Tlotzek, Günther

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Günther Tlotzek, hier noch mit den Schulterklappen als Fahnenjunker, wurde an der Kriegsfront viermal verwundet, wobei Granatsplitter in der linken Hüfte nie entfernt wurden.

„In den letzten Kriegsmonaten verlief die deutsche Front teilweise chaotisch. Oftmals war unsere Einheit von den Russen eingekesselt, wir mußten uns dann aus dem Kessel befreien um wieder zu unserer Truppe zu gelangen. Wieder einmal wurden wir eingekesselt. Nach starkem Beschuß suchte ich mit meiner Einheit Schutz in einer Kiesgrube. Russische Panzer kamen bis an die Kante der Kiesgrube gefahren und eröffneten das Feuer auf uns. Wir waren nicht in der Lage, uns zu wehren. Mit den uns zur Verfügung stehenden Waffen kamen wir nicht gegen die Panzer an. Eine Panzergranate schlug direkt neben mir ein. Durch den Explosionsdruck flog ich einige Meter durch die Luft, teilweise war meine Kleidung und auch mein Sturmgepäck zerfetzt. An meinem linken Oberschenkel spürte ich einen starken Schmerz, Granatsplitter hatten mich dort getroffen. Ich gab den Befehl, die Kiesgrube zu verlassen. Wir zogen uns auf der den Panzern gegenüber liegende Seite aus der Kiesgrube zurück. Wir kamen an einen kleinen Fluß, liefen daran entlang, in der Hoffnung, wieder auf deutsche Einheiten zu stoßen. Mein Oberschenkel schmerzte mehr und mehr, ich wurde langsamer, lahmer und mußte alle meine Kraft zusammen nehmen, um mich weiter zu schleppen. Wir gelangten mühselig an ein russisches Dorf, wo sich eine versprengte deutsche Einheit befand. Dort befanden sich auch Ärzte, die mich und meine verwundeten Kameraden behandelten und verbanden. Ein Hauptmann der Einheit besaß ein Motorrad mit Beiwagen. Er wollte damit nachts ausbrechen, um bei deutschen Einheiten über die Lage zu berichten. Er wollte dabei noch einen Verwundeten im Beiwagen mitnehmen und zum Verbandsplatz bringen, ich wollte mit ihm fahren. Als es dunkel wurde, wollte ich in den Beiwagen steigen, konnte aber nicht gehen. Mein Bein war wie abgestorben. Der Hauptmann wollte mich so nicht mitnehmen. Dennoch konnte ich ihn überreden, und man trug mich in den Beiwagen. Wir fuhren eine Straße lang immer geradeaus, an den überraschten Russen vorbei und gelangten auf die deutsche Frontseite. Auf dem Truppenverbandsplatz wurde ich operiert, es konnten nicht alle Splitter entfernt werden, da man nicht weitere Sehnen und Muskeln verletzten wollte. Dann wurde ich mit dem Sanka nach dem Ostseehafen Tallinn gebracht, kam mit einem Schiff nach Deutschland und wurde nach Prag in ein Lazarett weitergeleitet. Ich war froh, aus dem Kurlandkessel entkommen zu sein, so kurz vor Ende des Krieges. Die Freude war verfrüht, es kam noch Schlimmes auf mich zu.“

Günther Tlotzek (Lebensrune.png 9. Februar 1923 in Sokolken, Ostpreußen) war ein deutscher Offizier der Wehrmacht, zuletzt Oberleutnant des Heeres im Zweiten Weltkrieg sowie u. a. Heimatvertriebener, Sammler, Privatmuseumbetreiber, aktiver Zeitzeuge (seit 2004) und Buchautor in der Nachkriegszeit.

Werdegang

Hans und Gertrud Tlotzek
Von links: Heinz, Hans und Günther Tlotzek
Tlotzek in der Nachkriegszeit; sein beruflicher Werdegang: Industriemeister, Obermeister, Betriebsleiter, Verkaufsleiter und schließlich Geschäftsleiter.
Günther Tlotzek als Sammler von Schaukelpferden
Aussagen als Zeitzeuge im 21. Jahrhundert
Tlotzek, hier mit 96 Jahren, schrieb seine Erinnerungen 2016 auf, die allerdings zuerst nur für die Familie gedacht waren …
… 2019 erschien sein autobiographisches Buch in deutscher, 2020 in englischer Sprache.
Günther Tlotzek genießt die Natur auf seinem Elektromobil
Günther Tlotzek feiert im Februar 2020 seinen 97. Geburtstag

Günther Tlotzek wurde 1923 im ostpreußischen Sokolken (Kreis Lyck) geboren. Er wuchs gemeinsam mit zwei Brüdern Heinz und Hans sowie seiner Halbschwester Waltraud „Mausi“ (1935–1990) bei seiner Mutter Gertrud, geborene Nossenheim auf. Sein im Zolldienst tätiger Vater Hans war bereits 1928 mit 35 Jahren an Diabetes gestorben. Seine Mutter hatte einen Mann kennengelernt, von dem sie Schwanger wurde, der sie aber nur heiraten wollte, wenn sie die drei Jungen ins Waisenhaus gab. Da hat sie ihm den „Laufpass“ gegeben. Günther lebte mit seiner Familie viele Jahre in Rastenburg, wo er ab 1933 dem Jungvolk und dann der Hitlerjugend angehörte.

Kriegsdient und Ostfront

Nach dem Abitur zu Ostern 1942 bekam er am 15. April 1942 seinen Gestellungsbefehl zur Wehrmacht, zum 23. Infanterie-Regiment in Rastenburg, I. Batallion, 4. Kompanie, 2. Zug. Dort absolvierte ich er seine dreimonatige Rekrutenausbildung und durfte als Offiziersanwärter auf der Achselplatte stolz zwei silberne Querbalken tragen. Danach wurde er noch für kurze Zeit als Hilfsausbilder eingesetzt, bis er auf die Fahnenjunkerschule kam. Hier wurde an sämtlichen Waffen ausgebildet, bis hin zum Infanteriegeschütz, wurde aber gleich nach der Ausbildung an die Ostfront kommandiert. Tlotzek schreibt über diese Zeit:

„Was für ein unglaublich harter Drill! […] Aber trotz der Härte der Ausbildung hat es mir gefallen – ich wollte einfach immer gefordert werden und war immer selber sehr erpicht darauf, meine persönlichen Grenzen kennen zu lernen. Bei einer Angriffsübung mußten wir einen tiefen und recht breiten Wassergraben überwinden. Die meisten Kameraden liefen nach links oder nach rechts, um das Hindernis bestmöglich zu überqueren; ich sprang einfach schnurstracks in den Graben und erreichte dadurch als erster das avisierte Angriffsziel. Und das beeindruckte meine Vorgesetzten natürlich sehr. Unser Leiter der Fahnenjunkerschule, Major Siegmund, stammte ebenfalls aus meiner Heimatstadt, was mir desöfteren einen ‚Sonderurlaub‘ bescherte, denn ich mußte seiner Frau immer Pakete überbringen. Ich nehme an, darin befanden sich Lebensmittel, die er irgendwo aufgetrieben hatte. Eines Tages bekam ich mal wieder Sonderurlaub und wechselte zunächst meine Uniform. Da es regnete, fand eine Ausbildung am kleinen Granatwerfer im Zimmer statt. Es wurde also mit Granatenattrappen geübt. Allerdings lagen die scharfen Granaten unmittelbar daneben. Ein Schütze ergriff eine der scharfen Granaten und schob sie in das Rohr. Man muß wissen, daß die Granate erst gezündet wird, wenn sie unten im Rohr aufschlägt. Die Granate schlug also auf, zündete und schlug in die Zimmerdecke! Der Ausbilder rief: Alle raus! Und alle rannten, so schnell sie konnten, aus dem Zimmer. Ich war erst halb in der Hose und warf mich spontan unter das Bett, um dort die Explosion abzuwarten. Aber nichts geschah! Was für ein Glück: Lediglich der Umstand, daß eine derartige Granate erst nach einer gewissen Flugweite explodierte, hat uns vor großem Schaden bewahrt. Die Ausbildung in der Fahnenjunkerschule dauerte drei Monate. Mit dem Abschluß war ich offiziell Fahnenjunker, im Offiziersrang, ohne Portepee. Zunächst bekam ich ein paar Tage Urlaub, danach ging ich zur so genannten Frontbewährung, speziell für Offiziersanwärter, an die Front in Rußland. Die Frontbewährung bedingte Einsätze in den Risiko reichsten Gebieten überhaupt. So war es auch verständlich, daß bei Himmelfahrtskommandos keine Soldaten, die Familie hatten, eingesetzt wurden. Schon nach einigen Tagen erfuhr ich, daß von den zehn zu dieser Division abkommandierten Fahnenjunkern, außer mir, nur noch einer im Einsatz war. Alle anderen waren bereits tot oder verwundet. Gleich am nächsten Tag, nachdem ich mich bei der Kompanie gemeldet hatte, fuhr ich nachts mit einem Verpflegungswagen direkt zur Front. Dort empfing mich mein Kompanieführer mit den Worten: ‚Sie kommen gerade recht, Oberfeldwebel Wallner ist heute verwundet worden. Seinen Zug können sie gleich übernehmen!‘ Ich übernahm also das Kommando, wobei mir allerdings schon ein wenig mulmig zu Mute war. Ich war doch erst 20 Jahre alt und mußte einen Zug anführen, dessen Front erfahrene Soldaten zum Teil schon die 50 überschritten hatten. Ich war zwar theoretisch in allen Bereichen bestens geschult, aber mir fehlte eben noch Erfahrung. Gleich am nächsten Morgen startete mein erster Einsatz. Die Russen hatten eine deutsche Stellung eingenommen. Wir sollten angreifen und uns die Stellung zurück erobern. Zunächst mußte sie jedoch abgeriegelt werden. So gingen wir Reihe für Reihe, in einem ausreichenden Abstand zu den Russen, in die Angriffsstellung. Entsprechend dem zuvor besprochenen Zeitplan erfolgte dann der Angriff. Zeit, um Angst zu haben, hatte ich nicht.“

Er erlebte Kameradschaft, Zusammenhalt und Heldenmut, aber auch Schreckliches im Kampf gegen die Rote Armee, insbesondere als der junge Fähnrich Tlotzek bei einem Stoßtruppunternehmen von 80 Mann als einziger die Greueltaten der Bolschewisten überlebte:

„Die Russen hatten also eine deutsche Stellung eingenommen. Wir sollten angreifen und die Stellung zurück erobern. Das hieß: Abriegeln, Angriffsstellung, Angriff. Zeit, um Angst zu haben, blieb mir nicht. Überraschend für die Russen brachen wir „mit Pauken und Trompeten“ in deren Stellung ein. Es entwickelten sich Grabenkämpfe, Mann gegen Mann. Fast den ganzen Tag über versuchten die Russen, ihre Stellung wieder zurück zu erobern und hatten dabei viele Verluste zu ertragen. Wir jedoch kamen noch sehr glimpflich davon, was mir selbst sehr dabei half, selbstsicherer zu werden. Schnell hatte ich mich an die Situation an der Front gewöhnt. Wenn ich den Abschuß einer feindlichen Granate hörte, erkannte ich schon am Geräusch, wo sie niedergehen wird. Das galt auch für alle anderen, außer der Stalinorgel, die, nicht wie die anderen Kanonen, einen Bogen zwischen Abschuß und Ziel machte, sondern empor schoß und exakt senkrecht das Ziel traf. Wenn man die Stalinorgel, den deutschen Nebelwerfern entsprechend, hörte, mußte man sofort in Deckung gehen. Denn man konnte nie wissen, wo die Granaten einschlugen. Einmal, als ich nachts mit einem Oberfeldwebel zum Kompaniegefechtsstand ging, befanden wir uns mitten im Matsch. Es hatte stark geregnet. Wir hörten einen Granatenabschuß, ich hatte schon wahrgenommen, daß das Geschoß in der Ferne einschlagen wird und schaute mich verwundert um. Wo war mein Oberfeldwebel? Rasch erhob er sich aus dem Matsch. Obgleich er schon viele Jahre an der Front gewesen war und viele Auszeichnungen besaß, verfügte er leider nicht über das entsprechende Hörvermögen, die Einschlagsorte voraus zu bestimmen. Vieles ist Glück, aber vieles auch eine Sache der persönlichen Einstellung, sich gezielt auf eine Situation einzulassen, denke ich. Dieses Wissen zog sich, auch später, immer wieder wie ein roter Faden durch mein Leben. Fortan wurde unser Regiment als Eliteeinheit ausgerüstet und eingesetzt. Dafür wurden wir mit modernsten Waffen ausgerüstet. Die verwundeten und gefallenen Soldaten wurden durch gut ausgebildete neue ersetzt, was uns zu einer schlagkräftigen Truppe vereinte. Überall dort, wo die Russen die deutsche Front durchbrachen, war unser Einsatz gefragt.“
„Ich erinnere mich, daß ein Stoßtrupp von 80 Mann einen Ort, kurz hinter dem russischen Frontverlauf, erstürmen sollte. Wir wunderten uns, daß wir zunächst mühelos durch die russischen Linien kamen – es fiel kaum ein Schuß. Die Russen jedoch kesselten uns ein, und beschossen uns von allen Seiten, so daß wir kaum Deckungsmöglichkeiten hatten – sie konnten uns buchstäblich wie die Hasen abschießen. Schließlich waren alle meine Maschinenschützen verwundet oder tot. Ich warf mich hinter das Maschinengewehr und feuerte weiter, bis die Munition aufgebraucht war. Auf einmal bemerkte ich, daß ich der Letzte war, der noch geschossen hatte und nahm wahr, wie die Kugeln eines schweren russischen Maschinengewehrs auf mich zu zischten. Ich drückte mein Maschinengewehr nieder und senkte den Kopf in eine kleine Mulde, die sich direkt vor meinen Augen befand. Das war mein Glück, denn statt meinen Kopf zu treffen, drang die Kugel vorne, in meine Schulter, ein. Als von unserer Seite kein Schuß mehr fiel, stürmten die Russen uns nieder. Ich hob noch meine Pistole und schoß mein Magazin, bis auf eine Patrone, leer. Zuvor hatten wir bereits Leuchtkugeln abgesetzt, um unseren Notstand mitzuteilen. Entlastung war bereits unterwegs, aber auch den Russen war dies nicht entgangen. Sie beeilten sich, um sich schnellstens wieder vom Kampfplatz zurück zu ziehen. Zuvor inszenierten sie aber noch ein Massaker: Sie zerschlugen all meinen verwundeten oder bereits toten Kameraden mit ihrem Gewehrkolben die Köpfe, zogen ihnen Stiefel und Bekleidung aus und stachen allen immer wieder mit dem Bajonett in den Leib. Das hinterließ ein Bild in meinen Kopf, begleitet von intensiven Emotionen, das ich nie wieder vergessen werden. Ich lag mit Kopf und Schulter hinter einem kleinen Busch. In der rechten Hand hielt ich die entsicherte Pistole vor meinem Bauch, um mich wenn ich die sich anbahnende Gefahr spürte, selbst erschießen zu können. Ein Russe trat auf meine nach außen gestreckte Hand, und ich dachte, nun ist es so weit. Zum Glück nahm er mich jedoch nicht weiter wahr. Unsere Ersatztruppe traf ein und die Russen zogen sich zurück. Ich entdeckte die ersten deutschen Soldaten, verhielt mich aber zunächst vollkommen reglos, denn oft trugen auch die Russen deutsche Uniformen. Erst als ich einen meiner Kameraden erkannte, erhob ich mich langsam. Alle starrten mich an, weil sie nicht glauben konnten, daß es dort noch einen Überlebenden gab. Meine Wunden wurden behandelt, und ich wurde ins Lazarett gebracht. Was damals von meinen Erlebnissen zunächst blieb, war ein schweres Trauma.“
„Meine Wunden wurden behandelt und ich wurde ins Lazarett gebracht. Sechs Wochen lang konnte ich zwar alles verstehen, auch nicken und den Kopf schütteln, aufgrund eines schweren Traumas jedoch nicht sprechen. Täglich kam ein Psychiater zu mir, um meinen Schock zu behandeln. Schließlich war meine Schulterwunde verheilt, ich hatte das Trauma überwunden und meine Sprache wieder gefunden. Ich kam zurück zu meiner Einheit, wurde belobigt und bekam das ‚Eiserne Kreuz‘ (EK 2) verliehen. Freuen konnte ich mich jedoch nicht, da ich einfach nur das Glück hatte, als Einziger zu überleben. Denn der Angriffsauftrag war ja nicht erfüllt worden. Ich denke, diejenigen, die diese Aktion geplant hatten, hatten diese zuvor nicht richtig eingeschätzt und aufgrund ihres Scheiterns ein schlechtes Gewissen bekommen. Mehrfach bekam ich nun den Befehl, die Truppenbewegungen hinter der russischen Front zu erkunden. Ich robbte durch die russischen Stellungen, mitunter auch durch ein Minenfeld, suchte ein geeignetes Versteck und beobachtete manchmal bis zu drei Tage lang die russischen Bewegungen. Diese Erkenntnisse konnten sehr wichtig sein: Wenn direkt hinter der Front Truppen zusammen gezogen wurden, war ein Angriff der Russen zu erwarten. Einmal sollte eine russische Stellung auf einer Anhöhe erobert werden. Wir Infanteristen bekamen Panzerunterstützung und griffen an. Die russische Stellung besaß ebenfalls schwere Geschütze, auch Panzerabwehrkanonen. Während unseres Angriffs wurden viele Panzer zerstört, die noch unversehrten zogen sich zurück und ließen uns Infanteristen alleine. Wir mußten ohne Deckung über freies Feld laufen und kamen bis zum Anfang der Anhöhe. Wir hätten diese nie einnehmen können – viele Kameraden waren bereits tot oder verwundet –, und ob vor oder zurück, die Verbliebenen hätten niemals unversehrt zurück laufen können. Ich stolperte und fiel in einen Wassergraben, den ich zuvor nicht bemerkt hatte. Der Winter hatte gerade begonnen und das Wasser war von einer dünnen Eisschicht überzogen. Auch einige meiner Kameraden schafften es noch dorthin. Etwa vier Stunden lang mußten wir, bis zum Hals unter Wasser, im Graben ausharren. Erst als es dunkel war, konnten wir uns wieder zurück ziehen. Eine schwere Grippe habe ich beim Troß in einem Bett unseres Fouriers auskuriert, und zwar mit sehr viel Schnaps. Später erfuhr ich, daß unser Angriff ein Scheinangriff war. Die Russen sollten abgelenkt werden. Zugleich erfolgte an einem anderen Frontabschnitt der wahre Angriff. Solche Scheinangriffe gab es öfter. Es wurden Menschenleben geopfert, um an anderer Stelle ‚erfolgreich‘ zu sein. Als nächstes wurde ich zur ‚Kriegsschule‘ geschickt, um weiter ausgebildet zu werden, wurde dann zum Leutnant befördert und erneut an die Front geschickt. Im Jahr 1945 war der Rückzug in vollem Gange, unsere Einheiten zogen sich bis zum lettländischen Kurland zurück. Dort wurden sie von den Russen eingekesselt und blieben dort bis Kriegsende, ohne kapituliert zu haben. Die Verbindung nach Deutschland erfolgte nur über Schiffe, die die Ostsee befuhren. Wir erlebten einen scheinbar ewigen Kreislauf: Wir fanden uns inmitten von Rückzugskämpfen, meistens nachts, dann mußten wir uns wieder in Stellung begeben, um die Russen zu stoppen. Wir fanden kaum Zeit zum Ausruhen, so daß wir teilweise bereits im Gehen einschliefen. Wir gingen in Zweierreihen; die Ersten hielten sich an dem Fuhrwagen fest, die Übrigen griffen in das Sturmgepäck ihres Vordermannes.“

