Chamberlain, Houston Stewart

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Houston Stewart Chamberlain 1895

Houston Stewart Chamberlain (Lebensrune.png 9. September 1855 in Portsmouth, England; Todesrune.png 9. Januar 1927 in Bayreuth) war ein germanophiler englischer Schriftsteller und Rassentheoretiker, seit 1916 deutscher Staatsbürger und seit 1917 Mitglied der Deutschen Vaterlandspartei.

Leben und Wirken

Houston Stewart Chamberlain wurde in Portsmouth im Stadtteil Southsea geboren und entstammte einer wohlhabenden Adelsfamilie. Chamberlains Mutter starb bald nach seiner Geburt, wodurch der vielbeschäftigte Vater, Konteradmiral William Charles Chamberlain, die Verantwortung für die Erziehung der drei Söhne übernehmen mußte. Vater und Sohn blieben sich zeit ihres Lebens fremd, was vor allem daran lag, daß Chamberlain und seine Brüder die nächsten zehn Jahre in Versailles bei der Großmutter und der Tante verbrachten und ihren Vater kaum zu Gesicht bekamen. 1866 kehrte Chamberlain nach England zurück und wechselte auf Wunsch seines Vaters auf eine kleine englische Privatschule. Er erinnerte sich später mit Schrecken:

„Elende Unterkunft und Kost, die unfähigen, lieblosen, stockschwingenden Lehrkräfte, die entsetzlich rohen Buben, welche – grausam und feig – kein größeres Vergnügen kannten, als mich – den kleinsten und fremdesten – zu quälen.“

Erst im Herbst 1867 entkam er durch den Wechsel auf eines der großen englischen Colleges, das Cheltenham College, dieser geistigen wie körperlichen Marter. 1869 kehrte er aufgrund gesundheitlicher Probleme (diese führte er auf das ihm „unerträgliche Klima Englands“ zurück) nach Frankreich (die Mediziner empfahlen eine Kur in Bad Ems, die ein lebensentscheidendes Erlebnis bringen sollte) zurück und verbrachte zusammen mit seiner Tante Harriet Mary Chamberlain die nächsten neun Jahre auf Reisen durch Europa.

„War ich als Kind krank, so gab es für mich ein souveränes Beschwichtigungsmittel: die Hand der Tante, ruhte diese auf mir, ich konnte jede Beklemmung, jeden Schmerz

ertragen; mehr als einmal stand ich unter diesem Schutze, wie von Engels Fittichen umgeben, in vollem Frieden vor den Toren des Todes.“

Abstammung

Mit diesen Sätzen beginnt Chamberlain in seinen Lebenswegen den Abriß seiner eigenen Biographie:

„Mein Vater war Engländer, meine Mutter Schottin; es liegt also zunächst eine Mischung der zwei verschiedenen Völker aus Norden und Süden vor. Nur muß ich gleich hinzufügen, daß, während meine Mutter nachweisbar ganz rein südschottischer, also rein nordgermanischer, einheitlicher Rasse entsprungen ist, der väterliche Stamm in das normännische und angelsächsische Blut auch keltisches und anderes aus der nordischen Verwandtschaft hineingebracht hat.“

Sein Lieblingsonkel war Sir Neville Bowles Chamberlain, der von Königin Victoria zum Feldmarschall befördert wurde und Träger des Großkreuzes (GCB) des Bathordens war. Er war das jüngste von insgesamt vier Kindern: Seine Schwester war früh verstorben, seine zwei Brüder, Basil und Henry, waren fünf und drei Jahre älter als er. Basil, mit dem er sich ein Leben lang eng verbunden fühlte und einen regen Briefwechsel unterhielt, wurde später, gegen den Willen des Vaters, kein Offizier, sondern aufgrund seiner Neigungen zu Japan und zu dessen Kultur Professor für Literatur an der Universität Tokio. Henry ging, wie der Vater, zur Royal Navy und schlug erfolgreich die Offizierslaufbahn ein.

Bad Ems

Die Ärzte hatten zur Erholung auf dem Kontinent geraten, und so reiste Chamberlain mit seiner Tante im Juni 1870 nach Bad Ems. Es war sein erster Besuch in Deutschland, und der führte ihn direkt an einen Platz, wo die deutsche Gesellschaft einen ihrer glänzenden Auftrittsorte unterhielt. Hier entstand unweigerlich seine tiefe Liebe zu Deutschland und zum Deutschtum. In einem kleinen Essay beschrieb er im nachhinein das Kurleben des Ortes aus der Erinnerung:

