Geschichte Süd-Tirols

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Katharina Lanz bei der Schlacht von Spinges 1797

Die Geschichte Süd-Tirols behandelt die Geschichte der süddeutschen Region Süd-Tirol.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Jahr für Jahr fahren Hunderttausende von Touristen über den Brennerpaß nach Italien, die meisten auf der Autobahn, von der aus man nicht viel sieht von den wunderbaren Bergen und anmutigen Tälern, andere bleiben gleich hinter der Grenze irgendwo zwischen den Flüssen Etsch, Eisack, Rienz, Passer und Talfer hängen und verbringen dort ihren Urlaub.

Aber auch Italiener zieht es im August in Scharen aus dem heißen Rom und den oberitalienischen Städten hinauf in die höhergelegenen Bergregionen der Alpen und Dolomiten zur Sommerfrische. Gemeinsam dürfte allen sein, daß sie wenig davon wissen, was sich in diesem Landstrich alles abgespielt hat und warum dort bis heute Deutsch gesprochen wird.

Die Gegend ist seit vielen tausend Jahren besiedelt, der „Ötzi“ war Tiroler, und weil der Brenner mit 1.375 Metern der niedrigste Nord-Süd-Paß über den Alpenhauptkamm ist, war der Verkehr meist beträchtlich. Die Kimbern fielen von dort in Italien ein, der römische Feldherr Drusus überquerte ihn, die Goten zur Zeit Theoderichs des Großen zogen von Süden heran. Deutsche Könige überquerten den Brenner von Norden und kamen als Kaiser aus Rom zurück. Die Bajuwaren (Bayern) zogen ins Land, und irgendwann entstand im 12. Jahrhundert die Grafschaft Tirol, ausgehend vom Schloß Tirol (siehe Foto) nördlich von Meran.

Schloß Tirol

Alte Sagen berichten aus längst vergangenen Zeiten vom Zwergenkönig Laurin im Rosengarten hoch oberhalb von Bozen und von Dietrich von Bern. Der letzte Minnesänger und Ritter Oswald von Wolkenstein zog im Alter von 10 Jahren aus Süd-Tirol in die Welt hinaus:

Es fuegt sich, do ich was von zehen jaren alt,
ich wolt besehen, wie die welt wär gestalt.
mit ellend, armuet, mangen winkel haiss und kalt
hab ich gepaut pei cristen, kriechen, haiden.
Drei pfenning in dem peutel und ain stücklin prot
das was von haim mein zerung, do ich loff in not…

Und er kam weit bis

Gen Preussen, Littwan, Tartarei, Türkei, uber mer,
gen Frankreich, Lampart, Ispanien, mit zwaien kunges her…

Natürlich war der Brenner immer auch eine wichtige Handelsstraße. Händlerkarawanen zogen auf dem Weg vom Fondaco dei Tedeschi in Venedig ins Augsburg der Fugger durch Tirol. Andere Routen führten bis an die Ostsee. 1363 fiel Tirol von den Baiern schließlich an die Habsburger, wo es mit einigen kürzeren Unterbrechungen bis nach dem Ersten Weltkrieg verblieb. Vom Dreißigjährigen Krieg, der in Deutschland so schwere Verheerungen angerichtet hatte, blieb das Tirol weitgehend verschont.

Andreas Hofer

Andreas Hofer 1809

Am 10. September 1786 fuhr Johann Wolfgang von Goethe per Kutsche auf seiner berühmten italienischen Reise von der Paßhöhe des Brenner hinunter nach Süd-Tirol und hielt kurz vor Bozen folgendes fest:

„Auf dem Lande, nah am Fluß, die Hügel hinauf, ist alles so enge an und in einander gepflanzt, daß man denkt, es müsse eins das andere ersticken: Weingeländer, Mais, Maulbeerbäume, Äpfel, Birnen, Quitten und Nüsse. Über Mauern wirft sich der Attich lebhaft herüber. Efeu wächst in starken Stämmen die Felsen hinauf und verbreitet sich weit über sie; die Eidechse schlüpft durch die Zwischenräume, auch alles, was hin und her wandelt, erinnert einen an die liebsten Kunstbilder. Die aufgebundenen Zöpfe der Frauen, der Männer bloße Brust und leichte Jacken, die trefflichen Ochsen, die sie vom Markt nach Hause treiben, die beladenen Eselchen, alles bildet einen lebendigen, bewegten Heinrich Roos. Und nun, wenn es Abend wird, bei der milden Luft wenige Wolken an den Bergen ruhen, am Himmel mehr stehen als ziehen, und gleich nach Sonnenuntergang das Geschrille der Heuschrecken laut zu werden anfängt, da fühlt man sich doch einmal in der Welt zu Hause und nicht wie geborgt oder im Exil…“

Aber nicht überall im Land herrschte Wohlstand wie in Bozen, und in den Seitentälern der Alpen mußten die Bauern ihr Brot meist beschwerlich erarbeiten, aber sie hingen alle an diesem Flecken Erde, und die Tiroler waren äußerst konservativ und wehrhaft. Das erfuhren die Franzosen, als sie 1796/97 Tirol zunächst erfolglos angriffen.

