Deutsche Literatur

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Der Begriff „deutsche Literatur“ umfaßt im weitesten Sinne alles in deutscher Sprache Geschriebene; in diesem Sinne wird er jedoch nur für die Frühzeit der deutschen Literaturgeschichte verstanden, in der auch noch bescheidenste schriftliche Notizen von Interesse sind. Mit der Zunahme der literarischen Zeugnisse wird die Bedeutung des Begriffes mehr und mehr eingeschränkt auf die drei „klassischen“ Gattungen (Lyrik, Epik, Dramatik) schöngeistiger Literatur, auf Sprachkunstwerke, auf Dichtung.

Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert

Stichwort Deutsches Schrifttum aus: Der Neue Brockhaus. Allbuch in vier Bänden, 2. Aufl. 1941/42[1]

Quelle
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I. Frühgermanische Zeit (bis etwa 750).

Ein Sinnbild für den literarischen Genius der Deutschen und die Geschichte ihrer Literatur ist die Schöpfung und Behandlung der Faustsage – hier illustriert im Gemälde „Faust im Studierzimmer“[2]

Schon aus der Zeit der indogermanischen Gemeinschaft brachten die Germanen eine Reihe von Stoffen mit, z. B. die Sage von dem nur an einer Stelle verwundbaren Helden, ebenso bestimmte dichterische Gattungen (Zaubersprüche, Rätsel). Religiöse und weltliche Feiern wurden mit Gesängen und Tänzen begangen. Aus Tacitus’Germania“ wissen wir, daß die Germanen um 100 n. Chr. Lieder zu Ehren ihres Stammvaters Tuisto und seines Sohnes Mannus sowie des Herkules (Donar), auch Heldenlieder zum Preis des Arminius sangen. Das eigentlich germanische Heldenzeitalter ist die Zeit der Völkerwanderung. Bei den Goten erlebten Heldenlied und Heldensage, die allerdings nur mündlich verbreitet wurden, ihre erste Blüte. Gotische Fürsten (Theoderich d. Gr. und Ermanarich) und ihre Gegner (Odoaker und Attila) stehen in ihrem Mittelpunkt. Der westgotische Bischof Wulfila († 383) übertrug die Bibel ins Gotische. Verdienst der Franken ist die Ausbildung der Nibelungensage durch Verbindung der fränkischen Siegfriedgeschichte mit der burgundischen Gunthersage.[3]

II. Karolingisch-ottonische Zeit (etwa 750–1025).

Vereinzelt ragt noch altgermanisches Gut in die Karolingerzeit hinein, z. B. das um 750 aufgezeichnete Hildebrandslied und die Merseburger Zaubersprüche. An Karls Hof traf sich die gelehrte Welt; alte deutsche Heldenlieder wurden gesammelt. Durch Erlasse sorgte der König, daß den Deutschen die christlichen Lehren auch in deutscher Sprache zugänglich wurden. So veranlaßte er deutsches Prosaschrifttum: deutsche Gebete, Tauf- und Beichtformeln, auch größere theologische Übersetzungen (Monseer Bruchstücke, Abhandlung des Bischofs Isidor). In stabreimenden Versen ist das Wessobrunner Gebet abgefaßt, ein Gemisch von altgermanischen und christlichen Formeln. Unter Ludwig dem Frommen, der aus kirchlichem Eifer die von seinem Vater angelegte Sammlung germanischer Heldenlieder vernichtete,[4] entstand auf niederdeutschem Sprachgebiet in stabreimenden Versen der Heliand, eine Evangelienharmonie, in der Christus wie ein germanischer Volkskönig dargestellt ist. Um 870 folgte im Süden die Evangelienharmonie des Weißenburger Mönchs Otfried; die stabreimende Langzeile ist darin durch das Reimpaar (2 vierhebige, endreimende Kurzzeilen) abgelöst. Noch einmal taucht der germanische Stabreimvers im Muspilli auf (um 880 aufgezeichnet), das den Kampf des Elias mit dem Antichrist schildert. Das Ludwigslied (881) ist in Reimversen abgefaßt.

Den glänzenden politischen Aufschwung des Reichs unter den Ottonen begleitete schnelles Wachstum der weltl. Bildung und üppige Lebenslust. Die Sprache des Schrifttums ist fast durchweg lateinisch; doch wissen wir, daß deutscher Volkssang sich mit der Heldensage beschäftigte. Geschätzt war die Tierfabel (Tiergedicht Ecbasis). In St. Gallen dichtete der Mönch Ekkehart I. 925 in lat. Hexametern das Heldengedicht Waltharius; im Kloster Gandersheim schrieb die Nonne Roswitha lat. Schauspiele. Um 1025 verfaßte ein Tegernseer Mönch das lat. Rittergedicht „Ruodlieb“. Mönche der Benediktinerabtei St. Gallen waren der Geschichtschreiber, Musiker und Sequenzdichter Notker I. Balbulus († 912) und Notker III. Labeo oder Teutonicus († 1022), der zuerst die deutsche Sprache zur Behandlung wissenschaftlicher Gegenstände verwendet hat. Gegen 1050 dichtete ein Notker sein düsteres Memento mori.

III. Die ritterliche Dichtung und ihre Vorbereitung (1025 bis etwa 1300).

Am Beginn der Zeit stehen zahlreiche geistliche Dichtungen („Genesis“, „Exodus“, „Ezzos Gesang von den Wundern Christi“), ferner Willirams „Paraphrase des Hohen Liedes“ in Prosa (um 1060), der Merigarto, eine Art zeitgenössischer Erdbeschreibung in Sagversen (um 1050). Seit etwa 1100 wirkte die franz. Theologie nach Deutschland, so auf die Dichtungen der Frau Ava († 1127) und auf das Gedicht von der „Siebenzahl“ des Priesters Arnoldt. Mehr und mehr drängte Sündenklage und Bußpredigt alle anderen Stoffe zurück („Credo“ des Armen Hartmann, Sittengemälde des Satirikers Heinrich von Melk, um 1160). Erst allmählich verstärkte sich wieder die weltliche Richtung. Der Pfaffe Lamprecht schilderte die Wunderfahrten Alexanders d. Gr. (um 1125) der Pfaffe Konrad in Regensburg übertrug das franz. Nationalepos, das „Rolandslied“ (um 1130), und verfaßte die Kaiserchronik (um 1150), in der er auch das nach 1105 von einem mittelfränkischen Geistlichen geschriebene Annolied (Weltgeschichte und Lobdichtung auf den hl. Anno) verarbeitete. Alte Sagen wurden im Geschmack der Kreuzzugsgeschichten aufgeputzt (König Rother, Herzog Ernst) und sogar Legenden in übertreibenden Spielmannston herabgezogen (Orendel, Oswald). Um 1170 brachte Heinrich der Glichezaere die Tiersage von Reinhart Fuchs erstmalig in deutsche Verse. Wandernde Kleriker schufen lat. Trink- und Liebeslieder (Carmina Burana). Zu diesen Kreisen gehörte auch der berühmte Archipoeta; ihnen entstammte ferner das lat. Spiel vom Antichrist (um 1155).

Ende des 12. Jahrh. ist das Rittertum als geistige Macht da und übernimmt die Führung. Die deutsche Dichtung hat erst nach Jahrhunderten wieder eine derart hohe Vollendung der Form erreicht wie in dieser ersten Blütezeit. Zarte lyrische Töne erklangen in Österreich und Bayern(Kürenberger, Dietmar von Aist, Burggraf von Regensburg); nach Mitteldeutschland gehört das Gedicht vom Grafen Rudolf; Eilhart von Oberge brachte den Stoff von Tristan und Isolde in deutsche Verse. Der erste ganz Große ist Heinrich von Veldeke, aus der Gegend von Maastricht, der um 1180 seine Verserzählung „Eneit“ schrieb; er schuf die neue strenge Vers- und Reimtechnik.

Auf Veldekes sprachlichen und metrischen Errungenschaften baut die große mittelhochdeutsche Dichtung der Jahrzehnte 1200–1220 auf. Das Epos fand überragende Vertreter: die Ritterepen „Erec“ und „Iwein“ von Hartmann von Aue und seine religiösen Legenden „Der arme Heinrich“ und „Gregorius“ zeigen den Zwiespalt tiefen religiösen Empfindens mit der neuen Weltfreude, Gottfried von Straßburg besang in „Tristan und Isolde“ Größe und Tragik menschlicher Leidenschaft; Wolfram von Eschenbach hat im „Parzival“ und „Willehalm“ religiöses und germanisch-ritterliches Empfinden im Tiefsten vereinigt. Diese deutsche ritterliche Ependichtung übernahm zwar französische Stoffe und keltische in franz. Fassungen (Artusromane), gab ihnen aber einen durchaus deutschen Gehalt. Zu den größten Taten dieser Dichtung gehört die Wiedererweckung germanischen Heldensangs in den Epen von den Nibelungen und der Gudrun. Der → Minnesang, der um 1190 durch Reinmar von Hagenau zur formvollendeten Liebesklage ausgebildet worden war, erlebte in Walther von der Vogelweide durch die Verbindung strenger ritterlicher Form mit volkstümlichen Liedelementen seine Höhe, ebenso die politische Spruchdichtung, die durch Walther zur schärfsten geistigen Waffe des Kaisertums in seinem Kampf mit dem Papsttum wurde. Die Mittelpunkte dieses reichen geistigen Lebens waren der Hof der Babenberger in Wien und der gastfreie Hof Hermanns I. von Thüringen auf der Wartburg, dem noch um 1250 im Gedicht vom Wartburgkrieg ein Denkmal gesetzt wurde.