„Frühmorgens 6 Uhr ertönte von der Kurmusik der übliche Choral; bis gegen 9 Uhr ging es am Brunnen lebhaft zu; dann leerte sich die Promenade zwischen Kurhaus und Kasino, um sich erst nachmittags zur Kaffeezeit von neuem auf zwei Stunden zu beleben; abends aber erreichte der Verkehr seinen Höhepunkt, denn da strömte alles zusammen, Patienten und Lebewelt; in dem promenadenartigen Kurgarten war nicht bloß häufig kein Stuhl übrig, sondern kaum mehr Platz zum Stehen und Gehen, und beim Kasino wogte die Menge ununterbrochen aus und ein.“

Zur selben Zeit, da Chamberlain in Bad Ems weilte, hielt sich auch der preußische König Wilhelm, der spätere deutsche Kaiser Wilhelm I., dort auf, und dessen Person machte auf den vierzehnjährigen Engländer einen nachhaltigen Eindruck: „Er war so vollendet schlicht, […] so bestrickend freundlich und so heilig ernst“, schreibt er im Rückblick, „das Ideal eines Monarchen“. Und er schildert, wie der König den ganz normalen Tagesablauf eines Kurgastes absolviert: morgens am Brunnen, nachmittags auf der Promenade, abends abseits im Kasino sitzend. Während des Tages zumeist in Zivil und nur von zwei Herren begleitet, abends in Uniform und dann in größerer Gesellschaft. Ein stets zurückhaltender Mann, ein Badegast unter Badegästen, von vollendeter Einfachheit. Diesem ihm sympathischen Verhalten des preußischen Königs stellt Chamberlain den Eindruck von Stärke und Kraft preußischer Soldaten beiseite: ein Infanterieregiment, das vor dem König paradiert, preußische Elitetruppen rufen bei ihm den Eindruck nie geahnter Kraft und jugendlicher Schönheit hervor und werden zu einem erschütternden, unvergeßlichen Eindruck. Später bewunderte er auf einer Reise über Mainz, Frankfurt und Heidelberg dort die Ulanenlager auf freiem Feld und die donnernden Kanonen bei Straßburg.

Aber auch die übrigen deutschen Gäste, das gesamte deutsche Umfeld innerhalb der internationalen Kur- und Badegesellschaft beeindrucken ihn nachhaltig. In den Lebenswegen schreibt er, er habe hier als junger Mann

„nicht ein philisterhaftes Deutschland, auch nicht ein Deutschland von Handlungsreisenden und Fabrikdirektoren, nicht einmal ein Deutschland von Phantasten und Professoren, am allerwenigsten ein Deutschland von schwatzseligen Parlamentariern und schwachen Ministern erlebt, sondern ein heroisches Deutschland, […] angeführt von unsterblichen Helden.“

Wirken

„Houston Stewart Chamberlain war ein bemerkenswerter Mann. Geboren in England, aufgewachsen in Frankreich, übergesiedelt nach Österreich und dann nach Deutschland, wuchs er in drei westliche Kulturen hinein und war in ihnen gleichermaßen sicher zu Hause. Englisch, Französisch und Deutsch waren seine ‚Muttersprachen‘, die er perfekt und in allen Nuancen beherrschte. Darüber hinaus las er Latein und Griechisch, auch Hebräisch, sprach Kroatisch, Slowenisch und konnte, zumindest auf einem leidlichen Niveau, noch einige weitere Sprachen, wie etwa Italienisch. [...] Zweifelsohne war er ein hoch gebildeter Privatgelehrter, zugleich aber auch eine schillernde und äußerst problematische Figur. Seine starke Wirkung auf große Teile des wilhelminischen Bildungsbürgertums verdankte er seinen Bemühungen und seiner Fähigkeit zur synthetischen Schau der Welt, ihrer Erklärung aus einigen wenigen Prinzipien, die im Umbruch der Werte und Strukturen des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts als Beschwörung ‚des Ganzen‘, als Entwurf einer holistischen Weltsicht sehr nachgefragt war. Wo die Einheit der Welt durch Pluralisierung und Individualisierung schon längst zerbrochen war, die Sehnsucht danach aber umso stärker, gab Chamberlain wissenschaftlich scheinbar gesicherte Antworten, die eine klare Orientierung versprachen.“[1]

Der Intellektuelle Chamberlain, der Friedrich Schiller verehrte, verfaßte zahlreiche populärwissenschaftliche Werke, unter anderem zu Richard Wagner, Immanuel Kant und Johann Wolfgang von Goethe mit pangermanischen und judenkritischen Einstellungen. Sein – in enthusiastischem Ton abgefaßtes – bekanntestes Werk ist „Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts“ (1899). Dieser als zweibändige Volksausgabe erschienene Großessay argumentiert lebhaft und verteidigt ein lutherisch-protestantisches Christentum gegen moderne Verfälschungen.