Nach Napoleons Siegen überall in Europa wurde Tirol aber im Frieden von Preßburg 1805 an die Bayern abgetreten, deren Herrschaft und deren staatliche, kirchliche und militärische Reformen den Tirolern so sehr gegen den Strich gingen, daß es schließlich 1809 zum Volksaufstand, zum Freiheitskampf für Gott, Kaiser und Vaterland kam unter den heute noch bekannten Anführern Hofer, Speckbacher, Mayr und Haspinger. Vor allem daß in Südbayern, wie Tirol nun heißen sollte, von den Besatzern nach Aufhebung des Landlibell Rekruten ausgehoben werden konnten, führte zur Erhebung. „Mander, es isch Zeit“, soll Hofer gesagt haben, und die Schützen folgten.

Insbesondere Andreas Hofer, der Sandwirt aus St. Leonhard im Passeiertal, wurde ein Nationalheld und erregt bis heute die Phantasie. Vier Schlachten wurden am Bergisel (das ist da, wo heute die Olympiaschanze von Innsbruck steht) gegen Bayern und Franzosen geschlagen, drei gewonnen, die letzte verloren. Der Kaiser in Wien, auf den die Tiroler gesetzt hatten, war nie eine Hilfe gewesen. Hofer – durch Verrat gefangen – wurde 1810 zu Mantua in Banden erschossen. Er wurde mit Speckbacher und Haspinger in der Hofkirche zu Innsbruck begraben.

Das Leben ging natürlich auch nach 1810 weiter, Napoleon verschwand von der Weltbühne, Tirol kam wieder an die Habsburger, die den Tirolern und ihrer Freiheitsliebe jedoch durchaus mißtrauten. Die Überführung Hofers nach Innsbruck war eine Nacht- und Nebelaktion der Kaiserjäger, aber gar nicht im Sinne Seiner Majestät des Kaisers selbst, der vor allem Ruhe im Land wollte. Zweimal noch in den nächsten 50 Jahren drohte Tirol Gefahr – diesmal aus dem Süden. Um 1848 drängten Freischärler – Stichwort Giovane Italia – aus der Lombardei heran und wollten die Grenzen verschieben, und 11 Jahre später war es Garibaldi, der im Krieg Österreichs gegen Piemont-Sardinien im Norden aktiv wurde. Beide Male wurde in Tirol der Geist von 1809 wachgerufen, und beide Male die Gefahr abgewendet.

Das tägliche Leben blieb während dieser Zeiten in vielen Teilen Tirols wie überall in den Alpen ein schweres. Armut war weit verbreitet. Nicht jeden ernährte ein Bauernhof oder ein Handwerk. Es gab „ledige Kinder“, Zweit- und Drittgeborene, die als Tagelöhner, Melker, Knechte und Mägde, Wildschützen, Krämer, Vogelhändler, Schmuggler und Hausierer ein Auskommen suchen mußten. Viele zogen ganz weg und wanderten aus bis nach Brasilien und Peru. Bekannt geworden sind auch die sogenannten Schwabenkinder, die aus Armut alljährlich im Frühjahr durch die Alpen zu den Kindermärkten hauptsächlich nach Oberschwaben wanderten, um dort als Arbeitskräfte für eine Saison an Bauern vermittelt zu werden. Erst nach 1920 verschwand das Schwabengehen endlich ganz.

Auch war Tirol nicht überall streng katholisch, wie man vermuten könnte. Im Zillertal etwa hatten sich lange Protestanten gehalten, die man aber vor die Wahl stellte, zu konvertieren oder auszuwandern, was die meisten 1837 taten. Die geistigen und politischen Strömungen des 19. Jahrhundert machten an den Landesgrenzen natürlich keinen Halt, können in diesem kurzen Abriß aber nicht ausgeführt werden.

1914 ernährte die Land- und Forstwirtschaft immer noch über die Hälfte der Tiroler Bevölkerung, daneben gab es Handel, viel Handwerk, etwa die Schnitzer aus dem Grödnertal, aber durchaus auch Fabriken. Dazu kam eine beispiellose Entwicklung der Verkehrswege, speziell der Eisenbahn. Und in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg entwickelte sich bereits ein nennenswerter Tourismus.

Tirol im Ersten Weltkrieg

Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Diese Kriegserklärung führte binnen kurzem zum Ersten Weltkrieg. Auch die wehrfähigen Tiroler mußten als Untertanen des österreichischen Kaisers an die Front, vornehmlich in den Osten nach Serbien und Galizien. So kam es, daß im Land Tirol, als Italien ein knappes Jahr später, am 23. Mai 1915, Österreich den Krieg erklärte und am Isonzo den ersten Angriff startete, zunächst an vielen Orten meist nur ältere Männer und wenig Militär zur Verteidigung bereitstanden.

Italien hatte trotz des Dreibundes diesen Krieg im „sacro egoismo“ mit dem offensichtlich imperialistischen Ziel herbeigeführt, die Situation auszunutzen und die Grenzen nach Norden zumindest bis zum Brenner zu verschieben. Dazu muß man wissen, daß 1914 Süd-Tirol in der Donaumonarchie noch bis nach Ala in den italienischen Sprachraum hineinreichte.

Man sprach von Welschtirol, und die Italiener nannten das Gebiet bereits damals Trentino. Schon im vorigen Jahrhundert hatten aber Politiker wie Giuseppe Mazzini den Alpenhauptkamm als „natürliche“ Grenze Italiens im Sinn. Die Irredentisten wollten alle italienischsprachigen Gebiete „erlösen“.