Als Ulrich von Liechtenstein um 1255 seinen „Frauendienst“ schrieb, wirkte sein Werk bereits als Zerrbild dessen, was 50 Jahre vorher das deutsche Rittertum bedeutet hat. Mehr und mehr traten an Stelle der adligen Dichter die bürgerlichen Meister; am wenigsten noch im eigentl. Minnesang. Ihm diente in der ersten Hälfte des 13. Jahrh. vor allem ein Kreis von Männern um Heinrich, den Sohn Friedrich II. (Burkart von Hohenvels, Ulrich von Winterstetten, Gottfried von Neifen). Daneben regte sich in dem Fahrenden Tannhäuser der alte Geist der Vaganten; der Bayer Neidhart von Reuental (um 1250) schilderte in Tanzliedern bäuerliche Liebesszenen und Prügeleien. Einziger adliger Vertreter der Spruchdichtung war nach Walther der nüchterne Reinmar von Zweter. Höfische Zucht lehrten in Reimen der bayr. Ritter Der Windbeke und der Franke Thomasin von Zerkläre (1215). Freidank, der Verfasser der „Bescheidenheit“ (um 1229), einer Art Laienbibel, war Bürgerlicher. Selbst der Epik blieben die Meister nicht fern. Schon Gottfried von Straßburg war nicht ritterlicher Herkunft. Immerhin blieb diese Gattung noch lange Hauptgebiet ritterlicher Dichtung (der „Wigalois“ des Wirnt von Grafenberg, der „Lanzelot“ des Ulrich von Zatzikhoven). Unvollendete Epen der Blütezeit wurden fortgesetzt (Ulrich von Türheim, Heinrich von Freiberg): die alten Abenteuer wurden durch Neuerfindungen angeschwellt (Heinrich von dem Türlin, der Pleier). Im Ordenslande entstanden um 1300 große Legendensammlungen („Passional“, „Väterbuch“). Legenden und sagenhafte Stoffe bearbeiteten auch die beiden bedeutendsten Epiker der Zeit nach 1220, Rudolf von Ems († um 1252) und der bürgerliche Konrad von Würzburg († 1287). Das Epos wurde indes, schon bei Konrad von Würzburg, immer mehr durch die kurze, ernste oder schwankhafte Verserzählung verdrängt. Der Österreicher Stricker schuf schon in der ersten Hälfte des 13. Jahrh. die Gattung der Bispel (lehrhafte Gleichnisse). Ein Bayer, Wernher der Gartenaere, gab im „Meier Helmbrecht“ (zwischen 1283 und 1299) ein packendes Zeitgemälde. In dem unbekannten Verfasser des „Seifried Helbling“ erstand ein Satiriker von erstaunlicher Kraft. Anspruchsvolle, aber dürftige Gelehrsamkeit wucherte üppig empor (Lieder und Sprüche von Heinrich Frauenlob von Meißen, † 1318). Ein beliebtes Lehrgedicht war Hugo von Trimbergs „Renner“ (um 1300).

Der deutschen Norden wurde im 13. Jahrh. maßgebend für die Entstehung der deutschen Prosa. Schon um 1230 verfaßte der Schöffe Eike von Repgow das erste Rechtsbuch, den „Sachsenspiegel“. Etwa gleichzeitig wurde das erste prosaische Geschichtswerk, die „Sächs. Weltchronik“, verfaßt. Der Süden ging in der Prosapredigt voran (Bertold von Regensburg, † 1272). Auch die großen Mystiker wie Meister Eckart († 1327) schrieben hochdeutsch. – Nachdem im 11. und 12. Jahrh. das lat. Drama entstanden war (Tegernseer Antichrist), wird im 13. Jahrh. das deutsche Drama geschaffen, als dessen erstes Beispiel das Osterspiel von Muri (Anfang 13. Jahrh.) erhalten ist.

IV. Die Zeit des erwachenden Bürgertums (1300–1500).

Zu Beginn des 14. Jahrh. hatte die ritterliche Dichtung ihre Vorherrschaft eingebüßt. Die Stoffe des ritterlichen Epos lebten jedoch weiter. Die Lyrik hatte ihre stärksten Vertreter in den beiden Rittern Hugo von Montfort († 1423) und Oswald von Wolkenstein († 1445). Der Verfasser des bedeutenden satirischen Epos „Der Ring“, der Schweizer Heinrich von Wittenweiler, stammt aus verstädtertem Adelsgeschlecht. Das Bürgertum strebte nach Wirklichkeitserfassung und gelehrter Bewältigung der Weltfragen. Novelle und Schwank werden gesuchter Lesestoff. Der Zug zum Lehrhaften bekundete sich in vielen allegorischen Gedichten (Hadamars von Laber Minnegedicht „Die Jagd“), in der Wappen- und Heroldsdichtung (Peter Suchenwirt), in der Spruchdichtung (Muskatsblut, um 1430) und vor allem im Meistersang (→ Meistersinger). Auf den Trümmern des Minnegesangs erblühte das Volkslied. Das Volksdrama entwickelte sich als deutsches geistliches Drama und als weltliches Fastnachtspiel (Hans Rosenblut, Hans Folz). So gewinnt die Volksdichtung große, die wirtschaftliche Blüte des ausgehenden Mittelalters widerspiegelnde Bedeutung. Die deutsche Prosa wurde bereichert durch die Schriften der Mystiker (Eckart, Tauler, Suso) und gegen Ende des 15. Jahrh. durch den volkstümlichen Roman, an dessen Entwicklung die fürstlichen Frauen Elisabeth von Nassau-Saarbrücken und Eleonore von Österreich durch ihre Übersetzertätigkeit aus dem Französischen mitarbeiteten. Um die Mitte des 14. Jahrh. setzte in Böhmen eine frühe Strömung des Humanismus ein, die von Kaiser Karl IV. und seinem Kanzler Johann von Neumarkt getragen wurde; aus dieser Bewegung erwuchs 1400 das Meisterwerk frühneuhochdeutscher Prosa „Der Ackermann aus Böhmen“ des Johann von Saaz. Fruchtbar für die Prosa ist auch der in der 2. Hälfte des 15. Jahrh. um den Rottenburger Hof der Gräfin Mechthild von Württemberg sich bildende Kreis humanistischer Übersetzer (Heinr. Steinhöwel, Niklas von Wyle, Anton v. Pforr, Albrecht von Eyb). Ende des 15. Jahrh. entstand noch einmal eine Art adliger Dichtung („Teuerdank“ Kaiser Maximilians).

V. Die Zeit des Humanismus und der bürgerlichen Dichtung im 16. Jahrh.

Der schon im 14. und 15. Jahrh. mächtige religiöse Trieb ergriff nun das ganze deutsche Volk. Humanismus und Reformation waren die Mächte der Zeit. Die innere Erregung verhinderte die Ausbildung festgeschlossener Formen. Den älteren, noch etwas zaghafteren Vertretern des Humanismus wie Sebastian Brant und Wimpheling folgte ein jüngeres Geschlecht, das sich angriffslustig gegen das mittelalterliche Bildungswesen wandte (lat. „Dunkelmännerbriefe“). Unter den dramatischen Versuchen der Humanisten ragt Reuchlins lat. Schauspiel „Henno“ (1498) hervor.

Den Inhalt des deutschen Schrifttums im 16. Jahrh. hat zu einem guten Teil Luther bestimmt. Zwei seiner größten Taten sind seine Bibelübersetzung und die Schaffung des evang. Kirchenliedes. Auch Ulrich von Hutten schloß sich bald an Luther an und setzte, zuerst in lateinischen Dialogen, dann in deutschen Dichtungen, den Kampf gegen Rom bis zu seinem Tode fort. Gegen Luther wendete sich Thomas Murner in seiner Satire „Vom großen luth. Narren“. Die reformatorischen Flugschriften bedienten sich meist der Prosa. Die deutsche Prosa entfaltete sich daneben in den → Volksbüchern und in den Schwanksammlungen von Pauli, Wickram, Kirchhoff u. a. Einige Schwanksammlungen verdichteten sich zu eigentlichen Volksromanen: Till Eulenspiegel (gedruckt 1515), Faust (1587), Die Schildbürger (1597/98). Jörg Wickram von Colmar versuchte die ersten selbständigen Familienromane zu schaffen.

