Niemöller, Martin

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Dr. h. c. mult. Martin Niemöller (1892–1984)

Emil Gustav Friedrich Martin Niemöller (Lebensrune.png 14. Januar 1892 in Lippstadt; Todesrune.png 6. März 1984 in Wiesbaden) war ein deutscher Offizier der Kaiserlichen Marine, U-Boot-Kommandant, U-Boot-As, Freikorpskämpfer, Theologe und führender Vertreter der Bekennenden Kirche sowie Präsident im Weltrat der Kirchen (heute: Ökumenischer Rat der Kirchen). Zuerst überzeugter NSDAP-Wähler, entwickelte er sich während des Kirchenkampfes und seit 1937 als „persönlicher Gefangener des Führers“ im Konzentrationslager Sachsenhausen allmählich zum Gegner des Nationalsozialismus.

Inhaltsverzeichnis

Leben

Marineoffizier im Kaiserreich

Martin Niemoller, U-Boot-Kommandant der Kaiserlichen Marine und Ritter des Eisernen Kreuzes I. Klasse im Ersten Weltkrieg

Martin Niemöller war der Sohn des lutherischen Pfarrers Heinrich Niemöller und seiner Frau Paula, geb. Müller. 1900 zog die Familie von Lippstadt nach Elberfeld, dort legte er 1910 sein Abitur ab. Dann schlug der Kadett eine Offizierslaufbahn bei der Kaiserlichen Marine ein. Seit 1915 gehörte er der U-Boot-Waffe an: zunächst auf der „Thüringen“, im Oktober wurde er Wachoffizier auf dem Unterseebootmutterschiff „Vulkan“, wurde später auf U 3 als U-Boot-Fahrer ausgebildet und kam im Februar 1916 als Zweiter Wachoffizier auf U 73. Im April 1916 wurde U 73 ins Mittelmeer verlegt, wo es an der Saloniki-Front kämpfte, die Otranto-Straße bewachte und ab Dezember 1916 vor Port Said Minen legte und Handelskrieg führte. Ab Januar 1917 fuhr Niemöller als Steuermann auf U 39, war anschließend wieder zurück in Kiel, ab August 1917 war er Erster Offizier auf U 151, das bei Gibraltar, in der Biskaya und an vielen weiteren Orten zahlreiche Dampfer angriff und versenkte. Im Mai 1918 wurde Niemöller Kommandant von UC 67, mit dem er im Mittelmeer Minen legte und abermals bei unzähligen Feindfahrten Handelsdampfer des Feindes versenkte. Im November 1918 lief er aus Protest gegen den Novemberputsch mit wehender Reichskriegsflagge in den Kieler Hafen ein.

„Dann kam der Krieg mit seiner ehrlichen Begeisterung und dem Aufbrechen aller guten, vaterländischen Instinkte; es kam die große Enttäuschung, daß wir über eine schlagkräftige Flotte verfügten und sie nicht zum Einsatz brachten; es kam die Zeit des zähen, erbitterten Ringens gegen einen übermächtigen Feind; es kam das Abebben der physischen und seelischen Widerstandskräfte unseres Volkes, und wir jungen Leute machten alle diese Wandlungen mit durch, ohne uns dessen recht bewußt zu werden. Ich bin bei allem Grauen des Krieges mit sehr großer Selbstverständlichkeit und ohne eine Erschütterung, die mich in der letzten Tiefe meiner Seele gepackt hätte, hindurchgekommen; wenn ich auch nicht verschweigen will, daß die bange Frage nach der Zukunft unseres Volkes im Fall einer Niederlage mich in den Zeiten der Ruhe und des Urlaubs beständig bedrückt hat. Die Erschütterung, die endlich die Grundfesten meines Wesens und Daseins ins Wanken brachte, so daß ich eine Klärung und Entscheidung für meine Person vollziehen mußte, das war erst die Revolution, die kein Umbruch, sondern ein Zusammenbruch war! Damals versank mir eine Welt. [...] Das künftige Schicksal des Volkes lag bei der Familie, bei Schule und Kirche als den Quellorten schöpferischer Lebenskräfte eines Volkes! ... Und wenn ich einen wirklichen Beruf haben wollte, so konnte es nur einer sein, der die Möglichkeit, an einer ernsthaften Erneuerung unseres Volkes mitzuwirken, offenließ oder in sich schloß.“