Chamberlain übte einen entscheidenden, nachhaltigen Einfluß aus auf jenen Teil der nationalen Rechten in verschiedenen Ländern, der energisch an der These festhielt, Jesus Christus sei Arier gewesen. Die Tatsache, daß der wirkliche Begründer des Christentums, Apostel Paulus, Jude war, wie auch die Tatsache, daß das erdrückende Übergewicht biblischer Schriften rein jüdisch ist, und ferner die Tatsache, daß die Evangelien jenen Jesus Christus stets als Mahner beschreiben, der vor allem das jüdische Gesetz wiederherstellen wollte, hat jene National-Christen seither und bis heute nie irritiert.

Houston Stewart Chamberlain verkündete, daß die „gesamte heutige Zivilisation und Kultur das Werk einer bestimmten Menschenart ist: des Germanen. Die sich an diese Beobachtung anschließende Forschung auf etlichen Gebieten wäre tiefer befruchtet und gesünder bestärkt worden, wenn sie eingedenk der unleugbaren Voraussetzung vorangetrieben worden wäre, daß die christliche Deutung der Wirklichkeit (und deren Normgerüst) in krassem Gegensatz zu jeder arischen Sittlichkeit steht.

Familie

Chamberlain ließ sich von seiner ersten Frau Anna Horst einvernehmlich scheiden. Er ging in der Villa Wahnfried ein und aus und ehelichte 1908 Eva Wagner, geb. von Bülow, die Tochter von Richard und Cosima Wagner.

Brief an Hitler im Jahr 1923

Quelle
Folgender Text ist eine Quellenwiedergabe. Unter Umständen können Rechtschreibfehler korrigiert oder kleinere inhaltliche Fehler kommentiert worden sein. Der Ursprung des Textes ist als Quellennachweis angegeben.

Bayreuth, den 7. Oktober 1923.

Sehr geehrter und lieber Herr Hitler.

    Sie haben alles Recht, diesen Überfall nicht zu erwarten, haben Sie doch mit eigenen Augen erlebt, wie schwer ich Worte auszusprechen vermag. Jedoch ich vermag dem Drange, einige Worte mit Ihnen zu sprechen, nicht zu widerstehen. Ich denke es mir aber ganz einseitig – d. h. ich erwarte keine Antwort von Ihnen.

    Es hat meine Gedanken beschäftigt, wieso gerade Sie, der Sie in so seltenem Grade ein Erwecker der Seelen aus Schlaf und Schlendrian sind, mir einen so langen erquickenden Schlaf neulich schenkten, wie ich einen ähnlichen nicht erlebt habe seit dem verhängnisvollen Augusttag 1914, wo das tückische Leiden mich befiel. Jetzt glaube ich einzusehen, daß dies grade Ihr Wesen bezeichnet und sozusagen umschließt: der wahre Erwecker ist zugleich Spender der Ruhe.

    Sie sind ja gar nicht, wie Sie mir geschildert worden sind, ein Fanatiker, vielmehr möchte ich Sie als den unmittelbaren Gegensatz eines Fanatikers bezeichnen. Der Fanatiker erhitzt die Köpfe, Sie erwärmen die Herzen. Der Fanatiker will überreden, Sie wollen überzeugen, nur überzeugen, – und darum gelingt es Ihnen auch; ja, ich möchte Sie ebenfalls für das Gegenteil eines Politikers – dieses Wort im landläufigen Sinne aufgefaßt – erklären, denn die Asche aller Politik ist die Parteiangehörigkeit, während bei Ihnen alle Parteien verschwinden, aufgezehrt von der Glut der Vaterlandsliebe. Es war, meine ich, das Unglück unseres großen Bismarck, daß er durch den Gang seines Schicksals – beileibe nicht durch angeborene Anlagen – ein bißchen zu sehr mit dem politischen Leben verwickelt ward. Möchte Ihnen dieses Los erspart bleiben!

    Sie haben Gewaltiges zu leisten vor sich, aber trotz Ihrer Willenskraft halte ich Sie nicht für einen Gewaltmenschen. Sie kennen Goethes Unterscheidung von Gewalt und Gewalt! Es gibt eine Gewalt, die aus Chaos stammt und zu Chaos hinführt, und es gibt eine Gewalt, deren Wesen es ist, Kosmos zu gestalten, und von  d i e s e r  sagte er: „Sie bildet regelnd jegliche Gestalt – und selbst im Großen ist es nicht Gewalt.“

    In solchem kosmosbildenden Sinne meine ich es, wenn ich Sie zu den auferbauenden, nicht zu den gewaltsamen Menschen gezählt wissen will.