Das beliebteste Versmaß waren die Reimpaare (später verächtlich Knittelverse genannt). Sebastian Brant zeigte 1494 in seinem „Narrenschiff“ eine satirische Schau über Torheiten und Laster. Kaspar Scheidt gab auf Grund eines lateinischen Gedichtes Dedekinds in seinem „Grobianus“[5] (1551) in Reimpaaren eine höhnische Sittenlehre. Auch die Fabel (Burkard Waldis, Erasmus Alberus) bediente sich der Reimpaare. Die hervorragendste Leistung auf dem Gebiet der Tierdichtung ist der niederdeutsche „Reinke de Vos“ (1498); ein Jahrhundert später schuf Georg Rollenhagen sein Tierepos „Froschmäuseler“ (1595). In der Gattung der kleinen schwankartigen Erzählungen in Reimpaaren tat sich besonders Hans Sachs hervor. Er war zugleich der hervorragendste Vertreter des Meistergesanges, der im Laufe des Zeitalters erstarrte und gegen Ende des 16. Jahrh. abstarb. Das Volkslied wurde seit etwa 1550 immer nüchterner und ging schließlich in das Gesellschaftslied über. Unter den Dichtern evang. Kirchenlieder ragen hervor Nik. Hermann († 1561), Nik. Selnecker († 1592).

Im Schauspiel überwiegen die biblischen Stoffe. Lateinische Schauspiele verfaßten bes. Thomas Naogeorg und Nikodemus Frischlin, deutsche Schauspiele Burkart Waldis, Paul Rebhuhn, Hayneccius, Thiebold Gart. Eine besondere Abart bildete das namentlich in Nürnberg blühende Fastnachtspiel (Hans Sachs). Durch Pamphilus Gengenbach wurde es nach der Schweiz übertragen und dort durch Niklaus Manuel († 1530) zu starker Wirkung erhoben. Auch im Schauspiel wurden fast ausnahmslos die Reimpaare verwendet. Erst gegen Ende des Jahrhunderts führten die engl. Komödianten die Prosa ein. Ihre Weise wurde durch Herzog Heinrich Julius von Braunschweig nachgeahmt († 1613); auch der Nürnberger Jak. Ayrer († 1605) ist von ihnen beeinflußt. In der vielseitigen Tätigkeit des kalvinistischen Juristen Joh. Fischart († 1590) aus Straßburg gelangten noch einmal alle Vorzüge und Mängel des Zeitalters zur Erscheinung: Stoffreichtum, Sprachgewalt, derber Witz, aber auch die Unfähigkeit, einem Gegenstand die künstlerisch befriedigende Form zu verleihen. Das Ende des Jahrhunderts zeigte den Sieg der theologischen und philologischen Gelehrsamkeit über die alte volkstümliche Dichtart und Lebenshaltung.

VI. Vom Beginn des 17. Jahrh. bis 1748. Barock und Aufklärung.

Nach einer Hebung der sprachlich-metrischen Form strebten Theobald Höck, der als lat. Dichter geschätzte Paul Melissus, der Schwabe Georg Rudolf Weckherlin, sowie ein um Zincgref gescharter Heidelberger Dichterkreis. Der Schlesier Martin Opitz (1597–1639) stellte 1624 in seinem „Buch von der deutschen Poeterei“ die entscheidenden Vorschriften für die Kunstübung des 17. Jahrh. fest und schuf zugleich Muster der neuen Dichtart (Erste Schlesische Schule). Seit Opitz wird der Alexandriner bis etwa 1748 der beherrschende Vers. Das Streben nach Hebung der Sprache führte zur Gründung von Sprachgesellschaften (Fruchtbringende Gesellschaft in Weimar, Deutschgesinnte Genossenschaft in Hamburg u. a.). Das holländische, französische und italienische Schrifttum wurde für die Dichtung des 17. Jahrh. vorbildlich. Von solchen Einflüssen zeugt namentlich die deutsche Lyrik; tiefere Töne fand der Sachse Paul Flemming († 1640), auch der Ostpreuße Simon Dach († 1659). Vertreter des Gesellschaftsliedes waren die sächs. Dichter Finckelthaus, Schirmer und Schoch, ferner Georg Greflinger, Jak. Schwiger und Kaspar Stieler († 1707). Überhaupt ist ein großer Teil der Dichtung dieser Zeit Gesellschaftsdichtung, äußerliches Spiel mit Worten, Bildern und Formen; hierher zählt die Dichtung der Nürnberger Pegnitzschäfer (Harsdörfer, Klaj, Birken). Daneben gab es aber auch eine Dichtung, die aus tiefer religiöser Erschütterung heraus nach immer neuen barocken Bildern und Gleichnissen für den Gegensatz von Zeit und Ewigkeit, Endlichkeit und Unendlichkeit, Welt und Gott suchte (Fr. v. Spee, † 1635, Joh. Scheffler, † 1677, Andreas Gryphius, † 1664). Das Kirchenlied des 17. Jahrh. (Joh. Rist, Neander, Teerstegen, Arnold) erreicht mit Paul Gerhardt († 1676) den Höhepunkt.

Das Schauspiel wurde durch deutsche Wandertruppen gepflegt, die um 1650 an die Stelle der englischen Komödianten getreten waren; sie führten Schaustücke geschichtl. Inhalts, „Haupt- und Staatsaktionen“, auf. Diesem Drama trat das kunstmäßige Schauspiel gegenüber, Alexandrinerstücke nach fremdem Muster. Der einzige bedeutende Vertreter dieses Renaissancedramas ist Andreas Gryphius (1616–64). Das lat. Schauspiel wurde bes. auf den Jesuitentheatern in prunkhaftem Barockstil gepflegt (Jakob Bidermann). Neben dem von England herübergekommenen Singspiel breitete sich im 17. Jahrh. die aus Italien stammende Oper aus.

Gegen das Nachäffen des Fremden wandten sich die Sinngedichte Friedrich von Logaus, Moscheroschs „Wunderliche Gesichte Philanders von Sittewald“ (1642), die kernigen „Scherzgedichte“ (1652) Laurembergs. In der gleichen Richtung bewegten sich die satir. Schriften des Hamburger Predigers Schuppius; in etwas späterer Zeit geißelte Abraham a Sancta Clara († 1709) Laster und Torheiten seiner Tage. Ein packendes Bild der Zeit boten die wuchtigen, wirklichkeitsnahen „simplizianischen Schriften“ Hans Christoffels von Grimmelshausen (seit 1669). Dem Geschmack am Schäferroman huldigte Zesen in seiner „Adriatischen Rosemund“ (1645). Die allgem. Neigung galt den dickleibigen Staats-, Helden- und Liebesroman von Buchholz, Lohenstein, Anton Ulrich von Braunschweig, Anselm Ziegler und Kliphausen. Die Aufschneidereien der Reiseromane verhöhnte Christian Reuter in seinem „Schelmuffski“ (1696). Unter den Nachahmungen des „Robinson“ ist besonders J. G. Schnabels „Insel Felsenburg“ (1731) zu nennen. Seit der Mitte des Jahrhunderts führte die barocke Freude am bildhaften, verschnörkelten Ausdruck zu immer stärkeren Übertreibungen. Ihren Höhepunkt erreichten diese in der Zweiten Schlesischen Schule, besonders in Hofmann von Hofmannswaldau († 1679) und Kasper von Lohenstein († 1683).

Um die Wende des 17. und 18. Jahrh. trat an die Stelle des Schwulstes klare Verständigkeit. Das entsprach der immer stärker vordringenden Aufklärung. Christian Weise (1642–1708) benutzte die Dichtung, um seine Schüler zu weltgewandten Menschen zu erziehen; neben ihm sind die Hofdichter Canitz, Besser, Neukirch und der begabte Epigrammatiker Christian Wernicke zu nennen. Die im Barockzeitalter erfolgte Belebung der Sprache und Einbildungskraft wirkte etwas nach bei dem Hamburger Barth. Heinr. Brockes († 1747), bes. aber in den leidenschaftlichen Liedern Christian Günthers († 1723). Gedankentief, lehrhaft sind die Gedichte von Albrecht von Haller (1708–77), weltmännsich, beweglich die Lieder, Fabeln und Erzählungen von Friedrich von Hagedorn (1708–54). Wein und Liebe priesen die Anakreontiker (Gleim, Uz, Götz). Hauptvertreter der Aufklärung wurde Joh. Christoph Gottsched (1700–66), der das Schrifttum in die Bahnen einer zahmen Regelmäßigkeit zu lenken suchte. An die Stelle der Haupt- und Staatsaktionen sollte ein regelmäßiges Schauspiel, im wesentlichen nach franz. Muster, treten (Gottscheds „Sterbender Cato“, Lustspiele seiner Gattin, Schauspiele J. E. Schlegels und Cronegks). Gottscheds Bestrebungen wurden durch die von seinem Schüler Schwabe geleiteten „Belustigungen des Verstandes und Witzes“ vertreten. Mitarbeiter dieser Zeitschrift waren der Verfasser komischer Verserzählungen Zachariä, der witzige Spötter Rabener, der geistreiche Sinnspruchdichter Kästner und Gellert, der gelesenste Dichter der Zeit (1715–69, Fabeln und Erzählungen, Kirchenlieder). Die beherrschende Stellung Gottscheds wurde bald erschüttert durch seinen Streit mit den Schweizern Bodmer und Breitinger. Während Gottsched das Wunderbare in der Dichtung ausmerzen wollte, erklärten die Schweizer seine Verwendung für berechtigt. Zachariä, Rabener, Gellert trennten sich jetzt von Gottsched und gründeten die „Bremer Beiträge“ (1744); nur Christian Felix Weiße (1726–1804) wandelte in seinen ernsten Schauspielen noch ganz in Gottscheds Bahnen und gewann durch seine von Hiller vertonten Singspiele und seine Kinderschriften einiges Ansehen.