Endkampf um Deutschland

„Wir schliefen in der Tat quasi im Gehen ein, da es nur sehr kurze Zeiten für eine Rast gab. Dann wickelten wir uns, auch bei Frost und Schnee, auf der Erde in Zeltplanen ein. Wenn es im Laufe der Nacht zu kalt wurde, standen wir auf und trampelten uns warm. Zwei weitere Male wurde ich in Kämpfen verwundet – einmal am Oberarm, woraufhin ich ins Lazarett nach Heilsberg gebracht wurde. Das andere Mal verletzte mich ein vom Granateneinschlag aufgewirbelter Stein am linken Knie, so daß ich mich im Feldlazarett auskurieren mußte. Danach fuhr ich mit dem Schiff über die Ostsee zu einem Kompanieführerlehrgang und wurde dort zum Oberleutnant befördert. Daraufhin ging es weiter nach Kurland, an die Front. In Kurland folgte buchstäblich Schlag auf Schlag ein Rückzugskampf nach dem anderen. Unser Trupp war eingekesselt und der Nachschub an Lebensmitteln konnte nur mit dem Schiff erfolgen. Es erreichten jedoch nicht alle Schiffe ihr Ziel, so daß wir oft tagelang ohne Verpflegung waren. Deshalb wurden alle verfügbaren Pferde geschlachtet, und jeder von uns bekam ein großes Stück gekochtes Fleisch. Das war manchmal so zäh, daß man sich daran die Zähne ausbeißen konnte. Aber nur so konnten wir überleben. Auf dem Rückzug hatten wir kurz eine feste Stellung bezogen. Die uns umgebende Ruhe war trügerisch, denn wir durften nicht den Kopf aus dem Graben strecken – ein russischer Scharfschütze beobachtete uns und schoß sofort. So wurden zwei meiner Kameraden spontan durch Kopfschüsse hingerichtet. Ich wurde unendlich wütend und schoß mit Leuchtmunition auf den Heuhaufen, in dem sich der Schütze versteckt hatte. Das Heu fing Feuer, brannte sofort lichterloh und explodierte förmlich. Wahrscheinlich war dort auch Munition gelagert. Immer wieder versuchten wir, den russischen Vormarsch zu stoppen, was uns leider nur etappenweise gelang.
Die Deutsche Armee war durch – ausgelaugt, fix und fertig. Die gefallenen Soldaten wurden durch Marine- und Luftwaffensoldaten, die aus der Verwaltung kamen, ersetzt. Uns fehlten gut ausgebildete Infanteristen mit hinreichender Erfahrung. Währenddessen ging unsere Munition allmählich aus, es war auch an dieser Stelle schwer Nachschub per Schiff zu bekommen, und über Land waren wir komplett abgeschnitten. Die russischen Soldaten waren uns gegenüber im Vorteil: Sie wurden von den Amerikanern über Murmansk versorgt. Einer der härtesten Kämpfe war der um Estlands zweit größte Stadt Dorpat. Zuerst gelang es uns, fast die ganze Stadt, durch viele Straßenkämpfe, einzunehmen. Die Russen jedoch schlugen Punkt um zurück: Plötzlich bemerkten wir links und rechts russische Soldaten, die unsere Linien durchbrochen hatten. Der zuvor angeordnete Rückzugsbefehl für die deutschen Truppen hatte unsere Kompanie nicht mehr erreicht. Wahrscheinlich war der Melder abgeschossen worden. Wir traten etappenweise den Rückzug an, von Haus zu Haus, Straße um Straße und kämpften uns so zu den Linien zurück. Plötzlich hörte ich eine Granate heulen, die direkt in unserer Mitte einschlug. Ich wurde meterweit durch die Luft geschleudert. Meine Kleidung war zerfetzt, das Koppel durchschnitten und meine Munitionstasche steckte voller Splitter. Ich hatte großes Glück: Bis auf ein paar Prellungen kam ich heil davon. Mitten durch die Stadt fließt einer größten Flüsse Estlands, der Embach, dessen Brücke wir nun erreichten. Erst befeuerten uns die eigenen Kameraden, denn sie nahmen an, daß sie bereits die Russen auf den Fersen haben. Schließlich erkannten sie uns aber und winkten uns schnell herüber. Ich war gerade am Ende der Brücke angelangt, da erhielt ich einen Stoß in den Rücken und flog die Böschung hinunter. Noch beim Fallen nahm ich wahr, wie die Brücke von deutschen Pionieren in die Luft gesprengt wurde.“

Kriegsgefangenschaft

Oberleutnant Günther Tlotzek geriet 1945 in sowjet-bolschewistische Kriegsgefangenschaft, zugleich fing das Morden durch die Tschechen an, die Russen waren ebenfalls nicht zimperlich, wer nicht weiter konnte, wurde erschossen oder totgeschlagen, aber auch der Überlebenskampf in Sibirien (im Lager 102) war nicht weniger dramatisch. Erst nach über fünf Jahren sollte er seine Heimat wiedersehen:

„Wie schon gesagt, war es bekannt, daß viele deutsche Offiziere von den wachhabenden tschechischen Soldaten erschossen wurden. Deshalb habe ich meine Offiziersuniform unkenntlich gemacht und mich als einfacher Landser ausgegeben. Als wir später in einem speziellen Gefangenenlager registriert wurden, sollte dies jedoch noch unangenehme Folgen für mich haben. Noch viele Wochen lang wurden wir durch die Tschechoslowakei gehetzt, haben die Nächte teilweise im Freien verbracht und manchmal wochenlang in leerstehenden Fabrikgebäuden auf den Weitermarsch gewartet. In festen Quartieren bekamen wir meistens etwas zu essen, während der folgenden Märsche litten wir jedoch oft tagelang unter Hunger. In den Ortschaften, die wir durchzogen, fanden wir im Müll unter anderem Kartoffelschalen, die wir gierig verschlangen und mit denen wir uns außerdem die Taschen füllten. Auch Gras und Pflanzen verschlungen wir, um überhaupt etwas im Magen zu haben, während wir in Richtung rumänischer Grenze marschierten. Einen Kameraden, der kurz hintereinander immer wieder epileptische Anfälle hatte, trugen wir, bis man uns mit Gewehrkolben traktierte. Wir waren immer weiter zurückgefallen und so zwang man uns, den Kameraden liegen zu lassen - sonst wären wir ebenfalls erschossen worden. Wir wurden mit Eisenbahnwagons bis an die rumänisch-ukrainische Grenze in ein Gefangenenlager nach Marmaroschsiget gebracht. Während wir dort einige Wochen verbrachten, war ich sehr geschwächt und zog mir eine Stirnhöhlenvereiterung zu. Ich kam in ein Krankenhaus, das derart überbelegt war, daß sich je zwei Mann ein Bett teilen mußten – einer lag am Kopfende einer am Fußende. Ich hatte Glück, die Sekretion in meiner Nase mußte nicht durchstoßen werden, sondern die Schwellung mitsamt Vereiterung verschwand von selbst. Am 1. November 1945 wurden wir zum Bahnhof geführt, wo wir uns mit ungefähr 80 Mann in einen Viehwagon zwängen mußten. Dort befand sich in einer Ecke am Boden ein etwa 15 Zentimeter großes Loch, das für die Notdurft aller diente. Wohin wir fuhren, wußten wir nicht. Wir hofften aber, daß es nach Deutschland ging. Immerhin war der Krieg seit sechs Monaten vorüber. Was nun folgte, war jedoch eine vierwöchige Fahrt durch die Hölle, immer kreuz und quer, mal nach Norden, mal nach Osten oder Westen. Anhand der Sonne konnten wir nachvollziehen, daß es hauptsächlich in Richtung Norden ging. Manchmal standen wir zwischendurch auf irgendwelchen Abstellgleisen. Zu essen gab es tagelang nichts – wir wurden nur mit Wasser versorgt. Dann gab es kübelweise Suppe mit den Abfällen von Salzheringen, die einen höllischen Durst provozierte. Der Zug unterbrach nur selten seine Fahrt, erst am dritten Tag bekamen wir wieder Wasser. Viele Kameraden waren so schwach, daß sie starben und beim nächsten Halt aus dem Wagon geladen wurden. Am 28. November 1945, wir waren seit fast einem Monat unterwegs, mußte ich spontan an meine Mutter denken, was mir die Tränen in die Augen trieb. Ein Kamerad fragte mich, warum ich so traurig sei. Ich habe das Gefühl, meiner Mutter geht es nicht gut, antwortete ich. Er wunderte sich, daß ich mir so sicher war. Später am Nachmittag meinte ich: Meine Mutter ist tot.“
„Es war der 28. November 1945. Ich erinnere mich noch genau. Bereits einen Monat waren wir beinahe unterwegs, da kamen mir plötzlich Gedanken über meine Mutter in den Sinn, und mir schossen die Tränen in die Augen. Ein Kamerad bemerkte dies und er fragte, warum ich so traurig sei. Ich hatte spontan eine Art Ahnung, mehr eine nicht zu erklärende gefühlte Gewißheit, daß es meiner Mutter ganz und gar nicht gut ging. Er wunderte sich und antwortete, das könne ich doch nicht wissen. Noch am gleichen Nachmittag sagte ich irgendwann: Jetzt ist sie tot. Ich kann es fühlen. Später erfuhr ich durch eine Suchmeldung, die ich an das Deutsche Rote Kreuz in Berlin schickte, daß sie tatsächlich an eben jenem Tag verstorben war. Am 1. Dezember erreichten wir unser Ziel: Die Großstadt Tscheljabinsk in Sibirien, mit rund 1 Million Einwohnern. Von unseren ursprünglich 80 Kameraden waren 20, aufgrund der Anstrengungen, verstorben. Die russische Metropole liegt an der Grenze zwischen Mittlerem und Südlichem Ural. Damals befand sie sich in einem Verbannungsgebiet, in dem rund 15.000 russische Strafgefangene in so genannten ‚Besserungslagern‘ untergebracht waren. Auch Zivilisten und Offiziere waren darunter, sie durften sich jedoch in dem Gebiet frei bewegen. Eine der größten Industrieanlagen waren die Traktoren und Panzerwerke – ‚Traktorni Sawodi‘. Dort wurden die russischen Nebelscheinwerfer gebaut, von uns Deutschen auch Stalinorgel genannt, weil die Anordnung der Raketen an eine Orgel erinnerte und beim Start ein pfeifendes Geräusch erzeugt wurde. Das Gefangenenlager bestand aus Holzbaracken, die nur bedingt überirdisch waren. Zum Teil ragten nur die Dächer heraus, an deren Giebelseiten sich je ein Fenster befand. Außerhalb gab es tiefe Gruben, die in einem Abstand von je circa 20 Zentimetern mit dicken Bohlen ausgelegt waren und als Toilette dienten. Ein Verwaltungsgebäude, Lazarett, Küche, Kultursaal, NKWD-Büros der Polizei sowie die Unterkunft deutscher Offiziere waren in überirdischen Baracken untergebracht. Wir selbst wurden in Brigaden eingeteilt und kamen in die unterirdischen Erdbaracken. Wir wurden nochmals registriert, und ich gab mich weiterhin als einfacher Soldat aus. In unserem Lager befanden sich 1.200 Gefangene, davon waren rund 800 männlich, der Rest weiblich. Männer und Frauen waren durch Zäune getrennt, und Kontakt untereinander war streng verboten. Als Schlafstatt dienten uns zweistöckige Holzpritschen, der eigene Rucksack als Kopfkissen und mit meinem Mantel habe ich mich zugedeckt. Die Kleidung trug man auch während der Nacht. Ich habe noch genau vor Augen, wie zwischen den Holzlatten Wanzen hin und her liefen, die sich sofort auf die Schlafenden stürzten. Zur Entlausung war uns der Kopf kahl geschoren und die Kleidung in einen Ofen gesteckt worden, damit die Läuse abstarben. Dieses Prozedere wurde regelmäßig wiederholt, da die Nissen, also die Eier, sonst überlebten. Nach ein paar Tagen wurden wir zur Arbeit eingeteilt. Wir mußten dazu auf der Lagerstraße antreten, es war saukalt, um die -40 Grad und der eisige Wind pfiff uns nur so um die Ohren.“
