Canaris, Wilhelm

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Wilhelm Canaris (Bild: Tita Binz)

Wilhelm Franz Canaris (Lebensrune.png 1. Januar 1887 in Aplerbeck bei Dortmund; Todesrune.png 9. April 1945 im KL Flossenbürg) war ein deutscher Offizier der Kaiserlichen Marine, der Freikorps, der Reichsmarine und der Kriegsmarine, zuletzt Admiral, Chef der Abwehr und Oppositioneller gegen den Nationalsozialismus.

Leben

Seekadett Canaris
Korvettenkapitän Wilhelm Canaris
Kapitäne zur See Kurt Aßmann (links) und Wilhelm Canaris im September 1932 bei der Übergabe des Linienschiffes „Schlesien“, das Canaris dann vom 1. Oktober 1932 bis 28. September 1934 kommandierte.

Abstammung

Wilhelm Canaris wurde am 1. Januar 1887 als Sohn eines in Aplerbeck bei Dortmund wohnenden Hüttendirektors geboren. Seine Vorfahren waren im 17. Jahrhundert aus Sala am Comer See (die Lombardei war ein Teil Reichsitaliens und somit Gebiet des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation) in den Norden übergesiedelt.

Erster Weltkrieg

Canaris trat im Jahre 1905 als Seekadett in die Marine ein und tat zu Ausbruch des Ersten Weltkrieges als Leutnant zur See auf dem Kreuzer „Dresden“ in den südamerikanischen Gewässern unter Admiral Graf Spee Dienst. Obwohl sie sich in neutralen Gewässern befanden, wurden sie von britischen Kriegsschiffen beschossen.

Der Kreuzer entkam der Vernichtung des Geschwaders in der Schlacht bei den Falklandinseln. Durch Verhandlungen konnte Zeit gewonnen werden und die Selbstversenkung (des Kreuzers 1915) vorbereitet werden, damit das Schiff nicht den Briten in die Hände fiel.

Zusammen mit dem Rest der Mannschaft wurde Canaris in Chile auf den Galapagos-Inseln interniert, jedoch gelang ihm mit einigen anderen bald die Flucht nach Deutschland. Danach war er im Geheimdienst der Marine in Spanien tätig und kommandierte die U-Boote SM U 38, UC 27, SM U 47 und SM U 34. In den letzten Monaten des Krieges führte Canaris das U-Boot UB 128.

Nachkriegszeit

Nach der Revolte von 1918 unterstütze Canaris die Marine-Brigade „Ehrhardt“ und war zeitweise Adjutant des Reichswehrministers Noske, zu dessen Verbindungsoffizier er von der Marine ernannt wurde. Am 3. Februar 1919 erreichte Canaris bei Noske die Genehmigung zur Aufstellung der 3. Marine-Brigade in Kiel. Canaris sorgte dafür, daß Wilfried von Loewenfeld deren Kommandeur wurde.

Am 24. Juni 1920 wurde Canaris erst Zweiter und wenig später Erster Admiralstabsoffizier beim Kommando der Marinestation der Ostsee. Canaris beschaffte Material und Waffen aus versteckten Lagern für die Ausstattung der neuen Marine. Um Geld zu beschaffen, fädelte er den Verkauf überzähliger Waffen und Geräte über Dänemark ein. Canaris war Verbindungsmann zur Organisation Consul (O.C.), die vom untergetauchten Hermann Ehrhardt geführt wurde.

Nach Normalisierung der Verhältnisse durchlief er die übliche Laufbahn eines Seeoffiziers.

Im Juni 1923 wurde Canaris Erster Offizier auf dem Kleinen Kreuzer „Berlin“ unter dem Kommando von Wilfried von Loewenfeld. Dort lernte er den Seekadetten Reinhard Heydrich kennen, welcher von Juli 1923 bis März 1924 ebenfalls an Bord war.

Canaris bei einer Inspektion der Eliteeinheit „Brandenburg“, er wird von Major Dr. Theodor von Hippel und Major Kewisch flankiert.

Anläßlich einer Studienreiste von Mai bis Oktober 1924 weilte Canaris in Japan. Seine Hauptaufgabe war die Anbahnung von engeren Beziehungen mit der japanischen Marine. So baute beispielweise die Kawasaki-Werft dann U-Boote nach deutschem Muster.