VII. Das Zeitalter Goethes (klassisch-romantische Zeit, 1749–1832).

1) Die Klassiker und ihre Zeitgenossen.

In dem Zeitabschnitt, der von der Geburt bis zum Tode Goethes reicht, gelangte das deutsche Schrifttum zur geistigen Führung in Europa. Den Aufstieg begann Klopstock (1724–1803), der mit seinem „Messias“ (1748–73) und seinen „Oden“ (1771) eine neue Dichtersprache von höchstem Schwung schuf; seine Hermannschauspiele trugen, zusammen mit der Bardendichtung von Gerstenberg, K. Kretschmann, Michael Denis, zur Stärkung deutschen Nationalgefühls bei. Dieses wurde ganz besonders durch Friedrichs d. Gr. militärische Erfolge gefördert, die auch in der Dichtung mannhaften kriegerischen Geist weckten; der Hauptvertreter der tändelnden Dichtung, Ludwig Gleim, sang jetzt „Preuß. Kriegslieder von einem Grenadier“ (1758), und der in seinem „Frühling“ (1749) naturschwelgende preuß. Offizier Ewald v. Kleist schrieb das kleine heldische Epos „Cissides und Paches“. Klopstocknachahmer war Ramler. Gotthold Ephraim Lessing (1729–81), in dem die deutsche Aufklärung ihren Höhepunkt erreichte, gestaltete die deutsche Prosa neu als wirksames Werkzeug seiner schöpferischen Kritik. Seine Bühnenwerke waren die ersten in Deutschland, die wahre Charaktere boten. Wielands Verserzählungen („Oberon“, 1780) sind die reinste Verwirklichung des Rokokogeistes in deutscher Sprache; ernster sind seine Romane („Agathon“, 1766). Der Einfluß von Richardson, dem Schöpfer des empfindsamen bürgerl. Romans, herrschte von Gellerts „Schwed. Gräfin“ (1747) bis zur „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“ (1771) der Sophie von Laroche; daneben wirkten Fielding und Lawrence Sterne auf das deutsche Schrifttum ein. Von diesen Mustern bestimmt sind die Romane von Hermes, Knigge, Schummel, Musäus, der auch vielgelesene Volksmärchen (1782–86) herausgab, Nikolai, J. K. Wetzel, J. G. Müller. Hauptführer der den nüchternen Geist der Aufklärung weitervertretenden Gruppen wurde der alternde Nikolai (1733–1811), der alle eigenwilligen Neuschöpfungen mit verständnisloser Kritik verfolgte.

Der entscheidende Einbruch des Gefühls und der Leidenschaft in die Dichtung erfolgte durch die Bewegung des Sturms und Drangs. Die auf Regeln und Vernunftgründen erbaute Aufklärung machte einer neuen Aufgeschlossenheit für Persönlichkeit und Eigenart Platz. Das Schauspiel von Friedrich Maxim. Klinger „Sturm und Drang“ (1776) hat der Bewegung den Namen gegeben. Das erste Sturm-und-Drang-Schauspiel war das Trauerspiel „Ugolino“ von Gerstenberg (1768). Der Geist der neuen Bewegung sprach aus den Schriften Hamanns, gelangte aber zur rechten Wirkung erst durch Herder (1744–1803), den geschichtlicher Sinn und liebevolles Verständnis für das geheimnisvolle Weben der Volksseele befähigten, sich in die Dichtung aller Zeiten und Völker einzufühlen. Goethe verwirklichte, was Herder vorschwebte: eine aus dem innersten Herzen geborene Erlebnis- und Bekenntnisdichtung, so bes. in den Straßburger Liebesliedern, in dem Schauspiel „Götz von Berlichingen“ (1773),[6] in dem Briefroman „Leiden des jungen Werthers“ (1774).

F. M. Klinger, J. M. R. Lenz und H. L. Wagner übertrieben die Verherrlichung der „Kraftkerls“ und die Shakespearebegeisterung. Wilh. Heinse übertrug Wielands Sinnenfreude aus dem schwülen Treibhaus der Rokokokultur in die freie Natur. Die Schauspieldichter Leisewitz stand jenen Göttinger Studenten nahe, die sich, durch Klopstock begeistert, seit 1772 zu einem Dichterbund, dem Göttinger „Hain“, zusammentaten; sie verfaßten durch feines Naturgefühl ausgezeichnete Gedichte, unter denen bes. die Höltys hervorragen. J. H. Voß (1751–1826), durch seine Homerübersetzung (1781) berühmt, hat mit Friedr. Müller die Idylle aus Geßners schäferlichem Nirgendwo ins wirkliche Leben zurückgeführt. G. A. Bürger (1747–94) erhob die Ballade zu hoher künstlerischer Vollendung. Meister des schlichten Liedes war Matthias Claudius (1740–1815). Den Volkston traf auch der Schwabe Schubart. Im äußersten Süden wirkte der Mystiker des Sturms und Drangs, der Schweizer Lavater, dem in der Gemütsanlage Jung-Stilling nahesteht, Verfasser einer ausgezeichneten Selbstdarstellung. Kenntnis von den innern Kämpfen dieser Generation gibt K. Ph. Moritz’ Roman „Anton Reiser“ (1785–90). Die zeitlich letzten, dichterisch kräftigsten Schöpfungen dieser Richtung sind Schillers ungestüme Jugenddramen. Eine Gefühlsphilosophie im Geist des Sturms und Drangs lehrte F. H. Jacobi.

In der Klassik versöhnten sich die feindlichen Mächte Vernunft und Gefühl. Es kam zur Wiederanerkennung der seit Rousseau bekämpften Kultur durch den Gedanken einer auf Selbstvollendung des Menschen hinzielenden Sittlichkeit. Darin gipfelten Herders „Ideen zu einer Philosophie der Geschichte der Menschheit“ (1784–91); in Goethes „Iphigenie“, „Tasso“,[7] „Hermann und Dorothea“ klärte sich der stürmerische Geist seiner Jugendwerke zur ehrfürchtigen Bejahung von Sitte, Sittlichkeit und sozialer Ordnung; „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ (1795/96) liefern ein getreues Beispiel solchen Entwicklungsgangs. Auch in Schillers Meisterwerken ist die lebendige Fülle und ungeregelte Freiheit des Sturm-und Drang-Dramas zu neuer, innerer Gesetzmäßigkeit und ideeller Einheit geläutert; Schiller (1759–1805) hat mit ihnen ein den großen Beispielen des Weltschrifttums ebenbürtiges, von heldisch-sittlichem Geiste getragenes deutsches Schauspiel geschaffen. Der Freundschaftsbund Goethes und Schillers, der sich in gemeinsamem Werk („Horen“, 1795–97; „Musenalmanach“, 1796–1800) und Kampf („Xenien“) nach außen kundgab, bezeichnet den Gipfel der deutschen Klassik, die im Weimar des Herzogs Karl August sich glanzvoll entfaltete. Auf der Bühne herrschten freilich damals weniger die Werke Goethes und Schillers als das Ritterschauspiel von Babo, Törring, Weidmann, das Rührstück der Schauspieler F. L. Schröder und Iffland, die Werke Kotzebues. Lesestoff boten die Ritter- und Räuberromane von Spieß, Cramer, Vulpius. Bedeutendster Vertreter des volkstümlichen philos. Romans war Th. G. Hippel. Ziemlich gleichzeitig mit Schiller war Jean Paul (1763–1825) mit seinen bildüberladenen, zugleich humorvollen und gefühlsseligen Romanen und Idyllen hervorgetreten; sie sind Ausdruck des unerschöpflichen Reichtums deutschen Seelenlebens.

2) Die Romantiker.

Während Goethe und Schiller den letzten Fragen des Seins gegenüber bewußt Zurückhaltung übten, verloren sich die Romantiker tief in die philos. Betrachtung. Hatte die Klassik Maß und Ordnung aus künstlerischen und sittlichen Gründen gerechtfertigt, so vermischte nun romantische Sehnsucht alle Grenzen und suchte alles Feste in Bewegung, in Geist und Gefühl aufzulösen. Da die Romantiker in der zum Himmel strebenden gotischen Kultur des Mittelalters viele ihrer Traumbilder verwirklicht sahen, suchten sie tiefer in den Geist der Vergangenheit einzudringen, was in der Wissenschaft zu einer großartigen nationalen Sprach- und Geschichtsforschung (Brüder Grimm) führte. Die Romantik hat alle Künste und Wissenschaften befruchtet und stark auf die europäischen Nachbarländer eingewirkt.