1919 nahm er seinen Abschied vom Militärdienst, weil er die neue demokratische Regierung ablehnte, aber vor allem, weil er den Befehl, wie auch andere Kommandante, die deutschen U-Boote nach England zu überführen, verweigerte. Die Ablösung des Kaisertums durch die Weimarer Republik bezeichnete er als „Schande des 9. November 1918“; die Weimarer Zeit nannte er später „14 Jahre Dunkelheit“[1]. Bis zum 23. April 1920 diente er als Bataillonsführer in einem Freikorps (III. Bataillon der Akademischen Wehr Münster). Er marschierte u. a. mit Truppen der Vorläufigen Reichswehr im Ruhrgebiet ein, um den Ruhrputsch der kommunistischen Roten Ruhrarmee zu beenden. Die drei „akademischen Schutzkorps“, so auch Niemöllers, wurden nach dem gescheiterten Kapp-Lüttwitz-Aufstand im April 1920 aufgelöst. Anschließend absolvierte er eine Ausbildung in der Landwirtschaft zwecks Auswanderung nach Argentinien.

Ausbildung und Pfarramt in der Weimarer Republik

Am 20. Juli 1919 heiratete Niemöller Else, geb. Bremer (Lebensrune.png 20. Juli 1890, Todesrune.png 7. August 1961 durch einen Verkehrsunfall in Dänemark), mit der er sechs Kinder hatte. Im selben Jahr nahm Niemöller eine landwirtschaftliche Lehre auf einem Bauernhof in Wersen bei Osnabrück auf. Da das Geld nicht für den Erwerb eines eigenen Gehöftes ausreichte, entschloß er sich zum Studium der evangelischen Theologie in Münster (1919–1923). Das Vikariat leistete er gleichfalls in Münster. 1924 wurde er Vereinsgeistlicher der westfälischen Inneren Mission. 1927 war Niemöller Mitbegründer der Selbsthilfeeinrichtung „Darlehensgenossenschaft der Westfälischen Inneren Mission e.G.m.b.H.“, einem Vorgängerinstitut der heutigen KD-Bank eG – die Bank für Kirche und Diakonie. Während des Ruhrkampfes beteiligte er sich an der „Akademischen Wehr“.

1931 wurde Niemöller zum III. Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Dahlem berufen. Es war die Pfarrstelle für die neu gebaute und 1932 eingeweihte Jesus-Christus-Kirche. Die Juden in Berlin erschienen ihm zu diesem Zeitpunkt unsympathisch und fremd. Die Inhaftierung von gewalttätigen Kommunisten kommentierte Niemöller mit: „Gott sei Dank, wir sind die Gottlosengefahr losgeworden.“[2].

Kirchenkampf 1933–1937

Bald kam es hier zu Auseinandersetzungen mit den Deutschen Christen. Zwar hatte Niemöller seit 1924 nationalsozialistisch gewählt und die Einführung des Führerstaates 1933 begrüßt, die Vermischung von politischen Aussagen mit dem Glaubensbekenntnis lehnte er jedoch ab. So war er im Mai 1933 einer der Gründer der Jungreformatorischen Bewegung und stellte sich an die Seite Friedrich von Bodelschwinghs.

Nachdem der Arierparagraph eingeführt und in mehreren evangelischen Landeskirchen erste oppositionelle Pfarrerbruderschaften gegründet worden waren, rief Niemöller im September 1933 als Reaktion auf die Entfernung von Nichtariern aus Kirchenämtern zur Gründung eines reichsweiten Pfarrernotbundes auf. Seine primären Aufgaben bestanden aus dem Protest gegen diese Maßnahmen sowie der Organisation von Unterstützung für die Betroffenen.