    Ich frage mich immer, ob der Mangel an politischem Instinkt, der an den Deutschen so allgemein gerügt wird, nicht ein Symptom für eine viel tiefere staatsbildende Anlage ist. Des Deutschen Organisationstalent ist jedenfalls unübertroffen (siehe Kiautschou!), und seine wissenschaftliche Befähigung bleibt unerreicht: darauf habe ich meine Hoffnungen aufgebaut in meiner Schrift „Politische Ideale“. Das Ideal der Politik wäre,  k e i n e  zu haben. Aber diese Nicht-Politik müßte freimütig bekannt und mit Macht der Welt aufgedrungen werden. Nichts wird erreicht, solange das parlamentarische System herrscht; für dieses haben die Deutschen, weiß Gott, keinen Funken Talent! Sein Obwalten halte ich für das größte Unglück, es kann immer nur wieder und wieder in den Sumpf führen und alle Pläne für Gesundung und Hebung des Vaterlandes zu Fall bringen.

    Aber, ich weiche ab von meinem Thema, denn ich wollte nur von Ihnen sprechen. Daß Sie mir Ruhe gaben, liegt sehr viel an Ihrem Auge und an Ihren Handgebärden. Ihr Auge ist gleichsam mit Händen begabt, es erfaßt den Menschen und hält ihn fest, und es ist Ihnen eigentümlich, in jedem Augenblicke die Rede an einen Besonderen unter Ihren Zuhörern zu richten, – das bemerke ich als durchaus charakteristisch. Und was die Hände anbetrifft, sie sind so ausdrucksvoll in ihren Bewegungen, daß sie hierin mit Augen wetteifern. Solch ein Mann kann schon einem armen geplagten Geist Ruhe spenden!

    Und nun gar, wenn er dem Dienste des Vaterlandes gewidmet ist.

    Mein Glauben an das Deutschtum hat nicht einen Augenblick gewankt, jedoch hatte mein Hoffen – ich gestehe es – eine tiefe Ebbe erreicht. Sie haben den Zustand meiner Seele mit einem Schlage umgewandelt. Daß Deutschland in der Stunde seiner höchsten Not sich einen Hitler gebiert, das bezeugt sein Lebendigsein; desgleichen die Wirkungen, die von ihm ausgehen; denn diese zwei Dinge – die Persönlichkeit und ihre Wirkung – gehören zusammen. Daß der großartige Ludendorff sich offen Ihnen anschließt und sich zu der Bewegung bekennt, die von Ihnen ausgeht: welche herrliche Bestätigung!

      Ich durfte billig einschlafen und hätte auch nicht nötig gehabt, wieder zu erwachen. Gottes Schutz sei bei Ihnen!

Chamberlain Unterschrift.png


Mikrowellenopfer

Arthur Trebitsch war ein großer Verehrer Chamberlains. Als er von dessen Krankheit und den Symptomen erfuhr, nahm er an, daß dies auf elektromagnetische Bestrahlung zurückzuführen sei. Alle Überzeugungsversuche halfen jedoch nichts: Weder Chamberlain noch seine Frau noch seine Ärzte wollten dies als Ursache der Krankheit akzeptieren.[2]

Bildergalerie

Auszeichnungen und Ehrungen (Auszug)

  • Ehrenbürger der Stadt Bayreuth, 1922

Zitate über Chamberlain

  • „H. St. Chamberlains Fehler war, an das Christentum als eine geistige Welt zu glauben.“Adolf Hitler (1941)[4]

Schriften

Siehe auch

Literatur

  • Chamberlain, der Seher des Dritten Reiches. Das Vermächtnis Houston Stewart Chamberlains an das deutsche Volk, in einer Auslese aus seinen Werken, Verlag F. Bruckmann, 1934
  • Anna Horst Chamberlain: Meine Erinnerungen an Houston Stewart Chamberlain, Beck (1923)

Verweise

Fußnoten

  1. Udo Bermbach: Houston Stewart Chamberlain. Wagners Schwiegersohn – Hitlers Vordenker, Verlag J. B. Metzler (2015), ISBN 978-3-476-02565-4
  2. Vgl.: Arthur Trebitsch: Die Geschichte meines Verfolgungswahnes, Antaios-Verlag, Wien/Leipzig, 1923, Seite 152–155
  3. Arthur Trebitsch: Die Geschichte meines Verfolgungswahnes, Antaios-Verlag, Wien/Leipzig, 1923, Seite 152/153
  4. Henry Picker: Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier 1941–42, Athenäum-Verlag, Bonn 1951, Aufzeichnung zum 13.XII.1941 nachmittags (S. 349)