Die große Kunst Friedrich Hölderlins (1770–1843) stand einsam zwischen Klassik und Romantik. Als geschlossene Gruppe traten die Romantiker zuerst in der von den Brüdern August Wilhelm und Friedrich Schlegel geleiteten Zeitschrift „Athenäum“ (1798–1800) hervor. Als schöne Erfüllung von Bestrebungen der Sturm-und Drang-Zeit stellt sich A. W. Schlegels unvollendet gebliebene Shakespeareübersetzung dar. Dichterisch Bedeutendes haben von den Vertretern dieser älteren Romantik nur Ludwig Tieck (1773–1853) und Novalis (1772–1801) geleistet. Die jüngere Romantik hat sich dagegen fast gar nicht um Kunstlehre und Philosophie gekümmert, dafür im Geiste der älteren üppige dichterische Fruchtbarkeit entfaltet, namentlich auf dem Gebiete der Lyrik. An die Stelle der in der älteren Romantik herrschenden Überbetonung des Ichgefühls trat jetzt die Pflege des nationalen Volksgeistes und seiner Schöpfungen: Sprache, Recht, Sitte. Eine von Arnim und Brentano veranstaltete Sammlung alter deutscher Lieder, „Des Knaben Wunderhorn“ (1806–08), bestimmte den Volkston der innigen, klangvollen Gesänge Eichendorffs (1788–1857) und der männlich ernsten Gedichte und Balladen Uhlands (1787–1862). Mundartdichtung pflegten der Nürnberger Grübel, der Schweizer Usteri, vor allem Joh. Peter Hebel (1760–1826), der auch vorbildliche Kalendergeschichten schrieb. Die alten Märchen und Sagen der Nation lebten neu auf in den Sammlungen der Brüder Grimm, in den Schriften von Joseph Görres. In der Märchennovelle haben Arnim, Fouqué, Eichendorff, vor allem E. T. A. Hoffmann (1776–1822) Vorzügliches geleistet. Auf dem Gebiet des Romans ragt nur Arnims geschichtl. Roman „Die Kronenwächter“ (1817) hervor, an den weder der beliebte „Lichtenstein“ (1826) Wilh. Hauffs, noch Spindlers Kulturromane heranreichen. Von Zacharias Werners Einakter „Der 24. Februar“ (1810) ging das bei den Nachfolgern (A. Müllner, Houwald) zum Greuelstück herabsinkende Schicksalsdrama aus. Vielleicht der größte Tragiker der Deutschen überhaupt war der sprachgewaltige Heinr. v. Kleist (1777–1811). Bühnenwirksame, seelenkundige Schauspiele aus Sage und deutscher Geschichte schrieb Franz Grillparzer (1791–1872). Vollender des bodenständigen Wiener Zauberstücks war Ferd. Raimund, dessen Märchenspiele bald durch Nestroys Witz und erbarmungslose Bosheit verdrängt wurden. Die nationale Begeisterung von 1813 fand Ausdruck in den Kriegsliedern von Arndt, Körner, Schenkendorf, Rückert. Sie schlug dann während der Zeit der Reaktion[8] in revolutionäre Leidenschaft (Brüder Follen) um, die sich mittelbar in der Begeisterung für die Freiheitskämpfe der Griechen und Polen kundgab. So sind die „Lieder der Griechen“ (1821–24) von Wilhelm Müller, der auch volksliedhafte Müller- und Wanderlieder schuf, sowie die lyrische Polenschwärmerei von 1830 (Julius Mosen, Platen, A. Grün) wichtige Stufen im Entwicklungsgang deutscher politischer Dichtung. Chamisso (1781–1838) vermittelte zwischen phantastischer Romantik („Schlemihl“, 1814) und herberer Wirklichkeitskunst (soziale Ballade). Goethes „Westöstl. Diwan“ (1819) wies auf den Nahen Osten hin. Auch Rückert (1788–1866) und der an altgriechischer Kunst geschulte Platen (1796–1835) kleideten Erlebnis und Lehre gern in orientalisches Gewand. Die Zerrissenheit der Zeit fand Ausdruck durch den jüdischen Dichter Heinrich Heine (1797–1856), bei dem romantische Stimmung oft in beißenden Spott und gehässige Satire umschlug. Ansätze eines neuen Bühnenstils finden sich bei Karl Immermann (1796–1840); seine Romane leiten die große Prosakunst des späteren 19. Jahrh. mit ein. In Goethes Werk vollenden und durchdringen sich alle geistigen Strömungen seiner Lebenszeit: Aufklärung und Sturm und Drang, Klassik und Romantik; sie gehen im „Faust“ eine Verbindung ein, die einen Gipfel deutschen Schrifttums bildet.

VIII. Das Zeitalter der Wirklichkeitsschilderung (Realismus, 1832–85).

1) Von Goethes Tod bis 1848.

Die französische Julirevolution löste überall einen Drang zur Wirklichkeit aus. Das zeigte am stärksten die zweckbestimmte Prosaschriftstellerei der unter dem Namen „Junges Deutschland“ bekannten Schriftstellergruppe; sie vertrat die Anschauungen eines hemmungslosen Liberalismus. Hierher gehören die Juden Heine und Börne, ferner Karl Gutzkow (1811–78), Heinrich Laube, Theodor Mundt, Ludolf Wienbarg, Gustav Kühne, Adolf Willkomm. Auch die Versdichtung des Vormärz stellte sich z. T. in den Dienst der politischen Tagesfragen (politische Gedichte von Herwegh, Franz Dingelstedt, Ferd. Freiligrath, Hoffmann von Fallersleben, Robert Prutz, Adolf Glaßbrenner). Auf konservativer Seite stand der an Platen geschulte Graf Strachwitz. Der Zerfall der Romantik, der Einfluß Byrons führten eine Weltschmerzstimmung herbei, die bei Büchner, Grabbe, in den schwermütigen Naturgedichten Lenaus Ausdruck fand. Büchner (1813–37) gestaltete im Schauspiel „Dantons Tod“ revolutionäre Leidenschaft. Grabbe (1801–36) bemühte sich um ein neues wirklichkeitsnahes deutsches Trauerspiel.

Einer nachhaltigen Strömung dieser Jahrzehnte ging es um die Darstellung des alltäglichen Lebens in seiner Verwurzelung in Landschaft und überlieferter Art (Immermanns Dorfgeschichte „Der Oberhof“). Wuchtige Bauerngeschichten schrieb der schweiz. Pfarrer Jeremias Gotthelf (1797–1854). Eine herbe, starke, fromme Seele sprach aus den Gedichten und Balladen Annette von Droste-Hülshoffs (1797–1848). Mörike (1804–75) verband in seinen Gedichten romantische Innigkeit mit altgriechischer Formenklarheit. Adalbert Stifter (1805–68) stellte in seinen Erzählungen und Romanen innerliche Menschen in die Landschaft seiner böhmischen Heimat hinein. Märkische Geschichtsromane schrieb Willibald Alexis (1798–1871), phantasiereiche Abenteuerromane Charles Sealsfield (Karl Postl), Bauernnovellen Melchior Meyr. Die Mundartdichtung gedieh in [[Kobell, Franz Wolfgang von |Kobells]] oberbayrischen, Nadlers pfälzischen, Holteis schlesischen Gedichten. Am Rhein sammelte sich im Bonner „Maikäferverein“ eine Gruppe fröhlicher, vaterlandsliebender Liederdichter, darunter Gottfr. Kinkel, der Erneuerer altdeutscher Heldendichtung Karl Simrock, Nik. Becker, Alex. Kaufmann. Natur- und Liebeslieder dichtete Wilh. Müller von Königswinter, das muntere Kinderlied pflegten Hoffmann von Fallersleben und der Maler Reinick. Religiöse Gedichte schrieben Alb. Knapp, Karl Gerok, Jul. Sturm, Phil. Spitta.

2) Von 1848–1870.

Die Enttäuschung über den Verlauf der deutschen Revolution von 1848/49 spiegelte sich auch im Schrifttum. Die politische Dichtung trat nun ganz zurück gegenüber der beschaulichen, beseelten Wirklichkeitsschilderung (poetischer Realismus). Meister ist der Schweizer Gottfried Keller (1819–90) in seinem Entwicklungsroman „Der grüne Heinrich“ (1854) und bes. in seinen ernsten und humorvollen Novellen. Otto Ludwig (1813–65) strebte nach vertiefter Menschendarstellung im Schauspiel („Der Erbförster“, 1850) und in der Erzählung. Arbeitsames deutsches Bürgertum und deutsche Geschichte schilderten die Romane Gustav Freytags („Die Ahnen“, 1872 ff.). Wehmütig dunkle Schicksale gestalteten die Novellen Theodor Storms (1817–88). Die mundartliche Heimatdichtung vertraten im Norden Fritz Reuter („Ut mine Stromtid“, 1862) und Klaus Groth („Quickborn“, 1852). Ein farbiges Bild früherer Zeiten malte der Roman „Ekkehard“ (1855) von Viktor von Scheffel. Abenteuerromane schrieb Gerstäcker, Gesellschaftsromane Hackländer, Verserzählungen schufen Oskar von Redwitz, Chr. Fr. Scherenberg (Schlachtepen), Friedr. Wilh. Weber, Josef Pape, Hans zu Putlitz, Otto Roquette, Scheffel („Der Trompeter von Säkkingen“, 1854), Aug. Becker, Robert Hamerling.

