front“ von Walter Hagen (= Wilhelm Höttl) behandelt, da Eichmann und Langer den Autor persönlich kannten und aufgrund Höttls Affidavit in Nürnberg. Eichmann erwähnte ferner das Buch „Der SS-Staat“ von Eugen Kogon und „Das Urteil von Nürnberg“ (mit einem Vorwort von Robert Kempner). Bettina Stangneth schreibt:

„Wahrscheinlich hat niemand Ende der fünfziger Jahre so gründlich und in so wohlinformierter Runde Literatur zur ‚Endlösung‘ studiert, wie es die Männer in Buenos Aires taten [...].“

Nachspiel

Als „Sassen-Interviews“ werden die entstandenen handschriftlichen Notizen, Kommentare und die Abschriften von über 72 Tonbändern auf rund eintausend Seiten bezeichnet. Als Eichmann in Israel inhaftiert war, entfernte Sassen Interviews mit anderen Teilnehmern sowie den Inhalt der Tonbänder 6 bis 10, in denen allzu deutliche Israel-Kritik stand und ließ das Transkript mit einem Vortrag Eichmanns auf Band 67 enden, der sich wie ein Schlußwort las. Dies wurde Zeitschriften und Geheimdiensten angeboten. Sassen verkaufte es an die Zeitschriften Time-Life und Stern, die bald darauf Artikel veröffentlichten. 1979 übergab Sassen die erhaltenen Unterlagen, Tonbänder und Abschriften an Eichmanns Witwe Vera.

Die Edition der Sassen-Interviews, die Rudolf Aschenauer 1980 ohne Nennung von Sassen im Vorwort unter dem Titel „Ich, Adolf Eichmann – Ein historischer Zeugenbericht“ im Druffel-Verlag herausgab, ist als Quelle problematisch, da die Dialogstruktur aufgelöst wurde und somit die unterschiedlichen Äußerungen der Teilnehmer – Sassen-Diktate, Langer-Vortrag, Alvensleben-Antworten etc. – als Äußerungen Eichmanns abgedruckt wurden.

Bettina Stangneth schreibt über Willem Sassen:

„Auch Willem Sassen sprach nach dem Eichmann-Prozess und seinem Reinfall mit Life immer wieder von Plänen, doch noch über Eichmann zu schreiben. Sogar als er sich 1979 entschloss, der Familie Eichmann seine Unterlagen und auch die Tonbänder zu übergeben, wollte er das Recht behalten, sich in einem eigenen Versuch auf die Argentinien-Papiere zu beziehen. Einzelheiten über die Sassen-Runde enthüllte er nie und behielt auch nach dem Tod der meisten Beteiligten, wie Ludolf von Alvensleben, sein Wissen für sich. Nur die Begegnung mit Eichmann ließ ihn nicht los. In seinem letzten Interview, das einen gebrochenen und alkoholkranken Mann zeigt, der kaum noch einen verständlichen Satz sprechen kann, kreisen seine Gedanken immer noch um das Eichmann-Buch. Schreiben jedoch konnte er es nie. So erging es ihm am Ende offenbar genau wie der Romanfigur, die er selber zur Zeit seiner ersten intensiven Auseinandersetzung mit Eichmann in ‚Die Jünger und die Dirnen‘ geschaffen hatte: [...]“

In diesem 1994 bei „Edicion plus“ (Telefe Buenos Aires) gesendeten spanischen Interview sagte Sassen widersprüchlich:

Gaskammern als solche, wie beschrieben, gab es nicht. Was es gegeben hat ... Gaskammern haben natürlich existiert, sie haben existiert ...“[5]

Es ist denkbar, daß Sassen hier den Unterschied zwischen Menschentötungsgaskammern und Entwesungskammern meinte.

Kritik

Die Publizistin Gaby Weber, die auch bezüglich der Eichmann-Entführung Ungereimtheiten an der offiziellen Mossad-Version aufzeigte, kritisiert, daß die im Bundesarchiv in Koblenz vorliegende 800-Seiten-Kopie der Sassen-Interviews „ungeordnet, mit Tipp-Ex bearbeitet und lückenhaft“ ist. Ursprünglich sollen die Dokumente aus 3.000 Seiten bestanden haben, die Sassen auf eine „kommerzielle Version“ von knapp 800 Blatt gekürzt haben soll. Der BND will die 3.000 Blatt nicht besitzen und selbst bei den 800 Blatt fehlen einige Seiten und vieles ist „kaum zu entziffern“, so Weber. Außerdem kritisiert sie, daß die Kopie, bevor sie dort landete, durch etliche Hände ging, u. a. durch die israelische Staatsanwaltschaft und die US-Dienste. – „Die CIA hält ihre Sassen-Papiere weiterhin geheim, teilte sie mir auf meinen Antrag mit.“[6]