1914 verlangten die Italiener vom österreichischen Kaiser als Dank für ihre Neutralität das ganze Trentino, und als der sich weigerte, bzw. zu spät nachgab, hatten die Westmächte in Geheimgesprächen in London 1915 Italien bereits das ganze Gebiet bis zum Brenner und mehr vertraglich versprochen für den Fall des Kriegseintritts auf ihrer Seite.

Dieses versprochene Gebiet war aber keineswegs von Italienern besiedelt. Seit ältesten Zeiten hatte die Salurner Klause eine deutliche Grenze zwischen deutscher und italienischer Sprache gebildet. Italien machte sich also bewußt und ungeniert daran, fremdsprachige Gebiete zu erobern. Die Tiroler erfuhren vom Londoner Geheimabkommen erst 1917 durch Lenin.

Gebirgskrieg 1915–1918

Durch die italienische Kriegserklärung am 23. Mai 1915 war auf einen Schlag eine über 1.000 Kilometer lange, neue Front von Triest an der Adria über 300 Kilometer Tiroler Berge hinweg bis zum 3.900 Meter hohen Ortler am Stilfser Joch neben der Schweizer Grenze entstanden. Die Italiener hatten bewußt einen Zeitpunkt gewählt, zu dem die aktiven, wehrfähigen Streitkräfte der Österreicher im Osten, im Balkan standen. So einfach, wie sich die Italiener die Eroberung Tirols vorstellten, verlief diese aber nicht. Die Tiroler wehrten sich – wieder einmal.

Gleich am ersten Tag besetzten 38.000 Standschützen – Jugendliche und ältere Männer – Gipfel, Grate, Bänder und Pässe. Dazu kamen Gendarmen. Diese wenigen Kräfte wechselten oft in schneller Folge als Patrouillen ihre Positionen auf den vertrauten Bergen und gaukelten so den italienischen Alpini eine höhere Mannschaftsstärke vor. Ein bekannter Kämpfer aus dieser Phase war der Sextner Bergführer und Wirt der Dreizinnenhütte, Sepp Innerkofler, der am 4. Juli 1915 im Kampf um den Gipfel des Paternkofels fiel.

Die Strategie der Standschützen war überaus erfolgreich, so daß die Stellungen im Gebirge solange gehalten werden konnte, bis im Herbst Hilfe kam: Kaiserjäger, Landesschützen, der Landsturm und das Deutsche Alpenkorps. Und diese Strategie blieb erfolgreich. Wer einmal die Bergspitzen und Grate besetzt hatte, konnte fast nicht mehr vertrieben werden. Eine Luftwaffe, die in 3.000 Metern Höhe entscheidend hätte agieren können, existierte nicht. Während unten im Tal die österreichischen Festungswerke und Forts die Zufahrtswege sicherten, entwickelte sich oben bald ein Stellungskrieg mit gefährlichen Patrouillen und Stoßtrupps, wie etwa auf dem Monte Piano.

Kleiner Lagazuoi

Der Krieg in den Alpen und Dolomiten war aber auch aus anderen Gründen ungemütlich. Unter größten Anstrengungen mußten Gewehre, MGs, Munition, Holz, Stacheldraht, Essen, Kleidung, Ausrüstung und sogar Mörser und Kanonen auf die Höhen befördert werden. Kilometerlange Unterstände, Kavernen, Tunnel und Stellungen wurden in Felsen und Gletscher gehauen, Leitern, Eisenstege und Materialseilbahnen gebaut. Teilweise beförderten die Frauen den Nachschub aus dem Tal nach oben. Der Abtransport der Verwundeten war schwierig, dazu die Absturzgefahr, die eisige Kälte im Winter, der Schnee, das Eis, Felsbrüche und Steinschlag. Alleine durch Lawinen kamen mehr Menschen um als durch direktes feindliches Feuer. Berühmt-berüchtigt wurde die Methode, die Gipfel zu unterminieren und samt Besatzung in die Luft zu sprengen wie auf dem Col di Lana. Dazu grub und bohrte man Stollen und Gegenstollen, Maultiere transportierten Tonnen von Dynamit, um sie zu füllen.

Im Sommer waren die Aktivitäten umfangreicher, im Winter hielt man die Stellung. Erst im Jahre 1917 gelang den Österreichern nach der zwölften Isonzo-Schlacht der Durchbruch ins Tiefland bis zur Piave, wodurch die Frontlinie in den Dolomiten keine Rolle mehr spielte.

Besonders irr gestaltete sich das Kriegsende an dieser Front. Kaiser Karl I. befahl am 3. November seinen Truppen die sofortige Einstellung der Kampfhandlungen. Erst später erfuhr man, daß der Waffenstillstand im endgültigen Vertrag auf den 4. November um 15 Uhr festgelegt worden war. Die Österreicher hatten bereits die Waffen abgelegt, und die Italiener „eroberten“ mit ihren bewaffneten Truppen noch schnell einige Kilometer zurück, für die vorher drei Jahre gekämpft worden war. Auch politisch hatten die Österreicher Fehler gemacht, zum Beispiel mit der Hinrichtung von Cesare Battisti.

Für diese Dummheiten konnten aber die Tiroler sicher nichts. Sie hatten ihre Grenzen tapfer und absolut erfolgreich verteidigt, niemand im Land glaubte, konnte glauben, was folgen würde. Deutschtirol (Nord-, Ost- und Süd-Tirol) beklagte circa 20.000 Tote, das waren 3,5 % der Bevölkerung, eine Zahl, die einiges höher lag als der Durchschnitt im übrigen Österreich oder in Deutschland.