Gleichwohl suchte Niemöller auch einen Kompromiß mit den Deutschen Christen. Dazu verfaßte er ein Thesenpapier mit dem Titel Sätze zur Arierfrage in der Kirche (2. November 1933). Im Gegenzug für die Nichtanwendung des Arierparagraphen auf Kirchenämter erwartete Niemöller, daß sich jüdische Pfarrer bei der Bewerbung um höhere Kirchenämter zurückhalten sollten:

„Da das Bekenntnis auf gar keinen Fall und um gar keinen Preis auch nur vorübergehend außer Kraft gesetzt werden darf, kann die Frage nur so angefaßt werden, daß wir auf Grund von 1. Kor   von den Amtsträgern jüdischer Abstammung heute um der herrschenden ‚Schwachheit‘ willen erwarten dürfen, daß sie sich die gebotene Zurückhaltung auferlegen, damit kein Ärgernis gegeben wird. Es wird nicht wohlgetan sein, wenn heute ein Pfarrer nichtarischer Abstammung ein Amt im Kirchenregiment oder eine besonders hervortretende Stellung in der Volksmission einnimmt.“

Der Pfarrernotbund und andere Gruppen bildeten die Vorläufer der Bekennenden Kirche, die auf der 1. Barmer Bekenntnissynode vom 29. bis zum 31. Mai 1934 gegründet wurde. Auf dieser Synode wurde die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet, die das theologische Fundament der Bekennenden Kirche bildete.

Die theologische Rechtfertigung war der in der evangelisch-lutherischen Kirche festgeschriebene Bekenntnisstand oder Bekenntnisnotstand (status confessionis), der gegeben ist, wenn die Kirchenoberen sich vom lutherischen Bekenntnis – festgehalten im Augsburger Bekenntnis – angeblich entfernen. Das sah der Pfarrernotbund gegeben in der sogenannten Schöpfungstheologie der Deutschen Christen, die Schöpfungsordnungen, wie z. B. das Volk, neben der Bibel anerkannten.

Dabei ging es ihm um eine Abgrenzung gegenüber den Deutschen Christen und bald auch um eine Durchsetzung der Beschlüsse der Bekenntnissynoden von Barmen im Mai 1934 und Dahlem im Oktober 1934.

Wie sein 1934 erschienenes Erinnerungsbuch „Vom U-Boot zur Kanzel“ belegt, dachte Niemöller weiterhin betont nationalkonservativ. Trotzdem geriet er zunehmend in Konflikt mit dem Nationalsozialismus. Bei einem Empfang von Kirchenführern in der Berliner Reichskanzlei im Januar 1934 soll es zu einer Konfrontation zwischen Hitler und Niemöller gekommen sein. Während Hitler den Kirchenkampf durch die Bekennende Kirche als Kampf gegen den deutschen Staat betrachtete, versuchte Niemöller deutlich zu machen, daß es um die Freiheit und Reinheit der Verkündigung auch aus politischer Verantwortung, aus „Sorge um das Dritte Reich“ gehe.

Der altpreußische Bruderrat der Bekennenden Kirche, dem Niemöller angehörte, sah sich mittlerweile als „wahre Kirchenleitung“. Ein häretisch gewordener Kirchenrat könne nicht mehr Kirchenleitung sein. Für diese Auffassung fand Niemöller wenige Gefolgsleute. Viele setzten demgegenüber auf die vom Reichskirchenminister Hanns Kerrl eingesetzten Kirchenausschüsse, in denen alle kirchlichen Gruppierungen vertreten waren – mit Ausnahme der Bruderräte und der Thüringer Richtung der Deutschen Christen.

Niemöller – immer noch Nationalsozialist – scheute sich nicht, die staatliche Kirchenpolitik zu attackieren. So wandte er sich gegen Alfred Rosenberg, was 1935 zu einer ersten Verhaftung führte. Rosenberg widerlegte Niemöllers Ausführungen in seinen „Mitteilungen zur weltanschaulichen Lage“.

KL-Häftling 1937–1945

Am 1. Juli 1937 wurde Niemöller erneut verhaftet. Am 7. Februar 1938 begann schließlich der Prozeß vor dem Sondergericht in Berlin-Moabit. Am 2. März wurde er wegen Kanzelmißbrauchs und Verstoßes gegen das Heimtückegesetz zu sieben Monaten Haft verurteilt, die er jedoch durch seine Untersuchungshaft bereits verbüßt hatte.[3] Er kam nicht frei, sondern wurde gleich anschließend als privilegierter Sonderhäftling im Konzentrationslager Sachsenhausen interniert.