David Irving schreibt in einem Artikel 1998:

„Oftmals“, so zitiert Hans Werner Woltersdorf die Aussagen der beiden Töchter Schneider, „berief sich Eichmann auf Mitteilungen aus der Nachkriegspresse, deren Aussagen (über millionenfache Vergasungen) er nicht im geringsten bezweifelte, sie als historische Tatsachen akzeptierte und oftmals seine Erinnerungen nachträglich im Hinblick auf diese neuen Erkenntnisse korrigierte.“

Verfilmung

Guido Knopp verwendete 1998 als erster Ausschnitte der erhaltenen Tonbandaufnahmen für seinen Film „Hitlers Helfer II: Adolf Eichmann – Der Vernichter“.

In dem Dokudrama „Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod“ (2010) wurde die Sassen-Runde teilweise verfilmt. Gaby Weber veröffentlichte 2015 auf YouTube eine Dokumentation, in der sie das ARD-Dokudrama hinsichtlich der in dem Film vertretenen offiziellen Mossad-Version der Eichmann-Entführung kritisierte.

Zitate

  • „Also während Sassen glaube ich eher ein Holocaustleugner ist und das gerne alles beiseite schieben möchte, möchte Eichmann in diesem Interview doch beweisen, was eigentlich seine tatsächliche historische Rolle war. Da gibt es dann so eine Sequenz, wo sie darüber streiten, in welchem Land eigentlich heute noch Juden leben und wie viele. Und dann sagt der Sassen: ‚Ja, sind doch alle noch da. Sehen Sie doch. Sind doch alle noch da.‘ Während der Eichmann eben sehr enttäuscht darüber ist. Also der eine versucht es zu leugnen und der andere meint, er hätte nicht genug vernichtet.“ – Irmtrud Wojak[7]
  • „In Deutschland und Israel war 1956 das Buch Alex Weissbergs über Joel Brand erschienen. Darin beschreibt der Leiter des jüdischen Widerstandes in Ungarn Eichmanns führende Rolle bei den Transporten von 434000 Juden nach Auschwitz und sein Angebot, für 10000 LKW eine Million Juden zu verschonen. Eichmann sei, so Brand, ein eiskalter Antisemit gewesen, ein gnadenloser Erfüller der Endlösung, bei der sechs Millionen Juden ermordet worden seien. Eichmann fühlte sich von Brand zu Unrecht beschuldigt und wollte sich verteidigen. Er habe gar nichts gegen Juden, sprach er Sassen ins Mikrofon, sondern habe nur seine Pflicht getan, und die Zahl der sechs Millionen sei ‚Quatsch‘, maßlos übertrieben.“ – Gaby Weber, in: „Eichmann wurde noch gebraucht – Der Massenmörder und der Kalte Krieg“, Berlin 2012

Verweise

Transkripte

Tonbandausschnitte und Videos

Literatur

Literatur

  • Bettina Stangneth: Eichmann vor Jerusalem – Das unbehelligte Leben eines Massenmörders, Arche-Verlag, Zürich–Hamburg 2011 Vorsicht! Enthält politisch korrekte Verengungen und Versimpelungen im Sinne der Umerziehung!

Fußnoten

  1. BILD liefert letzten Beweis – BND kannte Versteck von Nazi-Monster Eichmann, Bild, 7. Januar 2011
  2. Die Möglichkeit einer Lüge – Der Umgang mit der Leugnung des Massenmords an den Juden in der Nachkriegszeit, Masterarbeit an der Universität Heidelberg von Moritz Hoffmann, 2013, S. 45–50
  3. Udo Walendy druckte den Artikel 1990 leicht gekürzt unter dem Titel „Der Dr. Pinter-Bericht“ nach und stellte dort den Bezug zu Stephen F. Pinter her. Vgl. Historische Tatsachen, 1990, Nr. 43, S. 20–23
  4. The Suppressed Eichmann and Goebbels Papers – Presented at the Eleventh IHR Conference, October 1992, Journal of Historical Review, Vol. 13, No. 2, March/April 1993
  5. DiFilm - Los nazis en la Argentina - Edicion Plus 1994 V-01627, YouTube, ArchivoDiChiara Canal 2, Minute 7:10
  6. Das braune Exil in Argentinien, amerika21.de, 27. Mai 2012
  7. Eichmanns Ende – Liebe, Verrat, Tod, YouTube, Dokudrama, BRD, 2010