Es muß an dieser Stelle erwähnt werden, daß die Gebirgsfront von 1915 bis 1917 viele Spuren hinterlassen hat und heute abgegangen werden kann. Wer etwa mit der Seilbahn vom Falzarego-Paß auf den Kleinen Lagazuoi hochfährt und die darunterliegenden Geröllhalden sieht (siehe Foto), – das ist nicht die natürliche Erosion, das sind Steine aus den Stollen, Tunneln und Sprengungen des Dolomitenkrieges.

Luis Trenker stand einst in diesem Abschnitt. Genauso sieht man auf vielen Höhenwegen noch Stacheldraht, Holz, Mauerreste, Kavernen, Unterstände und Konservendosen aus dieser Zeit. Viele der sehr beliebten Klettersteige (vie ferrate) hatten ihren Ursprung in diesem Krieg.

Stellungnahme gegen die Süd-Tirolbestimmungen

Der Tiroler Landtag in Innsbruck verabschiedete einstimmig eine Stellungnahme gegen die Süd-Tirolbestimmungen des Diktats von Saint-Germain-en-Laye:

„Der Landtag erblickt in dem Friedensvertrag, der mit dem Wilsonschen 14-Punkte-Programm im krassesten Widerspruch steht, eine unerhörte Vergewaltigung des Landes Tirol, das gegen den klar ausgesprochenen Willen der Gesamtheit der Bevölkerung auseinandergerissen wird.“

Italienisierung durch die Faschisten

1918 erschien die Möglichkeit, daß der Brenner Italiens Grenze werden könnte, den Menschen in Tirol unvorstellbar. Das Londoner Geheimabkommen von 1915 (Italy shall obtain the Trentino, Cisalpine Tyrol with its geographical and natural frontier) war zwar durchaus bekannt geworden, aber Woodrow Wilson, der Präsident der inzwischen mächtiger gewordenen VSA, hatte am 8. Januar 1918 sein berühmtes 14-Punkte-Programm bekanntgegeben, und in Punkt 9 stand dort, daß die zukünftigen Grenzen Italiens entlang klar erkennbarer Nationalitätslinien verlaufen sollten („A readjustment of the frontiers of Italy should be effected along clearly recognizable lines of nationality.“). Und diese Nationalitäts- und Sprachgrenzen waren im südlichen Teil Tirols, etwa an der Salurner Klause, völlig klar und überdeutlich.

Weder Wilson noch die anderen Siegermächte hielten jedoch diese Punkte oder das mehrmals verkündete Selbstbestimmungsrecht der Völker ein, und wie beim Diktat von Versailles die Deutschen absolut nichts zu sagen hatten, so ging es den Österreichern 1919 beim Vertrag von Saint-Germain. Auch sie durften an den Verhandlungen nicht teilnehmen und mußten zwangsweise unterschreiben. Italien bekam mit dem Recht des Siegers Istrien, Süd-Tirol, Welschtirol und das Kanaltal, wobei italienische Sozialdemokraten die Annexion Süd-Tirols ablehnten. Eine Volksbefragung fand nie statt.

Dies war ein harter Schlag. Im eigentlichen Süd-Tirol (ohne Trentino/Welschtirol) lebten zu der Zeit zirka 200.000 Deutsche und 10.000 Ladiner, der Anteil der Italiener lag bei unter 10 Prozent. Der italienische Staat ging sofort daran, dies zu ändern. Das Militär war bereits bei der Kapitulation 1918 eingeströmt. Zwar hatten die italienischen Abgeordneten und der König Viktor Emmanuel III. feierlich versprochen, der anderssprachigen Bevölkerung autonome Selbstverwaltung einzuräumen, aber eingehalten wurde davon nichts – im Gegenteil.

Die beherrschende Gestalt in Süd-Tirol wurde für die nächsten 20 Jahre Ettore Tolomei, italienischer Irredentist, Nationalist und Faschist. Seit der Jahrhundertwende hatte er die Brennergrenze im Visier gehabt. Auf dieses Ziel arbeitete er in wechselnden Posten und Gremien Tag und Nacht unermüdlich hin. Dazu suchte er unablässig und bienenfleißig wissenschaftlich zu beweisen, daß dieses Land eigentlich schon immer italienisch gewesen sei. Seine schärfsten Waffen waren Geschichte, Geographie und Sprache. Überall suchte er bereits vor und während des Ersten Weltkrieges nach Spuren des Italienischen in Tirol. Und er fand und erfand die Italianità auch buchstäblich hinter jedem Stein. So bestieg er beispielsweise einen Berg, sagte wahrheitswidrig, er sei Erstbesteiger und gab ihm einen italienischen Namen. Tolomei schrieb und verfaßte Bücher, Abhandlungen sowie Artikel, und diese fanden dankbare Leser, insbesondere bei Irredentisten und Faschisten.