Bei Kriegsausbruch 1939 meldete sich Niemöller aus dem Konzentrationslager heraus freiwillig – allerdings vergeblich – zur deutschen Kriegsmarine. 1941 wurde er in das Konzentrationslager Dachau verlegt, wobei er im „Ehrenbunker“, einem abgegrenzten Sonderbereich im Arrestblock, interniert wurde. Dort hatte er Kontakt zu weiteren katholischen Priestern, Johannes Neuhäusler, Karl Kunkel und Michael Höck, die wie die anderen Dachauer Sonderhäftlinge etliche Vergünstigungen genossen. So erhielten sie die gleiche Verpflegung wie ihre Bewacher, und die Türen ihrer Zellen waren nicht verschlossen, so daß sie sich jederzeit gegenseitig besuchen konnten.

Während seiner Haftzeit erfuhr Niemöllers Theologie einen Neuansatz. Hatte er bislang vor allem den „Dienst am Volk“ als kirchliche Aufgabe betont, so erkannte er in der Kreuzigung Jesu Christi nun ein Geschehen für alle Völker; daher habe Kirche vor allem an der Überwindung von Grenzen, Rassen und Ideologien zu arbeiten. Zudem gelangte er zu der Auffassung, daß die Kirchen in Deutschland für die nationalsozialistische Machtergreifung mitverantwortlich gewesen waren.

Die „Befreiung“

Im Hotel „Bachmann“ in Niederdorf erklärte sich SS-Obersturmführer Edgar Stiller (unterstützt von SS-Untersturmführer Bader) am 30. April 1945 bei einer Versammlung der über 130 Sonderhäftlinge bereit, das Kommando für den Transport niederzulegen und an die bereits alarmierte Wehrmacht abzugeben. Sein Einlenken und das Telephonat von Karl Wolff wird in der Militärgeschichte zu wenig gewürdigt.

Bei der Verlegung über Tirol Richtung Alpenfestung wurde Sonderhäftling Martin Niemöller am 30. April 1945 von Einheiten der Wehrmacht befreit. Dies geschah, nachdem Oberst i. G.Bogislaw von Bonin, der mit anderen in einem Hotel unterbracht war, General der Panzertruppe Hans Röttiger (Oberkommando der Heeresgruppe C) am 29. April 1945 telefonisch erreichen konnte; der wiederum befahl Hauptmann Wichard von Alvensleben, von Moos bei Sexten nach Niederdorf zu fahren, um sich unauffällig ein Bild der Lage zu verschaffen. Gemeinsam mit seinem Vetter Hauptmann Gebhard von Alvensleben entschied er sich, am nächsten Tag zu handeln.

Nach einer angespannten Konfrontation mit den SS-Bewachern befahl ihnen SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS Wolff telefonisch, sich zurückzuziehen, die Häftlinge der Wehrmacht zu überlassen und nach Bozen zu fahren. Die Wehrmacht mußte nun die Häftlinge (darunter Dr. Schuschnigg mit Familie, Bogislaw von Bonin, Hjalmar Schacht, Horst von Petersdorff und die Generäle der Infanterie Georg Thomas sowie Alexander von Falkenhausen) beschützen: Die mörderischen italienischen Partisanen, die nach der deutschen Kapitulation versuchten, das Land unter ihre Kontrolle zu bekommen, hatten die Absicht, die prominenten Gefangenen in ihr Hauptquartier im vierzig Kilometer südlich gelegenen Cortina d’Ampezzo abzutransportieren.

Am 4. Mai 1945, zwei Tage nach der deutschen Teilkapitulation, trafen rund 170 VS-amerikanische Soldaten eines Infanterieregiments der 85. Division der 5. VS-Armee unter dem Kommando von Captain John Atwell am Pragser Wildsee ein. Die deutschen Wehrmachtsangehörigen im Hotel „Pragser Wildsee“ wurden entwaffnet und zusammen mit den beiden Hauptleuten von Alvensleben in ein Kriegsgefangenenlager abtransportiert.

Im Schlepptau der VS-Armee erschienen am 5. Mai 1945 zahlreiche Journalisten und Pressefotografen. Schon bald gingen die Schlagzeilen über die sensationellen Ereignisse in Süd-Tirol um die Welt. An diesem Tag entstand das bis heute immer wieder kolportierte Märchen von der Befreiung der Sonder- und Sippenhäftlinge durch amerikanische Truppen, obwohl die Gefangenen in Wirklichkeit bereits am 30. April ihre Freiheit wiedererlangt hatten, als ihre SS-Bewacher unter dem Druck der Wehrmacht unter Hauptmann von Alvensleben aufgaben. Ganz im Gegenteil: Die Ankunft der VS-Amerikaner mündete für einige der Ex-Häftlinge in eine erneute Gefangenschaft, diesmal bei den Alliierten.