Der erzählenden Dichtung traten die heldisch-tragischen Schauspiele Friedrich Hebbels (1813–63) zur Seite („Agnes Bernauer“, 1855; „Die Nibelungen“, 1862). Richard Wagner gestaltete in Operndichtungen Stoffe der deutschen Götter- und Heldensage („Der Ring des Nibelungen“) und echtes deutsches Leben („Die Meistersinger“). Bühnenstücke schufen ferner Friedr. Halm, Bauernfeld, Roderich Benedix, Rud. von Gottschall, Charlotte Birch-Pfeiffer, Brachvogel, Putlitz.

Altgriechische und altrömische Kunst, im Bunde mit orientalischen und romanischen Einflüssen, bestimmten stark den Münchner Dichterkreis; zu ihm zählten Immanuel Geibel, Friedr. Bodenstedt, Graf Schack, Herm. Lingg, Wilh. Hertz, der große Volkskundler und Kulturnovellist Riehl, Jul. Grosse, Paul Heyse (1830–1914). Dem Kreis ferner stand der Schweizer Heinrich Leuthold, außerhalb standen der wehmütige, innige Herm. von Gilm und der Weltleiddichter Hieronymus Lorm.

3) Die Zeit von 1870–1885 war ein Übergangszeitalter; neben der Spätblüte der Wirklichkeitsschilderung – Raabe, C. F. Meyer, Fontane – ging unruhiges Suchen nach neuen Formen und Gehalten einher. Wilh. Raabe (1831–1910) fand über Weltangst und alle Zweifel hinweg den Weg zu gläubigem Vertrauen („Der Hungerpastor“, 1864; „Der Schüdderump“, 1870; „Deutscher Adel“, 1880; „Stopfkuchen“, 1891). Des Schweizers Conrad Ferdinand Meyer (1825–98) gefeilte Geschichtsnovellen spiegelten im Gewande der Vergangenheit die mit der Reichsgründung von 1871 und dem Kulturkampf aufgetauchten Fragen wider. Theodor Fontane (1819–98) ließ seinen Balladen Gesellschaftsromane voller feiner Seelenschilderungen folgen. Gelehrte geschichtliche Dichtungen schrieb Felix Dahn. Die geschichtl. Epik von Jul. Wolff ebenso wie die Spielmannsdichtung Rudolf Baumbachs waren Nachklang der Romantik. Tiefer wurde der geschichtliche Roman bei Luise von François gefaßt („Die letzte Reckenburgerin“, 1871), der Heimatroman bei Marie von Ebner-Eschenbach. Launige Lebensweisheit bot Friedrich Theodor Vischers Roman „Auch Einer“ (1879). Zeitfragen wurden in den Romanen Friedrich Spielhagens behandelt. Julius Stinde und Heinrich Seidel zeigten mitten im Berliner Weltstadtgetriebe die Kleinstadtidylle eines behaglichen Familienlebens. Der schwermütige Wilhelm Jensen, der seelenkundige Ernst Wichert, der vielseitige Hans Hoffmann runden das Bild der erzählenden Dichtung ab. Weltschmerz verbirgt sich hinter Heiterkeit in den komischen Dichtungen von Wilhelm Busch (1832–1908). Im Schauspiel standen die Volksstücke des österr. Heimatdichters Ludwig Anzengruber neben den Jambendramen Ernst von Wildenbruchs, Adolf Wilbrandts; im Gesellschaftsstück waren Paul Lindau, Richard Voß erfolgreich.

IX. Vom Naturalismus bis zur Zeit nach dem Weltkrieg (1885–1933).

Die Schattenseiten des wirtschaftlichen Aufschwungs, das Anwachsen der Großstädte und ihrer notleidenden Arbeiterbevölkerung machten sich immer stärker bemerkbar. Nicht mehr Realismus, dichterisch verklärte, beseelte Wirklichkeitsgestaltung, sondern Naturalismus, rücksichtslose Wirklichkeitsspiegelung unter Einschluß des Häßlichen wurde jetzt das Ziel. Dabei wirkten fremde Einflüsse stark mit: aus Rußland (Turgenew, Tolstoi, Dostojewski), Frankreich (Flaubert, Zola), Skandinavien (Björnson, Ibsen, Strindberg). Die Lehre von der mechanischen Kausalität alles Weltgeschehens, von der Willensunfreiheit des Menschen, von seiner Bestimmtheit durch Vererbung und soziale Umwelt (Milieutheorie) drang in Kunst und Geisteswissenschaft ein. Der neuen Richtung wurde Kunst oft zur formlosen Stoffwiedergabe. Den Naturalismus eröffneten die Brüder Heinrich und Julius Hart mit ihren „Kritischen Waffengängen“ (1882). Naturalisten waren Karl Bleibtreu, Wilh. Bölsche, Michael Gg. Conrad, Max Kretzer. Das eigentl. Gebiet des Naturalismus ist das Schauspiel. Arno Holz (1863–1929) und Joh. Schlaf (1862–1941) schufen den naturalistischen Sprachstil, der auf genaueste Wiedergabe der Umgangssprache gerichtet war. Gerhart Hauptmann (* 1862) entwickelte, bes. in den „Webern“ (1892), das auf Umweltschilderung gerichtete Zustandsdrama zur Vollendung. Neben ihm pflegten das naturalistische Stück Max Halbe, Otto Erich Hartleben, Max Dreyer, Hermann Sudermann.

Zu Anfang der 1890er Jahre regten sich neue Kräfte. Auf die ungehemmte Naturwiedergabe folgte eine Sehnsucht zum Träumerischen, Überwirklichen, ein Neuerwachen „romantischer“ Neigungen (Neuromantik). Wieder wirkten starke ausländische Einflüsse mit: von Frankreich und Belgien (Baudelaire, Mallarmé, Verhaeren, Maeterlinck), Skandinavien (J. P. Jacobsen). Gerhard Hauptmann selbst ließ jetzt in „Hanneles Himmelfahrt“ (1892) mitten in die Alltagswelt hinein das Märchenhafte einbrechen. Soldatische Frische sprach aus den Gedichten, Balladen, Kriegsnovellen von Detlev von Liliencron (1844–1909). Von Nietzsche beeinflußt ist die Lyrik Richard Dehmels (1863–1921). Auch ein Zug zur Verinnerlichung machte sich geltend. Man begann das Wirkliche als Sinnbild höherer geistiger Wesenheiten aufzufassen (Symbolismus). Meister dieser Richtung wurde Stefan George (1868–1933); seine Dichtung bewegt sich von Schönheitsfreude und Formverehrung bis zur scharfen Zeitkritik. In der Lyrik Rainer Maria Rilkes (1875–1926) stehen der Drang, in der Allgottheit aufzugehen, und die Freude am vergänglichen, aber Gott zugewandten Sein der Dinge nebeneinander. Der Charonkreis (Otto zur Linde, Karl Röttger, Rudolf Paulsen) forderte innerliches Deutschtum. Karl Spittelers „Olympischer Frühling“ (1906) bot Weltweisheit in altgriechischem Gewand. Ein witziger, tiefsinniger Sprachkünstler war Christian Morgenstern (1871–1914); stimmungsvolle Lieder und farbenprächtige Erzählungen schrieb Max Dauthendey (1867–1918). Das Romanwerk der Ricarda Huch (* 1864) spiegelte das Ringen um eine Neubewertung der Persönlichkeit.

Die Niedergangsstimmung, die in vielen Kreisen Europas um die Jahrhundertwende Mode war, spricht bes. aus den Werken einer Gruppe z. T. jüdischer oder halbjüdischer Schriftsteller in Wien (Arthur Schnitzler); Hugo von Hofmannsthal und Hermann Bahr wandten sich später sittlich-religiösen Gedankengängen zu. Auch Thomas Mann (* 1875) machte Entartung und Verfall oft zum Gegenstand seiner Erzählungen und Romane. Wedekind verhöhnte die bürgerliche Kultur durch krasse Darstellung ihrer Schattenseiten und Entartungserscheinungen.

Der Großstadtdichtung trat um 1900 die Heimatkunst entgegen. Adolf Bartels (* 1862) und Friedrich Lienhard (1865–1929). Aus Schleswig-Holstein stammten Tim Kröger, der Mundartdichter Joh. Hinrich Fehrs, Gustav Frenssen (* 1863), Helene Voigt-Diederichs. Hannover gab den Bauerndichter Heinrich Sohnrey, Karl Söhle, vor allem Hermann Löns (1866–1914). Aus Niedersachsen stammt auch Fritz Stavenhagen. In Schlesien ragte Carl Hauptmann hervor, in Thüringen Helene Böhlau, in Sachsen Wilhelm von Polenz, in Oberbayern Josef Ruederer, Ludwig Thoma, Lena Christ, in der Schweiz Heinrich Federer, Jakob Christoph Heer. Sehr nahe berührt sich die Heimatkunst mit dem guten Unterhaltungsroman, so bei Ludwig Ganghofer, Rudolf Hans Bartsch, Ernst Zahn, Rudolf Herzog, Stratz, Ompteda. Erzieherischen Ernst und Humor verband der Kleinstadtschilderer Rudolf Huch; schwermütig-bittere Züge zeigen die Dichtungen Hermann Hesses. Ein germanisiertes Christentum verkündete Hermann Burte („Wiltfeber“,1912). Seit 1900 erwachte durch Börries von Münchhausen, Lulu von Strauß und Torney, Agnes Miegel die Ballade zu neuem Leben.