Schon vor Benito Mussolinis Marsch auf Rom 1922 war es zu faschistischen Übergriffen in Süd-Tirol wie den Bozner Blutsonntag gekommen. Seit aber Mussolini herrschte, brauchte Tolomei keine pseudowissenschaftlichen Bücher mehr, nun konnte er als Senator regieren und befehlen. „Ein Schrei genügt und wir haben diesen schweinischen Abschaum eines überständigen Österreich hinweggefegt“, ließ er verlauten, nachdem er mit seinen Schwarzhemden das Bozner Rathaus gestürmt hatte. Schließlich wurde am 15. Juli 1923 sein schon lange ausgearbeitetes 32-Punkte-Programm zur Italianisierung des deutsch besiedelten Gebietes verkündet. Tolomei sah als wichtigste Maßnahmen vor:

Einführung der italienischen Amtssprache, Italianisierung aller Ortsnamen und Aufschriften, großzügige Förderung des italienischen Schulwesens und der Einwanderung von Italienern, Verstärkung der in diesem Raum stationierten Militär- und Carabinierieinheiten, Ernennung italienischer Gemeindesekretäre und Entlassung bzw. Versetzung deutscher Beamter und Lehrer nach Reichsitalien, Ausschaltung der von Einheimischen kontrollierten Wirtschaftseinrichtungen (Banken, landwirtschaftliche Genossenschaften) sowie Auflösung der Verbände und Vereine (Deutscher Verband, Alpenverein).

Das von Tolomei formulierte Programm wurde in den folgenden fünf Jahren mit wenigen Modifizierungen verwirklicht. Der öffentliche Gebrauch des Namens Tirol und aller damit zusammengesetzten Begriffe (Süd-Tiroler usw.) wurden untersagt. Provisorisch tolerierte man die Bezeichnung Alto Adige (Hochetsch). Es durften nur noch die zum größeren Teil von Tolomei erfundenen italienischen Ortsnamen verwendet werden. Mit Beginn des Schuljahres 1923/24 wurde stufenweise ab der 1. Klasse die italienische Unterrichtssprache in den Volksschulen dekretiert und zur gleichen Zeit die italienische Amtssprache eingeführt.

Dementsprechend kam alsbald eine größere Zahl italienischer Beamter und Lehrer ins Land, die weder imstande waren, sich mit den Kindern zu verständigen, noch für die besondere Lage der Deutschen Verständnis aufbrachten. Private deutsche Schulen wurden verboten, ja sogar der private Deutschunterricht seit 1925 strengstens verfolgt. Nachdem zuerst überall italienische Gemeindesekretäre eingesetzt worden waren, verloren die Gemeinden den Rest ihrer Autonomie, als 1926 an die Stelle der gewählten Bürgermeister ein Podestä als staatlicher Beamter trat.[1]

Selbstverständlich wurde auch die deutschsprachige Presse erledigt, einzig und allein die kirchlichen Predigten in Deutsch und den deutschsprachigen Religionsunterricht, der privat in Pfarrhäusern gegeben wurde, konnten die Faschisten nicht unterbinden (→ „Katakombenschulen“). Ansonsten war Widerstand gegen den Totengräber Süd-Tirols unmöglich. Verhaftungen und Verbannung waren die Folge.

Eine weitere Methode der Faschisten bestand darin, möglichst viele Italiener ins Land zu holen. Neben den allgegenwärtigen Beamten dachte man auch an Süditaliener als Bergbauern, ein Experiment, das kläglich scheiterte. Viel erfolgreicher war die Ansiedlung von Industrie in den dreißiger Jahren, vor allem in Bozen. Ohne Rücksicht darauf, ob es wirtschaftlich sinnvoll war, wurden Firmen mit Prämien nach Süd-Tirol gelockt und dazu Süditaliener als Arbeiter. Das Gelände für Fabriken und Wohnsilos wurde rücksichtslos enteignet. Ab ungefähr 1937 war auf diese Weise die Mehrheit der Bozner Bevölkerung italienisch.

Tirol nach dem Ersten Weltkrieg

Italien, eine der Siegermächte, besetzte Tirol nach Kriegsende. Unter dem italienischen Faschismus begann eine radikale Italienisierung der Bevölkerung, so wurde Italienisch zur Amtssprache und den Süd-Tirolern war es verboten, Deutsch zu sprechen.

Die deutschen Ortsnamen wurden durch teilweise erfundene italienische ersetzt. Sogar von den Grabsteinen sollten die deutschen Namen getilgt werden. Auch Kinder mußten in der Schule die italienische Sprache lernen. Da sich viele jedoch verweigerten, blieben einige Schuljahrgänge dort quasi Analphabeten. Als Reaktion auf die italienischen Repressionen wurde oft heimlich deutschsprachiger Unterricht abgehalten, es entstanden die sogenannten Katakombenschulen.

Die Italianisierung der deutschen Namen

Wie kein anderer hat der Faschist Ettore Tolomei bis heute Süd-Tirol verändert. Interessant ist sein System bei der Umwandlung deutscher Namen für Berge, Flüsse, Wälder, Vornamen, Familiennamen und Ortsnamen. Nichts blieb verschont. Vieles in der Geographie ist heute amtlich. Seine Methoden waren einfallsreich:

  • Übernahme bereits vorhandener italienischer Namen wie Bolzano für Bozen, Merano für Meran
  • Suche nach alten, zum Beispiel lateinischen Namen: Sterzing hieß als römisches Lager Vipitenum. Daraus wurde italienisch Vipiteno.
  • Phonetische Wortfindung: Brennero für Brenner, Brunico für Bruneck, Castelrotto für Kastelruth
  • Übersetzung, Etymologie: Lago Verde für Grünsee, Villabassa für Niederdorf
  • Schutzpatron oder andere Namen mit Ortsbezug: San Candido für Innichen
  • Geographische Ableitung: Colle Isarco (wörtlich Eisack-Hügel) für Gossensaß (Was aber, niemand weiß es genau, Gotensitz oder Knappensitz bedeuten soll. Henrik Ibsen hatte hier einst Urlaub gemacht.)