„Einmal passierte es, daß beim Umrühren der Suppe eine dicke gekochte Ratte mit hochkam. Die Ratte wurde heraus genommen, die Rationen weiter ausgeteilt und alle haben ihre Ration trotzdem gegessen. Ratten gab es in der Küche jede Menge. Von dem Duft der kochenden Suppe angelockt kletterten sie an dem Kessel hoch, und wenn der Deckel nicht auf dem Topf war, plumpsten sie einfach hinein, was sehr oft vorkam. Schließlich veränderte sich unsere Situation: Wir bekamen feste Arbeitsplätze in einer Traktorenfabrik, die Traktorni Sawod, hieß, in der über 100.000 Menschen beschäftigt waren. Dazu kamen noch 15.000 russische Kriegsgefangene und wir deutschen Kriegsgefangenen. Ich wurde in einen großen Maschinenraum geführt, in dem viele unbenutzte Maschinen standen, die von den Amerikanern über den Eismeerhafen Murmansk an die Russen geliefert wurden. Es handelte sich zum Teil um modernste Technik, so genannte nummerisch gesteuerte Maschinen, die von den Amerikanern über den Eismeerhafen Murmansk an die Russen geliefert wurden. Die russischen Arbeiter kamen mit der Technik nicht zurecht und der Meister brachte mich zu einer riesigen Fräsmaschine. Er sagte zu mir: Wenn du diese Maschine in Gang bringst und einen russischen Facharbeiter daran anlernst, bekommst du Brotmarken und kannst dir das Brot aus der Kantine holen. Dazu muß man wissen, daß ich von dieser Art Technik bis dahin nicht den blassesten Schimmer hatte. Die Russen hingegen glaubten, die Deutschen seien Alleskönner. […] Ich sollte also die Maschine in Gang bringen und gab mir alle Mühe dabei drückte hier Knöpfe, zog dort Hebel, tagelang, bis sich mir endlich die komplette Bedienung erschloß. Dabei fiel mir zum ersten Mal auf, daß ich ein ausgeprägtes technisches Verständnis besaß. Als nächstes lerne ich einen Russen an, bekam meine versprochenen Brotmarken und machte mich hungrig zur Kantine auf, um das zusätzlich verdiente Brot zu holen. Doch das bekam ich nicht ohne Geld. Dem Meister warf ich vor: Du hast mich belogen! Ohne Geld bekomme ich kein Brot. Das hatte der Meister wohl schlicht vergessen. Jedenfalls holte er ein paar weitere Brotmarken mit Stempel auf der Rückseite aus dem Verwaltungsbüro, und endlich bekam ich das ersehnte Brot, um meinen hungrigen Magen zu füllen. So hatte ich mich quasi als anerkannter Techniker qualifiziert und wurde an weiteren Span abhebenden Maschinen eingesetzt, immer dort, wo ein russischer Bediener ausfiel. Ich staunte, wie leicht mir das von der Hand ging und gewann immer mehr Selbstvertrauen. Als ich ohne Schutzbrille an einer Drehbank arbeitete, an der ich Kugelgelenke drehte, sprang mir ein glühender Span in das linke Auge. Das Auge entzündete sich, eiterte, und so war ich nicht mehr in der Lage, meiner Arbeit nachzugehen. Zu dieser Zeit wurden Arbeitsunfähige aus der Gefangenschaft entlassen – ich ebenfalls, jedoch freute ich mich leider zu früh. Denn in russischen Dokumenten spielte der Name des Vaters eine wichtige Rolle, und als am Bahnhof meine Personalien überprüft wurden, mußte ich noch Angaben ergänzen, unter anderem den Vornamen meines Vaters. Der stimmte aber nicht mit dem in der Liste eingetragenen Namen überein. Mein Vater hieß Hans, aufgeschrieben wurde Gans, da es im russischen Alphabet kein H gibt. In der vorliegenden Liste war jedoch der Name Walter eingetragen – ich habe keine Ahnung, wie das zu Stande kam. Auf jeden Fall mußte ich enttäuscht zurück treten, und der Zug fuhr ohne mich ab. Zum Glück war mein Auge nach wenigen Wochen verheilt, und ich war wieder arbeitsfähig. Deshalb wurde ich wieder im Traktorenwerk eingesetzt. Ich kam aber in eine andere Zeche, eine eigenständige Abteilung, in der allerlei Zubehörteile unterschiedlicher Art gefertigt wurden. Das war enorm zeitaufwendig und brachte mich auf eine Idee, wie man stattdessen Stückzahlen in Kleinserien und somit zügiger fertig stellen konnte. Ich begeisterte den Meister von meiner Idee, dieser beschrieb dem zuständigen russischen Ingenieur die geplante Verfahrensänderung, welcher dem Werkzeugmachermeister die Anweisung gab, die von mir benötigten Utensilien anzufertigen. Dieser Werkzeugmachermeister war ein waschechter Kommunist und als Deutschenhasser bekannt.“
„[…] Neben unserer Arbeit im Traktorenwerk, die mit Hin- und Rückmarsch etwa zwölf Stunden dauerte, mußten wir aber noch viele andere Arbeiten verrichten. Theoretisch sollten wir einen Sonntag im Monat frei haben. Das war jedoch selten der Fall – im Winter wurde Schnee geräumt; im Sommer, vor allem während der Ernte, wurden wir sonntags auf eine Kolchose gebracht, um zu helfen. Wir bekamen Forken und Spaten und haben damit sehr mühselig die Kartoffeln ausgegraben. […] Zum Jahreswechsel 1946/1947 bekamen wir feste Winterkleidung: einen Mantel aus Schafspelz, eine gesteppte Wattejacke und Filzstiefel. Socken, die wir anfänglich trugen, waren längst durch Fußlappen ersetzt worden. Diese mußten geschickt um die Füße gewickelt werden, damit sie sich nicht einschnürten und den Blutfluß behinderten. So war die Kälte besser zu ertragen. Und wir waren, was die Kleidung anbelangt, tatsächlich besser ausgerüstet als die meisten russischen Zivilisten. Die hatten oft noch nicht mal einen Mantel an, aber eine Mütze auf dem Kopf. Wer im Winter ohne Kopfbedeckung auf die Straße ging, wurde dafür hart bestraft, was ich mir bis heute nicht erklären kann. Am Ende des Jahres 1947 brachen in unserem Lager Epidemien aus - die Ruhr und die Cholera, zwei Darmerkrankungen. Zwei Drittel der Lagerinsassen erkrankten. Da das kleine Lazarett die vielen Betroffenen nicht aufnehmen konnte, mußten sie in ihren Baracken bleiben und wurden dort von Gesunden betreut. Die Arbeit im Werk wurde eingestellt. Die meisten Kranken starben – sie waren einfach zu erschöpft und ausgelaugt, um der Krankheit etwas entgegen setzen zu können. Die Toten wurden in eine Zeltplane gewickelt und nachts beerdigt. […] Am Kopfende meiner Pritsche war die Barackenwand. Ich schnitt vorsichtig ein Stück Brett aus der Wand und erreichte so die dahinter liegende Erde. Ich hob eine kleine Grube für den Kocher aus. Mit dem Brett konnte ich die Grube wieder schließen, so daß der Kocher unbemerkt blieb. Auch der Stromanschluß war so installiert, daß man ihn nicht sehen konnte. Diese Arbeiten dauerten mehrere Wochen lang, haben sich aber über die restliche Zeit der Gefangenschaft hin bewährt. Der Leiter unserer Wachposten war ein Unteroffizier, der zuvor in Ostdeutschland stationiert gewesen war. Er konnte etwas Deutsch sprechen und hatte aus Deutschland einen Schäferhund mitgebracht, der sein ständiger Begleiter war. Der Hund lief im Werk immer frei herum, und wenn der Unteroffizier laut pfiff, parierte der Hund, indem er sofort angelaufen kam. Einer unserer Kameraden, der von Beruf Metzger war, machte den Vorschlag, den Hund einzufangen, zu schlachten und ihn zu braten, weil wir alle so fürchterlich unter Hunger litten. Gesagt, getan. Nicht in allen Abteilungen gab es Nachtschichten. Der Metzger ist mit einem seiner Kameraden der Frühschicht noch einmal mit der Kolonne der Nachtschicht ins Werk marschiert. Sie hatten dort die ganze Schicht über genügend Zeit, ihren Plan auszuführen. Gebraten wurde in einer Abteilung mit Öfen zum Härten von Stahl, in der nachts nicht gearbeitet wurde. Weitere Einzelheiten möchte ich aus Gründen der Pietät nicht schildern. Nur soviel: Auch ich bekam einen Anteil vom Fleisch ab, und es hat uns allen geschmeckt. Hunger kennt eben keine Grenzen. Als wir uns wieder auf dem Heimweg befanden, suchte der Unteroffizier bereits nach seinem Hund. Er rief ihn immer und immer wieder, aber der Hund kam natürlich nicht. Anstelle eines Hundeknurrens hörte man nur das Knurren unserer übervollen Mägen.“