Um 1910 setzte der Expressionismus ein. In den Kriegs- und Nachkriegsjahren, bis etwa 1928, ist er dann stärker hervorgetreten. In den Rahmen dieser Bewegung gehört ein großer Teil der jüd. Entartungsliteratur der Nachkriegszeit. In geballter, abgehackter, mit grellen Bildern geladener Sprache schwärmte die expressionistische Dichtung vom allgem. Menschentum. Die expressionistische Lyrik fand ihren künstlerisch reinsten Ausdruck bei den Frühexpressionisten Georg Heym, Ernst Stadler, Georg Trakl, ihre stärkste Übersteigerung bei Aug. Stramm, vor allem bei verschiedenen jüd. Literaten. Die Arbeiterdichtung von Heinrich Lersch, Karl Bröger, Gerrit Engelke, Max Barthel rang sich zu vaterländischer Gesinnung durch. Fremdländischen Farbenzauber zeigt Theodor Däublers Epos „Das Nordlicht“ (1910 ff.). Den expressionistischen Roman pflegten Albrecht Schäffer, jüd. Schriftsteller wie Alfred Döblin, Franz Werfel, Max Brod. Expressionistische Schauspiele schufen Georg Kaiser, Fritz von Unruh, Anton Wildgans, R. J. Sorge.

Von der Heimatkunst her führen Fäden zu einer anderen bedeutsamen Richtung der Kriegs- und Nachkriegszeit, die man als volkhafte Dichtung bezeichnen kann. Zu ihren frühesten Vertretern gehören Paul Ernst (* 1866, † 1933), Dietrich Eckart (* 1868, † 1923), Wilh. Schäfer (* 1868), Herm. Stehr (1864–1940), Hans Carossa (* 1878), E. G. Kolbenheyer (* 1878), Emil Strauß (* 1866). Den großen Deutschtumsroman „Volk ohne Raum“ (1928) schrieb Hans Grimm (* 1875). Seit etwa 1928 ist diese Richtung stark im Vordringen, gewann aber erst durch die nationalsoz. Revolution den ihrer Bedeutung entsprechenden Einfluß im deutschen Schrifttum. Der Kampf zwischen volksfremdem Literatentum und volkhafter Dichtung entbrannte aufs heftigste bei der Darstellung und Bewertung des Weltkriegserlebnisses. Auf die frühen deutschbewußten Kriegsbücher von Walter Flex, Gorch Fock, Ernst Jünger und Hans Carossa folgte 1928/29 die niederziehende und zersetzende Kriegsliteratur mit Remarque, Renn, Glaeser; mit ihrer Abwehr zugleich trat eine sich in Breite und Tiefe entwickelnde heldische Weltkriegsdichtung auf den Plan (Wehner, Dwinger, Beumelburg, Binding, Ulrich Sander, Paul Alverdes, Schauwecker, Graff, Euringer, Frh. Grote, v. Mechow, Steguweit, Zöberlein, Frh. v. d. Goltz, Bruno Brehm, Zillich, Graf Bossi Fedrigotti).

X. Neueste Zeit.

Durch die Machtergreifung des Nationalsozialismus wurden die artfremden Kräfte in kurzer Zeit ausgeschaltet. Die weltanschauliche Einigung und innere und äußere Erstarkung des deutschen Volkes gab dem Schrifttum einen ungeahnten Aufschwung, der sich über die Grenzen des Reichs hinaus in die volksdeutschen Gebiete fortsetzte. Während die ältere Dichtergeneration noch mit hervorragenden Leistungen in Romanen und Novellen hervortritt, so Kolbenheyer, Hans Grimm, Emil Strauß, Hans Carossa, Wilhelm Schäfer, Ina Seidel, Rudolf G. Binding († 1938), entwickelt sich vor allem die Bauern- und Landschaftsdichtung zu ihrer eigentlichen Blüte. Die Bauerndichtung will die gesetzmäßige Bindung des Menschen an die Scholle bäuerliche Wesensart in ihrer Ursprünglichkeit darstellen (Giese, Billinger, Hermann Eris Busse, Waggerl, Kneip, Josef Martin Bauer, Linke, Josefa Berens-Totenohl, Oberkofler, Watzlik, Karl v. Möller). Auch die Landschaftsdichtung empfing von hier aus neue Antriebe: die Eigenart der deutschen Gaue, ihres Stammestums und ihrer Geschicke im Rahmen des deutschen Gesamtschicksals findet beredten Ausdruck; zu nennen sind: in Ostpreußen Agnes Miegel, Ernst Wiechert und Ottfried Graf Finckenstein, in Mecklenburg Griese, Ehrke, in Schleswig-Holstein Frenssen, Blunck, Tügel, Hermann Claudius, Heinrich Eckmann, in Friesland Luserke, in Westfalen Winckler, Josefa Berens-Totenohl, Marg. Schiestl-Bentlage, im Rheinland Ponten, Kneip, in Franken Weismantel, Schnack, Anton Dörfler, Kuni Tremel-Eggert, in Schwaben Hermann Eris Busse, Ehrler, Schmückle, in Baden Emil Strauß und Burte, in Bayern Josef Martin Bauer, in Sachsen Linke, in Schlesien Kaergel und Bischoff. Das Bemühen um eine Sinndeutung des deutschen Volksschicksals führte zu einer geschichtlichen Dichtung, in der das Streben nach kraftvoller Darstellung großer Gestalten im Vordergrund steht. Sowohl das geschichtl. und heldische Drama (Kolbenheyer, Johst, Hans Schwarz, Friedrich Bethge, Rehberg, Eberhard Wolfgang Möller, Langenbeck, Hymmen, Basner, Helke) wie der geschichtliche Roman (Kolbenheyer, Blunck, Gmelin, Beumelburg, Hohlbaum, Jelusich, Kutzleb, Gertrud Fussenegger, Schmückle, Benrath) tragen reiche Frucht. Auch der Reichsgedanke wird in neuer Sicht Gegenstand der Dichtung (bei Bertram, Wehner, Ludwig Friedrich Barthel, Beumelburg, Gerh. Schumann). Das aus der nationalsozialistischen Bewegung erwachsene Gemeinschaftserlebnis brachte eine Fülle volksliedartiger Gemeinschaftslieder, insbesondere polit. Werbe- und Kampflieder hervor (Dietrich Eckart, Horst Wessel, Baldur v. Schirach, Anacker, Herybert Menzel, Herbert Böhme, Gerh. Schumann, Hans Baumann); neue Formen des völkischen Weihespiels werden gefunden (Euringer, „Deutsche Passion 1933“; E. W. Möller, „Das Frankenburger Würfelspiel“, 1936). Das Kampferlebnis der nationalsozialistischen Bewegung und das Werden der neuen Volksgemeinschaft werden im Zusammenhang mit dem Weltkriegserleben in großen Romanreihen behandelt (Zöberlein, Paust). Als Gestalter von Familienschicksalen traten hervor wie William v. Simpson, Edgar Maaß u. a. Für den Reichtum neuer deutscher Erzählkunst zeugen auch Stefan Andres, Willy Kramp, Edzard Schaper, Martin Raschke, Rudolf Bach, Emil Barth, Josef Leitgeb, K. E. Boerner, Otto Rombach, Erich Brautlacht, Carl Rothe, E. M. Mungenast. Die Dichtung der Ostmark und des Sudetenlandes hat durch ihren Anteil am Befreiungskampf der Jahre 1933–38 besondere Bedeutung gewonnen. In Tirol wirken Oberkofler, Rainalter, Tumler, Springenschmid, Wenter, Gertrud Fussenegger, in Salzburg Waggerl, in Kärnten Perkonig, in der Steiermark Paula Grogger, Hans Kloepfer, Mell, Sepp Keller, in Wien Weinheber, Graedener, Stuppäck. Im Sudetenland folgt auf die ältere Generation (Leutelt, Watzlik, Strobl, R. Haas) und die mittlere (Nabl, Merker, Br. Brehm, Hohlbaum) eine jüngere, der die Epiker des Volkstumskampfes Pleyer, Gottfried Rothacker (d. i. Bruno Nowak), Friedrich Bodenreuth (d. i. F. Jaksch) und die Kampflyriker Leppa, Ernst Frank, Scherk, Höller, Lindenbaum, Egermann, Josef Schneider, Witzany angehören.

Mit dem Kronstadtroman „Die Stadt im Osten“ (1931) des Siebenbürger Sachsen Meschendörfer vollzog sich eine neue Ausrichtung der volksdeutschen Dichtung, die bald auf alle volksdeutschen Gebiete übergreift. Bei den Siebenbürger Sachsen traten Zillich, Wittstock, Neustädter hervor, bei den Banater Schwaben Peter Barth, Alscher, Karl v. Möller, in Krain Friedrich v. Gagern, in der Gottschee Karl Rom, ebenso viele Dichter in den Vereinigten Staaten, in Brasilien und in den deutschen Kolonien[9] in Afrika.