Die Ladiner

In abgelegenen Alpentälern blieben an mehreren Stellen kleinere und größere Gruppen und Stämme von Menschen und Gemeinden übrig, isoliert und manchmal vergessen, zumindest aber von anderen Sprachen ziemlich abgeschlossen über Jahrhunderte, wie zum Beispiel die 13 Gemeinden bei Verona. Ihre Sprache ist romanisch und kommt aus dem Lateinischen.

Die Ladiner schlossen sich bei den Auseinandersetzungen Zwischen Deutsch- und Welschtirolern nicht den ihnen sprachverwandten Italienern an. Die Ladiner Süd-Tirols strebten allerdings bereits im alten Österreich Autonomie an. Im Vertrag von Saint-Germain wurden sie nicht einmal erwähnt. Die Faschisten rissen ihr Siedlungsgebiet in drei Provinzen auseinander, die geschaffen worden waren, um Süd-Tirol leichter zu italianisieren. Ansonsten wurden die Ladiner von Tolomeis Faschisten als „Beweise“ benutzt, daß sie eigentlich Italiener seien und das ganze Land seit der römischen Kaiserzeit deshalb italienisch. Italienisch sei auch ihre Sprache, wenngleich in einer minderen Form. Heute gibt es noch etwa 30.000 Ladiner.

Die Option

Die Lage der Süd-Tiroler unter dem Faschisten Ettore Tolomei blieb schlimm. Österreich bemühte sich, ab und zu politisch zu helfen, das Land war aber zu schwach, um bei Benito Mussolini nennenswerte Erleichterungen zu erreichen.

In der NSDAP gab es immer wieder Stimmen, welche Süd-Tirol als Teil Österreichs oder Deutschlands sahen. Adolf Hitler hatte aber aus bislang unbekannten Gründen für Süd-Tirol von Anfang an nie etwas übrig, und er lehnte ein diesbezügliches Engagement immer ab. Mussolini auf der anderen Seite war jahrelang ein Freund der Franzosen und Engländer gewesen. Erst ab 1936 wandte er sich Deutschland zu. Hitler hatte im Gegenzug die Gültigkeit der italienischen Grenze am Brenner nie bezweifelt. Und keine zwei Monate nach dem Anschluß Österreichs besuchte Hitler am 3. Mai 1938 Italien und bestätigte die Grenzen noch einmal feierlich.

Dafür rückte aber ein anderer schlimmer Gedanke nach vorn: die Umsiedlung der deutschen Süd-Tiroler ins Deutsche Reich. Am 23. Juni 1939 (endgültige Übereinkunft am 21. Oktober 1939) einigten sich Italien und das Deutsche Reich, die Süd-Tirol-Frage ein für allemal zu lösen, indem die Einwohner optieren konnten, ob sie ins derzeitige Reichsgebiet auswandern oder Italiener werden wollten. Bis zum Jahresende sollte man sich entscheiden, der Zweite Weltkrieg verlängerte dann aber die Fristen.

Diese „Option”, zwischen Vertreibung und kultureller Entwurzelung wählen zu müssen, führte zu viel bösem Blut und einer tiefen Zerrissenheit im Land bis hinein in einzelne Familien und ist bis zum den heutigen Tag teilweise nicht vernarbt. Die „Optanten“, also die „Geher“, unterstützt vom Völkischen Kampfring Südtirol (VKS), wollten nicht länger italianisiert und drangsaliert werden, sondern deutsch bleiben.

Es gab zudem Gerüchte, daß die „Dableiber“ nach Süditalien zwangsumgesiedelt werden würden. Die deutsche Führung hatte auch Pläne, die Süd-Tiroler geschlossen auf der Krim oder sonstwo im Osten anzusiedeln, so daß sie unter sich gewesen wären, was die Gegner wiederum als Hirngespinste qualifizierten.

Süd-Tirols katholisch-konservative Politiker, wie etwa Michael Gamper, sprachen sich jedenfalls gegen die Option aus, rieten zum Bleiben und behaupteten, daß auch die „Dableiber” Deutsche sein könnten. Die meisten Einwohner trauten aber den Italienern nicht über den Weg. So wählten schließlich in der Provinz Bozen 85 % von 250.000 Menschen die Auswanderung nach Deutschland. Die Zahl der „Optanten” war so hoch, daß die italienischen Faschisten eine Entvölkerung der Alpentäler befürchteten und bremsen wollten. Nachdem sie aber deshalb Werbung fürs Dableiben betrieben hatten, wählten gleich noch mehr mißtrauische Süd-Tiroler die Abreise. Hauptgrund der „Geher” dürften die Erfahrungen der letzten 20 Jahre gewesen sein.

Wie erwähnt platzte diese große Umsiedlungsaktion mitten in den Zweiten Weltkrieg, wodurch alles durcheinander und ins Stocken geriet. Insgesamt sind nur um die 70.000 Menschen abgewandert, wovon gleich die Hälfte in Nordtirol, andere sonstwo auf österreichischem Gebiet (Ostmark) Halt machten. Die Männer mußten natürlich für Deutschland in den Krieg.