Entlassung

„Von russischer Seite wurden bereits Vorkehrungen getroffen, um uns aus der Haft zu entlassen: Wir erhielten anständige Kleidung und reichhaltigeres Essen. So sollten wohl nach außen hin die Spuren, die die Gefangenschaft bei uns hinterlassen hatten, vertuscht werden. Am 21. Dezember 1949 wurde ich dann schließlich aus dem Lager entlassen. […] Auf dem Bahnhof warteten diesmal keine Viehwagons auf uns, sondern ein Personenzug beförderte uns in Richtung Heimat. Die Entfernung zu Deutschland betrug etwa 4.000 Kilometer, die wir in rund fünf Tagen zurücklegten. Währenddessen bekamen wir Verpflegung. An Frankfurt an der Oder, in der Deutschen Demokratischen Republik, stiegen wir für eine Übernachtung aus. Am folgenden Tag wurden wir mit dem Zug über die Grenze nach Westdeutschland gebracht, zum Durchgangslager Friedland an der Leine. Zuerst wurden wir registriert, dann folgte eine gründliche Untersuchung durch Ärzte. Was meinen Gesundheitszustand betraf, prognostizierte mein Doktor: Sie müssen damit rechnen, daß sie, gegenüber ihren Altersgenossen, die das, was sie durchmachen mußten, nicht erlebt haben, mindestens zehn Jahre an Lebenserwartung weniger haben werden. Ich nahm es gelassen hin. Wenn man noch jung ist, erscheint das Leben unendlich. […] Einige Tage darauf bekamen wir sogenanntes ‚Zehrgeld‘ und Fahrkarten für die Heimfahrt. Ich jedoch wußte gar nicht, wo ich nun hin sollte. Meine Heimat war Ostpreußen. […] Ich hatte bereits in der Gefangenschaft eine Suchmeldung an die Zentrale nach Berlin geschickt und erfuhr, daß meine Halbschwester nach dem Tod unserer Mutter, mit unserer Oma weiter geflüchtet und in einem kleinen Dorf als Pflegekind beim Schmied untergekommen war. Ich wollte zu ihr, aber nicht in dieses kleine Dorf. Also habe ich mir eine Fahrkarte zur der am nächsten liegenden Stadt in Schleswig-Holstein, der Stadt Preetz bei Kiel, ausstellen lassen. […] Ein Kreisarzt untersuchte mich und schrieb mich arbeitsunfähig. Mir wurde eine kleine Rente von 25 Prozent zugesprochen, obendrein bekam ich eine kleine Entschädigung von ein paar Mark, die aber wegfielen, als die Rente auf 30 Prozent rauf gesetzt wurde. Ich bekam Krankengeld von 14,95 Mark pro Woche und mußte davon die Miete, Waschmittel, Lebensmittel und alles, was man so braucht, bezahlen – das Geld war schnell weg. Von der Kleiderkammer des Kreises Plön sollte ich zivile Kleidung bekommen. Da diese zur Zeit nicht vorhanden war, weil viele Gefangene auf einmal entlassen wurden, mußte ich noch zwei Monate lang mit der Bekleidung leben, die ich bereits in der Gefangenschaft getragen hatte.“

Nachkriegszeit

Endlich konnte Tlotzek seine Schwester wieder in die Arme schließen, seine Mutter (auf der Flucht aus Ostpreußen mit nur 45 verstorben, vermutlich durch Fremdeinwirkung). Sein ältester Bruder Heinz war im Krieg in Wien auf einem Flugplatz stationiert und hatte noch im Krieg eine Wienerin geheiratet. Er ist dann mit 58 Jahren gestorben. Sein zweitältester Bruder Hans war bei der Flak in Hamburg stationiert, hatte auch schon während des Krieges eine Hamburgerin geheiratet. Er ist mit 90 Jahren gestorben.

Günther arbeitete unermüdlich daran, sich eine stabile berufliche Existenz aufzubauen, erst im Rahmen der Notstandsarbeit beim Tiefbau, dann als Gehilfe eines Vermessungsingenieurs. Zum Studium fühlte er sich zu alt, auch fehlte das Geld dafür. Für eine Weile arbeitete er als Versicherungsvertreter und leitete in Neumünster eine Zweigstelle.