„Für alle war es eine Befreiung und ich glaube, daß es niemand bewußt war, daß dies für viele die Schwelle zu einer neuen und mühselig langen Gefangenschaft sein sollte.“Sigismund Payne Best, britischer Geheimagent und einer der 98 Sonder- und 37 Sippenhäftlinge (nach Namensliste ggf. 137) des RSHA aus sechzehn Nationen

Ab 1945

1945 wurde Niemöller nach der „Befreiung“ interniert. Bis zum 19. Juni 1945 mußte er VS-amerikanischen Dienststellen in Italien zur Verfügung stehen, bevor er nach einem Hungerstreik nach Rest-Deutschland zurückkehren und sich in den Dienst der Umerziehung stellen konnte. In ihren Lebenserinnerungen schildert die Psychologin und ehemalige BDM-Führerin Jutta Rüdiger, wie Niemöller vor im amerikanischen Internierungslager Ludwigsburg inhaftierten Frauen, zu denen auch Rüdiger gehörte, über seine Haftzeit während des Nationalsozialismus sprach und dabei offensichtlich vergaß, daß sein Publikum im Moment all das erlebte, worüber er klagte:[4]

„Als er dann auch noch erwähnte, in Dachau sei die Bettwäsche nicht oft genug gewechselt worden, ging ein Aufschrei durch den Raum, denn wir kannten überhaupt keine Bettwäsche, sondern mußten auf Strohsäcken schlafen. Die Amerikaner brachten Niemöller dann schnell aus dem Raum, um ihn der Wut der empörten Frauen zu entziehen.“

Niemöller verurteilte aber auch, u. a. in Briefen an den VS-amerikanischen General Clay, rechtswidriges Vorgehen der alliierten Besatzungsmächte. Den nach Protesten in der VS-amerikanischen Bevölkerung und Politik ad acta gelegten ursprünglichen Morgenthau-Plan bezeichnete er als „das Vorhaben, das deutsche Volk bis zu seinen Wurzeln auszurotten“, ferner Praktiken des Nürnberger Tribunals als „schwere Verdunkelung des öffentliches Gewissens“. Es erinnere „an die Behandlung der Offiziere des 20. Juli durch Adolf Hitler, wie man jetzt mit Wehrmachtoffizieren vor VS-amerikanischen Tribunalen verfährt“. Auch die Flächenbombardements gegen die deutsche Zivilbevölkerung und Vertreibungen aus Ostdeutschland verurteilte Niemöller entschieden. Er müsse überdies im besetzten Deutschland Verhältnisse feststellen, „die auf Schritt und Tritt an die hinter uns liegenden Schreckensjahre erinnern“; manche durch die Besatzungsbehörden zu verantwortende Zustände und Maßnahmen seien „selbst unter dem Naziregime niemals gewesen“.

Nach dem Krieg kolportierten Niemöller und andere das Gerücht, der ebenfalls im KL Dachau inhaftierte Hitler-Attentäter Georg Elser sei SS-Mitglied gewesen.[5] Dank der 1964 von dem Historiker Lothar Gruchmann entdeckten Gestapo-Verhörprotokolle Elsers[6] konnten dieses und andere Gerüchte über Elsers angebliche Hintermänner widerlegt werden.[7]

Bußprediger und Gegner der kirchlichen Restauration

In Deutschland hatte nach Niemöllers Rückkehr mittlerweile Otto Dibelius die Leitung der Kirche in Berlin übernommen. Für Niemöller schien kein Platz mehr zu sein, auch wenn er von 1945 bis 1955 dem Rat der EKD angehörte und – in Personalunion mit seinem Amt als Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau – Leiter ihres Kirchlichen Außenamtes in Frankfurt am Main war. Anders als Dibelius, der mit einer bischöflichen Struktur sympathisierte, dachte Niemöller an eine konsequente Überwindung des Landeskirchentums von bruderrätlichen Traditionen her: die Kirche solle von den Gemeinden her aufgebaut sein, territoriale Traditionen und konfessionelle Gegensätze dürften künftig nicht mehr von Bedeutung sein.