Im Herbst 1924 übernahm er ein Referat im Stab der Marineleitung im Reichswehrministerium Berlin, Am Tirpitzufer, spätere Zentrale der militärischen Abwehr. Schon hier ging es gewissermaßen um Geheimtätigkeit, denn er mußte unter Umgehung der Rüstungsbeschränkungen den Ausbau der deutschen Marine, besonders der U-Boot Flotte beaufsichtigen.

Im Juni 1928, nach vierjähriger Tätigkeit dort bekam Canaris ein Bordkomanndo als Erster Offizier auf dem Linienschiff „Schlesien“, wurde am 1. Juli 1929 zum Fregattenkapitän befördert und erhielt am 1. Oktober 1932 als Kapitän zur See das Kommando des Schiffs.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Ungarns Wehrminister in Berlin: Exellenz Bartha im Gespräch mit Generalmajor von Glaise-Horstenau und Admiral Canaris, gelegentlich eines ihm zu Ehren im Hotel Adlon gegebenen Empfanges, 23. Januar 1941

Im Jahr 1934 wurde ihm als "Ruhestands-Stelle" der Dienst als Festungskommandant von Swinemünde zugeteilt. Zur allgemeinen Überraschung wurde Canaris mit Jahresbeginn 1935 in die Reichshauptstadt berufen und als Konteradmiral als Nachfolger von Kapitän zur See Conrad Patzig „als begeisterter Nationalsozialist“ (Patzig) neuer Leiter der Abteilung Abwehr im Reichswehrministerium. Das Amt war nicht nur für Spionageabwehr sondern auch für geheime Nachrichtenbeschaffung im Ausland zuständig. Canaris verfügt über langjährige Kontakte zu einflußreichen Persönlichkeiten im Ausland was ihm nun zugute kam, da er nicht ausschließlich auf Informationen seiner Agenten im Ausland angewiesen war. Für diese ließ er z. B. Geräte wie Sender und Peilgeräte entwickeln die alle gegnerischen übertrafen. Am 1. April erfolgt seine Ernennung zum Vizeadmiral und zwei Monate danach wurde seine Behörde in Ausland/Abwehr (Geheimdienst) im Oberkommando der Wehrmacht umbenannt.

Ohne sich selbst konspirativ zu betätigen, duldet Canaris Widerstandsbestrebungen in den Reihen der Abwehr und unterstützt bereits im Herbst 1938 durch geheime Informationen den geplanten Staatsstreich der Generale Beck und Halder.

Wilhelm Canaris soll auch in einen Verräterkreis zur Erledigung des Hitlertreuen Marschall von Blomberg involviert gewesen sein, schreibt Heinz Roth in seinem Buch „Widerstand im Dritten Reich“:

Um nun die starke Kommandogewalt des Kriegsministers für einen den Verschwörern nahestehenden General zu usurpieren, beschloß man, ihn auszuschalten. Im Zusammenwirken mit der ,Zentralabteilung' der Abwehr — also Osters geheimem Nachrichtendienst, — legte Graf Helldorf, der schon mindestens seit 1933 in die Hände der Verschwörer geratene korrupte Polizeipräsident von Berlin, gefälschte Sittenkarte der Eva Gruhn vor. Der Erfolg entsprach zunächst den Erwartungen.

Canaris gilt als Erfinder des Judensterns in der Ausführung, wie er ab September 1939 in Polen und ab 1. September 1941 im Deutschen Reich und Teilen Europas von Juden zu tragen war.

In Verkennung der alliierten Kriegsabsichten und im naiven Glauben, der Krieg ginge alleine von der Person Hitler aus, versuchte Canaris dessen Vertraute im In- und Ausland vor einem Krieg zu warnen. Auf seinen Einfluß ist es wahrscheinlich zurückzuführen, daß der italienische Duce Benito Mussolini zunächst seine „nonbelligerenza“ erklärt und der spanische Caudillo Francisco Franco deutschen Truppen den Durchmarsch zur Eroberung Gibraltars verweigert, was den Krieg aller Voraussicht nach noch im Jahr 1941 beendet haben würde.

Canaris wurde zu einer Schlüsselfigur für die Verlängerung des Krieges, seine Ausweitung von einem europäischen zu einem globalen Konflikt, die Zerstörung des Deutschen Reiches, die Entmachtung Europas und den weltweiten Aufstieg des Kommunismus.