Als Mussolini 1943 gestürzt wurde, kam die Operation ganz zum Erliegen. Das Deutsche Reich besetzte Süd-Tirol und behielten es unter Verwaltung, auch nachdem es Mussolini wieder in den Sattel gehievt hatte und die Republik von Salò am nahen Gardasee gegründet worden war. Einige der oben erwähnten konservativ-katholischen Politiker (Andreas-Hofer-Bund), die für Dableiben gestimmt hatten, wurden verfolgt und sogar ins Konzentrationslager gesteckt. Ansonsten geriet Süd-Tirol in den letzten Kriegsjahren von 1943 bis 1945 wegen der wichtigen Verkehrswege bald ins Visier der alliierten Bomber. Die Reichsregierung zwang nun auch die deutschen Männer der „Dagebliebenen“ ebenfalls in die Wehrmacht und in Polizeiregimenter, die der SS angegliedert waren.

Das Verhältnis zwischen Italienern und Deutschen in Süd-Tirol blieb in diesen zwei letzten Kriegsjahren erträglich. Von irgendwelchen Massakern oder Racheakten auf Süd-Tiroler Boden vor und nach Kriegsende, von welcher Seite auch immer, liest man nichts. Nach dem Krieg kehrten über 20.000 der „Optanten” wieder zurück nach Süd-Tirol, das nun wieder zu Italien gehörte.

Süd-Tiroler Freiheitskampf

Nach dem Zweiten Weltkrieg beanspruchte Österreich wieder das ganze Tirol, aber den meisten war vermutlich klar, daß sich die Grenzen Italiens im Norden nicht verschieben würden. Wie hätte denn den Siegermächten das Schicksal eines kleinen Volkes wichtig sein sollen?

Gleich am 8. Mai 1945 wurde die Südtiroler Volkspartei (SVP) gegründet, christlich-sozial und konservativ aufgestellt, die von Anfang an nicht zwischen „Dableibern“ und „Optanten“ unterschied. Man sollte nicht vergessen, daß die letzteren 1945 de jure ausgebürgerte Deutsche waren, und die Italiener zeigten wenig Neigung, sie wieder aufzunehmen – die Tiroler allerdings schon. Es war ein Ziel, die Ausgewanderten wieder heimzuholen. Ansonsten wollten die Süd-Tiroler so viel Selbstbestimmung wie möglich, die Italiener so wenig wie möglich. Immerhin kam es am Rande der Pariser Außenministerkonferenz 1946 zum sogenannten Gruber-De-Gasperi-Abkommen, in dem den Süd-Tirolern (und Österreich) einige Rechte eingeräumt wurden – auf dem Papier, denn Italien hatte keineswegs Änderungen der Lage im Sinn, und es förderte nach wie vor den Zuzug von Italienern speziell nach Bozen. Zudem war Süd-Tirol verwaltungstechnisch mit dem italienischen Trentino zusammengelegt worden, was die Leute verärgerte und zunächst zur populären Forderung „Los vom Trentino“ führte. Später hieß es dann bei manchen „Los von Rom.

Es kam zu Protesten und großen Demonstrationen, die bereits in den fünfziger Jahren – 1957 auf Schloß Sigmundskron, verlangte das Volk das „Los von Rom“ – vom späteren Landeshauptmann und Obmann der SVP, Silvius Magnago, mit angeführt wurden, dem verdienstvollsten und überragendsten Süd-Tiroler Politiker zwischen 1947 und 1991. Die Italiener blieben aber hart, an Autonomie oder irgendeine Selbstbestimmung war damals jedenfalls nicht zu denken. Die Unzufriedenheit im Land wuchs immer mehr.

Schließlich wurde der Widerstand gewalttätig, einige Süd-Tiroler legten Bomben, zunächst an Hochspannungsmasten und faschistischen Denkmälern, dann gab es auch Tote. Hier wäre der Befreiungsausschuß Südtirol (BAS) mit Anführern wie Sepp Kerschbaumer oder Luis Amplatz zu nennen. Es kam zur Feuernacht bzw. der Herz-Jesu-Nacht, in der die Stromversorgung in die Industriezone Bozens lahmgelegt wurde. Später mischten in dieser Szene auch rechtsradikale Ausländer mit.

Die Bombenserie dauerte hauptsächlich von 1956 bis 1969. Inwieweit der Terror genützt hat, ist geschichtlich umstritten. Immerhin kam aber das Süd-Tirol-Problem in dieser Zeit mehrmals vor die UNO nach Neuyork. Es gab 21 Tote, davon 15 Staatsvertreter, zwei Zivilisten und vier Terroristen, die bei der Vorbereitung einer Bombe zerrissen wurden sowie 57 Verletzte: 24 unter den Staatsvertreter und 33 Zivilisten. Auch die Italiener setzten verbotene Methoden und Sprengstoff ein und folterten Gefangene, die Urteile waren teilweise hart. In dieser verhärteten Situation, vor gerade einmal 40 Jahren, hätte sich niemand die spätere Entwicklung des Landes vorstellen können.

Kirchturm am Reschenpaß

Daß die Hochspannungsmasten als erstes ins Visier der Süd-Tiroler Bombenleger gerieten, ist kein Zufall. Die Süd-Tiroler hat es immer geärgert, daß die in Strom verwandelte Wasserkraft ihres Landes stracks in die oberitalienischen Industriezentren abgeleitet wurde. Ein Beispiel ist der Kirchturm am Reschenpaß, der noch an das Dorf Graun erinnert, das um 1950 zwangsweise gesprengt und im Stausee ertränkt wurde.