Zu historischer Bedeutung gelangte er auch durch seine Mitwirkung am sogenannten „Stuttgarter Schuldbekenntnis“, sodann dessen Erklärung gegenüber Gemeinden und Pastoren. Der Leiter der ökumenischen Delegation Willem Adolf Visser ’t Hooft erinnert sich in seiner Autobiographie an das Zustandekommen:

„Wie sollten wir die Wiederaufnahme voller ökumenischer Beziehungen erreichen? Die Hindernisse für eine neue Gemeinschaft ließen sich nur beseitigen, wenn die deutsche Seite ein klares Wort fand … Niemöller predigte über Jeremia 14,7-11:, Ach Herr, unsere Missetaten haben es ja verdient; aber hilf doch um deines Namens willen!’ Es war eine machtvolle Predigt. Niemöller sagte, es genüge nicht, den Nazis die Schuld zu geben, auch die Kirche müsse ihre Schuld bekennen.“

Die Familie des Fürsten zu Ysenburg und Büdingen, unter deren Patronat und Initiative – vor allem der Fürstin Marie – die Bekennende Kirche in Büdingen (Oberhessen) Schutz gefunden hatte, nahm Niemöller – der 1935 das Ehepaar Otto Friedrich und Felizitas zu Ysenburg und Büdingen getraut hatte – und seine Familie im November 1945 in Schloß Büdingen auf, wo er bis zur Wahl zum Kirchenpräsidenten wohnte. Seit dem Frühjahr 1946 gestaltete er den Aufbau der hessen-nassauischen Kirche mit. Es gelang ihm, konzeptionelle Elemente der Bruderräte in das „Leitende Geistliche Amt“, das bis heute kollegial das Amt des Bischofs wahrnimmt, einfließen zu lassen. Schließlich wurde er am 1. Oktober 1947 zum Kirchenpräsidenten berufen. Dieses Amt bekleidete er bis 1965.

Damit wurde den deutschen evangelischen Kirchen der Weg zurück in die ökumenische Gemeinschaft eröffnet. An den Vollversammlungen des Ökumenischen Rates der Kirchen nahm Niemöller von 1948 bis 1975 teil; von 1961 bis 1968 war er einer der sechs Präsidenten des ÖRK.

Gegner der Wieder- und Atombewaffnung

Scharf kritisierte Niemöller die Gründung der Bundesrepublik Deutschland („In Rom gezeugt und in Washington geboren“), die Wiederbewaffnung Deutschlands, die Positionen der Kirche im Kalten Krieg sowie die Rüstungspolitik der Großmächte. Seine dabei oft scharf formulierten Ansichten brachten ihm Ablehnung wie große Anhängerschaft ein. Niemöller polarisierte wie kein anderer Kirchenmann.

1954 wandte sich Niemöller radikal pazifistischen Positionen zu, um derentwillen er auch nicht die Zusammenarbeit mit Kommunisten scheute. Viele seiner folgenden Reisen sollten seine Versöhnungsbereitschaft dokumentieren und dem Frieden dienen. Während schärfster politischer Konflikte besuchte er 1952 auf Einladung des russisch-orthodoxen Patriarchen Moskau.

1957 wurde er zum Präsidenten der kommunistischen Frontorganisation Deutschen Friedensgesellschaft gewählt und 1958 wurde er auch zum Präsidenten der Internationale der Kriegsdienstgegner (IdK) gewählt und war – nach deren Zusammenschluß (IdK, 1968) und „Verband der Kriegsdienstverweigerer“ (VK, 1974) – ab 1974 Präsident der „Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner“ (DFG-VK). 1959 attackierte er die Ausbildung zum Soldaten als „die Hohe Schule für Berufsverbrecher“. Während des Vietnam-Krieges reiste er 1967 nach Nord-Vietnam. Im Alter griff er die bundesdeutsche Politik an und unterstützte die außerparlamentarische Opposition; auch der Kirche traute er Reformfähigkeit nicht mehr zu, so daß er schließlich die hessen-nassauische Synode verließ.

Vielfach wurde Niemöller im Kontext der gesellschaftlichen Diskussionen in den 60er und 70er Jahren eine unkritische Nähe zum Kommunismus und insbesondere zu den Staaten des Ostblocks vorgeworfen. Im Januar 1980 überließ er seine Grabstelle auf dem St.-Annen-Friedhof in Berlin-Dahlem dem verstorbenen Agitator Rudi Dutschke.