„Ich mußte täglich von Preetz aus mit der Bahn fahren, zweimaliges Umsteigen inklusive. Das nahm viel Zeit in Anspruch und kostete sehr viel Geld. Manchmal fuhr ich die weite Strecke sogar mit dem Fahrrad, oft habe ich aber auch im Büro übernachtet. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich diese Tätigkeit an den Nagel hing. Tja. Was nun? Ich mußte Geld verdienen. Wie es der Zufall so will, bekam ich einen Brief von der jungen Frau, die ich in der russischen Gefangenschaft, während ihrer schweren Erkrankung, mitversorgt hatte. Sie selbst wohnte in Breyell, im damaligen Kreis Kempen, und hatte meinen Aufenthaltsort recherchiert. In Briefen schilderte ich ihr meine Lage. Mitte Dezember des Jahres 1951 bekam ich von ihr zur Antwort, daß sie in einer Fabrik arbeitete, in der händeringend Fachkräfte gesucht wurden. Sie hatte bereits mit ihrem Chef gesprochen und ihm erzählt, daß ich in der Gefangenschaft erfolgreich Tätigkeiten ausgeführt hatte, die auch in der Breyeller Firma gefragt waren. Ich wurde punktum eingeladen, sofort eine Stelle aufzunehmen, wollte aber erst Anfang Januar übersiedeln. Man bat mich via Telegramm, doch schon früher meinen Dienst anzutreten. Als ich dann mitteilte, daß ich keine Fahrtkarte und nur wenig Geld besaß, schickte mir das Unternehmen ein Ticket und etwas Geld. Ich nahm am 22. Dezember 1951 meinen Dienst bei meinem neuen Arbeitgeber auf, den ich bis zur Rente fortsetzen würde, was ich natürlich damals noch nicht wissen konnte. Für eine Weile wohnte ich bei den Eltern meiner Bekannte, das war aber natürlich nicht von langer Dauer. […] Der Eigentümer war ein Schweizer, führte in Böhmen bereits einen eben solchen Betrieb, in der 1.200 Leute beschäftigt waren und arbeitete nun daran, dieses weitere Werk in Deutschland aufzubauen. In Zürich, in der Schweiz, besaß er außerdem eine Firma, die elektronische Teile herstellte. Ich landete in einer Abteilung, in der die Fertigung nicht richtig lief. Dort wurde viel Schrott produziert, folglich gab es laufend Reklamationen. Nachdem ich mir einen ersten Überblick verschafft hatte, begann ich die Fertigungsmethoden für die einzelnen Produkte zu variieren und zu spezialisieren. Dank neuer Werkzeuge konnten wir die Produkte präzise fertigen, und so gab es keine Reklamationen mehr.
Ich wurde für meinen besonderen Einsatz belohnt und wurde Werkmeister der Abteilung. Da aber auch in den übrigen Abteilungen die Produktion ein wenig mau lief, wurde ich dort ebenfalls tätig und bekam schließlich den Titel des Obermeisters. Nach einiger Zeit lief die gesamte Fertigung einwandfrei. Ich übernahm vom zweiten Geschäftsführer das Amt des Betriebsleiters und sorgte dafür, daß die Produkte laufend den aktuellen Erfordernissen angepaßt wurden. Zu meinen Aufgaben gehörte, daß ich regelmäßig unsere Kunden besuchte, um mit ihnen ihre technischen Erfordernisse zu besprechen und zu helfen. So befanden wir uns immer auf dem neuesten Stand der Entwicklung – Vorschläge der Kunden nahmen wir zum Anlaß, verbesserte Produkte zu kreieren. Eines der Produkte, das wir haben patentieren lassen, war ein Stabbreithalter für Webautomaten. Diesen übernahmen auch die Japaner und belieferten damit den asiatischen Raum. Dafür bekamen wir stattliche Lizenzgebühren. Zwischenzeitlich besuchte ich außerdem verschiedene Fortbildungskurse der IHK. Auch die Preiskalkulation für die Produkte lag nun in meiner Hand. Da das Unternehmen einen großen betrieblichen Erfolg erwirtschaftet hatte, ließ der Geschäftsführer des Unternehmens in Breyell ein neues Fabrikgebäude errichten. Wir bekamen einen neuen Verkaufsleiter; dies war der Sohn des ausgeschiedenen Geschäftsführers, der auch beim Schweizer Inhaber gut angesehen war. Der Schweizer Chef, der mich sehr schätzte, wies mir eine Sonderaufgabe zu: Ich war nur ihm direkt unterstellt, und ich sollte versuchen, auch außerhalb der Textilbranche Kunden zu gewinnen. Ich machte mich schlau und besuchte laufend Messen, um zu sehen, wie wir selbst unser Repertoire erweitern konnten. Ich führte entsprechende Gespräche im Außendienst, und wir konnten aus vielen weiteren Branchen neue Kunden dazu gewinnen. Später gab es, aus unterschiedlichen Gründen, auch schon mal wirtschaftliche Engpässe, mit viel Arbeit und etwas Glück jedoch überstanden wir die ein oder andere Krise. Mit 65 Jahren ging ich in Rente, blieb aber noch selbständiger Berater für die Firma. Als ich viel später, im Jahr 2004 für meinen ehrenamtlichen sozialen Einsatz das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam, erwähnte der zuständige Landrat in seiner Laudatio, daß ich neben meinem großen freiwilligen Engagement in der Vergangenheit auch viele Arbeitsplätze gerettet hatte. Zunächst aber befinden wir uns noch im Jahr 1952, in dem ich meine Verlobte, mit der ich bereits seit meiner Zeit in Preetz verbunden war, heiratete.“
„Im August 1952 heiratete ich in der Holsteinischen Schweiz, in Preetz, wo ich meine Frau, auch kennen gelernt hatte. Als Heimatvertriebener hatte ich eine Sozialwohnung in Kaldenkirchen zugewiesen bekommen, in einem Neubau, dessen Fertigstellung sich um einige Monate verzögerte. Deshalb mußten wir zunächst in meiner bisherigen Breyeller Wohnung leben. Nach unserem Umzug stand mir für Mobiliar kein Geld zur Verfügung, denn ich bezog immer noch ein recht geringes Gehalt, habe nichts sparen können und brauchte das Geld für die Dinge des alltäglichen Lebens.“

Gesundheit

  • 1973 am 50. Geburtstag erste Anzeichen für einen Herzinfarkt; 30 % Herzvergrößerung wegen jahrelangem Bluthochdruck.
    • Lebensweise total umgestellt, Rauchen eingestellt, kein Alkohol. Viel Sport, Schwimmen und Langlauf (Marathon)
    • Nach drei Jahren Bemühungen hatte das Herz wieder normale Größe.
  • 2011 Schlaganfall. Gleichgewichtsstörung. Hörverlust. Reha.
  • 2015 Langzeitwunde am linke Fuß. Amputation drohte. Reha.
  • 2015 (Oktober) Darmkrebsoperation, keine Metastasien. Geheilt.
  • 2018 Durch eine Langzeitwunde am linken Oberarm entstand bösartiger Krebs.
    • 1. Operation, danach eine 2. Operation, da beim ersten Eingriff nicht alles entfernt wurde.

Sammelleidenschaft und Freizeitbeschäftigungen

Tlotzek besitzt eine Sammlung Schaukelpferde, die auf über 4.000 Exemplare angewachsen ist (Stand: 2020). Die Stücke von 5 mm bis 1,5 m aus allen Materialien bis Silber und Gold stellen die größte Sammlung der Welt dar. Sie ist als Privatmuseum eingerichtet. Er ist ebenfalls im Weltnetz aktiv, vor allem auf Facebook, wo er täglich mehrere Stunden geduldig Fragen aus aller Herren Länder beantwortet. An allen Neuerungen, vor allem digitaler Technik, ist er sehr interessiert.

Er spielt Schach, Keyboard und Mundharmonika, Fotografieren und Filmen gehören ebenfalls zu seinen Freizeitbeschäftigungen. Die Natur genießt er zuweilen mit seinem Elektromobil (Seniorenfahrzeug).

Familie

Oberleutnant a. D. Günther Tlotzek war seit dem August 1952 verheiratet, seine Gemahlin verstarb 1994. Aus der Ehe sind vier Kinder, drei Jungen und ein Mädchen entsprossen. Mit Stand von 2020 hatte er fünf Enkel und fünf Urenkel.

Auszeichnungen Ehrungen (Auszug)

Schriften (Auswahl)

  • Günther Tlotzek – Erinnerungen an ein bewegtes Leben, 2019
    • auch englischsprachig als MEMORIES of an eventful life, 2020

Literatur

  • Susanne Jansen: Günther Tlotzek – bewegtes Leben, Teil 1: „Kindheit in Ostpreußen“, Nettetal aktuell, 20. April 2016
  • Günther Tlotze – Eine Jugend in Ostpreußen, in: „Im Graf – Das Stadtmagazin für Nettetal“, 31 Teile, 2016 bis 2019