Weiteres

„Hitler war durchaus der nüchternen Erkenntnis, daß ein verlorener Weltkrieg seine harten Konsequenzen haben müsse. Die Forderung nach den ‚alten Grenzen von 1914‘ lehnte er entschieden ab, weil in einer veränderten Welt auch die nationalen Wünsche neue Wege gehen müßten. [...] Im Grundsatz sei aber dann von der nüchternen Frage auszugehen, wer aus eigenem Interesse eine Vernichtung der europäischen Mitte nicht wünschen könne. Seine Antwort: Italien und England. Wenn das aber richtig sei, folgerte er, dann müßten wir auf Dinge verzichten, die in diesen Ländern dem Willen zu einer Verständigung oder zu einem festen Zusammengehen mit Deutschland entgegenstünden. [...] Hitler hatte auch den Mut, diese Einsichten, diesmal nach der bürgerlich-nationalen Richtung hin, offen auszusprechen. Er schrieb sogar seine erste Broschüre über das Süd-Tiroler Problem als Verteidigung gegenüber dem Vorwurf des Verrats. Verraten hatten Süd-Tirol – und nicht nur dieses Land – jene, welche die Novemberrevolte inszeniert und die Diktate von Versailles und St. Germain unterzeichnet hätten. Bei aller Liebe zu den Tirolern seien ihre Interessen denen der siebzig Millionen anderen Deutschen unterzuordnen: im übrigen seien seine Gegner ja gar nicht von der Liebe zu den Süd-Tirolern, sondern nur vom Haß gegen das faschistische Italien durchdrungen.“[2]

Mit der Heimholung des Saarlandes und Österreichs ins Deutsche Reich hofften auch die Süd-Tiroler auf ihre Befreiung, jedoch legte Hitler die deutsch-italienische Grenze endgültig fest und Süd-Tirol blieb bei Italien, der Bevölkerung stand es frei, ob sie bleiben oder ins Reich auswandern wollte, wobei über 80 % sich für die Ausreise entschieden. Aufgrund der Bündnisverpflichtungen gegenüber Italien im Zweiten Weltkrieg versuchte Hitler die Frage vordergründig über einen Bevölkerungsaustausch zu lösen. Dennoch war klar, daß das deutsche Gebiet eines Tages wieder heim ins Reich kehren würde.

„Hitler hatte [...] etwa im Sommer oder Frühherbst 1944 eine Unterredung mit dem Gauleiter von Tirol gehabt. Mussolini war schon in allem auf unsere Hilfe angewiesen. Das mag den Gauleiter zu einer letzten Frage an Hitler veranlaßt haben, die ich eben noch hörte: ‚Können wir nicht die Brennergrenze korrigieren und Südtirol zurückholen?‘ Hitler gab keine eindeutige Antwort und als der Gauleiter weg war, sagte er zu mir: ‚solche Fragen stellt man nicht!‘ Für mich war eindeutig zu erkennen, daß Hitler selbstverständlich die Absicht hatte, ein schwaches Italien, das damals schon zu erwarten war, nicht bis zum Brenner reichen zu lassen. Hitler hatte das Gefühl, daß er jetzt seine Dankesschuld an Mussolini abgetragen hatte und daß er nun den Herzenswunsch so vieler Süd-Tiroler erfüllen konnte, wieder als Landeshauptstadt Innsbruck zu bekommen.“[3]

Von 1943 bis 1945 wurde Süd-Tirol von der Ostmark aus unter deutsche Verwaltung gestellt. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Süd-Tirol von den Feindmächten wieder Italien zugeschlagen, wieder ohne sich um den Willen der Bewohner zu kümmern.

Bis in die 1960er Jahre hinein gab es jedoch gewaltsamen Widerstand der Bevölkerung, und auch die deutsche Bundesregierung schickte für deutschsprachige Bildung finanzielle Unterstützung.

In den 1970er Jahren bekam Süd-Tirol dann weitestgehend seine Autonomie, ist aber bis heute (2015) Teil Italiens. Viele Süd-Tiroler haben sich damit abgefunden, jedoch ist der Widerstandsgedanke noch nicht ganz erloschen, da z. B. am Brenner immer noch Schilder mit dem Satz „Südtirol ist nicht Italien“ aufgestellt werden. Der Plan der italienischen Regierung, durch gezielte massive Einwanderung von Italienern die deutschen Süd-Tiroler zur Minderheit im eigenen Land zu machen, ist glücklicherweise gescheitert.

Es konnten nur so viele Italiener angesiedelt werden, um zur schlechtesten Zeit ungefähr ein Drittel der Bevölkerung auszumachen, allerdings konnte die Italiener eine Mehrheit in der Hauptstadt Bozen erzwingen. Die Süd-Tiroler fühlen sich nicht zu der obskuren Erfindung einer sogenannten „österreichischen Nation“ zugehörig, sondern sehen sich weiterhin als Deutsche.

Filmbeitrag

Siehe auch

Verweis

Fußnoten

  1. Josef Riedmann: Geschichte Tirols. Wien, 2001. S. 241
  2. Alfred Rosenberg: Adolf Hitler – Letzte Aufzeichnungen. Nürnberg 1945–1946
  3. Franz von Sonnleithner: Als Diplomat im FHQ, Verlag Langen-Müller 1989, Seite 119
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