Niemöller lebte bis zu seinem Tod in Wiesbaden. Begraben ist er auf der Grabstätte seiner Familie in Lotte-Wersen bei Osnabrück.

Zitate

  • „Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist.
    Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter.
    Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist.
    Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude.
    Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“
    [8]
  • „Zu Ihrer Anfrage: ich habe tatsächlich in den ersten Jahren nach dem Kriege die Zahl der angeblich in Dachau vorsätzlich umgebrachten Juden mit ca. 238.000 angegeben. Ihr Schreiben hat mich veranlaßt, mein Tagebuch von 1945 auf diese Zahl hin noch einmal zu prüfen: ich habe am 8. November 1945 das KZ Dachau und meine dortige Zelle im ‚Bunker‘ – damals zum zweiten Male – aufgesucht und bei der Gelegenheit auch das Krematorium besichtigt. Das Lager war damals unter amerikanischer Verwaltung […]. Die von mir genannte Zahl befand sich am Eingang zum Krematorium auf einer schwarzen Tafel. […] Ich habe keine Veranlassung gehabt, diese Zahlen nachzuprüfen und habe in meinen Vorträgen, in denen ich diesen Besuch in Dachau erwähnte, immer berichtet, daß an der dort befindlichen Tafel eine solche Zahl angeschrieben war.“[9]
  • „In der Tat gehöre ich einer Hilfsgemeinschaft ‚Freiheit für Rudolf Heß‘ an, […] weil ich nun einmal an eine besondere Schuld von Heß nicht glaube und niemals geglaubt habe.“

Auszeichnungen und Ehrungen (Auszug)

Werke (Auswahl)

  • Vom U-Boot zur Kanzel, Berlin: Warneck, 1934
  • „...zu verkündigen ein gnädiges Jahr des Herrn!“ Sechs Dachauer Predigten, München 1946
  • Dahlemer Predigten. Kritische Ausgabe. Hrsg. von Michael Heymel. Im Auftrag des Zentralarchivs der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2011. ISBN 978-3-579-08128-1
  • Bibliographie. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Band 6, Herzberg 1993, Sp. 735–748

Literatur

  • Der Große Wendig: Band 1: 119 Der wandelbare Herr Niemöller • 502
  • Gerti Graff (Hg.): Unterwegs zur mündigen Gemeinde: Die evangelische Kirche im Nationalsozialismus am Beispiel der Gemeinde Dahlem; Bilder und Texte einer Ausstellung im Martin-Niemöller-Haus Berlin, Stuttgart 1982
  • D. Schmidt: Martin Niemöller, Radius, Stuttgart 1983

Film

  • Martin Niemöller – Was würde Jesus dazu sagen? Eine Reise durch ein protestantisches Leben; Drehbuch und Regie: Hannes Karnick und Wolfgang Richter; Erstaufführung: 17. Oktober 1985; DVD-Titel: Rebell wider Willen – Das Jahrhundert des Martin Niemöller

Verweise

Fußnoten

  1. Prominente ohne MaskeDrittes Reich, FZ-Verlag 1998, Seite 285, ISBN 3924309396
  2. a.a.O.
  3. Hans Buchheim: Ein NS-Funktionär zum Niemöller-Prozeß; in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 3 (1956), S. 307–315
  4. Jutta Rüdiger: Ein Leben für die Jugend. Mädelführerin im Dritten Reich, Deutsche Verlagsgesellschaft, Preußisch Oldendorf 1999. Zit. n. Mina Buts: Jutta Rüdiger: Die ehemalige Reichsreferentin im „Bund Deutscher Mädel“ erinnert sichJunge Freiheit, 3. Dezember 1999
  5. Schriftwechsel Maria Elser – Martin Niemöller
  6. Georg Elser: Gestapo-Protokoll
  7. Georg-Elser-Arbeitskreis Heidenheim: Falsche Gerüchte über Georg Elser
  8. Netzpräsenz der Martin-Niemöller-Stiftung, Harold Marcuse: Martin Niemöller’s famous quotation: „First they came for the Communists”
  9. Brief an Rudolf Lusar, 26. 9. 1967, in: Erich Kern: Meineid gegen Deutschland. Eine Dokumentation über den politischen Betrug, K. W. Schütz, Göttingen 1968, S. 242
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