Als Leiter des militärischen Nachrichtendienstes Fremde Heere West rettete er zahlreiche Gegner des Nationalsozialismus wie Oberst Hans Oster, der die Termine für den Angriff gegen Niedelande, Belgien und Frankreich verraten hatte aus tödlicher Gefahr. Ebenso protegierte er Dietrich Bonhoeffer, Klaus Bonhoeffer, Hans von Dohnanyi und Erwin von Lahousen. Weiterhin soll er Juden geholfen haben den NS-Häschern zu entkommen, indem er sie als Abwehragenten ins Ausland beorderte.

Wegen Auseinandersetzungen mit der SS und dem RSHA wird die Abwehr am 12. Februar 1944 dem Reichsführer SS unterstellt.

Im April 1943 wurden die Diensträume durchsucht und Canaris abgesetzt. Der Admiral wurde der Marine unterstellt und stand zwischen Februar und Juni 1944 als Ehrenhäftling unter Hausarrest auf der abgelegenen Burg Lauenstein. Der Führer ernannte ihn am 1. Juli 1944 noch zum Chef des OKW-Sonderstabs für den Handelskrieg und wirtschaftliche Kampfmaßnahmen (HWK) in Eiche bei Potsdam.

Verhaftung, Verurteilung und Tod

Nach dem mißglücken Attentat auf Hitler im Juni 1944 war der innerlich gespaltene Canaris einer der ersten, die dem Führer ein Ergebenheitstelegramm mit seinen Glückwünschen sandte und wurde drei Tage danach als einer der Mitwisser des Putsches von SS-Brigadegeneral Walter Schellenberg festgenommen. Der Admiral wurde nach Fürstenberg gebracht und dort mit anderen hohen Offiziern, die man alle mit dem Anschlag in Verbindung bringt, unter Hausarrest gestellt; später werden sie in das Gefängnis der RSHA nach Berlin überführt.

Nachdem am 22. September 1944 in Zossen und im April des Folgejahres seine sorgfältig im Panzerschrank aufbewahrten privaten Tagebücher und weitere Dokumente entdeckt worden waren, wurde Canaris im KL Flossenbürg interniert.

Am 9. April 1945 wurde er dort, nach Verurteilung als Staatsfeind, im Morgengrauen hingerichtet.

Zitate

  • „An seinen Händen klebt das Blut von Millionen Menschen. Wenn jemals der Tucholsky-Satz ‚Soldaten sind Mörder‘ auf einen Soldaten zutraf, dann auf ihn.“ — Nikolas Dikigoros
Admiral Canaris (links) und Divisionsführer Oberst von Pfuhlstein (rechts) in der Generalfeldzeugmeister-Kaserne, Hauptquartier der Division „Brandenburg“ (in Brandenburg an der Havel), im Hintergrund Oberstleutnant Friedrich Wilhelm Heinz, April 1943.

Beförderungen

Auszeichnungen (Auszug)

O. E. Hasse spielte den Admiral in dem Spielfilm „Canaris“ (1954)

Literatur

  • Friedrich Lenz: „Der ekle Wurm der deutschen Zwietracht: Politische Probleme rund um den 20. Juli 1944“ Klappentext, HTML-Version, PDF-Datei
  • Wilfred von Oven: „Wilhelm Canaris, Der Admiral und seine Mitverantwortung am Verlauf des Krieges.“ DVG Deutsche Verlagsgesellschaft, Preußisch Oldendorf 2002, ISBN 978-3-92072266-5 (Klappentext und Bestellmöglichkeit)
  • Heinz Höhne: „Canaris, Patriot im Zwielicht.“ Goldmann Verlag, ISBN 978-3-44211196-1
  • Heinz Roth: „Widerstand im Dritten Reich“ (1976) (PDF-Datei)
  • Richard Bassett: „Hitlers Meisterspion. Das Rätsel Wilhelm Canaris“, Böhlau-Verlag Wien 2007, S. 182

Verweise

Filmbeiträge

Fußnoten

  1. 1,0 1,1 1,2 1,3 1,4 Reichswehrministerium (Hg.): Rangliste der Deutschen Reichsmarine, Mittler & Sohn, Berlin 1929, S. 42
  2. Juha E. Tetri: Kunniamerkkikirja. Ajatus, Helsinki 1994, ISBN 951-9440-23-2
  3. Wiljo E. Tuompo: Päiväkirjani päämajasta 1941–1944. WSOY, Porvoo/Helsinki 1968, ohne ISBN