In Großdeutschlands Freiheitskrieg stärkt die deutsche Dichtung den heldischen Geist, die innere Geschlossenheit und die unerschütterliche Siegeszuversicht des deutschen Volkes. Von dem großen Erlebnis der Feldzüge in Polen und Frankreich, des Kampfes zur See und in der Luft künden bisher vor allem packende Kriegsgedichte und -lieder.

Das deutsche Schrifttum in der Schweiz sucht einerseits die Eigenart des schweizerischen Stammes und Landes kräftig auszuprägen und anderseits immer in Verbindung mit den geistigen Bewegungen des gesamten deutschen Volkes zu bleiben. Bei Gottfried Keller und C. F. Meyer hatten schweizerisches und deutsches Wesen eine organische Verschmelzung gefunden, wie denn überhaupt das realistische Zeitalter Deutschland und die Schweiz in ihrer engeren Verbindung findet. Die mit dem Naturalismus einsetzende deutsche Entwicklung mit ihren inneren Kämpfen veranlaßte die Schweiz zu größerer Zurückhaltung. Das tritt schon bei Karl Spitteler hervor, der schweiz. Kulturbewußtsein betont. Um 1900 vertreten Ernst Zahn und Jakob Christoph Heer die schweizerische Heimatkunst, Adolf Frey ahmte C. F. Meyer nach. Der Weltkrieg, der der Schweiz die tiefen Erschütterungen ersparte, hat das Auseinander der Entwicklung verstärkt; ein tieferes Erlebnis des Neutralen verrraten nur Robert Faesis Kriegsgedichte „Über der Brandung“ (1917). Der nationalsozialist. Umbruch von 1933 hat zunächst noch mehr in diesem Sinne gewirkt. Die schweiz. Dichtung der Nachkriegszeit zeichnet sich in der Erzählung aus: bei Albert Steffen, Alexander Castell, Robert Walser, Felix Moeschlin, Cécile Lauber, Alfred Frankhauser, Traugott Vogel, Otto Wirz, Hermann Kurz, F. X. Kurz, Meinrad Inglin, den Frauen Regina Ullmann, Maria Waser, Lisa Wenger, Ruth Waldstetter und Ines Loos. Den ländlichen Roman vertreten Heinrich Federer, Alfred Huggenberger, Jakob Boßhart, Gustav Renker. Dazu gesellt sich eine reiche Mundartdichtung, die in Rudolf von Tavels stadtbernerischen Geschichtsromanen und Meinrad Lienerts schwyzerischen Liedern gipfelt; auch die Volksspiele von Otto von Greyerz und die Bauerngeschichten von Simon Gfeller sind bezeichnend. Unter den Lyrikern sind noch Max Geilinger, Konrad Bänninger, Siegfried Lang, Karl Stamm, Albin Zollinger und Hans Roelli zu nennen, im Drama C. A. Bernouilli, Robert Faesi, Konrad Falke, Max Pulver, Jakob Bührer und der wirkungskräftige Cäsar von Arx. In ihrem größten Vertreter hat sich die schweiz. Gegenwartsdichtung Deutschland wieder genähert: in Jakob Schaffners dem Gedanken der Gemeinschaft und des Volkes dienenden Romanschaffen, auch in Emanuel Stickelbergers geschichtlichen Romanen.

Quelle: Der Neue Brockhaus. Allbuch in vier Bänden, 2. Aufl. 1941/42, Stichwort: Deutsches Schrifttum


Bildergalerie

Siehe auch

Literatur

  • Otto von Leixner: Geschichte der Deutschen Litteratur (4. Aufl., Leipzig 1899, 2 Bände in einem (PDF-Datei 147 MB) Für Nicht-VSA-Bewohner nur mit US-Proxy abrufbar!
  • Gustav Könnecke: Bilderatlas zur Geschichte der deutschen Nationallitteratur, Marburg 1887 (Netzbuch, PDF-Datei) Letzteres Für Nicht-VSA-Bewohner nur mit US-Proxy abrufbar!
  • Friedrich Hermann Traugott Vogt / Max Koch: Geschichte der deutschen Literatur von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, 1910 u. 1920 (PDF-Dateien: Band 1, Band 2, Band 3)
  • Wilhelm Scherer: Geschichte der deutschen Literatur (1920) (PDF-Datei)
  • Goedeke: Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung (2. Aufl., Bd. 1–13, 1894–1938; Bd. 4, 3. Aufl. 1906–13; mit genauen Schrifttumshinweisen)
  • Hans F. K. Günther: 96-book.png PDF Rasse und Stil, 1926
  • Scherer-Walzel: Geschichte der deutschen Literatur (4. Aufl. 1928)
  • Josef Nadler:
    • Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften (3. Aufl., 4 Bde., 1929–32; Neuaufl. unter dem Titel Literaturgeschichte des deutschen Volkes, 3 Bde., 1938)
    • Literaturgeschichte der deutschen Schweiz (1932)
  • Julius Zeitler (Hg.): Epochen der deutschen Literatur (1912 ff.)
  • Walzel (Hg.): Deutsche Dichtung im Handbuch der Literaturwissenschaft (4 Bde., 1927 ff.)
  • Friedrich Koch u. a. (Hgg.): Handbuch des deutschen Schrifttums (1939 ff.)
  • Merker u. Stammler (Hgg.): Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte, (4 Bde., 1925–31)
  • Deutsche Literatur. Sammlung literarischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Entwicklungsreihen (1928 ff.)
  • Herbert Cysarz (1896–1985):
    • Erfahrung und Idee. Probleme und Lebensformen der deutschen Literatur von Hamann bis Hegel. Wien/Leipzig 1921
    • Deutsche Barockdichtung. Renaissance, Barock, Rokoko, Leipzig 1924
    • Literaturgeschichte als Geisteswissenschaft. Kritik und System, Halle 1926
    • Von Schiller zu Nietzsche, Halle 1928
    • Dichtung im Daseinskampf. Fünf Vorträge, Karlsbad–Leipzig 1935
    • Deutsches Barock in der Lyrik, Leipzig 1936
    • Sieben Wesensbildnisse, Brünn–München–Wien 1943
  • Vogt / Koch: Geschichte der deutschen Literatur (5. Aufl., 3 Bde. 1933 ff.)
  • Adolf Bartels: Geschichte der deutschen Literatur (3 Bde., 1924–28)
  • Paul Fechter: Dichtung der Deutschen (1932)
  • Adalbert Schmidt: Deutsche Dichtung in Österreich (2. Aufl. 1937)
  • Emil Ermatinger: Dichtung und Geistesleben der deutschen Schweiz (1933)
  • Wilhelm Stapel: Die literarische Vorherrschaft der Juden in Deutschland 1918 bis 1933. In: Schriften des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, Archiv Edition – Verlag für ganzheitliche Forschung, 2003, ISBN 3936223394 [Faksimile von Veröffentlichungen der Hansatischen Verlagsanstalt der Jahre 1935 bis 1941; 36 S.], Volltext
  • Rainer Schmitz: Was geschah mit Schillers Schädel? Alles, was Sie über Literatur nicht wissen, Eichborn, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-8218-5775-6 [1.828 Kolumnen, zahlreiche Abbildungen; das umfassende Lexikon sammelt Kuriosa und wenig bekannte biographische Verbindungen und Umstände zur gesamten Literaturgeschichte]

Fußnoten

  1. Vollständiger und unveränderter Text aus Band 1 (1941), ohne dort angefügte Bibliographie. Schreibung, Abkürzungen und Pfeilsymbole wie im Original. Übertragen für Metapedia und versehen mit Erläuterungen in Fußnoten sowie Verweisen auf Artikel in Metapedia.
  2. Gemälde von Georg Friedrich Kersting aus dem Jahr 1829
  3. Siehe Nibelungenlied
  4. Vgl. zum Gehalt dieses vielgeübten christlichen Vorgehens → Kulturgenozid
  5. Vgl. Grobian
  6. Siehe zum Titelhelden: Götz von Berlichingen
  7. Zur Person siehe Tasso, Torquato
  8. Siehe zum Begriff: Reaktion
  9. Siehe näher Kolonialpolitik im Dritten Reich
  10. Gemälde „Goethe in der Campagna“ von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, 1787 (Ausschnitt)
  11. Gemälde von Georg Friedrich Adolph Schöner, 1797, Gleimhaus Halberstadt
  12. Büste in Jena
  13. Pastell von Franz Karl Hiemer, 1792
  14. Ölgemälde von Franz Gareis, um 1799
  15. Nach einem Gemälde von Joseph Karl Stieler aus dem Jahr 1838
  16. Büste von Christian Friedrich Tieck, 1803
  17. Anonymes Gemälde, um 1890
  18. Gemälde von Elisabeth Jerichau-Baumann, 1855
  19. Denkmal in Ratibor
  20. Ölgemälde von Friedrich Amerling
  21. Gemälde von Carl Rahl (1851)
  22. Portrait von Karl Stauffer-Bern, 1886–1887
  23. Stich von Louis Jacoby, 1863
  24. Aus der „Gartenlaube“ 1888
  25. Selbstbildnis, 1870
  26. Künstler: Ernst Würtenberger